Wissenschaftsmanagement als Beruf – eine Rezension

BLOG: Über das Wissenschaftssystem

Betrachtungen von Menschen und Strukturen in Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen
Über das Wissenschaftssystem

Manch eine*r im Wissenschaftssystem wird jetzt „zwischen den Jahren“ innehalten und angesichts anstehender oder überschrittener Deadlines für die Abgabe wissenschaftlicher Texte – die selbst bei höchster Qualität oft dennoch nicht die weitere Beschäftigung in der Wissenschaft sichern – darüber nachdenken, ob es nicht noch andere Perspektiven gibt als Wissenschaft als Beruf. Denn dies würde letztlich fast immer auf das Anstreben einer Professur hinauslaufen, und wie (un)wahrscheinlich eine Berufung ist und inwieweit dies etwas mit Leistung zu tun hat, dazu habe ich bereits früher hier berichtet. Heute soll es daher um die Vorstellung[1] eines in diesem Jahr erschienen Buches gehen, welches die Entscheidung für (oder auch gegen) den Einstieg in das sich in den letzten Jahren stark entwickelnde Berufsfeld des Wissenschaftsmanagements unterstützen möchte:

In dem Buch „Wissenschaftsmanagement als Beruf – Strategien für den Einstieg“ gibt die Autorin Mirjam Müller zusammen mit ihrem Co-Autor Oliver Grewe in praxisnaher, strukturierter und übersichtlicher Weise einen Überblick über das Berufsfeld Wissenschaftsmanagement und den Einstieg in das selbige. Gerichtet ist das Buch, wie auch ein vorhergehendes Buch, an Wissenschaftler*innen, die eine Karriere außerhalb der Wissenschaft planen. Aber es ist auch geeignet für Personalentwickler*innen sowie für Berater*innen von Nachwuchsforschenden an Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen, die sich einen Überblick über das weite Feld des Wissenschaftsmanagements verschaffen wollen.

Geeigneter Überblick über das weite Feld

Das Buch besticht durch seine Klarheit, gute Lesbarkeit und die Übersichtlichkeit der einzelnen Themen und Schritte. Es ist ein Handbuch, dessen Struktur einem das gezielte Lesen sehr erleichtert. Zitate, Beispiele und die Begleitung der fiktiven Wissenschaftlerin Hannah in ihrem Prozess der Orientierung, Bewerbung und Berufseinstieg ins Wissenschaftsmanagement machen dieses Buch zu einer angenehmen Lektüre.

Nach einer Einführung in den Inhalt und den Aufbau des Buches fasst das erste Kapitel in geradezu pionierhafter Weise die beruflichen Einsatz- und Tätigkeitsbereiche von Wissenschafts­manager*innen in sieben Oberkategorien zusammen (S. 22). Unter jeder Oberkategorie werden die dazugehörigen Tätigkeitsbereiche kurz beschrieben und die dafür notwendigen Vorerfahrungen und Kompetenzen gelistet. Dieses erste Kapitel ist auch für Hochschulforscher*innen hilfreich: Denn es fehlte in der Literatur bisher noch der Versuch, die vielfältigen Einsatzbereiche in übersichtlichen Kategorien darzustellen. Dass einzelne zentrale Player des Hochschul- und Wissenschafts­managements übersehen wurden, ist dem gegenüber leicht zu verschmerzen: So z.B. HIS-Hochschulentwicklung Hannover, was neben dem CHE (s. S. 78) eine wichtige Einrichtung für Beratung und Analysen im Hochschulmanagement ist; sowie der Standort Berlin des Stifterverbandes oder das Hochschulforum Digitalisierung als weitere in den letzten Jahren enorm gewachsene potentielle Arbeitgeber).

Im Arbeitsteil geht es um die konkrete Planung

Nach dem Einstieg ins Wissenschaftsmanagement folgt im zweiten Teil des Buches der „Arbeitsteil“ (S. 95 ff.): Hier geht es nun konkret um die Planung des Einstiegs ins Wissenschaftsmanagement. Sehr viel Wert legen die Autor*innen, beide als Coaches im Bereich Wissenschaft tätig, auf die Selbstreflektion der Leser*in. Insgesamt wird in fünf Schritten der Weg von der Entscheidung für das Wissenschaftsmanagement bis zum Einstieg und ersten Berufsjahren im Wissenschaftsmanagement dargestellt. Jeder einzelne Schritt wird von den Autor*innen wiederum in fünf Gliederungspunkten analog zu dem Weg und der Ausrüstung einer Wanderung durchgegangen. Zur Versinnbildlichung dient wieder die fiktive Doktorandin Hannah, die am Ende ihrer Promotion ihren weiteren Berufsweg eruiert. Als Leser*in findet man sehr konkrete Handlungsanweisungen und Hilfestellungen vor, um diese fünf Schritte auch im Alltag umzusetzen. Die Zweifel, Probleme und auch Rückschläge von Hannah auf ihrem Weg erhöhen die Identifikation der Leser*innen mit den hier vorgeschlagenen Arbeitsschritten und mindern Versagensängste.

An einigen Stellen wären zu den anschaulichen Beschreibungen von Einzelsituationen allerdings zusätzlich noch ausgewählte Zahlen und Fakten nützlich gewesen, z.B. bei den Arbeitsbedingungen (S. 83f.), zur beruflichen Zufriedenheit und zu Einschätzungen konkreter Aspekte des Berufes durch das Wissenschaftsmanagement (vgl. z.B. Banscherus u.a. 2017) – idealerweise im Vergleich zur Situation in Wissenschaft und Privatwirtschaft. Ähnlich gälte dies auch für die Familienfreundlichkeit im Wissenschaftsmanagement (S. 88); Letzteres ist den Autor*innen allerdings nicht anzulasten, da es dazu bislang noch keine bundesweiten empirischen Ergebnisse für das Wissenschaftsmanagement gibt (anders als für die Wissenschaft und die Privatwirtschaft – vgl. Krempkow/Sembritzki 2020). Vielmehr werden solche Ergebnisse im Projekt „KaWuM – Karrierewege und Qualifikationsanforderungen im Wissenschafts- und Hochschul-Management“  derzeit gerade erst erarbeitet (vgl. Krempkow u.a. 2019,  2020).

Überblick über Bewerbungen und Berufseinstieg

Im letzten Drittel des Buches geben zwei weitere Kapitel dann in übersichtlicher Weise einen Überblick über Bewerbungen (S. 160ff.) und Berufseinstieg (S. 181ff.). Viele der Ratschläge für das Wissenschaftsmanagement gelten sicherlich auch für andere Tätigkeitsbereiche (z.B. Vorbereitungen auf ein Bewerbungsgespräch), machen die Lektüre aber nicht weniger interessant und beinhalten auch für die etablierteren Leser*innen interessante Aspekte.

Auch für etablierte Leser*innen interessant

Auch der Anhang ist zu diesem Buch noch lobend zu erwähnen. Er enthält übersichtlich zusammengefasst nicht nur alle denkbaren Informationen zum Bereich Wissenschaftsmanagement allgemein, sondern diese auch zusätzlich aufbereitet für die im ersten Teil des Buches definierten Bereiche: Zeitschriften, Newsletter, Berufsverbände, Weiterbildungen und Studiengänge, Stellenbörsen, Coachingangebote und Literatur zum Berufseinstieg. Zur Veranschaulichung der großen Breite an Vernetzungsmöglichkeiten in Berufsverbänden, deren Nutzung empfohlen wird (S. 202), könnten in evtl. künftigen Auflagen des Buches noch Beispiele aus allen Bereichen bzw. zumindest zu den größeren ergänzt werden, so z.B. das Netzwerk Wissenschaftsmanagement (NWM) und FORTRAMA – das Netzwerk für Forschungs- und Transfermanagement e.V..[2]

Zusammenfassend ist dies ein Buch, das sich nicht nur für Einsteiger oder Berufswechsler eignet, sondern für alle, die sich für das Wissenschaftsmanagement interessieren und ein Nachschlagewerk für das Wissenschaftsmanagement benötigen.

Das Buch: Mirjam Müller/Oliver Grewe: Wissenschaftsmanagement als Beruf. Strategien für den Einstieg. Campus Verlag, Frankfurt a.M., 2020, ISBN 9783593512068, 240 Seiten, € 24,95

 

Weitere zitierte Literatur:

Banscherus, U./ Baumgärtner, A./ Böhm, U./ Golubchhykova, O./ Schmitt, S. & Wolter, A. (2017): Wandel der Arbeit in Wissenschaftsunterstützenden Bereichen an Hochschulen. Hochschulreformen und Verwaltungsmodernisierung aus Sicht der Beschäftigten. Stuttgart: Hans Böckler Stiftung.

Krempkow, R./ Harris-Huemmert, S./ Hölscher, M. & Janson, K. (2019): Was ist die Rolle des Hochschul- und Wissenschaftsmanagements bei der Entwicklung von Hochschulen als Organisation?  In: Personal- und Organisationsentwicklung – P-OE 1/2019, S. 6-15. Volltext in URL: www.researchgate.net/publication/336170787

Krempkow, R./ Höhle, E. & Janson, K. (2020): Netzwerke im Wissenschaftsmanagement. Ergebnisse aus dem KaWuM-Survey. Online Akademie des NWM, 16.9.2020: www.researchgate.net/publication/344266502.

Krempkow, R. & Sembritzki, T. (2020): Die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie aus Sicht von Hochschulen und Nachwuchsforschenden in Deutschland – Was kann noch getan werden? In: Personal in Hochschule und Wissenschaft entwickeln, S. 80-98. (Kurzfassung hier als Blogbeitrag)

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[1] Diese Rezension wurde gemeinsam von Kerstin Janson und mir erstellt und erschien zuerst in der Zeitschrift Qualität in der Wissenschaft (QiW Nr. 3/2020) und in der Zeitschrift Das Hochschulwesen (HSW Nr. 3/2020).

[2] Sie werden bislang nur im Anhang des vorgestellten Buches z.B. im Bereich Finanzierung bzw. als Weiterbildungsanbieter erwähnt.

 

 

Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar. Derzeit ist er an der Humboldt-Universität zu Berlin in der Stabsstelle Qualitätsmanagement tätig, wo er u.a. ein hochschulweites Projekt zur Kompetenzerfassung leitet, sowie Sonderauswertungen der hochschulweiten Absolventenstudien. Er berät bereits seit über 15 Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

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