Tun bei Ambivalenzfähigkeit – nicht nur Schreie von Extremhügeln

Ich wüsste gerne, ob neben dem Wort „Digitalisierung“ auch die Wendung „Fluch oder Segen“ so inflationär in Mode kommt, wie mir das vorkommt. Vielleicht ist es für Minderwertjournalisten leichter, Artikel zu neuen Themen zu schreiben. Schauen Sie: Zu überhaupt allem gibt es heute sehr extreme Standpunkte. Die bekommt jeder im Netz gratis und sehr laut zu lesen. Man fasst sie intellektuell simpel zusammen, indem man sie nebeneinander stellt und sich damit als Kenner des Ganzen profiliert.
Da schreien also die Extreme von ihren Burgen herab – und Journalisten können darüber Fluch-oder-Segen-Artikel schreiben, ohne sich jemals auf eine Seite schlagen zu müssen. „XY- Fluch oder Segen.“ Es gibt also drei Haltungen: Man ist für XY, gegen XY oder Fluch-oder-Segen-Deklinierer. Was wir aber jeweils brauchen, sind Synthesen, gemeinsame Entschlüsse, Einigkeit, Klarheit, Solidarität bei Problemen. Und Tun.
All das Notwendige liegt irgendwo in der Mitte im Tal – zwischen den Trutzburgen. Ist da je-mand? Dort ist es unangenehm, dort herrscht die Ambivalenz. Da sind nicht Fluch oder Segen, sondern Fluch UND Segen, da ist nicht Entweder-Oder, sondern beides zugleich. Ambivalenz ist das Gemisch gegensätzlicher Gefühle, Gedanken und Aussagen. Dieses Nebeneinander muss der ertragen, der jetzt und hier sinnvoll handeln will.

Haben wir vergessen, dass in der Philosophie seit „allen Zeiten“ immer die Idealisten („Wir sind alle Gottes Kinder“) gegen die Realisten wettern („Menschen stammen vom Tier ab – der Naturzustand ist egoistischer Krieg der Paradiesvertriebenen um Geld, Macht und Ansehen“, e.g. so etwa bei Hobbes, Leviathan) – und umgekehrt? Heute bildet sich wieder diese Frontlinie aus. Man beschimpft Idealisten als „Gutmenschen“ und diese wiederum verachten die in Bezug auf die menschliche Natur Niedergeschlagenen als „besorgte Bürger“. Es entsteht eine Frontlinie wie zwischen den „Book Smarts“, die in der Theorie um das Gute wissen, und den Street Smarts, die im Dschungel zu überleben gelernt haben. Die Fronten verhärten sich, weil die Book Smarts auf Street Smarts zu überheblich-abstrakt wirken und weil dann die gekränkten Street Smarts unangemessen antworten.
Es gibt immer beides, das Leben im Prinzip und das Leben, wie es ist. Das müssen wir ertragen, ohne uns ganz ohne Handlungen nur zu zerfleischen. Hören wir auf mit Hass und Verachtung. Hören wir auf mit dieser Triade XY, nicht XY und XY-Fluch-oder-Segen. Wir brauchen den Mut, alle Facetten und Perspektiven zu sehen und zu handeln, es geht nicht um Demonstrationen und Gegendemonstrationen, nicht um den Hass auf die Naiven gegen die Verachtung des Packs.

Lassen Sie uns lieber die Helfer ehren, die Gutes tun. Lassen Sie uns gefasst „Köln“ ertragen. Es wird Probleme geben – die muss man anfassen. Es geht nicht darum, die Probleme besonders deshalb wegzudisktutieren, weil „die Besorgten“ sie natürlich vorhersahen. Es sind Probleme, die gelöst werden müssen. Es geht nicht, „über Einzelfälle“ und „Verfehlungen Weniger, die das Ganze beschmutzen“ zu sinnieren. Stellen wir uns nicht in diese Schmollecke, wo doch die katholische Kirche und VW schon stehen. Wir lösen jetzt die Probleme! Welche immer es sind! Es geht nicht um Recht haben, bekommen und behalten.
Wir haben uns schon mehrmals in der Wolle gehabt. Wir haben uns über die Ukraine zerstritten und dazu neue Verachtungswörter wie „Putinversteher“ erfunden, wir hatten Ähnliches rund um Griechenland mit gegenseitigem Hass auf Finanzminister. Ist viel passiert? Es bessert sich langsam. Egal. Wir haben vergessen. Jetzt eben die Flüchtlinge.

Und wenn dann einmal wirklich jemand „Wir schaffen das“ sagt, mit aller zur Verfügung stehender Macht, dann ist es auch wieder nicht recht, weil eben Angela Merkel auch wieder ambivalent ist. Darf man etwas gut von ihr finden, wenn man sie nicht mag? Wird sie nun in der Flüchtlingsfrage von den Idealisten unterstützt? Geben Ihr die Idealisten, denen sie nun hilft, je eine Stimme zum Dank? Nein, sie ist laut übereinstimmenden Medienberichten die einsamste Frau der Welt geworden. Es ist leise um sie. Leute, das verstehe ich nicht. Wenn jemand in großer Not hilft, mäkelt man doch nicht am Helfer herum? „Nein, meine Helfer suche ich mir aus?“ Schauen wir ihrem langsamen Sturz zu? Schaffen wir das dann besser?

Ich schaue fast 50 Jahre zurück. Willi Brandt kniet nieder und verharrt eine halbe Minute in Stille – spontan, wie er später sagte. Ich lese zur Erinnerung den Artikel „Kniefall von Warschau“ in der Wikipedia. Die Menschen waren damals alle verwirrt und betroffen, das weiß ich noch. Deutsche waren mehrheitlich ablehnend und besorgt, Brandt mag sich damals in gewisser Weise sehr einsam gefühlt haben. Günter Grass ächzte damals unter dem Hass der Besorgten – die Wörter Hass und besorgt schlagen mir beim Lesen des Artikels entgegen. Ich erinnere mich an Nachbarn, die Grundnahrungsmittel zu horten begannen, „weil die vaterlandslose SPD jetzt die Russen reinlässt“.

Wir wollen doch immer, dass einig gehandelt wird, aber wenn jemand handelt, lassen wir ihn uneins allein? Ist Verharren in Ambivalenz Pflicht?
Diesmal aber doch nicht?
Lassen Sie uns den Augenblick dieses „Wir schaffen das“ in unseren Herzen festhalten und helfen. End of debate. Die Anker sind gelichtet. Ob alles gut wird, wissen wir nicht, aber wir arbeiten dran. Mit Zuversicht. Und achten wir jene und helfen wir denen, die noch Sorgen haben. Sorgen sollten wir im Ungewissen bestimmt alle haben. Ambivalenzfähigkeit bedeutet, bei allen Sorgen doch zuversichtlich zu sein und die Verantwortung zu tragen.

Gunter Dueck

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

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  1. Lassen Sie uns den Augenblick dieses „Wir schaffen das“ in unseren Herzen festhalten und helfen. End of debate. Die Anker sind gelichtet. Ob alles gut wird, wissen wir nicht, aber wir arbeiten dran. Mit Zuversicht. Und achten wir jene und helfen wir denen, die noch Sorgen haben. Sorgen sollten wir im Ungewissen bestimmt alle haben. Ambivalenzfähigkeit bedeutet, bei allen Sorgen doch zuversichtlich zu sein und die Verantwortung zu tragen.

    Wer schafft was – und vor allem: wie?
    Solange dies vage unbestimmt bleibt, und dies ist von Frau Merkel anscheinend beabsichtigt, darf bis muss Gegenrede auch fern des Konsensuellen erfolgen, insofern setzt es hier ein bildliches fettes -1.

    MFG
    Dr. Webbaer (der zudem bei diesem Topic spezielle bundesdeutsche Befindlichkeit festzustellen hat, auch beim zitierten ‚End of Debate‘ ein wenig unfroh wird und sich eine durchaus konfrontative Debatte zum Thema der ungesteuerten Immigration vorstellen kann; außerhalb Bundesdeutschlands wird ja auch oft Klartext gesprochen und geschrieben, bspw. was das Wesen des Islam betrifft)

    • Gunter Dueck

      Demokratie bedeutet Willensbildung durch das Volk und Umsetzung durch die Exekutive. Ich sehe aber nur eine Art Sucht/Lust ergebnislose Extremdebatten zu führen, die nicht beabsichtigt, in ein Tun zu münden. Wie lange würde es dauern, bis unser Volk in dieser Frage weiß, was es will? Dann bestimmt eben jemand, was die Richtlinien der Politik sind, dafür ist er von uns gewählt. Und wir tun dabei mit… das gehört auch zur Demokratie, das Mittun, nicht nur das Mitreden.

      • @ Herr Dueck :

        Wie lange würde es dauern, bis unser Volk in dieser Frage weiß, was es will? Dann bestimmt eben jemand, was die Richtlinien der Politik sind, dafür ist er von uns gewählt.

        Die Richtlinienkompetenz des bundesdeutsches Kanzlers erlaubt nicht Recht „ruhen zu lassen“, stattdessen wäre die Mandatsträgerschaft zu befragen, um neues Recht zu statutieren, was aus irgendwelchen Gründen in der BRD zurzeit nicht oder nur unzureichend erfolgt, insbesondere nicht im Zusammenhang mit der Migrations- oder Flüchtlingskrise.
        Es wäre schon cooler, und hier müssten Sie eigentlich auch wohlwollend nicken können, wenn die bundesdeutsche Mandatsträgerschaft hier dezidiert aufgerufen beizeiten parlamentarisch absichert.

        Das, was Frau Merkel, für einige erkennbar: rechtsbrüchig, auf Grund der o.g. Richtlinienkompetenz, die ja nur fürs Kabinett gilt, so macht, ist für einige insofern extralegal. [1]

        MFG
        Dr. W

        [1]
        Um mit ‚extralegal‘ einmal das Fachwort zu nennen, auch bei der sog. Energiewende und bei der sog. €-Rettung wissen sich einige nicht anders als sich kommentierend mit der Adjektivierung ‚extralegal‘ zu behelfen.
        Oder wissen Sie mehr, Herr Dueck?

  2. „Dieses Nebeneinander muss der ertragen, der jetzt und hier sinnvoll handeln will.“

    Ha Ha 😉 DER dann eventuell wieder DER SÜNDENBOCK für all die daraus resultierende Schuld ist, wenn die Hierarchie in „Absicherung“ und gebildeter Suppenkaspermentalität die Ambivalenz ihres stumpf-, blöd-, schwach- und wahnsinnigen Handeln / Nichthandelns wieder …

    Es gibt immernoch nur eine Wahrheit: Der Kreislauf des FASCHISMUS / der GLEICHERMAßEN unverarbeiteten und somit leicht MANIPULIERBAREN Bewußtseinsschwäche in Angst, Gewalt und „Individualbewußtsein“, nennt sich nun „freiheitlicher“ WETTBEWERB um …, und ist systemrational im geistigen Stillstand seit der „Vertreibung aus dem Paradies“ verankert, bis das Gelaber …!

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