Wunder – Bare Wissenschaft

When I heard the learn’d astronomer,
When the proofs, the figures, were ranged in columns before me,
When I was shown the charts, the diagrams, to add, divide, and measure them,
When I sitting heard the learned astronomer where he lectured with much applause in the lecture room,
How soon unaccountable I became tired and sick,
Till rising and gliding out I wander’d off by myself,
In the mystical moist night-air, and from time to time,
Look’d up in perfect silence at the stars.

(Übersetzung ins Deutsche – ganz am Ende)  

Dieses Gedicht, When I Heard the Learn’d Astronomer von Walt Whitman, stammt aus dem 19. Jahrhundert, aber es beschreibt, was der Wissenschaft immer wieder einmal vorgeworfen wird – so auch während des Deidesheimer Bloggertreffens letztes Wochenende bei einer Diskussion: Die Entzauberung der Welt.

WasserFür mich entzaubert mehr Wissen keinesfalls; es gibt mir im Gegenteil mehr Gelegenheit zum Staunen. Als Beispiel fiel mir spontan das Glas Wasser ein, das ich in der Hand hatte. Durch die Wissenschaft wissen wir, dass der Wasserstoff kurz nach dem Urknall entstanden ist und somit über 13 Milliarden Jahre alt ist, eine unvorstellbar lange Zeit.

Interessanter aber ist der Sauerstoff-Anteil des Wassers: Die schwereren Elemente sind nicht sofort entstanden, sondern erst durch die Fusion der leichteren Elemente in Sternen. Wir bestehen also alle aus Sternenstaub; ohne frühere Sterne, die ihr "Leben" bereits beendet und ihre Erzeugnisse in das Weltall geblasen haben, gäbe es keine Erde und keine Menschen, die sich Gedanken über diese Sterne machen könnten.

Noch spannender wird es übrigens bei noch schwereren Elementen: Alle Stoffe, die schwerer sind als Eisen, können in normalen Fusionsprozessen in Sternen nicht produziert werden. Diese Elemente entstehen nur in Supernova-Explosionen.

Übrigens hat Wasser auch ansonsten viele merkwürdige physikalischen Eigenschaften, man denke zum Beispiel nur an den Effekt, dass Wasser sich beim Gefrieren ausdehnt.

Dieses Wissen macht jetzt das Wasser nicht weniger kühl und erfrischend, Bilder von Wasserfällen, dem Meer oder fließenden Bächen nicht weniger schön. Im Gegenteil, ich denke, es bietet mehr Möglichkeiten zum Staunen – man muss sie nur annehmen und sich über die Fakten Gedanken machen.


(Bild von Bigfoto)

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Erhöht man die Spannung zwischen zwei Elektroden, die ein Gas umgeben, beginnt das Gas irgendwann zu leuchten: Freie Elektronen im Gas haben genug Energie, um die Gasteilchen zu ionisieren und noch mehr Elektronen aus den Atomen zu schlagen. Ein Plasma wurde gezündet, die Zündspannung ist erreicht. Gibt man nun noch zusätzlich Mikrometer große Teilchen in das Plasma, erhält man ein sogenanntes "Komplexes Plasma", mit dem ich mich zunächst als Doktorand und Post-Doc am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik und nun an der University of California in Berkeley beschäftige. In diesem Blog möchte ich sowie ein wenig Einblick in den Alltag im Forschungsinstitut bieten, als auch über den (Plasma)-Rand hinaus blicken. Mierk Schwabe

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ja! 🙂

    Liebe Mierk,

    genau diese Diskussion, die an jenem Abendessen stattfand, werde ich nie vergessen. Da diskutierten drei Biologen und ein Religionswissenschaftler – und Du als Plasmaphysikerin warst die Kavallerie, die aus dem Stillstand der Meinungen half. Das war richtig klasse!
    🙂

    Inhaltlich kann ich Deinem Post nur völlig zustimmen. Ob es um physikalische oder biologische Phänomene (inkl. der Liebe, Musikalität – oder Religiosität) geht – ich habe es stets so empfunden, dass ein besseres Verständnis der Phänomene das Staunen und Erleben nicht einschränkt, sondern vertieft.

    Danke also für den Beitrag – in Deidesheim und hier!

  2. “Wir bestehen also alle aus Sternenstaub”

    Hach, das klingt romantisch ^^ Du hast meiner Meinung nach recht mit der Faszination, welche erst durch Wissen entsteht. Allerdings wird der Zauber des Unbekannten uns ebenfalls noch sehr, sehr lange erhalten bleiben, da wir kleine Ameisenschritte in Richtung Wissen machen. So kommt es mir manchmal vor …

  3. Sternenstaub

    Wir bestehen also alle aus Sternenstaub.

    Energiearmer und entropiereicher Abfall häuft sich eben in den Ecken und Winkeln des Universums an, wo keiner hinsieht.

    In dem ganzen Müll parasitieren einzelne Kohlenstofflebensformen an der noch vorhandenen Fusionsenergie.

    Irgendwann wird es aber dann dunkel über den kalten Eisenoxidklumpen, Wärmetod, Kältetod, mausetot.

    Gebet aber die Hoffnung nicht auf, ihr armen Kohlenstofflebensformen.

    Denn Admiral Graf Frederik von Hombug wird euch retten.

    http://members.chello.at/…bednarik/FEYNMANR.html

  4. @ Bednarik @ Schwabe

    “Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um jede von welchen etwan ein Dutzend kleinerer beleuchteter sich wälzt, die inwendig heiß, mit erstarrter,
    kalter Rinde überzogen sind, auf der ein
    Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat: – dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt.”

    (na, wer wohl?)

    Ja, vielleicht gibt es wirklich ‘was zu staunen. Mehr noch aber gibt es zu grauen. Zu lieblich ist mir das, Mierk, was Du “Staunen” nennst, der Versuch, durch die Hintertür des innigen Staunens (“Sternenstaub”) die Seinsverliebheit und das Aufgehobensein im Sein wieder einzuführen, die man sich doch eigentlich in Hinsicht auf die naturwissenschaftliche Faktenlage schon seit Pascal abgewöhnt haben sollte.

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