Qualität der Nachwuchsförderung und die kooperative Promotion

BLOG: Über das Wissenschaftssystem

Betrachtungen von Menschen und Strukturen in Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen
Über das Wissenschaftssystem

Wenn es um die kooperative Promotion und um ein Promotionsrecht an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) bzw. Fachhochschulen (FH) geht, werden immer wieder Fragen nach der Qualität der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung gestellt. In der Diskussion findet sich ein breites Spektrum an Standpunkten aus der Wissenschaft und der Wissenschaftspolitik. Sie beziehen sich im Wesentlichen auf die Forschungskompetenz an HAW/FH und damit auf die Grundvoraussetzungen, welche Betreuung und Rahmenbedingungen Promovierende benötigen. Ebenso wird gefragt, welche FH-Absolvent*innen Chancen an Universitäten haben, zur Promotion zugelassen zu werden und inwiefern Hürden für sie auf- oder abgebaut werden müssen. Schließlich wird darüber debattiert, wer bei kooperativen Promotionen die (Haupt-)Betreuungsleistung erbringt.

Thema trifft sensible Punkte im akademischen Selbstverständnis

Alle diese Fragen von den Zulassungsvoraussetzungen über die Prozessqualität bis hin zu Rahmenbedingungen der kooperativen Promotion und des FH-Promotionsrechts beziehen sich auf die Qualität der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung. Das Thema trifft sensible Punkte im akademischen Selbstverständnis und rührt an lang gepflegten Traditionen. Empirische Daten und Fakten stehen nicht immer im Zentrum der Debatte.

Hier setzt ein aktuelles Doppelheft der Zeitschrift „Qualität in der Wissenschaft – QiW“ an (Nr. 3+4/2022), dessen Themenschwerpunkt ich daher hier vorstellen möchte.[1] Die Beiträge des Themenheftes[2] zeigen auf der Basis von verfügbaren empirischen Daten, wie sich eine stärker evidenzbasierte Diskussion entwickeln kann und welche Ansatzpunkte sich für Maßnahmen zur Verbesserung bzw. Sicherung der Qualität anbieten. Noch vorhandene Unzulänglichkeiten in der empirischen Datenlage werden dabei nicht übergangen und Hinweise auf Forschungslücken werden gegeben. Ironischerweise kann man feststellen, dass Universitäten mitunter Qualitätsmaßstäbe für ein Promotionsrecht an HAW/FH einfordern, welche selbst ihre eigenen Fakultäten nicht immer erfüllen. Im Ringen um Exklusivrechte könnte dies dazu führen, dass sich das Promotionswesen deutlich verändert. Aus der Perspektive der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung sollte jedoch entscheidend sein, welche Qualität dabei entsteht.

Unterschiedliche Perspektiven auf das Thema

In dem Themenheft werden unterschiedliche Perspektiven auf das Thema dargelegt. Die Beiträge argumentieren sowohl aus Sicht von Universitäten als auch von HAW/FH und berücksichtigen Entscheidungskompetenzen auf Landes- und auf Bundesebene. Sie setzen Impulse für die Qualitätssicherung (auch) der kooperativen Promotion auf Basis empirischer Befunde, werten Daten über Zugangschancen zur Promotion für FH-Absolvent*innen aus, ermitteln, welche Chancen Menschen mit einem Migrationshintergrund auf eine Promotion haben und vergleichen die Situation in Deutschland mit der Schweiz und Großbritannien. Unter anderem durch Ländervergleiche gibt es schließlich auch Anregungen für die Praxis der Personalentwicklung an Hochschulen. Nachfolgend werden die einzelnen Beiträge des Themenschwerpunktheftes kurz zusammengefasst vorgestellt:

Die einzelnen Beiträge

Der erste Beitrag von Antje Wegner diskutiert, dass das eigenständige Promotionsrecht von HAW/FH, welches zum Teil in Promotionszentren verankert wird, zwar mit dem Nachweis der Forschungsstärke verknüpft ist, Ansätze für ein systematisches Monitoring und eine Qualitätssicherung der Promotionen sich jedoch kaum finden. Sie schlägt vor, an welche Kriterien ein solches Monitoring und die Qualitätssicherung des Promotionswesens an HAWs anschlussfähig sein sollte, und gibt einen Überblick über Datenquellen, die hierfür herangezogen werden können.

Anne König stellt eine Auswertung von Daten der amtlichen Statistik bezüglich der Zugangschancen zur Promotion für FH-Absolvent*innen am Beispiel des Bundeslandes Berlin vor. Demnach kam nur ein Prozent der Promovierenden in Berlin von den landeseigenen HAW, während 30 Prozent aller Berliner Masterabsolventen ihren Abschluss an den HAW machten. Sie leitet daraus ab, dass das bis vor kurzem geltende Promotionsrecht soziale Ungleichheiten verstärkte. Ein HAW-Promotionsrecht für forschungsstarke Bereiche und für Forschungsgebiete, die es an Universitäten nicht gibt, sei überfällig und auch sozial gerechter. Inzwischen hat auch Berlin die gesetzliche Grundlage für ein HAW-Promotionsrecht geschaffen. Es befindet sich derzeit in der Umsetzung.

Axel Gürtler und René Krempkow nehmen darauf Bezug, dass Diversität und Chancengerechtigkeit in der Wissenschaft wichtiger geworden sind.[3] Bei der Vorstellung des jüngsten Bundesberichtes Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN 2021) war Chancengerechtigkeit z.B. ein Schwerpunktthema. Dennoch wurden kaum empirische Daten in diese Diskussion einbezogen. THESIS, das interdisziplinäre Netzwerk für Promovierende und Promovierte, hat sich anhand jüngerer empirischer Daten mit diesem Themenbereich auseinandergesetzt und sechs Thesen zur Erhöhung der Chancengerechtigkeit formuliert, die hier vorgestellt werden.

Kinder mit Migrationshintergrund haben es im Bildungssystem insgesamt schwerer. Sie müssen sich an neue Gegebenheiten gewöhnen, eine neue Sprache erlernen und sich integrieren, doch nicht alle Herkunftsländer sind miteinander vergleichbar, denn in manchen Ländern wird Bildung als Gut höher angesehen, als bei anderen. In seinem Beitrag zum „Migrations-Bildungstrichter“ reflektiert René Krempkow über verschiedene Statistiken, die Aufschluss darüber geben können, wie gut Kinder mit Migrationshintergrund in ihren Bildungswegen bis hin zur Promotion zurechtkommen. Personen mit Migrationshintergrund sind benachteiligt, was auch im Hochschulsystem zu sehen ist. Er schlussfolgert, dass es noch einige Maßnahmen zur Unterstützung dieser Personengruppe geben müsste, um mehr Bildungsgerechtigkeit zu erreichen.

Paul-Hermann Balduf und Alexandra Glück fassen in ihrem Kurzbeitrag die Ergebnisse zweier Online-Umfragen zusammen, die sie unter Promovierenden der Humboldt-Universität zu Berlin für das Promovierendennetzwerk HU-Docs e.V. in den Corona-Pandemiejahren 2020 und 2021 durchgeführt haben. Ein besonderer Fokus lag dabei auf dem Einfluss der Anbindung an die Universität in Kombination mit der Finanzierung der Promotion. Stellenweise wurden die aus der Umfrage erworbenen Erkenntnisse bereits von der Humboldt-Universität zu Berlin zur Verbesserung der Unterstützungsangebote aufgegriffen. In der geplanten Folgeumfrage können die Effekte der ergriffenen Maßnahmen untersucht werden.

Blick in die Schweiz und Großbritannien

Mit seinem Blick in die Schweiz stellt Christian Leder kooperative Promotionen als einen pragmatischen Kompromiss vor. Durch einen Rückblick zu den Anfängen der Schweizer Fachhochschulen und der Genese der dort zu erwerbenden Studienabschlüsse stellt er die Besonderheiten insbesondere der Kunsthochschulen und Pädagogischen Hochschulen in der Schweiz vor. Dabei spannt er den Bogen von den ersten gemeinsamen Doktoratsprogrammen im Bereich Fachdidaktik zu den heutigen kooperativen Doktoratsprogrammen und erläutert die aktuellen Akzeptanz- und Koordinationsprobleme sowie absehbaren Entwicklungen im Vergleich zu den Entwicklungen in der Bundesrepublik.

In ihrem Beitrag zeigt Gina Wisker den qualitätsgesicherten Ablauf einer typischen Promotion in Großbritannien – von der Bewerbung bis hin zur mündlichen Prüfung. Hierfür nimmt sie einen fiktiven Promovenden – Matt – als Beispiel. Ein besonderes Qualitätsmerkmal im Ausland ist, dass Betreuer*innen von Promotionen keine Prüfer*innen sein dürfen, und inzwischen sind auch zwei Personen für die Betreuung dort zu einem Qualitätsstandard geworden. Abhängigkeiten, wie sie noch in Deutschland häufig vorhanden sind, werden durch diese strikte Trennung der Rollen verhindert.

…und eine Perspektive aus der Praxis der Personalentwicklung

Jana Gieselmann fasst in ihrem Bericht aus der Praxis zusammen, wie auf die Anforderungen von kooperativ betreuten Promotionen bislang von Seiten der Hochschulen und Universitäten reagiert wurde. So gibt es zwar Personalentwicklungsmaßnahmen für die Promotionsbetreuung oder Angebote zur Förderung des Nachwuchses. Sie geht aber der Frage nach, inwieweit sie spezifischer werden müssten, weil Wissenschaftler:innen an HAWs mitunter weniger Anschlüsse an Forschungsnetzwerke und -communities finden oder eine stärkere Einbindung in die Lehre erfahren und spezifischere Probleme von Orientierungslosigkeit und Überforderung entstehen können.

Fazit

Insgesamt liegt der Fokus der Beiträge damit auf der möglichst evidenzbasierten Verbesserung bzw. Sicherung der Qualität im Feld der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung. Damit unterscheidet sich dieses QiW-Doppelheft von einem ebenfalls in Kürze zu erscheinen geplanten Heft der Schwesterzeitschrift „Das Hochschulwesen“ (HSW) zu einem ähnlichen Thema, dessen Fokus aber woanders liegt: Die hier gestellten Qualitätsfragen ergänzt das HSW durch eine Aufarbeitung von Themen und Fragen, die auf einer wissenschaftspolitischen und -rechtlichen Ebene liegen. Die Koinzidenz, dass sowohl die QiW als auch das HSW Schwerpunkthefte zum Promotionswesen herausgeben, zeigt, wie wichtig dieses Thema geworden ist.  

Das hier vorgestellte QiW-Doppelheft dürfte insbesondere interessant sein für Leser*innen, die sich mit der Qualität der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung an Universitäten und HAW/FH befassen, aber auch für alle, die deren Weiterentwicklung z.B. in Fachverbänden oder der Wissenschaftspolitik voranbringen wollen.

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[1] Siehe auch https://www.universitaetsverlagwebler.de/qiw. Über diese Webseite können auch einzelne Hefte bestellt werden. 

[2] Dieser Beitrag ist eine überarbeitete Fassung des Vorworts der Herausgeber*innen des Themenheftes. Neben mir waren dies Susan Harris-Huemmert, Ines Langemeyer und Sabine Hunke, denen ich herzlich dafür danke.

[3] Siehe auch den Scilogs-Beitrag dazu.

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Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar; sowie an der HU Berlin u.a. ein hochschulweites Projekt zur Kompetenzerfassung, sowie Sonderauswertungen der hochschulweiten Absolventenstudien. Derzeit ist er an der HTW Berlin im Curriculum Innovation HUB für die Wirkungsanalysen und Evaluation zuständig, Er berät bereits seit über 20 Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

1 Kommentar

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