Meeresspiegel: die New York Times hat die Story

Heute bringt die New York Times eine ausgezeichnete Titelgeschichte zum Anstieg des Meeresspiegels, mit zwei vollen Seiten im Inneren des Blattes, schicken Grafiken und tollen Fotos (hier die online-Version). Der Autor, Justin Gillis, hat Monate recherchiert, er war in Grönland und er hat mit den meisten der führenden Forscher zum Thema gesprochen – viele davon werden auch im Artikel zitiert. Die Wissenschaft stimmt und ist auf dem aktuellsten Stand, und die Story ist packend geschrieben. So gut kann Wissenschaftsjournalismus sein!

Was ist in Grönland los? (c) The New York Times

Beim Thema Meeresspiegel hat sich seit dem letzten IPCC-Bericht von 2007 ja Einiges in der Forschung getan (siehe dazu z.B. meinen Nature-Kommentar), und Gillis zeigt auf, dass inzwischen die meisten Fachleute von einem deutlich höheren Anstieg bis 2100 ausgehen als IPCC: um rund einen Meter, vielleicht sogar deutlich mehr. Auch ich habe meine Position hier korrigieren müssen – noch vor wenigen Jahren (siehe z.B. unser Buch Wie bedroht sind die Ozeane?) ging ich auch von niedrigeren Werten aus. Inzwischen nutzen schon mehrere US-Bundesstaaten unsere Projektionen für die Küstenschutzplanung (z.B. Kalifornien, North Carolina), und Obamas Klimaberater John Holdren zeigt sie in seinen Präsentationen.

Wer unsere Projektionen in Zentimeter und aufgeschlüsselt nach Emissionsszenarien sehen möchte: hier ist das Original. (c) The New York Times 

Ich habe nun schon mit Dutzenden Journalisten zu tun gehabt, die über unsere Arbeit berichtet haben – aber selten war die Zusammenarbeit so professionell und das Ergebnis so überzeugend wie bei Justin Gillis. Dabei zeigt sich, dass gerade die besten Journalisten auch keine Berührungsängste haben, Wissenschaftlern vorab ihren kompletten Artikelentwurf mit Bitte um Kritik zu schicken. Das schmälert in keiner Weise das Recht des Journalisten, zu schreiben was er für richtig hält – aber auch in diesem Fall hat es geholfen, kleine Fehler auszumerzen.

In diesem Stil kann professioneller Journalismus auch seine Vorteile gegenüber der wachsenden Blog-Konkurrenz beweisen – eine derart fundierte Recherche mit einem umfassenden Überblick über den Sachstand zu einer bestimmten Forschungsfrage dürfte sich kaum ein Blogger leisten können. Das ist eine ganz andere Liga als der rasch aus einer Nature– oder Science-Pressemitteilung zusammengeschusterte Beitrag, wie er hier so herrlich von Martin Robbins parodiert wird (ich habe laut lachen müssen).

Natürlich würde wohl jeder Fachjournalist gerne eine große Story wie Gillis machen – es liegt an den Redaktionen, ihnen die Zeit und Reisemittel zu einer solchen Recherche zu geben, und dann zwei volle Seiten in der Zeitung. Ein Hoch auf die New York Times, dass sie so etwas auch in Zeiten knapper Kassen noch möglich macht!

Nachtrag 15.11.: Gillis hat auch noch einen Blogbeitrag zu seinem Artikel.

Stefan Rahmstorf

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. IPCC und Meeresspiegelanstieg

    Wirklich ein lesenswerter Artikel!
    Gerade letzte Woche hielt Edouard Bard einen Vortrag über past sea level changes an der ETH. Meine Frage, ob das IPCC den Meeresspiegel unterschätze, bejahte er und antwortete „everyone knows that“. Er hält übrigens auch einen Anstieg von etwa 1 m für realistisch in diesem Jahrhundert.

    Hat sich eigentlich was bei dem Siddal, Stocker und Clark Paper getan? In der retraction kündigten sie eine Überarbeitung an, ist dazu mittlerweile was genaueres bekannt?

  2. es stimmt, was AGW Fanaten passt

    Grönlands Eis könnte Jahrtausende so weiter schmelzen und es wäre der Menschheit völlig egal und selbst der Natur, welcher von Haus aus alles egal ist.
    Alarmismus war schon immer der allerletzte Ratgeber, gell?

  3. @Gunnar Innerhofer

    Sehr geehrter Herr Innerhofer.

    Ich glaube nicht, dass der steigende Meeresspiegel den Menschen egal ist, die deswegen ihr Zuhause verlassen müssen. Vor einigen Tagen war ein Artikel auf der web site von CNN über das Thema Flüchtlinge aufgrund von Klimaveränderungen. Bis zum Jahr 2050, so wird befürchtet, wird es ca. 1 Milliarde Menschen geben (z.B. aus Bangladesch und Indien), die einen neuen Platz zum Leben suchen müssen.

    Viele Grüße,

    Robert Bauer

  4. @Gunnar Innerhofer

    Ihre Aussage, dass das Jahrtausende so schmelzen könnte und das der Menschheit egal wäre, ist leider ausgemachter Unsinn. Bei der aktuellen Schmelzrate von etwa 300km³ pro Jahr (siehe GRACE-Daten http://www.agu.org/…/ABS/2009/2009GL040222.shtml) wäre der gesamte Eisschild in weniger als 10000 Jahren abgeschmolzen. Das allein hätte einen Meeresspiegelanstieg von 7,2m zur Folge und damit eine komplette Umsiedlung großer Teile der meisten großen Küstenstädte (New York, Hamburg, Dhaka, Bangkok, etc) und vieler tiefliegender Küstenregionen (Niederlande, Bangladesh, usw).

    Das kostet erst mal unglaubliche Summen Geld (zuerst für Küstenschutz dann für Umsiedlung), von den sozialen Problemen (wohin mit all den Leuten) ganz zu schweigen.

    BTW: „Der Natur ist es egal“? Die Natur hat weder Gehirn noch Bewusstsein und kann nicht denken. Der Satz „Der Natur ist es egal“ ist daher genauso sinnbefreit wie „Der Natur bereitet das ganz große Sorge“.

  5. Narzismus?

    @Innerhofer
    wenn Sie die Möglichkeit einschließen, dass das Grönlandeis weiter schmilzt, müssen Sie bedebken, dass der KW dann nicht nur in der Arktis stattfindet, wo er uns in der Tat nicht bekümmern müsste, wie sie andeuten, sondern auch in anderen Teilen des Globus seine Spuren hinterlässt. Eine Kostprobe dessen, was da auf uns zukommen kann, haben die Pakistani erleben müssen, wo auf Rekordtemperaturen von mehr als 50°C ein katastrophenträchtige Niederschläge folgten. Es spricht viel dafür, dass sich solche Vorkommnisse zukünftig öfter ereignen werden.

    Wenn ich Sie richtig verstehe, tun Sie diese Überlegungen als „alarmistisch“ ab, nunja.

  6. @ innerhofer und alle Reagierenden

    Ihr „Argument“ dass der Natur „von Haus aus alles egal ist“ ist zwar einerseites richtig, anderersseits völlig irrelevant und unsinnig.
    Weiteres z.B. hier: http://scienceblogs.com/…_earth_will_survive.php

    Weiterhin haben Sie hier anscheinend die Rolle des Foren-Trolls übernommen: Eine Beleidigung oder Provokation in den Raum stellen und sich zurücklehnen und (eventuell) die Reaktionen genießen.

    Haben Sie nun fachliche Argumente gegen den obigen Artikel oder haben Sie diese nicht?

    Solange Sie keine Fakten bringen, sind Sie mit Ihren Aüßerungen in meinen Augen als Foren-Troll zu betrachten.

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