Publikationen von Frauen schlechter behandelt?

BLOG: Zündspannung

Blick über den Plasmarand
Zündspannung

Wie ich gerade bei Deep Thoughts and Silliness gelesen habe, gibt es eine neue Studie zu dem Thema, ob Publikationen, deren Erstautoren Frauen sind, im Peer Review Prozess schlechter behandelt werden als die von Männern.

Die meisten Zeitschriften verwenden bei der Begutachtung der Artikel eine einfach-blinde Methode, bei der die Autoren nicht wissen, wer ihre Artikel begutachtet, aber die Gutachter die Autorennamen kennen. Dies hilft den Autoren, den Artikel in ihren Kontext zu packen. Ich habe ja ebenfalls schon (ein 😉 ) Paper begutachtet und fand es ganz angenehm, die Namen der Autoren sehen zu können.

Natürlich kann dieses Verfahren durchaus bei Vorurteilen unfair sein, z.B. wenn die Gutachter sehen, dass der Erstautor eine Erstautorin ist, könnten sie den Artikel strenger bewerten als bei einem männlichen Autoren, oder vielleicht auch weniger streng, was natürlich auch nicht in Ordnung wäre. Eine andere typische Situation wäre die, dass zwei verschiedene Forschungsgruppen in Konkurrenz stehen und Paper aus der jeweiligen "Gegner"-Gruppe unfair bewerten.

Eine Zeitschrift, Behavioral Ecology (BE), ist 2001 zu einem doppelt-blinden Peer-Review-Prozess übergegangen, in der die Gutachter die Namen der Autoren nicht zu sehen bekamen. In einer Studie[1] wurde die Anzahl der weiblichen Erstautoren direkt vor und direkt nach dieser Umstellung in BE und fünf anderen Fachzeitschriften untersucht. Die Autoren dieser Studie kamen zu dem Ergebnis, dass der Anstieg an weiblichen Erstautoren in BE größer ist als in den meisten anderen Zeitschriften (der Anteil steigt in allen sechs). 

Allerdings wurde jetzt in einer weiteren Untersuchung[2] das Gegenteil gezeigt, indem einfach der Anteil weiblicher Autoren in BE als Funktion der Zeit geplottet wurde. 

Hier ist ihr Ergebnis:

 

Die vertikale Linie zeigt den Zeitpunkt, zu dem auf einen doppelt-blinden Review-Prozess umgestellt wurde, die blauen Punkte zeigen die Jahre, die in Studie [1] untersucht wurden. Der Anstieg der weiblichen Erstautoren ist einfach linear, man sieht keinerlei Auswirkungen der Umstellung.

Finde ich irgendwie beruhigend, auch wenn man meinem Vornamen ja das Geschlecht nicht ansieht. 🙂


[1] Budden, A.E. et al. (2008) Double-blind review favours increased representation of female authors. Trends Ecol. Evol. 23, 4–6

[2] Webb, T. J. et al. (2008) Does double-blind review benefit female authors? Trends Ecol. Evol.  In Press, Corrected Proof, Available online 29 April 2008

Mierk Schwabe

Veröffentlicht von

Erhöht man die Spannung zwischen zwei Elektroden, die ein Gas umgeben, beginnt das Gas irgendwann zu leuchten: Freie Elektronen im Gas haben genug Energie, um die Gasteilchen zu ionisieren und noch mehr Elektronen aus den Atomen zu schlagen. Ein Plasma wurde gezündet, die Zündspannung ist erreicht. Gibt man nun noch zusätzlich Mikrometer große Teilchen in das Plasma, erhält man ein sogenanntes "Komplexes Plasma", mit dem ich mich zunächst als Doktorand und Post-Doc am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik und nun an der University of California in Berkeley beschäftige. In diesem Blog möchte ich sowie ein wenig Einblick in den Alltag im Forschungsinstitut bieten, als auch über den (Plasma)-Rand hinaus blicken. Mierk Schwabe

7 Kommentare

  1. Einspruch…

    Die Daten geben eine ungefähre Obergrenze für die Auswirkung der Umstellung (etwa in der Größenordnung der Streuung der Werte), darüber hinaus gehende Aussagen kann man mit diesen Werten aber nicht machen, dazu streuen sie zu stark.

    Und einen Effekt aus Daten rauszufummeln, die einen Trend zeigen, ist eh nervig.

  2. Disziplinäre Unterschiede im peer review

    Mierk Schwabe schrieb: Die meisten Zeitschriften verwenden bei der Begutachtung der Artikel eine einfach-blinde Methode, bei der die Autoren nicht wissen, wer ihre Artikel begutachtet, aber die Gutachter die Autorennamen kennen. Dies hilft den Autoren, den Artikel in ihren Kontext zu packen. Ich habe ja ebenfalls schon (ein 😉 ) Paper begutachtet und fand es ganz angenehm, die Namen der Autoren sehen zu können.

    Das ist ein ziemlich antiquiertes Verfahren; ich bin erstaunt, dass die Soziologie in diesem Fall der Physik voraus sein könnte. Totale Anonymität beim review-Verfahren ist eine unbedingte Voraussetzung für Chancengleichheit (Frauen vs Männer, renomiert vs unbekannt etc.). Die Praxis sieht natürlich so aus, dass man trotzdem manchmal weiß, wer was geschreiben hat.

    Und weiter heißt es:

    Der Anstieg der weiblichen Erstautoren ist einfach linear, man sieht keinerlei Auswirkungen der Umstellung.

    Ja, kein Wunder. Es wurde ein lineares Modell geschätzt. Stimme ansonsten @Fischers Einspruch zu.

  3. Qualität

    Der Schwerpunkt einer Arbeit sollte nicht im Namen des/der Autors/Autorin liege, sondern in einer gut verständlichen Darstellung bei hoher Qualität.
    Qualität setzt sich letztlich immer durch.

  4. @Fischer: Ich habe die Frage aus dem Titel ja auch mit “nein” beantwortet, die Daten weisen auf keine Ungleichbehandlung hin. Natürlich stimmt es, dass man nie sagen kann, dass ein Effekt nicht vorhanden ist, sondern nur Obergrenzen angeben kann.

  5. dann …

    … sind Frauen wohl dümmer als Männer?

    Oder wie darf ich den Spruch “Qualität setzt sich durch” verstehen?

  6. @ julia

    Ich glaube bei den Publikationen zeigt sich derzeit noch das universitäre Geschlechterverhältnis.

    Es wäre aber tatsächlich mal interessant zu sehen, wie sich der Anteil der Erstautorinnen zum gesamten Frauenanteil im Akademischen Bereich verhält.

    Ich persönlich glaube jedenfalls auch nicht, dass es eine Diskriminierung auf Publikationsebene gibt. Das wird wohl auf anderen Ebenen passieren.

  7. Qualität setzt sich durch

    Ich gehe davon aus, dass Frauen genau so intelligent sind wie Männer.
    Deshalb sollten sie nur Wert darauf legen, fachlich gute Arbeiten abzuliefern.

    (Denn wenn der Eindruck entstehen würde, dass manche Arbeiten nur veröffentlicht werden, um die Anzahl männlicher/weiblicher Autoren gleich zu halten, würde dies eine Abwertung bedeuten. – Auch wenn eine Arbeit gut ist.)

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