Der letzte “große alte Mann” der Raumfahrt

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Raumfahrt aus der Froschperspektive
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Wenigen lebenden Menschen wird die Ehre zuteil, vom Science-Fiction-Großmeister Arthur C Clarke ein literarisches Denkmal gesetzt zu bekommen. Alexei Leonov ist so ein Mensch. Ein weiterer ist vor kurzem gestorben, und um diesen geht es hier.

(Read this post in English here) 

Wie jede Branche der Wissenschaft und Technik hat auch die Raumfahrt ihre “großen alten Männer”, die in der Anfangsphase ganz entscheidende Impulse setzten. Diese Menschen waren nicht nur visionäre Ausnahme-Ingenieure, sondern auch, und vielleicht vor allem, begabte Manager und nicht zuletzt politische Lobbyisten. Gerade letzterer Punkt hinterlässt zwangsläufig einen zwiespältigen Eindruck. Um etwas zu bewegen, mussten diese Männer sich mit Militärs und diktatorischen Regimes arrangieren.

Sehr lang ist die Liste der “großen alten Männer” der Raumfahrt nicht. Wernher von Braun gehört ganz sicher dazu, und niemand illustriert besser die Zwiespältigkeit, die einer solchen Vita zwangsläufig anhaftet.

Wernher von Braun kennt jeder.

Ein anderer Mann auf dieser Liste ist ebenso unzweifelhaft Sergei Korolyov. Den kennen immerhin noch die allermeisten Raumfahrtinteressierten.

Ebenso unzweifelhaft gehört in diese kurze Liste jedoch noch mindestens ein weiterer Mann. Den kennt im Westen kaum jemand, völlig zu Unrecht und ein weiteres Zeichen unserer westlichen Engstirnigkeit, nach der nur das interessiert, was in den USA oder Europa gedacht und getan wird.

Während von Braun und Korolyov schon lange tot sind (1977 bzw. 1966) war der andere “große alte Mann” noch bis vor kurzem unter uns. Sein Name war Qian Xuesen (錢學森), und in seinem Heimatland China wird er als Vater des nationalen Raumfahrtprogramms verehrt. Qian Xuesen (früher wurde sein Name als “Tsien Hsue-Shen” transkribiert, heute ist die PinYin-Transkription üblich. Qian ist der Familienname, Xuesen der Vorname) starb am 31.10.2009 im Alter von 97 Jahren in Beijing.

Qian studierte ab 1935 am Massachusetts Institute of Technology (M.I.T.) Ingenieurswissenschaften und promovierte 1939 am California Institute of Technology (CalTech) unter Theodore von Kármán. Er war einer der Mitbegründer des Jet Propulsion Laboratory (JPL), das damals mit Raketenforschung begann und heute als gemeinsam von NASA und CalTech betriebenes Zentrum führend in der interplanetaren Weltraumforschung ist.

Kurz nach dem Krieg reiste Qian mit anderen hochkarätigen Spezialisten nach Deutschland, um den dort gewonnenen erheblichen Wissensstand in der Raketentechnik und Hochgeschwindigkeits-Aerodynamik zu untersuchen.

Ende der 1940er Jahre brach sich, wie auch einige andere Male in Krisenzeiten, eine latente Xenophobie in den USA Bahn, gepaart mit hysterischer Kommunismusfurcht und Unterwanderungstheorien. Dieser fielen viele Karrieren zum Opfer, so auch die Qians.

Image courtesy the web site of Stefan LandsbergerAllerdings betrifft das nur seine Karriere in den USA. Sein Aufstieg zu einer Schlüsselfigur in der Geschichte der Raumfahrttechnik ging nach seiner Rückkehr nach China ungebrochen weiter. Alle militärischen und zivilen Raketenprojekte Chinas gehen auf die Arbeit Qian Xuesens zurück. Da man sich in China, wie überhaupt in Asien, nicht derart in naturwissenschaftlicher Vollignoranz suhlt wie wir im Westen mittlerweile – nicht nur zu unserer Schande, sondern auch zu unserem Nachteil! – sind dieser Mann und seine Leistungen allen Chinesen wohlbekannt. Zumindest allen Chinesen, die ich gefragt habe. Vielleicht überschreitet die Verehrung auch einmal die Grenze zum Kitsch – das ist aber nach meinem Dafürhalten immer noch der Unkenntnis vorzuziehen.

Und was hat Arthur C Clarke damit zu tun? Nun, in einem seiner Romane “2010 – Odyssey 2” geht es um drei Raumschiffe am Jupiter. Das amerikanische, die “Discovery”, ist aus dem ersten Buch der Folge und natürlich dem gleichnamigen Film “2001 – A Space Odyssey” bekannt. Das russische heißt “Cosmonaut Alexei Leonov”, und es fliegt zum Jupiter, um die Discovery zu bergen. Ein chinesisches Schiff namens “Tsien” (wie Sie jetzt wissen, die veraltete Transkription des Names von Qian Xuesen) versucht ihnen zuvorzukommen. Aber dann geschieht etwas Unerwartetes …

Aber das lesen Sie lieber selbst nach.

Ach, und sollten Sie in nächster Zeit eine Weltraummission zum Jupiter planen, vergessen Sie nicht: “All these worlds are yours, except Europa. Attempt no landings there.”

Weitere Information

Doku des chinesischen Fernsehens CCTV mit Original-Filmaufnahmen von Qian Xuesen (auf Chinesisch)

  • Veröffentlicht in: Leute

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

6 Kommentare

  1. Naja vielleicht nicht gerade engstirnig

    Danke für die interessante Aufklärung und den schönen Beitrag! Aber bitte nicht so streng sein: “… und ein weiteres Zeichen unserer westlichen Engstirnigkeit, nach der nur das interessiert, was in den USA oder Europa gedacht und getan wird.”
    Die USA betreiben nunmal die aktivere Aufklärungsarbeit bis hinein in die Mainstreamkultur ala Hollywood, oder habe ich da einen spannenden chinesischen Spielfilm/Dokumentation verpasst?
    Wer hat die buntere Webseite, die NASA oder… ja wer eigentlich in China?

  2. @Stefan Taube: ‘Engstirnig’ passt scho’

    Es ist doch nicht nur so, dass sich unsere Unkenntnis und die Weigerung, Dinge außerhalb unseres Kulturkreises wahrzunehmen, nur auf das Weltraumprogramm bezieht, wo in der Tat die chinesische Seite nicht unbedingt durch Offenheit glänzt.

    Wer kann denn gerade auf Anhieb mal, ohne zu schummeln, fünf chinesische Autoren, Philosophen, Regisseure, Sänger, Maler benennen? Japanische? Indische?

    Ach, die sind nicht wichtig? Nun, vielleicht, aber wie will man das beurteilen? Und warum sind die eigentlich nicht wichtig, und jede US-Seriendarstellerin schon?

    Ich denke, da gibt es gewisse Defizite und auch eine erhebliche Schieflage in unseren Prioritäten, und die haben schon damit zu tun, was wir wissen WOLLEN. Es sind nicht immer nur die Medien Schuld, die reflektieren nur das allgemeine Desinteresse.

    Wie sollten diese Schieflage schnellstens korrigieren, das liegt in unserem eigenen Interesse. International konkurrenzfähig zu sein, das bedeutet auch, sich in der Kultur des Handelspartners oder Konkurrenten auszukennen.

    Wenn der sich in meiner auskennt, ich mich aber nicht in seiner, dann gerate ich schnell ins Abseits. Das ist einfach mal so – zusätzlich zu der Tatsache, dass es einfach auch Freude macht, über den Tellerrand des eigenen engen Umfelds hinauszublicken.

  3. @Andreas Hörstemeier

    Ja, ich hatte mich nur auf den Roman “2010 Odyssey 2” bezogen. Aus dem Film hat man diesen Aspekt weggelassen, wie auch so manches andere, dafür hat man das von mir oben gebrachte Zitat um einen Appell zum Frieden ergänzt.

    Naja … ich finde den Film immer noch durchaus gelungen. Es ist ein überdurchschnittlicher Science-Fiction-Strefen, aber er hat natürlich das Problem, dass ihn jeder an dem wirklich einmaligen Gesamtkunstwerk “2001” misst, und die Klasse erreicht er gewiss nicht.

    Aber das hat schon nichts mehr mit dem Thema zu tun.

  4. Wenn sich Rußland bzw. die Sowjetunion nicht geöffnet hätte, wüßte man gar nicht, wer alles zu den alten Männern gehört. Leonov ist ja bekannt, aber wurde der Name Korolyov nicht erst nach dem Umsturz bekannt ?

  5. Was ist an dem Film eigentlich so brilliant?? – Ich erinnere mich nur noch daran, das ich mich als Teenie irgendwann ziemlich gelangweilt habe, als ich den Film sah. Und den Monolith, der da wie so eine Art Gottesverschnitt, oder was auch immer er sonst darstellen soll, ins Bild gerückt wird macht die Handlung auch nicht wirklich spannender.

    Da finde ich die Sache mit dem “herumballern” im Weltraum schon wesentlich spannender. – Vor allem, wenn man die Neufassung von Battlestar Galactica kennt, wo ja zur Abwechslung mal Projektilwaffen eingesetzt wurden und keine Laserkanonen. Aber leider lässt sich der Beitrag wo die Gefahren des “Herumballerns” in Planetenumlaufbahnen zur Sprache kommen nicht mehr kommentieren.

    Zum eigentlichen Blogeintrag: Es ist wirklich gut dass mal wer hingeht, und uns im ach so tollen Westen mal darauf hinweist, das nicht nur bei uns kluge Leute leb(t)en. – Ich persönlich hab ich sowieso mal furchtbar erschrocken, als ich feststellte, das ich mehr über die USA weis, als über unsere nächsten Nachbarn in Europa.

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