Die Cordobenser Märtyrer

Der Ku-Klux-Klan (KKK) ist die bekannteste extremistische Gruppe, die ihr Handeln mit einer besonderen Auslegung des Christentums begründet. Der KKK sieht sich als radikale protestantische Organisation, für die die Unterdrückung von Schwarzen, Juden, Katholiken und Homosexuellen ein Teil von „Gottes Plan“ ist.

Ku-Klux-Klan-Mitglieder und ein brennendes Kreuz, Denver, Colorado, 1921. Das brennende Kreuz ist wohl das bekannteste Symbol des KKK. Es soll das Licht Jesu Christi symbolisieren.
Ku-Klux-Klan-Mitglieder und ein brennendes Kreuz, Denver, Colorado, 1921. Das brennende Kreuz ist wohl das bekannteste Symbol des KKK. Es soll das Licht Jesu Christi symbolisieren.

Weniger bekannt ist leider, dass schon viele Jahrhunderte vor dem KKK extremistische Gruppen, im Namen des Christentums, den Gesellschaften, in denen sie lebten, schadeten: Erstens, weil durch sie Menschen starben und zweitens, weil sie die damals herrschende öffentliche Ordnung störten. Besonders interessant für Europäer, ist dabei die Zeit der Mauren, die fast 800 Jahre lang (711 – 1492 n Chr.) Spanien kolonisierten und damit nicht nur die arabische Kultur und Sprache nach Europa brachten, sondern auch den Islam. Die dort zuvor herrschenden Westgoten hatten 589, auf dem 3. Konzil von Toledo, ihren Übertritt zum Katholizismus besiegelt. Zurzeit der maurischen Kolonisierung bestand die spanische Bevölkerung also mehrheitlich aus Christen.

Der westgotische Katholizismus

Der westgotische Katholizismus war ein christlicher Antijudaismus: Mit dem Übergang zum katholischen Glauben wurden die Juden Spaniens zur Zielscheibe strenger Verfolgungen: Synagogen, Grundbesitz und Religionsausübung wurden ihnen verboten. Sie wurden unter den Westgotenkönigen Sisebut (612-620) und Chintila (636-639) vor die Alternative ‚„Taufe oder Auswanderung“ gestellt. Nicht weniger als sechshunderttausend von ihnen wurden zwangsgetauft. Später wurde die Aufrichtigkeit derer, die konvertiert hatten, bezweifelt. Schließlich beschloss 694 das 17. Konzil von Toledo, den Besitz der jüdischen Konvertiten zu konfiszieren. Diese selbst sollten, versklavt und über das ganze Reichsterritorium verstreut, christlichen Besitzern übergeben werden. Ihre Kinder ab dem Alter von 7 Jahren waren den Christen zur Erziehung zu übergeben.

Die arabische Assimilation in Cordoba in der Mitte des 9. Jahrhunderts

Zurzeit der Herrschaft (822-852 n Chr.) von Abd-ar Rahman II, dem Emir von Cordoba, hatten sich die Bekehrungen zum Islam vervielfacht, sodass die Zahl der Muwalladūn wuchs. In der islamischen Geschichte bezeichnet Muwalladūn in einem weiteren Sinn nicht-arabische Neu-Muslime, d.h. die Nachfahren von Konvertiten. Die Assimilation war so weit fortgeschritten, dass viele Christen sogenannte Mozaraber nur noch Arabisch sprachen und schrieben, sich einige einen Harem hielten und andere beschneiden ließen. Die Unkenntnis des Lateinischen, der Sprache der Kirche, war so weit fortgeschritten, dass der Erzbischof von Sevilla, die Bibel ins Arabische übersetzen ließ, damit sie die Christen lesen konnten. Alvarus Paulus von Cordoba, Wortführer einer kleinen Gruppe extremistischer Christen, beobachtete voller Trauer:

Meine Glaubensbrüder lesen mit Vorliebe die Gedichte und Romane der Araber, sie studieren die Schriften der muslimischen Theologen und Philosophen, nicht um sie zu widerlegen, sondern um sich eine richtige und elegante arabische Sprechweise anzueignen. Wo soll man heute noch einen Laien finden, der die lateinischen Kommentare zu den heiligen Schriften liest? Wer von ihnen studiert die Evangelien, die Propheten, die Apostel? Ach alle die jungen Christen, die sich durch ihre Talente auszeichnen, kennen nur noch die arabische Sprache und Literatur; sie lesen und studieren mit der größten Hingabe die arabischen Bücher, sie legen sich unter hohen Kosten große Büchersammlungen an… Erzählt ihr ihnen dagegen von christlichen Büchern: Sie werden euch voller Verachtung antworten, derlei Bücher seien ihrer Aufmerksamkeit unwürdig.Welch Schmerz! Die Christen haben sogar ihre Sprache vergessen. Und unter tausend von ihnen werdet ihr mit Mühe nur einen Einzigen finden, der seinem Freund einen Brief in anständigem Latein schreiben kann …

Die meisten Christen bemühten sich damals, alles zu unterlassen, was dem theologischen System des Islams widersprach. Das heißt, man vermied es beispielsweise, die für die Muslime unannehmbare Lehre von der Gottheit Christi in irgendeiner Weise zur Sprache zu bringen oder das Kreuzzeichen zu zeigen.

Angesichts ihrer schwindenden Herde, angesichts eines von arabischen Kultur und arabischen Sitten verdrängten christlichen und römischen Erbes, riefen die Bischöfe häufig ihre Schäfchen zur Wachsamkeit gegenüber einem Glauben und einer Moral auf, die sie als vom Satan inspiriert ansahen. Ihr Zorn war so groß wie ihre Unkenntnis des Islams. Immer wieder predigten sie die im volkstümlichen christlichen Milieu kolportierten Schauermärchen über Mohammed und den Islam, ohne sich die Mühe zu machen, Quellen heranzuziehen, die ja in greifbarer Nähe lagen.

Die freiwilligen Märtyrer

„Dieser Feind unseres Erlösers“, sagt Alvarus über Mohammed, hat den sechsten Tag der Woche dem Fleisch und Ausschweifung geweiht …Christus hat die Ehe gepredigt, jener die Ehescheidung: Christus hat Enthaltsamkeit und Fasten empfohlen, jener Völlerei und Tafelfreuden …“ und so weiter. Solche Polemik hatte das Ziel die Christen gegen die Muslime anzustacheln. Unter dem Einfluss des Predigers Eulogius von Cordoba und seines Freundes, dem Laien Alvarus, beschimpften diese fanatischen Christen bereitwillig den Propheten Mohammed und den Islam, drangen lärmend in die Moscheen ein, nur um angezeigt, ergriffen und zu Tode gefoltert zu werden.

Die sich willig dem Martyrium hingeben, werden in die Herrlichkeit der Erwählten eingehen“,

wird Eulogius nicht müde zu wiederholen.

Eine wahre Märtyrerepidemie verbreitete sich unter einer kleinen Minderheit von fanatischen Christen. Aufgehetzt von Männern wie Eulogius gingen viele so weit, Muslime anzugreifen, in den Straßen Schmähungen gegen Mohammed auszustoßen. Enthauptungen und Strangulierungen folgten einander einige wurden vom Emir selbst befohlen, der dem freiwilligen Märtyrertum ein Ende setzen wollte. Es schien ihm die beste Methode zur Wiederherstellung der Ordnung zu sein, ein Konzil einzuberufen und ein Dekret anzufertigen, nachdem den Christen verboten sei, vorsätzlich das Martyrium zu suchen. Rekafred, der Bischof von Sevilla, führte den Vorsitz bei diesem Konzil. Es war vergebliche Mühe. Die Ausschreitungen nahmen zu. Die Festnahmen und Exekutionen wurden wieder aufgenommen. Mehrere Hundert Christen starben und die Proteste dauerten noch lange an, bis zum Tode Abd-ar Rahmans im Jahre 852. Als Eulogius, der inzwischen Erzbischof von Sevilla geworden war, erneut die Christen mit der Predigt des freiwilligen Märtyrertums aufwiegelte, ließ ihn Mohammed I., der Sohn und Nachfolger Abd –ar Rahmans und Anhänger einer harten Linie, ergreifen und töten. Nach der Exekution lichteten sich die Reihen der freiwilligen Märtyrer und es kehrte wieder Ruhe ein.

Die theologische Begründung des freiwilligen Märtyrertums

In seiner Streitschrift Indiculus Luminosus verglich Alvarus die Situation der Christen im maurisch besetzten Spanien mit der von Jesus und seinen Jüngern im römisch besetzten Palästina. Für die Apostel war das Predigen des Evangeliums mit Gefahr verbunden gewesen sogar Lebensgefahr. Er erläuterte am Beispiel Jesu und der Apostel, dass wahres Christentum ohne öffentliche Kritik an der falschen Lehre nicht denkbar ist. Denn nach Alvarus ist die Ablehnung des Falschen eine notwendige Folge der Erlösung durch Christus.

Die offene Polemik gegen das Falsche sei somit ein Bestandteil der christlichen Verkündigung. Dabei sei die öffentliche Verbreitung des Evangeliums nicht nur ein Teil der Heilsgeschichte, sie sei auch eine wichtige Voraussetzung für die Vollendung des Weltplans Gottes. Unter Berufung auf Mt 26,13 betont Alvarus, dass der Vollendung der Weltgeschichte die weltweite Evangeliumspredigt vorausgehen müsse. Die Märtyrer setzen nach Alvarus das Werk der Apostel an den Muslimen fort, da diesen das Evangelium noch nicht gepredigt worden sei. Die Märtyrer seien somit die Apostel der Muslime.

Gibt es einen Christentumismus?

Der Islamismus ist eine Ideologie, die auf Grundlage des Islams die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstrebt. Damit einher geht die Ablehnung der Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität. Bei Islamismus denken viele nur an Terror und Gewalt. Dabei gibt es auch die sogenannten legalistischen Islamisten, die keine Gewalt einsetzen bei der Verfolgung ihrer Ziele. Eines dieser Ziele könnte z.B. die Etablierung der Scharia in der staatlichen Rechtsprechung sein.

Der Zionismus ist eine Ideologie, die das Ziel hat einen jüdischen Nationalstaat in Palästina zu errichten. Ultra-orthodoxe Juden sehen in den Zionisten abtrünnige Ketzer, die sich gegen das von Gott verfügte jüdische Exil auflehnen und sich selbst erlösen wollen, statt demütig auf die Ankunft des Messias zu warten.

Gibt es in Anlehnung an die Begriffe Islamismus und Zionismus einen Christentumismus? Nein – nicht als etablierten politikwissenschaftlichen Begriff oder als Medienbegriff.(Google spuckt weniger als 90 Ergebnisse aus.) Wäre es so, dann müsste man die Taiping, die 1850 in China den Aufstand probten, als Christentumisten bezeichnen ebenso die erzkonservativen Calvinisten im niederländische Urk der Gegenwart. (In den Niederlanden bauten die Calvinisten seit dem 18. Jahrhundert das Wohnzimmer zur Straßenseite und verboten Gardinen vor den Fenstern, denn der rechtschaffene Protestant hat nichts zu verbergen.) Was ist mit Gruppen wie z.B. Die Zeugen Jehovas? Sie sprechen vom kommenden “Reich Gottes auf Erden” beinhaltet das automatisch einen Gottesstaat?

Christentumisten gibt es der Idee nach und man nennt sie “fundamentale Christen”. Dass sich Christentumisten als Synonym nie etablieren wird, liegt hauptsächlich daran, dass es im Gegensatz zu “Islamisten” und “Hinduisten” schwer auszusprechen ist.

Aber ist das das einzige Problem? Vielleicht ist es auch so, dass man diesbezüglich im christlich geprägten Kulturraum gerne ein Auge zudrückt. Der Begriff “fundamentale Christen” suggeriert (beabsichtigt oder unbeabsichtigt) Harmlosigkeit. Von einer Religion – hier das Christentum – geht allgemein keine Gefahr aus – von Ideologien (“Ismen”) schon. “Das sind Christen (Anhänger einer Religion), die ein bisschen komisch sind. Die wollen nur spielen …Das sind keine Ideologen.” Als harmlos deshalb wahrgenommen, weil von Ihnen kaum Terroranschläge bekannt sind.

Joe Dramiga

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

9 Kommentare

  1. Der Islamismus ist eine Ideologie, die auf Grundlage des Islams die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstrebt.

    Andere Sicht:
    Der Islamist war vor 2001 der Islamforscher der Islamistik und als dann sozusagen besonderer Bedarf entstand, wurden die toxischen Teile des Islam in einen neuen Islamismus ausgelagert, sozusagen in eine Bad Bank.

    Vergleichbares könnte natürlich beim Christentum noch kommen,
    MFG
    Dr. W

  2. Von einer Religion – hier das Christentum – geht allgemein keine Gefahr aus – von Ideologien (“Ismen”) schon.

    Die ‘Sicht’, dass von Religionen, die Sichten oder Ideenlehren sind, eher Ideenlehren womöglich – Sichten (“Theorien”) auf Daten werden womöglich weniger gepflegt, jedenfalls weniger im naturwissenschaftlichen Sinne, vielleicht könnte sich diesbezüglich geeinigt werden -, ‘allgemein keine Gefahr ausgeht’, könnte selbst eine Ideenlehre sein?!

    MFG
    Dr. W (der nichts Böses in Ideologien per se zu erkennen vermag, der eher davon abrät Unideologisches, das leider leider selbst ideologisch sein muss, irgendwie besser zu stellen)

    PS:
    Irgendwie ist es Ihrem Kommentatorenfreund natürlich klar, dass Sie im Artikel metaphorisch irgendwie (anders) gemeint haben, no prob.

  3. ‘Christentumismus’? Ich bin für ‘Christismus’! Das ‘-tum’ nehmen wir dann für die harmlosere ‘-tümelei. 🙂

  4. Islamismus ist ein relativ neuer Begriff. Er bezieht sich auf eine aktuelle Erscheinung und scheint im deutschprachigen Raum erst ab 1980 häufiger verwendet zu werden.

    Die Geschichte der letzten paar hundert Jahre heranzuziehen bringt hier wohl nicht viel. Mag sein, dass es zur Zeit der Mauren oder gar in den 1920er Jahren als der Klu-Klux-Klan wütete ein politisches und ethisches/rassistisches Christentum gab. Ja mag sein, dass es das heute noch gibt. Nur gibt es heute in Europa kaum noch bekennende Christen und das Gefühl die Christen, das seien wir, das finden sie nur noch bei ganz Wenigen.Sie finden hier in Europa auch kaum jemanden, der sich für die Christenverfolgung in der Welt interessiert. Einfach darum, weil es in Europa zwar noch viele Papierchristen, aber kaum noch Christen gibt, die sich über ihr Christsein definieren. Die Christen anderswo werden also nicht als “Glaubenskollegen” empfunden (sondern eher als Spinner).

    Eines stimmt sicher: Die Ismus-Endung beim Islamismus dient der Unterscheidung zwischen den “guten” Muslims und den gefährlichen. Hinter dieser Begriffsbildung steckt die Idee, es gebe einen normalen Islam, der eine Religion wie auch das Christentum sei und einen der auf Abwege gekommen sei. Im englischsprachigen Raum wird dagegen auch noch der Begriff political Islam relativ häufig verwendet, der – so wie er in Gebrauch ist – nahelegt, dass ein Muslim, der, den Islam polititsch interpretiert, auch schon ein extremer Muslim sein könnte.

  5. Vielleicht wäre ein Begriff sinnvoller, der nicht mit vielen Wertungen verbunden ist (=>Wikipedia: “-ismus”) sinnvoller. Literalist, als Bibel- oder Koranliteralist zum Beispiel.

  6. Vielen Dank, das war sehr interessant, die “Selbstmord”-Märtyrer von Cordoba kannte ich noch nicht.
    Zum Begriff: Es gibt ja das Wort Fundamentalist und Fundamentalismus, was man auch auf Christen anwendet und anwenden kann. Ich weiß nicht, ob es eine Phobie im christlich Kulturkreis gibt gegenüber einem Wort aus “Christ” und “-ismus”. -Ismen sind oder waren nicht immer negativ konnotiert: Marxismus, Leninismus, Kommunismus waren ursprünglich nicht negativ gemeint, soweit ich weiß.
    Kubismus war spöttisch gemeint, ist aber heute neutral bzw. positiv besetzt, ebenso Impressionismus.
    Inzwischen gibt es natürlich eine gewisse Abneigung gegen Ideologien und -ismen.

    Selbstverständlich ist Selbstkritik keine Stärke des Menschen oder von Religionsgemeinschaften. Keine sieht sich selbst als Ideologie, das ist immer eine Außenperspektive und da macht das Christentum auch keine Ausnahme. Da funktionieren in den Kirchen die gleichen gruppendynamischen Prozesse des Abschottens, des Ablehnen von “Nestbeschmutzern”, der Treue zum Verein statt zu den hehren Prinzipien etc. wie woanders auch.

    Der gemeine Abendländer sonnt sich gerne in seiner christlich-humanistischen Werteordnung, welch’ schöne Kathedralen haben wir zur höheren Ehre Gottes erbaut, was für schöne Worte hat uns der liebe Jesus hinterlassen: “Liebe Deine Feinde.”
    Die christliche Realpolitik sah und sieht anders aus.

  7. “Der Begriff “fundamentale Christen” suggeriert (beabsichtigt oder unbeabsichtigt) Harmlosigkeit.”

    Hmm, ich empfinde das nicht so. Kann vor allem daran liegen, dass ich diese Begrifflichkeit mit Nachrichten wie “fundamentale Christen legen Sprengsatz in Abtreibungsklinik” verbinde.

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