Hitze, Brände, Fluten…

Ein kurzer Signalton in meinem implantierten Mikrohörgerät kündigt einen Anruf an – es ist mein Neffe aus Berlin, schon wird sein Bild in meine Brillengläser eingeblendet. Er hat erst mal einen Hustenanfall, entschuldigt sich dann – ich wisse ja sicher, dass Berlin schon seit Tagen wieder unter der Smogwolke der im Umland wütenden Waldbrände liege. Ich hatte in der Tat eine kleine Zeitungsnotiz darüber gelesen – Schlagzeilen macht so etwas allerdings nur noch, wenn mal wieder die Villen in Grunewald vom Feuer bedroht sind.

Das Zitat ist aus einem fiktiven Blick ins Jahr 2050 – geschrieben habe ich das 2002, in dem Essay Bahnfahrt nach Dresden. Hätte ich damals ein fiktives Szenario für den Sommer 2010 aufgemacht, in dem um Moskau bei Rekordhitze die Brände außer Kontrolle wüten und Atomanlagen gefährden, die russische Regierung Weizenexporte verbietet und damit weltweit die Getreidepreise nach oben treibt… da hätte man mich mit Sicherheit eines unverantwortlichen Alarmismus geziehen.

Der damalige Artikel hat übrigens eine etwas kuriose Geschichte. Ein Feuilleton-Redakteur der Süddeutschen Zeitung hatte bei mir nach der Elbeflut angerufen und mich gebeten, mal einen etwas anderen, nicht wissenschaftlichen sondern "feuilletonistischen", visionären, persönlichen Beitrag zu schreiben. Als der Text eine Woche später fertig war, war dieser Redakteur in den Urlaub entschwunden, und seinem Vertreter gefiel mein Artikel nicht. Ich solle lieber bei meinen Leisten bleiben und wissenschaftlich schreiben, sagte er mir. Als sein Kollege wieder aus dem Urlaub zurück war, gefiel dem zwar mein Artikel, aber da war er nicht mehr aktuell. So kam es, dass die SZ diesen Artikel zwar bestellt (und bezahlt), aber nie gedruckt hat. Erst drei Jahre später erschien er in dem Buch Im Klimawandel angekommen. Was nun?, für das ich um einen Beitrag gebeten worden war. Hoffentlich werden die anderen dort von mir geschilderten fiktiven Szenarien (die alle eine wissenschaftliche Basis haben) nicht so bald von der Realität eingeholt.

Noch ein Link zum aktuellen Hochwasser in Sachsen: zum Zusammenhang solcher Hochwasser mit der globalen Erwärmung ist mein Beitrag im Brockhaus Jahrbuch 2002 nach wie vor aktuell (bis auf die abschließende Diskussion zu den nötigen Emissionsreduktionen, die sich heute leider aus mehreren Gründen deutlich pessimistischer darstellt).

Quellen

Rahmstorf, S., 2003: Flutkatastrophe – befinden wir uns im Klimawandel? In: Brockhaus Jahrbuch 2002, Brockhaus Verlag, pp. 140-143.

Rahmstorf, S. Bahnfahrt nach Dresden, in: Im Klimawandel angekommen. Was nun? (ed. D. Lehmann), pp. 15-18 (Projekte-Verlag, Halle, 2005).

p.s. Die urlaubsbedingt etwas eingeschränkte Moderation der Leserkommentare bitten wir zu entschuldigen.

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. … Ohnmacht?

    “Wollt Ihr Wissenschaftler ernsthaft euren Kindern erzählen, dass letztendlich nur ein paar Organisationen, Autoren und Journalisten in der Lage waren, Druck gegen die blockierende Politik aufzubauen?”, kommt mir als Frage fast in den Sinn – nachdem ich soeben den folgenden Artikel gelesen hatte:

    http://www.klimaretter.info/…a-misst-rekord-juli

  2. Klimawandel?

    sehe ich das nun richtig:

    die Fluten in Pakistan od. China und die Hitzewelle samt Trockenheit mit Bränden in Teilen Russlands ist eine Folge des Klimawandels?
    Ich denke, dass kann man so nicht sagen, behauptet so etwas ja kaum jemand innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft, man macht sich, wenn man so mutmaßt doch eher zu einem Außenseiter wenn nicht gar zum Alarmisten, wenn man zusätzlich behauptet, all dies wären nun die Vorboten des sich beschleunigenden anthropogenen Klimawandels.

    Ich kann ihnen meteorologisch ganz simpel erklären, warum es zu diesen Wetterextremen kam und finde dabei zwar seltene Ereignisse, aber nichts, was nicht schon dutzende male in änlicher Form im letzten Jahrhundert vorgekommen ist.

    [Antwort: Sie finden meine Einschätzung zu dieser Frage in diesem Artikel. Stefan Rahmstorf]

  3. Kritik an S. Rahmstorf`s Medien Artikel

    ich möchte zu einigen Aussagen meine Kritik anbringen.
    Die “schlimmste Hitzewelle aller Zeiten” soll es nun in Russland gegeben haben. Wirklich, welchen Zeitraum meinen sie?

    Pakistan kämpft mit “nie dagewesenen” Überflutungen. Wirklich? Noch nie?

    Das arktische Meereis war im Juni 2010 sehr gering ausgedehnt, ja, im April aber ziemlich stark und zurzeit liegen wir weit über dem Minimum von 2007.

    Das die 2 großen Gletscherabbrüche in Grönland stattfanden, war alles andere als überraschend, man rechnete damit, weil wenn derart viel Eis am Wasser aufliegt, bricht (kalbt) es einfach irgendwann. Würde es stark schmelzen, würde sich die Zunge weit zurückziehen. Das war nicht der Fall.

    2003 die schwerste Hitzewelle seit “Menschengedenken”? Alle Rekorde gebrochen? Nein. In Österreich wurde nicht mal das absolute Max. gebrochen und die Hitzewelle war zwar lange anhaltend und über Frankreich und Teilen Deutschlands konzentriert. Wie hoch war das Durchschnittsalter der durch die Hitze verstorbenen, 70, 80 Jahre? Höher?

    Kathrina war ein ganz normaler, wenn auch starker und beeindruckender Hurrikane, welcher mit ca. Stufe 3 an Land ging und New Orleans deshalb sehr verwüstete, weil die Dämme nicht renoviert wurden und der US Katastrophenschutz Fehler machte. Mit AGW od. GW hat dieses Ereignis gar nichts zu tun.

    War das letzte Jahrzehnt das wärmste seit mind. 1000 Jahren? Andere Klimatologen schätzen das nicht unbedingt so ein (Böhm et al.).

    “Die durch Schwankungen in der Intensität der Sonnenstrahlung verursachten Veränderungen im Energiehaushalt unseres Planeten sind im Vergleich mindestens zehn Mal kleiner….”
    Selbst das IPCC zeigt, dass die Erwärmung bis ca. 1940 (ca. 0,4°C in 3 Dekaden) auf natürliche, insbesondere solare Einflüsse zurück zu führen ist. Wie soll das möglich sein, wenn die Sonnenvariationen mind. 10 mal weniger “können”, als die zusätzlichen Treibhausgase?

    “…Wenn also nie da gewesene Wetterextreme auftreten,…”

    Gibt es zu solchen Behauptungen auch Referenzen od. ist das ihre Meinung?

    “Und wenn wir gar nichts tun, könnte sich der Planet bis zum Ende des Jahrhundert sogar um 5-7º Celsius aufheizen – und danach noch weiter. Diesen Weg wissentlich weiterzugehen, wäre Wahnsinn”.

    Herr Rahmstorf, dass ist doch blanker Alarmismus und sie werden sogar von anderen, nicht AGW skeptischen Wissenschaftern dafür heftig kritisiert.
    Sie deuten hier an, dass es im 22. Jahrhundert an die 10°C wärmer werden könnte, wenn wir business as usual betreiben und das aus einem Interglazial heraus. Spätestens da muss man sagen, ja, das ist “Wahnsinn”.

    [Antwort: Darauf muss man erstmal kommen: eine Hitzewelle, die allein in den hauptsächlich betroffenen Ländern Spanien, Italien, und Frankreich jeweils rund 20.000 Todesopfer gefordert hat, mit dem Argument herunterzuspielen, in Österreich seien keine Rekorde gebrochen worden. Finden Sie die Flutkatastrophe in Pakistan auch nicht so schlimm, weil gleichzeitig in Bangladesh kein Rekordregen fällt? Stefan Rahmstorf]

  4. Extremwetterlagen

    Ich denke dass niemand bestreiten kann, dass dieses Jahr die globale “Wetter”lage extrem war. Schon im Winter gab es Höchsttemperaturen auf der Südhalbkugel und in unserem sehr warmen Sommer gab es da unten sehr kalte Winter.

    Jeder aufmerksame Beobachter kommt wohl nicht umhin sich die Frage zu stellen was die Ursache dieser Katastrophen ist.

    Hätten wir z.B. auch noch im Süden einen sehr warmen Winter würde die Globaltemperatur über alle Rekorde hinausschießen. Die Wetterkapriolen wären aber vielleicht ausgegblieben?

    Was ist an diesem Jahr so aussergewöhnlich? Was war anders als die Jahre vorher?

    Wenn die Modelle solche Wetterlagen gehäuft vorhersagen, weshalb gerade jetzt?

    Gibt es dazu schon neue Erkenntnisse?

    MfG

  5. Das arktische Meereis

    “Das arktische Meereis war im Juni 2010 sehr gering ausgedehnt, ja, im April aber ziemlich stark und zurzeit liegen wir weit über dem Minimum von 2007.”

    Innerhofer pickt sich hier wieder ein Detail heraus und verschweigt den umfassenden Blick aufs Ganze: http://www.fool-me-once.com/…ine-rebounding.html

    Wer genügend Muße und Lust hat findet auch zu seinen übrigen Behauptungen mher als genügend Fakten, die diesen widersprechen.

  6. Dürfte ich mal höflich nachfragen warum mein Beitrag von vor einigen Tagen nicht veröffentlicht wurde?

    Mich würden vor allem Einzelheiten zu den fehlerhaften Satellitendaten interessieren:

    http://ef-magazin.de/…ttertrabant-daten-zu-heiss

    Wenn das stimmt was dort steht, was sind dann die Temperaturdaten wert?

    [Antwort: Lieber Herr Becker, wir sind ein Wissenschaftsblog. Links zu den neuesten Räuberpistolen aus dem Paralleluniversum der “Klimaskeptiker” halten wir nicht unbedingt für einen interessanten Diskussionsbeitrag; zudem war es off-topic. Da Sie insistieren: dass ein älterer Wettersatellit Fehlmessungen liefert kann passieren. Daraus dann wieder einen Skandal der Klimaforschung konstruieren zu wollen (“SatelliteGate”) ist absurd, zumal die Daten von NOAA-16 in keine der Klimareihen einfließen (aktuell wird NOAA-19 für die SST-Daten verwendet). Wenn Sie ein wenig Erfahrung hätten, hätten doch einige Dinge Sie bei dieser Meldung stutzig gemacht: sie wurde von EIKE verbreitet, Tim Ball wird als “weltbekannter Klimatologe” angepriesen usw. Stefan Rahmstorf]

  7. Das arktische Meereis …

    wird nicht nur immer weniger sondern es schmilzt auch immer schneller.

    And while the area of young ice increased in 2008 and 2009, the amount of multi-year ice continued to fall. “There wasn’t a recovery at all,” Barber says.

    Even the nature of the remaining sea ice might be changing. When Barber rushed up to the bridge that morning in September 2009, the first officer told him that while it looked like there was ice, it was no barrier to the ship at all. The reason: the ice was rotten.

    http://www.newscientist.com/article/mg20727751.300-arctic-ice-less-than-meets-the-eye.html?full=true

  8. Herr Rahmstorf und Herr Mistelberger

    doch, ich finde die Flutkatastrophe in Pakistan sehr schlimm, leider hat sich der Monsun etwas verlagert und dort zu viel Wasser abgelassen.
    Hat irgendwer Zahlen zum Durchschnittsalter der Hitzeopfer 2003 in Europa?
    Warum stirbt fast keiner der hunderttausenden Deutschen Urlauber während 2 Wochen “Sommerfrische” im Mittelmeerraum, bei Temperaturen um 35-40°C?
    Was haben das blockierende Hochdruckgebiet über Eurasien und der Monsunregen über Pakistan mit Treibhausgasemissionen zu tun? Die paar% mehr Wasserdampfgehalt wegen der Erwärmung können es mal nicht sein.

    Und, Herr Mistelberger. Ich verstehe Englisch, dennoch könnten sie sich bemühen, wie wir alle, die Deutsche Sprache zu gebrauchen und sie könnten uns auch mitteilen, wie groß ihrer Ansicht nach der anthropogene Anteil am Meereisschwund um die Arktis ist und die Antarktis nehmen sie gleich noch mit, ok?

  9. Die Antarktis nehme ich gleich noch mit

    “Diminishing the importance of Arctic sea ice loss by calling attention to Antarctic sea ice gain is like telling someone to ignore the fire smoldering in their attic, and instead go appreciate the coolness of the basement, because there is no fire there. Planet Earth’s attic is on fire.”

    http://climateprogress.org/…r-antarctic-sea-ice/

    P.S. für Herrn Innerhofer: Ich schreibe bei Klimalounge grundsätzlich Deutsch. Wenn ich zitiere, dann wortwörtlich und in der Originalsprache.

  10. Fiktion kontra Realität

    Realität: Die Waldbrandstatistik des Landes Brandenburg:

    http://www.mil.brandenburg.de/…4055/wbra2009.pdf

    Man beachte vor allem Abbildung 1. Die von Waldbränden betroffene Fläche ist in 20 Jahren um über zwei Drittel zurückgegangen.

    Ihre Story geht weiter mit der “Vision”, das Trinkwasser in Berlin sei 2050 extrem rationiert (2 Stunden am Tag…)

    Realität:
    http://www.3sat.de/…o/astuecke/122635/index.html
    Oder alternativ Trinkwasserkonzept 2040 der Senatsverwaltung für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Berlin.

    Der Grundwasserspiegel steigt aufgrund sinkender Wasserförderung und überflutet Berliner Keller.

    Haben Sie, Herr Rahmstorf, sich eigentlich jemals mit realen Daten zu Ihren Aussagen beschäftigt?

    Robert Soyka
    Landespoltischer Sprecher für Umwelt und Naturschutz der Brandenburger Vereinigten Bürgerbewegungen – Freie Wähler.