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BLOG: Zündspannung

Blick über den Plasmarand
Zündspannung

"Deutschland baut auf exzellente Forschung, auf Kreativität, auf gute Bildung und Ausbildung, die an internationalen Maßstäben orientiert ist und jedem, der etwas leisten will, eine faire Chance bietet" – so Angela Merkel in einem Beitrag für die Zeitschrift Science im Jahr 2006.

Wir wollen etwas leisten! Wir wollen exzellent forschen! Aber im Moment sieht es so aus, als könnte es damit vielleicht bald vorbei sein…

PlasmakristallDie Forschungsgruppe, in der ich an meiner Dissertation arbeite, ist weltweit führend auf dem Gebiet der Komplexen (Staubigen) Plasmen. Von den Mitgliedern dieser Gruppe wurde der Plasmakristall mitentdeckt, wir haben – gemeinsam mit unserem russischen Partnerinstitut – das erste physikalische Experiment auf der Raumstation ISS durchgeführt, PK-Nefedov. Das Nachfolgeexperiment, PK-3 Plus, auf der ISS läuft momentan, das nächste Experiment ist gemeinsam mit der ESA in Planung, und auch für das übernächste fördert das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum im Moment die ersten Vorstudien.

Viele wichtige Publikationen zu Komplexen Plasmen kommen aus unserer Gruppe, das Gebiet ist zudem sehr interdisziplinär und hat viele Anwendungen in anderen Bereichen der Physik, nicht nur der Plasmaphysik. Auch an Anwendungen wird bei uns geforscht – so laufen gerade klinische Studien zu einer medizinischen Sterilisierungsapparatur mithilfe von Plasmen. Wir machen exzellente Forschung, wir sind weltweit führend – und wir wollen weitermachen! 

Allerdings gibt es da ein Problem – uns will keiner! Im Moment sind wir am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik angesiedelt, was meiner Meinung nach auch nicht schlecht passt: Einerseits führen wir viel Forschung auf der ISS durch, andererseits kommen Komplexe Plasmen auch im Weltraum vor: vereinfacht gesagt sind 99 % der sichtbaren Materie Plasma, und der Rest Staub. Direkte Anwendungen sind z.B. bei Planetenbildung, Kometen und in den Saturnringen zu finden.

Nun wird der Leiter unser Gruppe, Professor Morfill, in einigen Jahren pensioniert – und die anderen Direktoren am Institut wollen seine Stelle mit einem Astrophysiker be- und unsere Gruppe ersetzen. Schade.

Die anderen Forscher, die teilweise weltweit führende Experten in diesem Gebiet sind, würden ihre Arbeit gerne weiterführen. Es gibt noch einige andere Max-Planck-Institute, zu denen wir Spokes in den Ringen des Saturnpassen würden. Das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (sogar gleich nebenan) bietet sich natürlich an – aber dort will man sich leider auf Fusionsplasmen beschränken. Und es sieht so aus, als wolle uns auch kein anderes Institut Asyl bieten und dort die Forschung weiterführen. Die Max-Planck-Gesellschaft kann sich laut Aussagen des Präsidenten nur noch Institutsgründungen im Ausland leisten – und so sieht es momentan so aus, als würde die Gruppe nach der Emeritierung von Prof. Morfill trotz aller positiven Bewertungen durch Gutachter geschlossen werden. Wir Wissenschaftler werden dann wohl ins Ausland oder in die Industrie abwandern.

Für mich persönlich ist das übrigens nicht so schlimm, nach Ende der Doktorarbeit ist es sowieso nicht unüblich, die Gruppe zu wechseln. Aber die gesamte Forschergruppe zu schließen, wäre ein Verlust für das Gebiet der Komplexen Plasmen und – meiner Einschätzung nach – auch für die Wissenschaftslandschaft Deutschlands. Aber noch suchen wir nach Möglichkeiten, die Gruppe zu erhalten und auch die verschiedenen Projekte weiterführen zu können. Noch ist nicht aufgegeben, vielleicht ergibt sich ja etwas, wenn auch nicht unbedingt in der Max-Planck-Gesellschaft.


Bilder: Plasmakristall: Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik; "Speichen" in den Ringen von Saturn: Voyager / NASA 
Mierk Schwabe

Veröffentlicht von

Erhöht man die Spannung zwischen zwei Elektroden, die ein Gas umgeben, beginnt das Gas irgendwann zu leuchten: Freie Elektronen im Gas haben genug Energie, um die Gasteilchen zu ionisieren und noch mehr Elektronen aus den Atomen zu schlagen. Ein Plasma wurde gezündet, die Zündspannung ist erreicht. Gibt man nun noch zusätzlich Mikrometer große Teilchen in das Plasma, erhält man ein sogenanntes "Komplexes Plasma", mit dem ich mich zunächst als Doktorand und Post-Doc am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik und nun an der University of California in Berkeley beschäftige. In diesem Blog möchte ich sowie ein wenig Einblick in den Alltag im Forschungsinstitut bieten, als auch über den (Plasma)-Rand hinaus blicken. Mierk Schwabe

2 Kommentare

  1. Aninstitut gründen?

    Oh das kenne ich. Unsere Lösung bestand darin, ein Aninstitut zu gründen. Ich weiß allerdings nicht, ob das mit Max-Planck-Instituten auch geht.

    Leider kenne ich Fälle wie diesen nur zu gut ;-(

    Ich kenne z.B. einen Fall in Österreich, wo auch dort der Professor darum kämpft, dass nach seiner Pension sein Fachgebiet – Himmelsmechanik – nicht stirbt. Die sind auch weltweit führend, interessiert aber den neuen Institutsleiter nicht so. Der will lieber etwas extragalaktisches.

    Und so können persönliche Präferenzen der Institutsleiter zum Tod einer ganzen Fachrichtung führen und dazu, dass die Leute, die dort ausgebildet wurden, das Weite suchen.

    Du bist exzellent und verfolgst ein einzigartiges und spannendes Forschungsfeld, Du schmeisst hochkarätige Publikationen raus. Und dennoch kannst Du abgesägt werden.

    Muss das wirklich sein?

  2. @Ludmila

    Man muss dazu noch sagen, dass an diesem Institut schon 3 Arbeitsgruppen existieren, die sich mit Extragalaktik beschäftigen…

    Aber leider wird auch die Wissenschaft viel stärker von persönlichen Befindlichkeiten regiert als es gut für sie ist.

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