Tür 1: Große und Kleine Bärin

Eine der bekanntesten Orientierugnshilfen an unserem Nachthimmel ist eine Gruppe von 7 Sternen, die wir im Deutschen “Großer Wagen” nennen. Sie geht niemals unter und dient daher immer der Orientierung. Der Wagen ist aber eigentlich gar kein Sternbild, sondern Teil einer viel größeren Figur, der Großen Bärin. Im griechischen Originaltext zu unseren Sternbildern ist die Bärin, eine verwunschene Prinzessin, nicht allein, sondern wird von ihrer besten Freundin (oder Zofe) begleitet, die ebenfalls in eine Bärin verwandelt worden ist. Es handelt sich also um weibliche Bären – warum sie (etwa seit Bodes Atlas um 1800) im Deutschen als männliche Tiere bezeichnet werden, ist mir nicht bekannt – vllt einfach eine Abkürzung. Bei Aratos heißt übrigens die kleinere der Bärinnen Helike (Kringel), die größere Kynosura (hundeschwänzig), was eine Anspielung auf die für Bären ungewöhnlich langen Schwänze dieser Tiere ist.

Griechische Sternbilder (dargestellt mit Stellarium).

Im Lehrgedicht des griechischen Dichters Aratos (3. Jh. v.u.Z.) lesen wir jedenfalls: “Zwei Bärinnen aber, ihn [den Pol] einfassend, rollen gemeinsam; darum werden sie auch die Wagen genannt.” Es sind weibliche Bärinnen und sie werden auch Wagen genannt. Die Bezeichnung als Wagen finden wir in der wissenschaftlichen Astronomie im griechischen Altertum sonst nicht. Aratos’ Lehrgedicht zeugt von babylonischen und anderen multi-kulti-Einflüssen, so dass es gut möglich ist, dass er sich hier von den babylonischen Sternbildern (Wagen und Wagen des Himmels) inspirieren ließ. Die Bezeichnung als Wagen ist also nicht eine rein germanische Erfindung oder sogar ein Gefährt Odins, wie uns manche Politpropaganda des 20. Jahrhunderts weiß machen will. Bei Aratos heißt übrigens die kleinere der Bärinnen Helike (Kringel), die größere Kynosura (hundeschwänzig), was eine Anspielung auf die für Bären ungewöhnlich langen Schwänze dieser Tiere ist. 

Bildliche Darstellungen aus der griechisch-römischen oder der babylonischen Kultur sind uns von den Bärinnen bzw. Wagen nicht überliefert: Auf dem berühmten Atlas Farnese, der viele der griechischen Bilder überliefert, ist an der Stelle der Bärinnen ein Loch.

Babylon

Babylonische Sternbilder der gleichen Himmelsgegend (konstruiert nach MUL.APIN, dargestellt in Stellarium)

Babylonisch war der Große Wagen einfach “Der Wagen” (kein Streitwagen, sondern ein Attribut des Landwirtschaftsgottes Enlil und Symbol für dessen Ehefrau Ninlil) und der Kleine Wagen entweder – je nach Epoche – der “Wagen des Himmels” oder “das Joch”.

China

Im Chinesischen ist unser “Großer Wagen” die Nördliche Schöpfkelle, begleitet von den “Drei Exzellenzen” und in ihrer Kelle sitzt ein Viereck aus schwachen Sternen mit der Bezeichnung “Richter der Adligkeit”.

Die Gruppe der Kleinen Bärin ist aufgeteilt in die Sternbilder der “Geschwungenen Fläche”, die aus Deichsel unseres Kleinen Wagens mit dem heutigen Polarstern gebildet wird – und der Gruppe höchster Repräsentanten des chinesischen Reichs: der Stern beta Ursae Minoris (Kochab) steht für den chinesischen Kaiser, gamma UMi für den Kronprinzen und neben ihnen schließen sich Sternchen für den Harem und einen unehelichen Sohn des Kaisers an. Der Zirkumpolarbereich ist im Chinesischen die Repräsentation der Regierung und der Verbotenen Stadt, in der der Kaiser mit seinem Hofstaat residiert.

Chinesische Sternbilder der Zirkumpolarregion, überliefert in Marmor auf der Suzhou Sternkarte, dargestellt in Stellarium.
Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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