Zu kurz gesprungen, Universitätskanzler!

BLOG: Über das Wissenschaftssystem

Betrachtungen von Menschen und Strukturen in Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen
Über das Wissenschaftssystem

Thesis[1] als bundesweit tätige, unabhängige Interessenvertretung der Promovierenden und Promovierten begrüßt die jüngste Äußerung der Bundessprecher der Vereinigung der Kanzlerinnen und Kanzler der Universitäten Deutschlands, auch bekannt als Bayreuther Erklärung, da sie im Diskurs um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Wissenschaftlern eine eindeutige Positionierung darstellt. Allerdings können wir den im zweiseitigen Papier geteilten Ansichten nicht zustimmen.

Denn sie zeigen, dass die Kanzlerinnen und Kanzler ihre Aufgabe einseitig interpretieren. Zwar ist eine nachhaltige Finanzierung der Hochschulen unstrittig notwendig, und die Ausbildung von wissenschaftlichem Personal eine der wichtigen Säulen der Aufgaben der Universitäten. Aber letzteres greift unserer Meinung nach eindeutig zu kurz: Der Auftrag der deutschen Universitäten ist es nicht nur, wissenschaftliches Personal auszubilden. Mit ihrer Position beziehen die Kanzler*innen einen Standpunkt, der eigene, universitäre Wettbewerbsposition schmälert. Augenscheinlich wird hier einer Kommerzialisierung des universitären Ausbildungsablauf, reduziert auf In- und Output der Studierenden und dann Graduierten, der Vorrang eingeräumt.

Aufgabe der Unis ist nicht nur Nachwuchs”produktion”

Vielmehr haben die Universitäten in Deutschland ein Aufgabenpaket: Lehre, Forschung und Ausbildung, d.h. zu wissenschaftlichen Entwicklungen beizutragen und den Erkenntnisgewinn in den jeweiligen Fachrichtungen voranzutreiben, und – last but not least – eine qualitativ hochwertige Hochschullehre sicherzustellen. Um diesem Aufgabenpaket auch in Zukunft gerecht zu werden besteht ein wachsender Bedarf an gut ausgebildetem wissenschaftlichen Personal in den universitären und außeruniversitären Einrichtungen. Dabei gilt es, idealerweise die für die Wissenschaft Geeignetsten (bzw. in den Worten des Wissenschaftsrates „die besten Köpfe“) zu halten – und nicht  vor allem diejenigen, die es sich leisten können, im internationalen Vergleich extrem lange Phasen der Unsicherheit und Unberechenbarkeit bis in das 40. bzw. 50. Lebensjahrzehnt hinein „durchzustehen“. Dies ist in den letzten Jahren oft nur bei entsprechender finanzieller Lage bzw. familiärer/sozialer Herkunft möglich, wie jüngste Studien zur Rolle von sozialem und wissenschaftlichem Kapital für den Berufungserfolg aufzeigen (vgl. Zimmer 2018[2]). – Dabei ist der Zugang zur Professur nach den vorliegenden über mehrere Jahrzehnte vergleichbaren Ergebnissen so sozial selektiv wie noch nie in den letzten 50 Jahren (vgl. Möller 2018[3])!

Um eine stärkere Leistungs- statt sozialer Selektion zu ermöglichen, sind – worauf von verschiedenen Seiten bereits vielfach hingewiesen wurde – attraktive Beschäftigungsbedingungen und berechenbare Karriereperspektiven zu einem deutlich früheren Zeitpunkt als bisher nötig (vgl. für einen Überblick z.B. Krempkow 2019[4]). Somit geht der Auftrag der Universitäten über das selbst gesetzte Ziel der Ausbildung von Wissenschaftlern hinaus und die Universitätskanzler*innen sind mit ihrer Bayreuther Erklärung deutlich zu kurz gesprungen.

Forderungen an die Uni-Kanzler

Wir fordern daher die Verbesserung der Beschäftigungsbedingungen, insbesondere für Postdocs auch in Form von Entfristungen. Dieses könnte (flankierend) beispielsweise in Form einer größeren Anzahl neu geschaffener Professuren erfolgen, wie sie die Junge Akademie in ihrem Departmentmodell fordert. Wir sind der Überzeugung, dass auch in Deutschland eine Erhöhung der Quote unbefristeter Beschäftigungsverhältnisse auf bis zu etwa 40 Prozent für promovierte Wissenschaftler*innen neben der Professur (wie auch in anderen europäischen Ländern wie z.B. Norwegen oder die Niederlande (vgl. Krempkow u.a. 2016[5]) keineswegs nachteilig für die Produktivität und Qualität des deutschen Wissenschaftssystems wäre.

Vielmehr wäre es, weitergedacht, für die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit insbesondere auf dieser Karrierestufe sogar ein großer Vorteil. Darüber hinaus halten wir eine allgemeine Stärkung des akademischen Mittelbaus für erforderlich, um den zahlreichen gewachsenen Aufgaben qualitativ und quantitativ gerecht zu werden: Es besteht dringender Bedarf an einer institutionellen Ausmodellierung einer Karrierelaufbahn auf „horizontaler Wissenschaftsebene“, was sich u.a. in den Stellenbeschreibungen für Wissenschaftsmanagement, Kollegkoordination und im Bereich Internationalisierung wiederspiegelt.

Hier spielt auch das Thema planbare Karrierewege und eine Verbesserung der Qualifizierungsbedingungen der Prädocs mit hinein. Wir werden uns als politisch unabhängige Interessenvertretung auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene weiterhin für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen an den Hochschulen einsetzen und im Auftrag unserer Mitglieder dazu beitragen, dass dadurch die Wissenschaft in Deutschland wettbewerbsfähig bleibt.

 

Referenzen:

[1] Der Beitrag wurde vom Verfasser gemeinsam erstellt mit Claudia S. Dobrinski, Anja Hagedorn und Frank Dietz, Vorstand und Geschäftsführung von Thesis e.V. – Interdisziplinäres Netzwerk für Promovierende und Promovierte (www.thesis.de).

[2] Zimmer, L. M. (2018): Das Kapital der Juniorprofessur. Einflussfaktoren bei der Berufung von der Junior- auf die Lebenszeitprofessur. Wiesbaden: Springer VS (Volltext in: https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-22726-5).

[3] Möller, C. (2018): Prekäre Wissenschaftskarrieren und die Illusion der Chancengleichheit. In:  Laufenberg, M./Erlemann, M./Norkus,M./Petschick, G. (Hrsg.): Prekäre Gleichstellung,  Geschlechtergerechtigkeit, soziale Ungleichheit und unsichere Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft. Wiesbaden: Springer VS (Volltext in: http://www.researchgate.net/publication/323754660).

[4] Krempkow, R. (2019): Wieviel zählt Leistung bei Berufungen, und wieviel Herkunft? In: Qualität in der Wissenschaft (QiW) 1/2019, S. 28-31. (Volltext in:  www.researchgate.net/publication/333163357).

[5] Krempkow, R./ Sembritzki, T./ Schürmann, R./ Winde, M. (2016): Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs 2016. Bedarf, Angebote und Perspektiven – eine empirische Bestandsaufnahme im Zeitvergleich. Berlin: Stifterverband (Hrsg.) (Volltext in: www.researchgate.net/publication/303946305).

René Krempkow

Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar. Derzeit ist er an der Humboldt-Universität zu Berlin in der Stabsstelle Qualitätsmanagement tätig, wo er u.a. ein hochschulweites Projekt zur Kompetenzerfassung leitet, sowie Sonderauswertungen der hochschulweiten Absolventenstudien. Er berät bereits seit über 15 Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

1 Kommentar

  1. Immer noch sehr rätselhaft, diese Kanzler*innen. Da scheint nur eine sehr vage Idee von Universität und gesellschaftlichen Zusammenhängen zu existieren
    Die Schaffung einer modernen Department-Struktur ist ein zentraler Schritt hin
    zu einem leistungsstarken und sozialverträglichen Wissenschaftssystem.
    Einen Studiengang Studiengangdesign haben sich Professoren und Hochschulen noch nicht ausgedacht. Eigentlich erstaunlich. Bei dem Bedarf.

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