Wie Lehrende Online-Lehre lieben lernten. Empirische Untersuchungen im Kontext der Hochschullehre in Corona-Zeiten

BLOG: Über das Wissenschaftssystem

Betrachtungen von Menschen und Strukturen in Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen
Über das Wissenschaftssystem

In letzter Zeit mehrten sich Forderungen, die deutschen Hochschulen sollten sich zu einer Rückkehr zum Präsenzstudium bekennen.[1] Und der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Peter-André Alt, schreibt in seiner Entgegnung darauf: “Damit es ab September bzw. Oktober wirklich losgehen kann mit einem weitgehend normalen Semester, müssen die Studierenden wieder an die Hochschulorte zurückkehren. Das sollten sie in jedem Fall tun, selbst wenn einzelne Veranstaltungen auch im Wintersemester noch virtuell stattfinden werden.” 

Lehre künftig wieder fast nur noch in Präsenz?

Doch wenn tatsächlich nur einzelne Veranstaltungen auch im Wintersemester noch virtuell stattfinden würden, wäre dies nicht nur aus Perspektive vieler Studierender schade um die überwiegend gut funktionierende digitale Lehre in großen Lehrveranstaltungen. Vielmehr gilt dies auch aus der Perspektive von Lehrenden: Denn anders als in vielen Medien bislang oft veröffentlichte Einschätzungen von Verbandsvertreter*innen oder einzelnen Professor*innen zeigt eine empirische Analyse exemplarisch anhand der Universität Potsdam mit dem Titel “Vom Zwang zum Drang?”, wie “Lehrende die Online-Lehre (zu lieben) lernten”.

Die Analyse erschien vor wenigen Wochen als wissenschaftlicher Artikel im Rahmen eines Themenschwerpunktheftes der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift “Qualität in der Wissenschaft” (QiW), die ich mit herausgebe, und das sich schwerpunktmäßig der Frage widmet, welche Erfahrungen im Rahmen der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Umstellung auf digitale Lehr- und Lernformen gemacht wurden. Dieses Thema schließt grundsätzlich an den auch an anderer Stelle geführten Diskurs um die Frage nach der Zufriedenheit Studierender mit der Digitalisierung der Lehre an (siehe auch früheren Blogbeitrag dazu). Es geht insofern darüber hinaus, als insbesondere die Perspektive der Lehrenden Berücksichtigung findet bzw. kontrastierend zu den Erfahrungen Studierender dargestellt wird. Die empirische Befassung mit der ad hoc zu leistenden Digitalisierung der Lehr- und Lernprozesse diente vielen Hochschulen in erster Linie dazu, Lehre und Unterstützungsstrukturen weiterzuentwickeln. Die vorliegenden Beiträge gehen nun auch insofern darüber hinaus, als sie die häufig als überraschend positiv wahrgenommenen Umsetzungsschritte und Erfahrungen kontextualisieren, um erste Hinweise auf mögliche Bedingungsfaktoren zu erhalten. Sie gehen damit auch auf Monita des Wissenschaftsrates (2017, S. 13) ein, der in seinem Papier zu Strategien für die Lehre formulierte (siehe Kurzvorstellung hier im Blog): “Zum einen werden die Strukturen und Instrumente zur Förderung der Lehre von den meisten Hochschulen nicht systematisch erfasst bzw. für Dritte zugänglich gemacht und es sind bisher selten entsprechende Monitoring-Systeme vorhanden.”

Haltung Lehrender zu digitalen Lehr- und Lernformaten positiv verändert

Im einzelnen berichten Sophia Albrecht, Benjamin Apostolow und Thi To-Uyen Nguyen in ihrem Beitrag “Vom Zwang zum Drang? Wie Lehrende die Online-Lehre (zu lieben) lernten” zentrale Ergebnisse einer Lehrendenbefragung zu Erfahrungen mit der Corona bedingten Digitalisierung der Lehre an der Universität Potsdam. Sie können hierbei auf Ergebnisse von zwei Befragungen zurückgreifen, die im Sommersemester 2020 und im darauf folgenden Wintersemester durchgeführt wurden. Als wesentliche Ergebnisse kann u.a. festgehalten werden, dass sich die Einstellung bzw. Haltung der Lehrenden zu digitalen Lehr- und Lernformaten positiv verändert hat. Dies spiegelt sich darin, dass Lehrende der perspektivischen Nutzung digitaler Lehrformen offener gegenüberstehen und zunehmende Routinen entwickelt haben, die auch zu einer Reduzierung des Arbeitsaufwands führten. Entsprechende Effekte zeigen sich insbesondere im Hinblick auf die Einarbeitung in die digitale Technik und den Umgang mit technischen Problemen, aber auch bzgl. der Neukonzeption von Lehrveranstaltungen, was darauf hindeutet,dass sich erste Synergieeffekte zeigen.

Lehrende wie auch Studierende insgesamt zufrieden mit digitaler Lehre

In einem weiteren Beitrag kontrastieren Uwe Schmidt, Franziska Schmidt und Nicole Becker die Perspektive Studierender und Lehrender im Kontext der durch die Corona-Pandemie bedingten Umstellung auf Lehren und Lernen in digitalen Formaten. Entlang eines systemtheoretischen Erklärungsmodells werden hierbei vier zentrale Dimensionen (Einstellungen zu digitaler Lehre bzw. digitalem Lernen, Nutzung und Umsetzung der Lehr-Lern-Szenarien, Erreichung der Lehr- und Lernziele und vorhandene personelle und sächliche Ressourcen) identifiziert, die in ihrem Zusammenspiel die Gesamteinschätzung zum digitalen Semester erklären sollen. Als wesentliche Gesamtergebnisse können festgehalten werden, dass Lehrende wie auch Studierende sich insgesamt zufrieden im Hinblick auf die Realisierung der digitalen Lehre wie auch das Erreichen ihrer Lehr- und Lernziele zeigen, aber Studierende sowie Lehrende mit Kinderbetreuungsaufgaben die Off-Campus-Situation als belastend wahr -nehmen. Neben diesen Aspekten zeigen sich fachgruppenspezifische Unterschiede sowie Effekte auf die Gesamtzufriedenheit, die von allen zugrunde gelegten Ebenen des skizzierten Modells ausgehen

Weiterführende Info: Themenschwerpunktheft der Qualität in der Wissenschaft (QiW), Nr. 2/2021: “Empirische Untersuchungen im Kontext der Hochschullehre in Corona-Zeiten. Zu Inhaltsübersicht und Bestellmöglichkeit gehts hier.

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[1] P.S.: Einige Tage nach Veröffentlichung dieses Blogbeitrags hieß es auch seitens der Kultusministerkonferenz, der Präsenzbetrieb müsse “unter Berücksichtigung der jeweiligen Bedingungen und Gegebenheiten vor Ort” wieder zum Regelfall werden, wie u.a. im Wiarda-Blog berichtet wurde. Weiter hieß es dort, die deutschen Hochschulen hätten seit März 2020 mit höchstem Einsatz und größter Anpassungsfähigkeit auf die Herausforderungen der Pandemie reagiert und die Grundlagen für “zukunftsweisende digitale Lehre und eine Forschung unter völlig veränderten Bedingungen” gelegt. Von diesem digitalen Entwicklungsschub werde die Hochschullehre auch künftig massiv profitieren. Doch müsse man jetzt zurück zum Präsenzstudium, denn das Studieren, Lehren und Forschen lebe vom direkten Kontakt und Austausch. In Richtung Bundesregierung mahnten die Kultusminister, für das Studium vor Ort benötigten die Hochschulen Planungssicherheit. “Der noch im Vierten Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite vorgesehene Mechanismus, Präsenzveranstaltungen bei Überschreiten bestimmter Inzidenzwerte zu untersagen, mindert diese Planungssicherheit erheblich.” Gerade für Studienanfänger, Abschlussjahrgänge und bei Lehrveranstaltungen mit hohem diskursivem oder praktischem Anteil müsse ein Studium in Präsenz möglich sein. Gleichzeitig müssten der digitale Innovationsschub und die Erkenntnisse aus den vergangenen Semestern genützt werden, um das Zusammenspiel von virtuellen und Präsenzformaten weiterzuentwickeln und nachhaltige Arbeitsweisen zu befördern.

Letzteres – so hoffe (auch) ich  – schließt dann ein bewusstes Abwägen der Vor- und Nachteile von virtuellen und Präsenzformaten ein und sollte dort, wo es es didaktischen und anderen Gründen sinnvoll erscheint, zum Weiterführen und bei noch vorhandenem Potenzial ggf. zum Weiterentwickeln virtueller Formate führen, wie es z.B. für bestimmte Großveranstaltungen von vielen Studierenden und auch Lehrenden gewünscht wird.

 

Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar. Derzeit ist er an der Humboldt-Universität zu Berlin in der Stabsstelle Qualitätsmanagement tätig, wo er u.a. ein hochschulweites Projekt zur Kompetenzerfassung leitet, sowie Sonderauswertungen der hochschulweiten Absolventenstudien. Er berät bereits seit über 15 Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

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