Cyber-Naivität über zukünftige Kriege

Der Spiegel-Online berichtet, dass sich britische Abgeordnete Sorgen machen, dass man vielleicht bald durch Internet-Angriffe die königlichen Schiffe und Flugzeuge lahmlegen könnte. Diesen potentiellen Angriffen auf die nationale Sicherheit wird nun in Großbritannien begegnet, indem man für viele hundert Millionen Pfund ein paar tausend Spitzenhacker mehr einstellt. Schauen Sie hier:

Cyberwarvorbereitungen in GB

Ich wundere mich schon lange, dass hierzulande noch mit grünen Ästen getarnte Panzer herumfahren. Wissen Sie noch, wie damals die allerersten Panzer in reine Menschenarmee-Kriege eingriffen und von der feindlichen Kavallerie mit Säbeln attackiert wurden? Genauso wirken heute Panzer gegen Internetübergriffe.

Im Internet könnte man aber doch so richtig Krieg führen, oder? Na, nicht so doof, dass man nach der naiven Vorstellung von Abgeordneten mit Netzangriffen gegnerische Panzer oder Schiffe lahmlegt, sondern dass man vielleicht einfach das ganze Geld auf den Internetbankkonten wegbucht. Die Cyber-Wizards dringen dabei in jedes Konto ein und überweisen alles auf Minus! Stellen Sie sich vor, wir alle wachen am Morgen auf und haben kein Geld mehr. Das kann man bestimmt irgendwie wieder zurückbuchen, aber solch eine Gesamtaktion erzeugt ein so großes Durcheinander in der Wirtschaft, dass die Aktienkurse ins Bodenlose fallen und die ganze Welt ruiniert ist, weil sie ohne Geld einfach implodiert. Diese Szenarien werden ja gerade in der Presse herumgereicht – für den Fall, dass die USA insolvent werden. So etwas könnte ein Cyberkrieg auch ganz ohne Tea Party und Panzergrenadiere hinbekommen.
Der Angreifer hat bei solchen Methoden natürlich das Problem, dass er selbst mit implodiert. Meine vorgeschlagene Lösung ist gleichsam eine Bombe, bei der die ganze Erde explodiert. Ach ja, und die besten Virenangriffe im Netz sind eventuell auch so unkalkulierbar?!
Beim Dynamit hat man zuerst lange Jahre mit einer Art gefährlicher China-Böller experimentiert, an deren Lunte sich in den Westernfilmen Clint Eastwood ein Zigarillo anzündet. Erst später wurden immer größere Bomben gefertigt. Im Internet hat man vielleicht eher Mühe, es bei kleineren „chirurgischen Eingriffen“ zu belassen. Die Cyber-Informatiker müssen also Digital Missiles oder Digital Drones konstruieren, dazu Gegendrohnen und Counter Missiles.

Warum hat die Bundeswehr eigentlich noch 300.000 „classic“ Soldaten, die mit jahrzehntealten Technologien etwas üben, was schon in Afghanistan nicht hilft? Warum haben wir denn nicht auch ein paar Tausend und bald Zehntausende Informatiker für die Kriegführung? Wollen wir das eine und/oder das andere oder überhaupt eine Armee? Haben wir damals, in den 50er Jahren, nicht ernsthaft und lange diskutiert, ob wir eine Bundeswehr haben wollen oder eine Atombombe? Wo bleibt hier und heute in Deutschland die Auseinandersetzung, ob wir solche im Internet operierenden neuen Armeen haben wollen? Warum gehören diese Armeen, die wir vielleicht schon haben, organisatorisch in den Geheimdienst? Warum sind sie nicht wie die normale Armee öffentlich einem Verteidigungsminister unterstellt? Ja, HABEN wir schon so etwas? Ohne dass man uns gefragt hätte?
Der oben zitierte Artikel enthält eine britische Meinung, dass der jetzt anstehende Wandel in der Armee so disruptiv wie der von Pferden zu Maschinen sein werde. Müssen wir so etwas nicht sehend und aufgeklärt als ganzes Volk beschließen? Hey, dies bisschen Schnüffeln der NSA ist nicht der Punkt! Es werden dabei ganz bestimmt neue Kriegswaffen entwickelt! Gegen alle, nicht einfach nur gegen Terroristen!

Und noch eine letzte Sorge: Richtig neue Waffen wie Atombomben oder Psychogase sind am Anfang immer ziemlich sorglos eingesetzt worden, was später schwer bedauert werden musste. Wollen wir so etwas demnächst eine Runde höherdimensional betrauern?

 

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Wenn Sie sich das Wegüberweisen von Geld nicht vorstellen können:
Mathematischer Anhang zu Bank-TANs: Ich zitiere aus dem Wikipedia-Artikel „Zufallsgenerator“:

Deterministische Zufallszahlengeneratoren erzeugen Pseudozufallszahlen und werden daher in der Regel Pseudozufallszahlengeneratoren genannt (engl. pseudo random number generator, PRNG). Sie erzeugen eine Zahlenfolge, die zwar zufällig aussieht, es aber nicht ist, da sie durch einen deterministischen Algorithmus berechnet wird. Solche Pseudozufallszahlen sind von Computern wesentlich einfacher zu erzeugen und sind in praktisch allen Programmiersprachen verfügbar.
Bei jedem Start der Berechnung mit gleichem Startwert (engl. seed, Saatkorn) wird die gleiche Folge erzeugt, weshalb diese deterministisch erzeugten Pseudozufallszahlen bei hinreichend genauer Dokumentation später reproduziert werden können. Diese Eigenschaft der Re-produzierbarkeit ist bedeutsam für die Anerkennung wissenschaftlicher Experimente.

Sind Sie sicher, dass der Startwert nicht dem Geheimdienst bekannt ist, dass also unsere TANs auch anhand des Verfahrens von fremden Mächten berechnet werden können??

Gunter Dueck

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ist es sicher, dass TANs Pseudozufallszahlen sind? Die beinhalten ja nicht soo viel Information, bei sechs Dezimalstellen knapp 20 Bit. Da könnten das auch echte Zufallszahlen sein.

  2. Sind Sie sicher, dass der Startwert nicht dem Geheimdienst bekannt ist, dass also unsere TANs auch anhand des Verfahrens von fremden Mächten berechnet werden können??

    Pseudozufallsgeneratoren werden durch den „Griff in die Natur“ initialisiert, man nimmt dann bspw. irgendwelche nicht allgemein verfügbare natürliche Werte wie die Prozessortemperatur an x-ter Nachkommastelle und ist dann immer -im gefragten Sinne- gut bedient.
    BTW, auch „echte Zufallszahlen der Quantenmechanik“ sind nicht zwingenderweise indeterministisch, sondern dies wird nur durch die Theoretisierung der Erkenntnissubjekte nahegelegt.
    Allerdings ist das ein, wie der Schreiber dieser Zeilen findet, völliger Nebenkriegsschauplatz, um in der Wortwahl und Thematik dieses WebLog-Artikels zu bleiben.

    MFG
    Dr. W

  3. Haben wir damals, in den 50er Jahren, nicht ernsthaft und lange diskutiert, ob wir eine Bundeswehr haben wollen oder eine Atombombe? Wo bleibt hier und heute in Deutschland die Auseinandersetzung, ob wir solche im Internet operierenden neuen Armeen haben wollen?

    Einerseits entfällt diese Diskussion deshalb, weil richtigerweise davon ausgegangen werden kann, dass die anderen ohnehin derart munitioniert sind, dass zudem nicht direkt gestorben wird, wenn IT zum Einsatz kommt, andererseits wird gesellschaftlich mittlerweile geahnt, dass der Terrorismus, der Terrorismus, den man sich auch ins Haus geholt hat, kaum anders als durch Dienste und „Armeen“ des Internet bewacht werden kann.

    Selbstverständlich gehen so die üblichen bürgerlichen Freiheitsrechte verloren bzw. werden angegriffen, wobei sich hier auch sehr ungünstige Szenarien denken lassen.
    Andererseits sollen die Listen lang sein, die abgewehrte Maßnahmen der bekannten Gruppen belegen.

    Sie dürfen gerne diesbezüglich in einem Folgeartikel ausbauen, gerne auch ohne sachfremder Nennung der Tea Party.

    MFG
    Dr. W (der natürlich bspw. auch die Nennung der SPD unpassend fände)

  4. Wenn zehntausend Informatiker auf zehntausend Panzergrenadiere treffen, wer gewinnt dann voraussichtlich? Ich tippe auf die Panzergrenadiere, denn die haben die größere Kampfkraft und behalten sie auch bei Stromausfall. Programmcode, ganz gleich wie bösartig, ist eine schlechte Verteidigung gegen Feuerstöße aus einem Sturmgewehr, und niemand wird ernsthaft behaupten wollen, ein Heer von Informatikern hätte in Afghanistan höhere Erfolgschancen als unsere Soldaten.

    Der Idee vom Cyberkrieg fehlt es insgesamt an Plausibilität: Ohne Kooperation gäbe es gar kein Cyber, und Krieg ist das Gegenteil der Kooperation. Ohne allerlei Infrastruktur gäbe es auch kein Cyber. Infrastruktur aber geht im Krieg schnell kaputt. Wie verbringen die Cyberkürassiere aus Schlandnet den Rest des Krieges, nachdem Bomben das DE-CIX in Schutt und Asche gelegt haben? Etwa in Cyberkriegsgefangenschaft, bis das Internet wieder geht?

    • Wenn zehntausend Informatiker auf zehntausend Panzergrenadiere treffen, wer gewinnt dann voraussichtlich?

      Der Schreiber dieser Zeilen hat das mal in einem Kampf aller Schweine dieser Welt gegen alle Hunde dieser Welt thematisiert, die Gegenüberstellung bleibt reizvoll.

      Auf den hier dankenswerterweise vom hiesigen Inhaltegeber bereitgestellten, äh, Inhalt bezogen, kann das alles Mögliche bedeuten, Herr Türpe, fürwahr.

      Dass es beizeiten massive Kooperationsbrüche geben wird, dürfte außer Frage stehen, die diesbezüglich Theoretisierenden scheinen aber ein wenig schwachbrüstig zu sein, ohne hier konkret den hiesigen Inhaltegeber bearbeiten zu wollen.
      Das – ‚Der Idee vom Cyberkrieg fehlt es insgesamt an Plausibilität: Ohne Kooperation gäbe es gar kein Cyber, und Krieg ist das Gegenteil der Kooperation. Ohne allerlei Infrastruktur gäbe es auch kein Cyber. Infrastruktur aber geht im Krieg schnell kaputt.‘ – war aber auch Müll, gell?!

      MFG
      Dr. W (der die vermutlich gegebene gegenseitige Wertschätzung nicht unterbrechen will)

      • Wenn Sie schon gerade dran sind, Herr Dueck, Sie sind doch Mathematiker (Informatiker?), geht’s auch substanzieller?

        MFG
        Dr. W

      • Drohnen funktionieren in Afghanistan als Teil der asymmetrischen Kriegsführung — der Gegner ist nicht stark und konzentriert genug, um beispielsweise die Kommuniktation zwischen den Drohnen und ihren Bedienern zu unterbinden. Was tun die Informatiker in einem richtigen Krieg?

  5. Eine relativ humane und umweltfreundliche Waffe ist der elektromagnetische Impuls EMP und der nukleare elektromagnetische Impuls NEMP.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Elektromagnetischer_Puls#Waffen_und_ihre_Auswirkungen

    https://en.wikipedia.org/wiki/Explosively_pumped_flux_compression_generator

    Auf Grund der großen Explosionshöhe beim nuklearen elektromagnetischen Impuls gibt es keine Druckwelle, wenig Strahlung, und wenig radioaktiven Fallout auf der Erdoberfläche.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Starfish_Prime

    In der Praxis werden die meisten zivilen Einrichtungen gestört werden, während die meisten militärischen Einrichtungen gegen elektromagnetische Impulse geschützt sind.

    http://members.chello.at/karl.bednarik/NEMPSCHU.PNG

    Niedrig fliegende Spionagesatelliten kann man mit Antisatellitenraketen ASAT zerstören.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Antisatellitenrakete#Antisatellitenraketen

    Im kalten Krieg diskutierte man unter anderem das folgende Szenario:

    Die UDSSR startet eine scheinbar friedliche Mondsonde.

    Diese Sonde fliegt hinter dem Mond vorbei, und wird in die allgemeine Richtung zur Erde hin umgelenkt.

    Diese Sonde tritt retrograd (gegenläufig) in den geosynchronen Orbit ein, und setzt eine Wolke von Kunststoffperlen frei.

    Diese Kunststoffperlen zerstören sämtliche geosynchronen Nachrichtensatelliten innerhalb eines halben Tages, und werden dann nach einigen Wochen von der UV-Strahlung der Sonne zu Staub und Gas zersetzt.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Kesslersyndrom

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