Verkürzen Kinder unser Leben?

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Kinder sind oft anstrengend und können einem den letzten Nerv rauben. Sie kosten Eltern Zeit und Energie. Manche Forscher glauben sogar, dass eine Beziehung zwischen der Lebensdauer eines Individuums und der Zahl seiner Nachkommen besteht – zumindest bei Taufliegen und Menschen. Fortpflanzung und Brutpflege verbrauchen Ressourcen, die sonst der Verlängerung des eigenen Lebens dienen könnten. Der englische Forscher Thomas B. L. Kirkwood von der Universität Manchester entwickelte 1977 diese sogenannte Disposable-Soma-Theorie. Experimente mit der Taufliege Drosophila melanogaster und zwei retrospektive Studien mit Menschen, unterstützen diese Theorie.

Die Disposable-Soma-Theorie versucht auf der Basis der Evolutionstheorie den Alterungsprozess von Organismen zu erklären: Der Zugang zu Energie ist für jeden Organismus begrenzt. Diese wird für den Stoffwechsel, die Reproduktion und für Reparatur und Instandhaltung des Körpers gebraucht. Ein Organismus kann nach Kirkwood entweder in die Langlebigkeit des Körpers (Soma) oder in eine hohe Nachkommenzahl investieren. Beide Prozesse konkurrieren um die aufgenommenen Nährstoffe. Das, was für den einen Prozess gebraucht wird, steht dem anderen nicht mehr zu Verfügung. Es entsteht ein Konflikt zwischen Investition in Fruchtbarkeit einerseits und Erhaltung der Gesundheit andererseits. Aufgrund dieses energetischen Dilemmas investiert ein Organismus nur so viel und nur so lange Energie in die Aufrechterhaltung des Somas, um ein Überleben und eine Fortpflanzung zu sichern. Der Begriff Disposable Soma (Wegwerfkörper) wurde in Analogie zu Wegwerf/Einweg-Produkten in der Wirtschaft gebildet, die, da sie nur eine begrenzte Zeit gebraucht werden, nur wenig beständig sind.

Taufliegen denen man keinen Zugang zum anderen Geschlecht ermöglicht, leben erheblich länger als solche, die unbeschränkt Möglichkeiten zur Fortpflanzung haben. [1, 2]. Das gilt sowohl für Männchen als auch für Weibchen. Wird die Fortpflanzungsmöglichkeit auf wenige Gelegenheiten reduziert, so tritt bereits eine nachweisbare Erhöhung der Lebenserwartung ein. Bei Versuchen, langlebige Taufliegen zu züchten, erhält man Stämme, deren Mitglieder erst spät geschlechtsreif wurden und die auch bei freiem Zugang zum anderen Geschlecht nur relativ wenige Nachkommen zeugten [3].

 Mutter mit Kindern

Kirkwood hat dann gemeinsam mit R G. J. Westendorp von der Universität Leiden untersucht, ob sich auch beim Menschen ähnliche Hinweise für einen Zusammenhang zwischen Nachkommenzahl und Lebensdauer finden [4]. Grundlage für ihre Studie waren von J. Bloore zusammengestellte Aufzeichnungen über die Lebensdaten von 33 497 englischen Adeligen, die bis in das Jahr 740 zurückreichen [5]. Dabei sind auch Angaben über 1908 verheiratete Frauen enthalten, die vor dem Jahr 1875 geboren wurden.  Der Focus der Studie lag auf Frauen, da sie die Kinder zur Welt bringen und bis zum Erwachsenenalter meistens auch mehr Zeit mit ihnen verbringen. Die Auswirkungen von Kindern auf die Lebensdauer eines Individuums sollte bei Frauen also schneller und deutlicher zutage treten als bei Männern. (Trotzdem haben Frauen insgesamt eine höhere Lebenserwartung als Männer.)

210 Frauen wurden zwischen 41 bis 50 Jahre alt. Die durchschnittliche Kinderzahl betrug 2 Kinder, der Anteil der kinderlosen Frauen war 31%. Das Durchschnittsalter bei Erstgeburt war 24 Jahre.

247 Frauen wurden zwischen 81 und 90 Jahre alt. Die durchschnittliche Kinderzahl betrug 2 Kinder, der Anteil der kinderlosen Frauen war 45%. Das Durchschnittsalter bei Erstgeburt war 25 Jahre.

57 Frauen wurden über 90 Jahre. Die durchschnittliche Kinderzahl betrug 1,8 (LOL Ja Statistik ist was schönes) Kinder, der Anteil der kinderlosen Frauen war 49%. Das Durchschnittsalter bei Erstgeburt war 27 Jahre.

Es gibt also zwei Tendenzen, je älter die Frauen geworden sind: Sie haben im Durchschnitt später Kinder bekommen und der Anteil der Kinderlosen ist gestiegen.

Natürlich ist mit dem Fortschritt der Medizin ab dem 18 Jahrhundert und der Industrialisierung die Lebenserwartung der Menschen gestiegen. Die durchschnittliche Lebenserwartung für adelige Frauen lag vor 1700 bei etwa 45 Jahren. Seit damals ist sie kontinuierlich gestiegen und erreichte 1875 bereits 68 Jahre. Die Kindersterblichkeit ist zugleich deutlich zurückgegangen, und mit Einsetzen der Familienplanung sank die Zahl der Geburten pro Frau. Die Beziehung zwischen Lebensdauer und Kinderzahl, war daher vor 1700 wesentlich deutlicher ausgeprägt als in den letzten Jahrhunderten, sie ist aber bestimmt immer noch abgeschwächt erkennbar. 

Man hätte in diese Untersuchung adelige Frauen die zeitlebens Single und ohne Kinder waren aufnehmen sollen. Bloß wo finden? Ich stelle mir das ziemlich schwierig vor. Ich dachte schon an Nonnen die aus dem Adel stammen  Aber die führen, sobald sie ins Kloster eintreten, ein so anderes Leben, dass die Vergleichbarkeit kaum gegeben ist. In dieser Studie fehlen wichtige Informationen über die Todesursache, den Gesundheitszustand, die Ernährung, den Beruf, den Zeitpunkt der ersten Menstruation/Menopause, den Lebensstil, dieser Frauen. Sie hat keine besonders starke Evidenz, aber kann ein Ausgangspunkt für weitere interessante Forschungsarbeiten sein. Zudem die Befunde dieser englischen Längsstudie durch eine größere Studie mit Daten aus 153 Ländern bestätigt werden konnten [6].

Nachdem ich den interessanten Artikel Religionsdemografischer Fanpost auf dem Nachbarblog Natur des Glaubens gelesen habe, frage ich mich, ob bei Kinderlosen der Anteil an Atheisten größer ist als bei Menschen mit Kindern.

Für Männer zeigte die Statistik eine ähnliche Tendenz wie bei den Frauen. Verheiratete Männer die älter 80 Jahre wurden, hatten deutlich weniger Kinder als solche, die schon jünger gestorben waren. Auch bei den Männern sind die Unterschiede vor 1700 deutlich ausgeprägter als später.

Zusätzlich sollte man zu den Taufliegen noch andere Tierarten untersuchen und schauen ob sich die Befunde bestätigen. Meine Vermutung ist, dass dieser Zusammenhang zwischen Lebensdauer und Nachkommenzahl nur bei den Arten besonders stark ist, wo die Generationsdauer und Lebensdauer kurz und die Nachkommenzahl hoch ist.

Weiterführende Literatur

[1] Kirkwood, T. B. L. (1977) Evolution of ageing. Nature,  270, 301–304.

[2] Fowler K, Partridge L (1989). A cost of mating in female fruitflies. Nature, 338, 760 – 761.

[3] L. Partridge & N. H. Barton (1993) Optimally, mutation and the evolution of ageing. Nature, 362, 305-311.

[4] Rudi G. J. Westendorp &  Thomas B. L. Kirkwood (1998) Human longevity at the cost of reproductive success. Nature, 396, 743-746.

[5] Peerage CD (S&N Genealogy Supplies, Salisbury) 10.Auflage

[6] Thomas, Teriokhin, Renaud, De Meeûs, Guégan (2000) Human longevity at the cost of reproductive success: evidence from global data. Journal of Evolutionary Biology, 13, (3), 409–414.

Religionsdemografischer Fanpost

Bildnachweis
    
Mutter mit Kindern

Künstler: Ferdinand Georg Waldmüller (1793–1865)

Titel: Singende Kinder

Quelle: Wikimedia Commons

Westendorp RG, & Kirkwood TB (1998). Human longevity at the cost of reproductive success. Nature, 396 (6713), 743-6 PMID: 9874369

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Verkürzen Kinder unser Leben?

    Jede Statistik ist so gut, wie die Grundlagen, die zu einer Statistik führen. Aber in diesem Fall, scheint sie ja wissenschaftlich abgesichert zu sein. Allerdings bin ich der Meinung, dass der Faktor Stress nicht genügend berücksichtigt wurde. Positiver Stress kann durchaus das Leben eines Menschen verlängern. Und für mich waren und sind meine Kinder kein negativer, sondern vielmehr ein äußerst positiver Stress.

  2. Komisch

    Bei den Frauen die zwischen 81 und 90 Jahren alt wurden lag die durchschnittliche Kinderzahl genauso hoch wie bei denen die zwischen 41 und 50 Jahre alt wurden. Gleichzeitig war aber die Anzahl der kinderlosen Frauen deutlich erhöht (von 31 auf 45%). Das bedeutet doch dass diejenigen Frauen in dieser Gruppe die doch Kinder hatten deutlich mehr Kinder hatten als in der anderen Gruppe. Vielleicht waren diese Frauen generell einfach gesünder und konnten deshalb mehr Kinder bekommen.

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