Das Unvertraute ist gefährlich und deshalb wohl auch böse

Es gibt immer Wesen und Dinge, die wirklich gefährlich sind. Ja, und dann ist bestimmt alles Unbekannte gefährlich, mindestens solange wir uns damit nicht auskennen. Wir könnten ja Fehler machen. Wenn wir aber Fehler machen, verklagen wir den, der uns hätte warnen müssen. Deshalb warnt uns jeder vor allem. Und folglich ist all das gefährlich, wobei man Fehler machen kann. Fehler kann ja jeder überall machen, oder? Aha, alles ist gefährlich.

Hunde sind total gefährlich! Sie beißen! Nein, das tun sie fast nie, wenn man sie wie nette Menschen und lieber nicht wie gefährliche Tiere behandelt… Ach, ich erkläre es mit Kühen. Stellen Sie sich einmal auf eine Kuhweide, wo in einigem Abstand eine Kuhherde grast. Rufen Sie bitte sehr heiter und gutgelaunt: „Hallo, Kühe!“ Da bleiben sie stehen und schauen lange, wie Kühe eben, mit großen Augen. Nach einiger Zeit gehen sie einen sachten Schritt auf Sie zu, dann zögernd noch einen. Kühe können nicht so gut sehen, sind aber neugierig. Dann kommen sie alle heran, sie kommen in Trab – die ganze Herde auf sie zu. Bleiben Sie ruhig stehen, bleiben Sie freundlich, reden Sie nett. Dann stoppen die Kühe kurz vor Ihnen und schauen Sie an. Jetzt können Sie sie streicheln und ihnen Gras geben und die raue Zunge spüren. Kühe sind lieb. Richtig lieb und treu, sie haben tief treue Augen.
Die meisten Menschen aber bleiben NICHT stehen, wenn die Herde angestürmt kommt. Für Menschen ist so eine Menge einfach zu beeindruckend. Also weg! Weg! Da laufen die Kühe weiter, jetzt vielleicht sogar böse, weil sie jetzt möglicherweise keinen Menschen mehr besuchen wollen, sondern merken, dass sie „einen Leopard“ verjagen müssen. Meine Mutter hat das einmal erlebt, als Bäuerin! Sie nahm im Alpensommerurlaub eine Abkürzung über eine Wiese, da kamen die Kühe heran. Meine Mutter bekam Herzflattern, sie sprang sich übel ritzend über den niedrigen Stacheldrahtzaun und landete in einem Kuhfladen der Nachbarwiese, der sie wärmstens landen ließ. Sie konnte das nie verwinden – dass sie als Bäuerin im Urlaub vergessen konnte, dass Kühe lieb sind. Auf dem Bauernhof wusste sie das doch allezeit, im Urlaub aber war’s weg.

Haben Sie schon einmal gehört, dass Kühe jemanden umrennen – außer in der Arena, wo sie es nach endlosen Quälereien als ultima ratio versuchen? In dem Moment aber, in dem meine Mutter das für möglich hält und Angst bekommt, denkt sie, dass Kühe böse sind. Und sofort – genau jetzt – denken wohl auch die Kühe ihrerseits, dass meine Mutter böse ist…

Damit so etwas wie mit meiner Mutter nicht passiert, wird einfach vor Hunden und Kühen, vor Pferden – überhaupt vor allem gewarnt. Im Urlaub in Südafrika haben sie uns vor den wilden Tieren gewarnt, ganz generell vor allen Menschen in der Nacht, vor der Benutzung von Geldautomaten in belebten Gegenden und vor Geldautomaten in einsamen Gegenden. Das Internet im Hotel ist gefährlich, das sagte mir auch Facebook sofort und sperrte meinen Account. Ich hab dann zu Hause eingetippt, dass ich das persönlich selbst in Kapstadt war, da durfte ich wieder rein.
Wir sind es gewöhnt, dass uns alle Risiken unter die Nase gerieben werden, damit wir niemanden verklagen können. Bei den Banken müssen wir unterschreiben, dass wir wissen, wie gefährlich die sicheren Papiere sind. Bei Versicherungen, die uns Sicherheit verkaufen, müssen wir erklären, über die Unsicherheiten informiert worden zu sein. Beim Arzt, der uns zuversichtlich stimmt, unterschreiben wir, dass wir wissen, dass es böse ausgehen kann. „Bevor Sie diesen Apfelsaft trinken, lassen Sie bitte feststellen, ob sie allergisch sind. Wir haften nicht.“ Sogar von echten Betrügern dürfen wir nichts mehr kaufen, bevor wir nicht aufgeklärt worden sind, dass sie Betrüger sein könnten, aber dass wir das nicht glauben, obwohl sie uns davor gewarnt haben, dass es so sein könnte.

Ich will sagen: Man zeigt uns überall die Risiken auf, dann scheint alles getan. Das ist es nicht. Wir müssen verstehen, wie es zu Problemen kommen kann. Wir müssen uns Fremdes und Fremde, alles Wilde, alle Ferne und Anderskulturelle, die fremden Gegenden, Maschinen, Medikamente, Urlaubsobst und überhaupt alles vertraut machen – wir dürfen es nicht einfach fremd sein lassen und als gefährlich meiden. Was vertraut oder mindestens verstanden ist, ist bei weitem nicht so gefährlich. Oft ist uns das Vertraute lieb. Wer aber nicht versteht und nicht vertraut macht, verwechselt die Warnungen vor Nichtvertrautsein und Nichtverstehen bald mit echter, realer, finsterer Gefährlichkeit.

Wer nicht mit dem Fremden vertraut ist und nur die Warnungen kennt, wird irgendwann sogar denken, dass das Gefährliche wohl auch böse sein muss. Dann sind Tiere, die man nicht einschätzen kann, böse. Hunde sind böse, Kühe sowieso, Pferde schlagen aus. Fremde Menschen erscheinen böse, andere Kulturen, unbekannte Pflanzen, Innovatoren, andere politische Parteien, Verhandlungspartner, Digital Natives, Andersdenkende, Langhaarige, Manager und Mitarbeiter. Alles Unbekannte ist generalverdächtig – im Faltblatt wird ja gewarnt, überall lauert etwas.

Wenn vor allem nur gewarnt wird, ohne es vertraut zu machen, kommt das Gefühl auf, das potentiell Drohende da draußen sei eigentlich vom Zweck her gegen uns gerichtet. Wir interpretieren das Fremde als Feind und grübeln bei allem, was geschieht, was das da draußen wohl mit uns vorhaben könnte. Die Warnungen ohne ein Vertrautmachen haben nun alles andere zum bösen Feind gemacht und uns zu einem armen paranoiden Würstchen.

Und wenn uns das da draußen nicht lieb ist, dann reagiert es oft auch nicht lieb… Der Stress im Angesicht des Unvertrauten macht uns finster. Und wir werden wie Finstere behandelt. Die Teufelsspirale erfasst alles in einem Strudel nach unten.
Amerika ist nicht vertraut mit der Welt – und behandelt auch uns Besuchstouristen wie Terrorverdächtige, uns alle – da sind wir böse auf Amerika. Der US-Präsidentschaftskandidat Romney scheint mit keinerlei Nichtreichen vertraut und ist auf die Nichtreichen „als Abhängige“ böse, da sehen ihn diese nun selbst als böse an. Manche Hirnforscher sind mit dem Internet nicht vertraut und misstrauen – sofort schlägt Misstrauen zurück. Politiker sind mit den Gegenpositionen nicht mehr vertraut – sie feinden sich nur noch an. Ganz generell macht jede auch nur partielle Unbildung böse, wenn sie den Unvertrauten unter Stress setzt.

Hört auf, uns alles nur zu verbieten, das Fremde einzuzäunen und uns Warnhinweise nur per Unterschrift quittieren zu lassen. Macht uns vertraut. Bildet uns dazu in aller Ruhe. Lasst uns liebgewinnen. Das wäre wohl das, was Philosophen wirklich mit Aufklärung gemeint haben könnten. Es geht bei der Aufklärung darum, positiveres Karma zu erzeugen.

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein sehr aufschlussreicher Text, vor allem am Schluss. Nur werde ich das Gefühl nicht los, dass die ganze Panikmache durchaus System hat. Denn wenn die wenigen „Wissenden“ die Vielen des Volkes in Unwissenheit belassen, können sie erfolgreich Panik machen, und die Leute so langfristig mit Problemen beschäftigen, die eigentlich keine sind weshalb man sie als Volk eigentlich recht schnell lösen können sollte. Vorausgesetzt, das Volk wäre genügend aufgeklärt und hätte etwas Zeit zum nachdenken. Doch da man es nicht aufklärt und auch ständig von einem (pseudo-)Problem zum Nächsten hetzt, kommt es nicht zum nachdenken, und die „Wissenden“ können es beherschen, wie sie wollen. Jedenfalls fast, denn einige sind ja doch besser informiert als andere und durchschauen das Spiel, das man da treibt. Da sollte die Aufklärung anfangen, deshalb stimme ich der Aufforderung zu: macht uns vertraut.

  2. Sicherheitsbedürfnis

    Das Unvertraute kennenzulernen und sich vertraut zu machen, sehe ich als normales menschliches Grundbedürfnis. Für mich sagt die biblische Aufforderung „macht euch die Erde untertan“ auch genau das aus: Lernt sie kennen, macht sie zu einem Teil von euch – und nicht „beutet sie aus“.
    Die aktuelle Mode des Warnens vor Allem erzeugt daher Stress und ist auf Dauer wahrscheinlich nicht hilfreich. Was ist die Alternative? Dinge positiv ausdrücken? „Kühe sind freundlich. Machen Sie ihnen keine Angst, bewegen Sie sich langsam oder bleiben Sie auf dem Weg“ aufs Schild schreiben oder „trinken Sie lieber Tee“ auf die Zigarettenpackung?

    Es gibt noch einen weiteren Aspekt: Grundsätzlich entspricht ja unsere Einstellung zur Außenwelt auch unserer Einstellung zu uns selbst. Eine derart angstbehaftete Einstellung zur Außenwelt wie von Ihnen (zugespitzt) entworfen müsste auch zu einer allgemeinen Psychose führen. Ist das wahrscheinlich? Bei den meisten Menschen wird wohl die Selbsterhaltung eher dazu führen, dass die Warnungen im Nichts verhallen.

  3. gehört, dass Kühe jemanden umrennen?

    Nein, schon erlebt. Im Kindergarten wurde ein Mädchen von einer Kuh umgerannt und musste verarztet werden. Das war auf einer Erkundung der Umgebung mit der Kindergärnterin an der Spitze.

    Viele der oben erwähnten Begegnungen, sei es mit Hunden oder anderen Tieren, sei es mit Fremden in fremden Quartieren oder wenn man ihnen als Tourist begegnet sind potentiell gefährlich. Der Beitrag lässt es ja auch durchscheinen, dass das möglich ist. Tendenziell sind die Menschen aus dem heutigen Westen aber risikoavers, so risikoavers, dass sie auch vieles meiden/vermeiden, was auch eine Bereicherung sein könnten. Sie oder der Verantwortliche für die Menschengruppe, der sie angehören, ist sich heute viel stärker des Risikos, der Verantwortung und der möglichen Konsequenzen einer „Risikonahme“ bewusst. Ich denke mir, heute wäre keine Kindergärtnerin mehr so „verrückt“, eine Schar Kindergärtler durch eine eingezäunte Wiese zu führen, auf der Kühe grasen. Das wäre ihr viel zu riskant – nicht nur für die Kinder, sondern vor allem für sie selbst und ihre Berufsaussichten.

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