Die Jahrtausendwinter – Ente

Im Internet aber auch in seriösen Medien geistert die These herum, Forscher hätten einen "Jahrtausendwinter" für Europa vorhergesagt. Was ist dran? Nichts – kein Forscher hat dergleichen vorhergesagt. Es ist die Erfindung einer polnischen Boulevardzeitung. Die Geschichte ist ein spannendes Lehrstück über die heutige Medienwelt.

Von Stefan Rahmstorf und Olivia Serdeczny

Einige Male hatten wir schon davon gelesen, am Mittwoch wurden wir sogar vom heute journal danach gefragt: nach dem angeblich kältesten Winter des Jahrtausends, den (je nach Quelle) mal russische, mal polnische Klimaexperten oder auch Meteorologen vorhergesagt haben sollen. Anstoß genug, der Story einmal nachzugehen.

Nach etwas Googeln ist auch schnell die Quelle gefunden: zahlreiche Internetartikel sowie die Welt nennen den polnischen Wissenschaftler  Michał Kowalewski, wenn auch oft in der russischen Umschrift Mikhail Kovalevski. Schnell hat man dann auch den Link zum ursprünglichen Artikel mit den Kowalewski-Zitaten (Google-Übersetzung). Nur: Kowalewski sagt dort überhaupt keinen Jahrtausendwinter vorher – das Wort findet sich nur in der Überschrift des Artikels. Und wer den Artikel genau liest stellt fest: die Zitate waren Antworten auf Fragen zur Rolle des Golfstroms für das Klima Europas. Die eisige Kälte ist keine Prognose für diesen Winter, sondern eine Aussage über die hypothetische Auswirkung eines Versiegens des Golfstroms. Wozu Kowalewski sagt, dass dieses so gut wie ausgeschlossen ist.

Wir haben bei Kowalewski nachgefragt, was er zu den Medienberichten sagt. Kowalewski antwortete prompt per Mail aus Warschau:

Die Berichte in einigen Medien sind absolut unglaublich. Ein Journalist hatte mich für ein Radiointerview nach den theoretischen Auswirkungen eines Abreißens des Golfstroms gefragt. Ich antwortete, dass dieses rein hypothetische Szenario zu viel kälteren Wintern in Polen führen würde. Einige Tage später fand ich im Internet den Artikel eines Journalisten, der so geschickt seine Worte mit einigen meiner Sätze ohne ihren Kontext vermischte, dass eine ganz neue Bedeutung entstand. Eine absolut absurde These. Meine Zitate sind für sich genommen aber korrekt, daher konnte ich keine Richtigstellung verlangen.

 


Das Süringhaus des PIK auf dem Potsdamer Telegrafenberg

Spannend und lehrreich ist es, die Ausbreitung der Geschichte zu verfolgen. Hier eine kleine Chronologie der wichtigsten Stationen.

10. September. Michał Kowalewski gibt ein Interview im polnischen Radio tok.fm. Am selben Tag erscheint auf der polnischen Website Gazeta.pl der Artikel mit dem Wort "Jahrtausendwinter" im Titel. Eingangs wird ein gewisser Gianluigi Zangari zitiert, der auf Satellitenbildern eine Verlangsamung des Golfstroms beobachtet haben will und diese auf den Ölunfall von BP zurückführt. Dann kommt zur Erklärung des Golfstroms und seiner Auswirkung aufs Klima Kowalewskis Radiointerview ins Spiel.
 
12. September. Das polnische BILD-Pendant "Fakt" (Springer) schreibt "Der Jahrtausendwinter kommt!" Auch hier wird der BP-Unfall verantwortlich gemacht, aber ohne Bezug auf Zangari, sodass man den Eindruck gewinnen könnte, Kowalewski habe dies behauptet.

22. September. The Voice of Russia berichtet, der polnische Forscher "Mikhail Kovalevski" warne vor dem Abbruch des Golfstroms, was russische Wissenschaftler für übertrieben hielten.

4. Oktober. Der russische Nachrichtendienst RT sagt den Jahrtausendwinter voraus. Dies habe mit der Halbierung der Stärke des Golfstroms zu tun. RT beruft sich auf polnische Wissenschaftler: "Polish scientists say that it means the stream will not be able to compensate for the cold from the Arctic winds. According to them, when the stream is completely stopped, a new Ice Age will begin in Europe". Hier kommt der Russe Vadim Zavotschenkow das erste Mal ins Spiel, der aber lediglich von einem kalten Winter spricht: "Although the forecast for the next month is only 70 percent accurate, I find the cold winter scenario quite likely".

4. Oktober. Die Klimaskeptiker-Website wattsupwiththat, bekannt für ihre häufigen Falschmeldungen (Beispiel), greift die RT Meldung auf, stellt sie neben The Voice of Russia und nennt "Mikhail Kovalevski". Watts ist offenbar die Brücke für den Übergang in die westlichen Medien. Ist es nur Zufall, dass eine solche "Jahrtausendwinter"-Meldung gut zur politischen Agenda der "Klimaskeptiker" passt?
 
6. Oktober. Die BZ berichtet vom Jahrtausendwinter. Jetzt sind es die Russen, die ihn vorhersagen. Genauer: Vadim Zavotschenkow (siehe RT), der nun schon einen "Rekordwinter für wahrscheinlich" hält.

13. November. Die Welt bringt die Schlagzeile "Dieser Winter wird für Westeuropäer sehr kalt" über einem Artikel von Ulli Kulke (ebenfalls bekannt für seine Sympathien für "Klimaskeptiker"-Thesen). Er bezieht sich auf Zavotschenkow und Kowalewski. Nun soll Zavotschenkow den Begriff des "Jahrtausendwinters" ins Spiel gebracht haben. Der Text bezweifelt zwar, dass die Jahrtausendwinter-Prognose eintreten wird, hinterfragt aber auch nicht deren Quelle.

Zahlreiche weitere Medien schließen sich an – the rest is history.

Es ist erschütternd, wie hier ein Journalist vom anderen abschreibt, die Geschichte gar noch ausschmückt, ohne dass jemand es für nötig hält, einmal die Quelle zu prüfen oder Kowalewski direkt zu fragen. Uns hat es keine zehn Minuten Googeln gekostet bis wir ernste Zweifel hatten, ob an der Geschichte etwas dran ist. Hier wiederholt sich das gleiche "Stille-Post-Prinzip", das wir schon bei den "Climategate"-Geschichten erlebt haben – Thema gerade unseres letzten Beitrages.

Die so von sich überzeugte freie westliche Presse kann in diesem Punkt sogar von China lernen. Die chinesische Agentur Xinhua ist der Sache nämlich nachgegangen und hat schon am 20. Oktober gemeldet:

A forecast attributed to Polish scientists of the coldest European winter in 1,000 years has drawn plenty of media attention recently but investigations by Xinhua reporters have cast doubts on its veracity.

p.s. Es gibt übrigens auch wissenschaftlich fundierte Erklärungsversuche für das aktuell kalte Winterwetter. Einfacher Seriositätscheck: eine begutachtete Fachpublikation ist angegeben, und laut Google Scholar hat der Autor eine solide Publikationsbilanz. Ein Jahrtausendwinter wird da allerdings nicht vorhergesagt.

p.p.s. Falls auch Ihre Zeitung die Jahrtausendwinter-Ente gebracht hat, schreiben Sie ruhig einen höflichen Brief an die Redaktion und bitten um Richtigstellung. Nur wenn die Leser verlangen, dass Informationen vor der Publikation ordentlich geprüft oder notfalls hinterher korrigiert werden, wird sich etwas verbessern.

Update 4. Dezember: Der Deutschlandfunk hat einen sehr guten Beitrag zum Thema und bezieht sich auch auf die KlimaLounge.


Olivia Serdeczny ist Mitarbeiterin des Potsdam-Instituts.

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

32 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke!

    Danke für diese Recherche! Es ist echt unglaublich, was die Presse aus einem einzelnen Interview so alles macht! Das gleiche findet drüben in der Biologie mit dem
    außerirdischen Leben gerade statt. Ziemlich nervig! Aber gut, dass es solche Blogs wie diese hier gibt, die ein und alle mal mit diesen Schwachsinns-Meldungen Schluss machen!

    [Antwort: Wir machen hier die Arbeit, die eigentlich Journalisten machen sollten. Ich könnte meine Zeit besser zum Forschen gebrauchen. Stefan Rahmstorf]

  2. Danke.

    Ein Großteil der Meldungen in den „Qualitätsmedien“ lässt sich bei genauerer Betrachtung auf Ähnliches eindampfen.
    Das nervt langsam gewaltig.

    Weiter so!

  3. Ah ja

    Ich muss gestehe, ich bin wohl auch darauf reingefallen. Das liegt wohl daran, das es mir immer sooo schrecklich kalt ist und solche Meldungen für eine Kältegeplagte der reinste Horror darstellen*g*

    Hier ist mein Beitrag zum Experiment *g*

    Kommt der Jahrtausend Winter?

    Gruß
    Erdbeere

  4. Abschreibejournalismus

    Hallo,

    zum einen: Exakte Recherche, Note 1
    zum anderen: Der Beruf des Journalisten ist nach Art.5 GG frei -also, ran ans Zeug, es ist genug da! Ich werde auf diese Geschichte im Mittelhessenblog hinweisen.

    zum Dritten: Ich gehöre ebenfalls der hier gescholtenen Zunft an – und muss feststellen, dass das hier beschriebene Szenario leider zutrifft, der finanziellen Not und personeller Ausstattung geschuldet teils bis hinunter in lokale Verästelungen. Gut ist es, wenn so wie hier reagiert wird. Aber: Der Fehler liegt m.E im System: Wir haben gerade durch das Internet ein gleichermaßen schnelle wie weltweit verfügbare Informationsmasse. Zum anderen gibt es den berühmten Konkurrenzdruck: Was könnte ich unter Umständen schneller bringen als die einen Klick weit entfernte Seite des Konkurrenten. Und: Mit welcher schlagzeile sorge ich für die größtmögliche Reichweite. das Wort vom Jahrtausendwinter ist natürlicn reichweiten- und klickverdächtig (Statistik wäre hier in der Tat interessant).

    Tatsache ist: Eine gute Geschichte braucht sorgfältige Recherche. Die kostet wiederum Geld und mitunter Personal und Zeit. Ganz gleich ob es um die seit Jahren leer stehende Bauruine des Geschäftsmann XY im Naturschutzgebiet geht oder den Fall vom blauschimmeligen Mozzarella oder eben Wetterabnormalitäten.
    Das Geld steht angeblich nicht zur Verfügung.

    Die Lösung für solche Missstände: Es gibt genügende freie Journalisten und Journalistinnen die willens und fähig wären, genau diese Arbeit zu leisten, nur eben nicht für Honorare, die zum Teil unter den gesetzlich geforderten Mindestlöhnen liegen oder im Hartz-IV-Bereich.

    Will man dies nicht, braucht es also andere Finanzierungsmodelle als diejenige durch Anzeigen. Ein Beispiel wie es gehen könnte, liefern ProPublica und SpotUS.

    Fehler wie sie in der Gegenrecherche zum Jahrtausendwinter geschehen sind, sind ärgerlich, aber in der Summe ein Symptom für den Gesamtzustand eines Journalismus, in dem dessen eigentliche Hauptakteure, nämliche eben feste und freie Journalisten am Band derjenigen liegen, die im Sinne des so genannten shareholder-value tatsächlich das redaktionelle Tempo und dementsprechende Gründlichkeit vorgeben.

  5. „Nur wenn[…] wird sich etwas verbessern“

    In dieser Sache glaube ich nicht an Leserbriefe, sondern nur an die Macht des Geldes: Nur wenn Leser scharenweise zu anderen Blättern überlaufen, sich untereinander austauschen (ich bin über Twitter auf diesen Beitrag gekommen) und sich im Internet eine eigene Meinung bilden, anstatt diese Funktion an eine einzige, schlampig arbeitende Redaktion abgeben, wird sich etwas ändern.

  6. „Die Geschichte ist ein spannendes Lehrstück über die heutige Medienwelt.“

    Wieviele solcher Lehrstücke brauchen wir eigentlich noch? Danke (mal wieder) für diesen Blog!

  7. Vielen Dank für diese Entlarvung. Das ungeprüfte Abschreiben von anderen Medien ist natürlich unentschuldbar. Zu erklären ist der Niedergang der Recherche-Kultur in den Redaktionen wahrscheinlich durch Zeitmangel und vielleicht auch fehlenden Sachverstand der Redakteure. Und dieses wiederum durch Personalmangel, un dieser wiederum durch die verheerende wirtschaftliche Lage der Zeitungen. Aber wie gesagt, das soll keine Entschuldigung sein.

    Allerdings will ich doch einmal deutlich betonen, dass am Anfang dieser Falschmeldung eine Boulevardzeitung stand, und zwar eine der krawalligsten Sorte. Ich glaube nicht, dass einer seriösen deutschen Tageszeitung so eine Sache passiert wäre. Oder doch?

    [Antwort: Das Problem ist, dass die klassischen Medien sich selbst überflüssig machen, wenn sie so arbeiten. Im Internetzeitalter ist jede Information – egal ob falsch oder richtig – sofort überall gratis verfügbar. Wenn Journalisten weiterhin bezahlt werden wollen, dann doch dafür, dass sie ihre klassische (und unbedingt notwendige) Rolle erfüllen, Informationen zu prüfen, zu bewerten und einzuordnen. Für das ungeprüfte Weiterleiten und Vervielfältigen von Informationen braucht man keine bezahlten Journalisten. Stefan Rahmstorf]

  8. Dradio

    Effekthaschende Rudeljurnalismus. Ich reg mich nur noch selten drüber auf.

    Der Deutschlandfunk hat gerade eben in „Forschung aktuell“ einen guten Bericht über die Kalten Winter und Saisonvorhersagen gebracht – und dabei explizit auch diesen Blogeintrag erwähnt.

    IMMERHIN gibt es klassische Medien, die ernsthafte Informationen bringen und inzwischen sogar auf die Blogosphäre eingehen.

  9. ebenfalls danke für die Mühen…

    Ich habe jetzt auch mal etwas recherchiert und siehe da: Es geht noch besser! Einige Websites, durchaus mit seriösem Auftreten, legen noch eins drauf und liefern nun auch die Erklärung für den „Jahrtausendwinter“: Der Golfstrom ist abgerissen!
    Ich glaube, es gibt eine gewisse Lust am Untergang. Darum laufen auch Katastrophenfilme so gut.

  10. Ganz klar und einfach

    Im Zeitalter einfacher und leichter Informationen ist dies nicht wunderlich. Wie schnell kann man Informationen verbreiten? Wie faul sind die Leute Informationen zu prüfen?

  11. Vielen Dank auch von mir!

    Ich lese Ihre/eure Artikel stets mit großer Begeisterung. Sympathisch geschrieben, analytisch, objektiv, verständlich und eine super Ergänzung zu meinem Studium.
    In der Hoffnung, dass auch Bekannte von mir die Zeit finden sich in Bezug auf Klimawandel und Medien weiterzubilden, verlinke ich Ihre Einträge fleißig in meinem Blog.
    Sobald ich nämlich in den Ferien meine „Grüne-Uni-Leben-Blase“ verlasse und nach Hause in meinen alten Bekanntenkreis zurückkehre, denken die Leute um einen herum plötzlich nicht mehr dasselbe in Bezug auf Klimawandel und Politik und ich fühle mich oft vor den Kopf gestoßen, wenn ich nicht gleich die passenden „Gegenargumente“ parat habe.
    Umso wertvoller find ich Ihren Blog. Danke.

    Hier noch ein ziemlich ernüchterndes aber sehr interessantes Interview mit Yvo de Boer, vielleicht kennen Sie es schon.
    http://sz-magazin.sueddeutsche.de/…nzeigen/34977

    Viele Grüße aus West-Papua, wahrscheinlich haben wir gerade einen Temperaturunterschied von 40°C..

    Florian Freutel
    IFEM im Auslandspraktikum

  12. Mehr Aufklärung….

    DANKE!!!! Ein sehr interessantes Thema. Sicherlich wurde früher schon aufgebauscht und übertrieben, aber der Hang zu Superlativen und absurden Übertreibungen hat meines Erachtens in den letzten Jahren eine neue Dimension erreicht. Irreparabler Kollaps der Wirtschaftssysteme; Genozid durch Schweinegrippe; Eiszeit… jeden Monat wird eine neue Sau durchs mediale Dorf getrieben. Die Aufklärung bzw. „Entwarnung“ findet dann leider oft nur in Nischen statt. Von der Schweinegrippe z.b. hörte man nach der ganzen Panik einfach gar nichts mehr und erst das gezielte Recherchieren führt zu – ebenfalls sehr interessanten – Hintergründen dieser konstruierten Massenpanik.

  13. Winterwetter

    Also trotz aller Prognosen über das Winterwetter von wem auch immer !
    Fakt und Tatsache nach einer alten Bauernregel ist.Wenn die Maulwurfshügel besonders hoch sind weil sich diese Tiere dann sehr tief in die Erde vergraben,dann kann mann sicher sein das es wirklich ein kalter Winter wird.Diese Regel hat schon tausend Jahre seine Gültigkeit und hat sich auch immer wieder Bewahrheitet.

    [Antwort: Und…? Was machen die Maulwürfe? Stefan Rahmstorf]

  14. Eine Ente sehr nah an der Realtität

    Der 3. Kältewinter infolge sorgt halt für Schlagzeilen. Winter 2008/09 um -0,4°C zu kalt, Winter 2009/10 um -1,5°C zu kalt, … und jetzt

    http://www.youtube.com/watch?v=ROLgtYBmS9M

    Ja und?

    Ist das bei einem Hitzesommer, oder Hitzewinter nicht genauso?

    Merkwürdigerweise wird dann nicht aus Potsdam um Richtigstellung gebeten. Wie kommt diese einseitige Sicht der Dinge?

    [Antwort: Ihre letzten beiden Sätze sind reine Unterstellung. Wenn fälschlich berichtet worden wäre, polnische Forscher hätten den wärmsten Winter seit 1000 Jahren vorhergesagt, hätten wir diesen Beitrag genau so geschrieben. Wenn Sie eine konkrete Kritik haben, dann bitte benennen Sie sie auch konkret. Unterstellungen gehören nicht zu dem bei unserem Wissenschaftsblog gepflegten Diskussionsstil. Danke, Stefan Rahmstorf]

  15. http://wattsupwiththat.com/

    Liebe Olivia und Stefan,

    bei einem Detail seid Ihr anscheinend ein wenig ueber die Straenge geschlagen..
    Eine Skeptikerseite wegen „vielen Falschmeldungen“ anzuprangern und dann ein Beispiel von etwa einem Jahr zurueck zu waehlen, bei dem diese Seite gar keine Falschmeldung gemacht hat, ist nicht sonderlich sportlich.

    In der Tat versucht A. Watt zu zeigen, dass die surface station in den USA magelhaft sind und es gibt eine Studie (oben verlinkt), die zeigt, dass wenn ueberhaupt, die schlecht positionierten stations fuer einen kuehleren Trend sorgen, als bei guten Stationen.
    A. Watt sagt dazu, dass er diese Studie fuer verfrueht haelt, weil noch nicht genug Daten vorliegen.
    Insgesamt liegt bei diesem Beispiel aber keine Falschmeldung auf http://wattsupwiththat.com/
    vor, lediglich eine abweichende Meinung, abweichende Meinungen sollten doch noch okay sein, richtig?
    Und selbst wenn, eine falsche Meldung innerhalb eines Jahres, bei mehreren Artikeln pro Tag, das ist doch besser als die meisten Blogs. Vielleicht stoert es ja nur, dass der meistgelense Klimablog ein skeptischer ist…

  16. Zeit- und Konkurrenzdruck

    Die gebetsmühlenartige Ausrede von „Zeitmangel“ und „Konkurrenzdruck“, mit der Journalisten oft auf die Aufdeckung journalistischer Schlamperei reagieren, ist fast noch ärgerlicher als die Schlamperei selbst. Wer Zeit hat, zehn Minuten zu googeln um eine Pressemeldung zu finden, die er abschreiben kann, der hat auch weitere zehn Minuten Zeit, um die Zuverlässigkeit der Informationen zu ergoogeln. Und Konkurrenzdruck begegnet man nicht, indem man versucht, Falschmeldungen ein paar Minuten vor der Konkurrenz zu bringen, sondern indem man gleich die Richtigstellung zur Falschmeldung bringt.

  17. @Rahmstorf

    „[Antwort: Ihre letzten beiden Sätze sind reine Unterstellung. …“

    Hier einige Beispiele:

    http://www.youtube.com/watch?v=wnFm6e6764o

    Wurde diesen abenteuerlichen Prognosen bzw. medialen Falschdarstellungen je widersprochen?

    Die neusten Studien aus Potsdam stützen eher diese alten Falschdarstellungen. Das Konzept wird in leicht abgewandelter Form wieder neu aufgegriffen.

    http://www.pik-potsdam.de/…kaelter-werden-lassen

    MfG aus dem winterlichen Berlin

    [Antwort: Lieber Herr Leichtmann, das Video von 1997 kannte ich in der Tat nicht. Wir haben aber einer ähnlichen Abkühlungsprognose von Latif vor zweieinhalb Jahren deutlich widersprochen (siehe Klimawette), wegen der großen medialen Aufmerksamkeit, die sie bekam. Trotzdem muss ich Sie insofern enttäuschen, dass wir sicher nicht jeder Äußerung von Kollegen widerprechen werden, bei der wir anderer Auffassung sind, wir sind ja nicht die Wissenschaftspolizei. Wir diskutieren hier Themen, die wir interessant finden. Sicher könnte man noch viel mehr machen, wenn man mehr Zeit hätte, aber letztlich wollen wir hauptsächlich forschen.

    Der Mechanismus von Petoukhov, den Sie am Ende erwähnen, ist ein ganz anderer, nicht mit der Nordatlantischen Oszillation vergleichbar. Und sie werden sicher feststellen, das Petoukhov mit Prognosen sehr vorsichtig ist. Stefan Rahmstorf]

  18. Vielen Dank…

    … für die Aufklärung, insbesondere der Teil mit der Ölpest und der thermohalinen Zirkulation hatte mich als Laien verwirrt. Und kaum liest man so etwas ein paarmal, glaubt man es schon, wenn man dem nicht genau auf den Grund geht.

    Nicht vergessen würde ich bei der Verbreitung dieser Meldung http://blog.fefe.de/?ts=b2508c83 (immerhin eins von Deutschlands wichtigsten Blogs), wo am 8.10. auf den russischen Fernsehbeitrag vom 4.10. verlinkt wurde. Da der interviewte Meteorologe nichts von einem Jahrtausendwinter sagte, hielt ich dies für eines von Fefes Medienkompetenzexperimenten.

  19. na und?

    Medien berichten auch über Jahrhundert Fluten und Stürme, über nie dagewesene Hitzewellen usw. Nur genau dann hört man von Professor Rahmstorf gar nichts, wohl denn es meist sagenhafte Übertreibungen sind.
    Diese Polarisierung fällt nicht nur auf, sie nervt auch ein bisschen…

    [Antwort: Wir haben erst im September zu dem Thema der nie dagewesenen Extremereignisse des letzten Jahrzehnts hier einen Kommentar publiziert. Stefan Rahmstorf]

  20. Schade, dass der Trackback nicht funktioniert…

    http://latrinum.wordpress.com/…ahrtausendwinter/
    Mein Beitrag hierzu lautete:

    Die Mär vom Jahrtausendwinter

    Vom Schreiberling zum Abschreiberling ist es nicht weit. Unrecherchiert und unkontrolliert Themen zu übernehmen, oft genug sogar wortwörtlich, ist allerdings kein Phänomen des noch relativ jungen Internetjournalismus. Schon lange bevor unser oft genug zwielichtiges Gewerbe online ging, gab es Redakteure, die sich an anderen Medien orientierten. Diplomatisch formuliert. Das wurde zwar hin und wieder peinlich – wenn es denn überhaupt aufgedeckt und öffentlich gemacht wurde. Sonst aber war es … naja, irgendwie vielleicht sogar üblich. Ein schönes und aktuelles Beispiel haben Stefan Rahmstorf und Olivia Serdeczny in ihren WissensLogs jetzt entdeckt und aufgearbeitet: den für 2010/11 vorausgesagten Jahrtausendwinter. Chapeau!

  21. Verbreitung

    Ich habe einfach mal nach „Jahrtausendwinter“ gesucht und zu ~10 Berichts-Enten eine Korrektur mit Link hierher gepostet (und auch fefe angemailt).

  22. Vor einigen Tagen hat die Münchener Rück gemeldet, 2010 sei das wärmste Jahr seit beginn der Aufzeichnungen. Frage an die Experten: Das Jahr ist erst zu 95% vorbei. Woher kennen die die Temperaturen der restlichen 5%? Inwieweit sind solche Aussagen wissenschaftlich seriös?

    [Antwort: Ich kenne die Quelle dieser Münchner Rück Meldung nicht, aber in den NASA-Daten ist jetzt das „meteorologische Jahr“ komplett, das von Dez 2009 bis Nov 2010 reicht. Man benutzt oft das „meteorologische Jahr“ weil da der Winter zusammenhängend ist und nicht aus Jan, Feb und Dez 2010 besteht. Das meteorologische Jahr 2010 ist das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen vor 130 Jahren. Sehr wahrscheinlich wird auch das Kalenderjahr 2010 zumindest in den NASA-Daten das wärmste, da der Abstand zum zweitwärmsten (2005) hinreichend groß ist, dass nur ein besonders kalter Dezember die Reihenfolge noch ändern würde. Stefan Rahmstorf]

  23. Klimaskeptiker

    Ich habe heute den Artikel gelesen und wundere mich, dass der Begriff „Klimaskeptiker“ fast wie ein Schimpfwort behandelt wird. Ich bin selbst wissenschaftlich tätig und wundere mich, dass der Dialog zwischen Anhängern und Gegnern der Erderwärmungshypothese auf beiden Seiten oft so unsachlich und einseitig geführt wird. Warum beispielsweise greifen die Anhänger das Fakt der zunehmenden Eisbedeckung in der Antarktis kaum auf? Weil es nicht ins Konzept passt? Andererseits argumentieren Gegner gerne damit, dass in den letzten Jahren die Erwärmung ausgeblieben ist. Die Anhänger argumentieren in Jahrzehnten und stellen das Gegenteil fest. Ich argumentiere in Jahrhunderten und stelle fest, dass es im 20. Jahrhundert deutlich kälter war als im 13. Jahrhundert. Wurde damals auch schon so viel CO2 produziert oder ist die Jahresmitteltemperatur vielleicht doch eine Funktion mit vielen Variablen bzw. Parametern, die wir gar nicht wirklich überschauen können? Modelliert man Wetter oder Klima mathematisch, so ergeben sich meist komplizierte nichtlineare Systeme, die bekanntermaßen keine längerfristig zuverlässigen Prognosen erlauben.

    [Antwort: Wo war es denn im 13. Jh. deutlich wärmer als im 20.? Global sicher nicht. Wetter kann man in der Tat nicht längerfristig zuverlässig vorhersagen; die Auswirkung von höheren Treibhausgaskonzentrationen auf die globale Temperatur dagegen schon. Wetter ist chaotisch, die globale Temperatur folgt dagegen einer simplen planetaren Energiebilanz. Stefan Rahmstorf]

  24. zum Artkel „Die Jahrtausendwinter – Ente

    Cool

    Dies ist nicht das erste mahl das mir sowas unter die Finger / unter die Augen kommt. Vor ein paar Wochen hörte ich im Radio eine Aussage die als „Fact“ verbreitet wurde, und mir doch etwas unglaubwürdig erschien. Etwas konfus und verwundert, machte ich mich dan auch an eine googel Recherche. Und siehe da, keine 15 min später las ich einen glaubwürdigeren Text über den selben betreff, wie die mich doch etwas verwunderte Aussage dieses Radiomoderators. Überhaupt habe ich teils das Gefühl das bei weniger seriös recherchierten Aussagen eine „Klatch“-Verbreitungsmanier an den Tag gelegt wird. (so alla: hast Du schon gehört… und beim 10. ders weiter „berichtet“ ist der Kontext dan mehr als aus seinem Rahmen gerissen). Früher konnte man Sagen glaub nicht alles was da und dort erzählt wird (ist nur „Klatsch“) heute gilt dies leider auch Teil für div. Medien. Einerseits ist dies garnicht mal so schlächt, da man so auch mal seinen eigenen Kopf einschalten muss um mal zu überprüfen ob den das wohl wirklich so ist wie etwas dargestellt wird. anderer seits, warum den überhaupt noch Printmedien oder Rundfunk konsumieren wenn man so oder so damit rechnen muss das man gesagtes oder geschriebenes erst gegenprüfen muss um sich dessen richtigkeit sicher zu sein?…

    so-far

    es Grüsst DJ Sbace

    (P.S.: Ich bin gespannt wie sich dieser „Klatch“-trend im Journalismus weiter entwickelt… Da sag ich nur: lieber etwas weniger Themen in einem entsprechenden Format, dafür aber Korrekt recherchiert…)

  25. Die Ente lebt! BR Beitrag am 6.03.2011

    Unglaublich aber wahr: Die Ente Lebt!
    Dazu bringt der BR eine Sendung Faszination Wissen:

    „Jahrhundertwinter“ Kann man Jahreszeiten vorhersagen?

    „Im Oktober 2010 sagten russische, polnische und einige deutsche Meteorologen einen „Jahrhundertwinter“ voraus, der kalt und schneereich werde wie schon lange keiner mehr. Haben sie Recht behalten – und kann man Jahreszeiten überhaupt vorhersagen?“

    Texte von der BR-Homepage

  26. Interessanter Artikel

    Hallo,
    sehr interessanter Artikel, verfolge den Blog nun ein bißchen intensiver und habe ihn direkt mal gebookmarkt 😉
    Bitte weiter so und mehr davon!

    Gruß von der Ostsee,
    David