Was wollen Parteien für den wissenschaftlichen Nachwuchs tun?

BLOG: Über das Wissenschaftssystem

Betrachtungen von Menschen und Strukturen in Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen
Über das Wissenschaftssystem

Am 26. September finden die Bundestagswahlen 2021 statt. Bei diesen Wahlen werden auch im Bereich Wissenschaftspolitik Weichen gestellt, die für Forschende, und darunter insbesondere die ca. 200.000 Promovierenden und ca. 300.000 Promovierten in der Wissenschaft unter 45 Jahren entscheidend sind. In einer gemeinsamen Initiative haben Netzwerke von Promovierenden und Promovierten-Vertretungen aus der universitären und nicht-universitären Forschung in Deutschland daher Wahlprüfsteine zur Wissenschaftspolitik erstellt mit Fragen, die für den wissenschaftlichen Nachwuchs relevant sind.

Die Bundestagsfraktionen der Parteien wurden hierfür in der Zeit von Mai bis Juli 2021 mit der Bitte angeschrieben[1], die Fragenkataloge ausgefüllt zurückzuschicken.[2] Bis 16. August war ein Großteil der Antworten eingetroffen. Die Parteien, von denen keine Antworten vorlagen, wurden noch einmal angeschrieben mit der Bitte, bis zur Ausschlussfrist 23. August die Fragen zu beantworten. Die Antworten auf die Abfrage wurden nun in einem gemeinsamen Bericht der beteiligten Netzwerke veröffentlicht, um Promovierenden eine Hilfestellung bei ihrer Wahlentscheidung zu geben. Die Antworten werden darin sowohl wörtlich wiedergegeben, aber auch in einer handlichen, im Ton neutralen Zusammenfassung aufbereitet. Die Themenbereiche der Fragen reichten von Rahmenbedingungen der Promotion über Karriere in der Wissenschaft, Diversität und Gesundheit, wissenschaflicher Austausch bzw. Wissenschaftskommunikation bis hin zu Wissenschaft in der Gesellschaft und Wissenschaftspolitik.

THESIS e.V., das interdisziplinäre Netzwerk für Promovierende und Promovierte, das ich in dieser Sache unterstütze (s. früheren Blogbeitrag), hat hierbei den Fragenblock IV mit Fragen zum Themenbereich Diversität und Gesundheit hauptverantwortlich übernommen, dessen Auswertung hier etwas ausführlicher als im Bericht vorgestellt wird. In den ersten drei Fragen ging es dabei um ein ausgeglicheneres Verhältnis von Frauen und Männern, Ansatzpunkte zur Steigerung von Diversität über das Geschlecht hinaus, und um die Förderung von Promovierenden aus Familien ohne akademischen Hintergrund. Die darauffolgenden Fragen handelten davon, was die Partei für die Vereinbarkeit von Wissenschaft mit Familie und mit Einschränkungen durch chronischen Erkrankung oder einer Behinderung tun möchte; sowie welchen Handlungsbedarf sie im Bereich „mental health” im Wissenschaftsbetrieb sieht, sowie Inklusion. Ich versuche hier nun zusammenzufassen, was die Parteien antworteten (hier alle außer der AFD, die dies absagte) und worauf sie dabei (nicht) eingingen. Dies geschieht jeweils in der Reihenfolge ihrer Stärke der Bundestagsfraktionen. 

Ausgeglicheneres Verhältnis von Frauen und Männern

Angesichts des (eingangs der Frage erwähnten) bei Promovierenden noch relativ ausgeglichenen und dann mit fortscheitender Karrierestufe deutlich abnehmenden Frauenanteils befürworten zwar im Grunde alle Parteien einen stärker ausgeglichenen Frauenanteil in der Wissenschaft als Ziel. Allerdings tun sie dies sehr unterschiedlich konkret: Der Grad der Konkretheit reicht von allgemein Sich-weiterhin-dafür-Einsetzen bis hin zu festen Frauenquoten.

Die größte Bundestagsfraktion setzt sich „daher weiterhin für Chancengerechtigkeit ein“ (CDU/CSU), die zweitgrößte will „den Frauenanteil in der Wissenschaft weiter stärken“ (SPD), und die nächstgrößte Antwortende sieht ihn zumindest als „deutlich zu gering, (…) insbesondere in Führungspositionen und vor allem in MINT-Fächern“ (FDP). Oder aber sie will „eine 50-prozentige Frauenquote auf jeder Karrierestufe durchsetzen“ (Linke), bzw. „einen Frauenanteil von mindestens 40 Prozent auf allen Ebenen der Wissenschaft durch die Einführung konkreter Zielquoten und eines verbindlichen Kaskadenmodells“ (Bündnis 90/Die Grünen). 

Auf die Fragen: „Wie möchten Sie hier zu einem ausgeglicheneren Verhältnis kommen?“[3], schreiben sie als konkrete Maßnahmen: Bei Bund-Länder-Vereinbarungen zu Personalfragen „verankern wir verpflichtend die Qualität von Konzepten zur professionellen Personalentwicklung und zur Chancengleichheit in der Wissenschaft“ (CDU/CSU) und das „Professorinnen-Programm werden CDU und CSU fortführen“. Die SDP will im „Gesetz für Gute Arbeit in der Wissenschaft ein Jahr nach der Promotion entweder eine Aussicht auf ein Tenure-Track oder eine unbefristete Stelle im Mittelbau eröffnen“, „das Professorinnen-Programm stärken, indem wir es auf die Förderung auf Qualifikationsstufen vor der Professur erweitern“ und „sicherstellen, dass die Vergabe von Tenure-Track-Professuren quotiert erfolgt“. Die FDP nennt z.B. „eine bessere Kinderbetreuung an Hochschulen“ und „Arbeitsmodelle wie geteilte Führung“. Die Linke will „das Professorinnen-Programm zu einem Programm für die Förderung von Frauen auf allen Karrierestufen weiterentwickeln“, „das Tenure-Track-Programm verbessern“, „die Entfristung von Stellen in der Qualifizierungsphase im wissenschaftlichen Betrieb vorantreiben und Führungsaufgaben auch in Teilzeit möglich machen“, dass „bedarfsgerechte, qualitativ hochwertige Betreuungseinrichtungen ausgebaut werden“, „die Förderung intelligenter Datenbanken, die marginalisierte Gruppen sichtbarer machen sollen“ und dass „Gleichstellungsbüros finanziell und personell besser ausgestattet werden“. Die Grünen wollen „das Professorinnen-Programm ausbauen und eine Strategie für die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Wissenschaftsbereich auflegen“, sowie „einen Fortschrittsbericht zu Diversität in der Wissenschaft vorlegen“.

Zusätzliche Ansatzpunkte zur Steigerung der Diversität in der Wissenschaft

Hier sehen alle Parteien zwar zusätzliche Ansatzpunkte, das Spektrum bzgl. konkreter Vorhaben ist aller­dings sehr breit. Es reicht vom allgemeinem Wunsch, ein diversitätsfreundliches Umfeld zu schaffen und bessere Begleitung, über den Vorschlag von (Strategieentwicklungs-)Maßnahmen lediglich für Begabtenförderwerke, bis hin zu Migrantenquoten und dass Diskriminierung intersektional gedacht wird; bzw. Bildungsprogrammen zu Antidiskriminierung, Diversität und LSBTIQ+.

CDU/CSU wollen, dass es gelingt „an den Hochschulen ein Umfeld zu schaffen, in dem Diversität Karrieren begünstigt, anstatt sie zu behindern“. Konkret setzen sie „dabei auf Anreize und positive Beispiele“ und verweisen auf die Verlängerungsmöglichkeiten für die Befristung von Verträgen im WissZeitVG bei Behinderung oder chronischer Erkrankung. Die SPD schreibt, „wer die entsprechenden Leistungsvoraussetzungen mitbringt, soll (…) auf diesem Weg besser begleitet werden“, „mit Graduiertenschulen wollen wir (…) individuelle Begleitung der Promotion und interdisziplinärer Austausch“; und „als Voraussetzung für Diversität in der Wissenschaft“ durch „die umfassende Ausweitung des BAföG wollen wir auch die Diversität an den Hochschulen insgesamt befördern“. Die FDP sieht Migrationshintergrund, soziale Herkunft, eine Behinderung oder ein weniger akademisch geprägtes Umfeld als Hürde für eine wissenschaftliche Karriere, und sie „wollen das ändern“. Als konkrete Maßnahme schreibt sie: „Gemeinsam mit den Begabtenförderungswerken wollen wir eine Strategie erarbeiten, wie die Stipendien für mehr Bildungsaufsteiger geöffnet werden können“, und erwähnt dafür „gezielte Bewerberansprache bis zur Sensibilisierung der Auswahlkomitees“ als Best Practices. Die Linke will „für Menschen mit Behinderung die Möglichkeit von Arbeits- und Bildungsassistenz, (..) eine Quote, um den Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung zu erhöhen, (…) eine stärkere Sensibilisierung der Verwaltung für antirassistisches Handeln, (…) die Anerkennung einer gelebten geschlechtlichen Vielfalt“, sowie dass „Diskriminierung intersektional gedacht wird“. Die Grünen wollen „durch die gezielte Förderung von Diversität im Wissenschaftssystem, Förderformate für Diversitäts- und Antidiskriminierungspolitik und Inklusion“, Barrierefreiheit „sowohl bei der Modernisierung der Infrastrukturen des Wissens wie auch der IT-Ausstattung, (…) das BAföG neu aufsetzen und zu einer Grundsicherung für alle Studierenden umbauen, (…) gemeinsam mit den Ländern Ansprechpersonen und Bildungsprogramme zu Antidiskriminierung, Diversität und LSBTIQ+ unterstützen.

Förderung von Promovierenden aus Familien ohne akademischen Hintergrund

Zu diesem Thema gehen die Antworten wohl am deutlichsten auseinander. Hier reicht das Spektrum von einer Behauptung von Exzellenz ohne Eingehen auf empirische Daten, über die Konzentration vorgeschlagener Maßnahmen auf Graduiertenschulen und BAFöG-Ausweitung, weiter über Aufstiegspatenschaften, Dauerstellen für Daueraufgaben sowie Mittelbau und Promotionsrecht für FH, bis hin zu einer Grundsicherung als Teil von Diversitätsförderung.

So schreiben CDU/CSU trotz der als Link zur Frage angegebenen empirischen Evidenzen zur sozialen statt Leistungs-Selektivität auch von der Promotion bis hin zur Berufungswahrscheinlichkeit: „In der Wissenschaft zählt nicht die Herkunft, sondern die Exzellenz. (…) Dennoch gibt es Möglichkeiten, die in der Frage angesprochene Gruppe zu unterstützen: Netzwerke und Mentoring-Maßnahmen von Alumni (…).“ Ansonsten verweisen sie v.a. darauf, es „muss viel früher angesetzt werden“, und auf das Angebot ganztägiger Krippen, Kitas und Schulen. Die SPD schreibt, sie wolle „die individuelle Förderung von Promovierenden in Graduiertenschulen stärken“, und „ein bundesweites Mentoring-Programm für Promotionen nach dem Vorbild von Arbeiterkind.de. auf den Weg bringen, (…) damit sich mehr Menschen aus nichtakademischen Familien eine Promotion zutrauen“. Die FDP schreibt: „Wir setzen uns dafür ein, Initiativen in Form von Aufstiegspatenschaften einzubinden, um Jugendlichen aus bildungsfernen Elternhäusern zu helfen, den eigenen Weg zu beruflichen Bildungsabschlüssen oder an die Hochschule zu gehen.“ Und der Weg an die Hochschule könne geebnet werden „durch die Beratung und Unterstützung für die eigenen Lebens- und Aufstiegspläne“. Die Linke will durch eine „Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes Dauerbefristungen beenden und zudem Dauerstellen für Daueraufgaben etablieren“, und dadurch „Erst-Akademiker:innen eine Perspektive in der Wissenschaft geben“. Zudem wollen sie für FH und HAW, „die für viele Erst-Akademiker:innen der Startpunkt ihrer wissenschaftlichen Ausbildung sind, (…) den Mittelbau an FHs und HAWs ausbauen und ihnen das Promotionsrecht zusprechen“. Die Grünen wollen „das BAföG neu aufsetzen und zu einer Grundsicherung für alle Studierenden und Auszubildenden umbauen. Sie soll in einem ersten Schritt aus einem Garantiebetrag und einem Bedarfszuschuss bestehen, der den Gesamtbetrag im Vergleich zum heutigen BAföG substanziell erhöht und dem Großteil des in Frage kommenden Personenkreises zugutekommt. Damit werden angehende Wissenschaftler*innen aus Familien ohne akademischen Hintergrund bereits frühzeitig vor der Entscheidung für eine Promotion unterstützt.“ Zudem sehen sie dies als einen der Diversitätsaspekte, die sie „gezielt in Hochschulen und Forschungseinrichtungen fördern wollen“.

Vereinbarkeit von Wissenschaft mit Familie und körperlichen Einschränkungen

Zu diesem Thema gehen alle Parteien auf die Vereinbarkeit von Wissenschaft mit Familie ein, aber manche kaum oder nicht (wie CDU/CSU) auf die Vereinbarkeit mit körperlichen Einschränkungen. 

CDU/CSU schreiben hierzu, es ist ihnen „wichtig, dass Eltern in bestimmten Lebensphasen ihre Arbeitszeit reduzieren können und in anderen Zeiten mit ganzer Kraft ihrem Beruf nachgehen. Wir werden deshalb mehr Zeitsouveränität über das gesamte Berufsleben hinweg ermöglichen.“ Sie schlagen „Familienzeitkonten“ vor, sowie „das mobile Arbeiten“, „unterstützen die Kooperationen von Hochschulen mit Kommunen bei der Kinderbetreuung“, und „befürworten insbesondere flexible Öffnungszeiten am Abend und an den Wochenenden“. Die SPD sieht in ihrem „Vorschlag für ein Gesetz zur Guten Arbeit in der Wissenschaft ein Plus von zwei Jahren bei Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Behinderung oder Krankheit bei der Promotion vor“, so will sie „die familienpolitische Komponente und die Schutzklauseln im Wissenschaftszeitvertragsgesetz ausbauen“, und zudem, „dass Bundesprogramme zum Kita-Ausbau auch den Hochschulen zugutekommen“. Die FDP möchte „das Wissenschaftszeitvertragsgesetz reformieren (…,) denn ein zu hoher Anteil befristeter Stellen in der Wissenschaft belastet insbesondere junge Forscherinnen und Forscher“. Eine Expertenkommission solle „praktikable Lösungen entwickeln.“ Sie will zudem „partnerschaftliche Initiativen für cross-sektorale Personalentwicklung in Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung unterstützen“, „Modelle wie Tenure-Track-Professuren sollen ausgebaut werden“. Bei Vorliegen körperlicher Einschränkungen schreibt sie: „Persönliche Gespräche zur Klärung der offenen Fragen zwischen Prüfling und Prüfungsamt sollten obligatorisch sein. Zusätzliche Barrieren, wie eine selbst zu organisierende und selbst zu finanzierende Diktierkraft für sehbehinderte Prüflinge sind zu vermeiden. Der Einsatz von Assistenten in Prüfungssituationen darf umgekehrt nicht als Vorteil gegenüber nicht behinderten Prüflingen eingestuft werden.“ Die Linke will u.a. mittels „Abschaffung des Sonderbefristungsrecht“ im Wissenschaftszeitvertragsgesetz „die Vereinbarkeit von Familie und wissenschaftlicher Karriere verbessern und die Hürden für Menschen mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen senken“. „Um bei Menschen mit Care-Arbeitsverpflichtung, Behinderung oder chronischen Erkrankungen eine Überlastung und Sicherungslücken zu verhindern, sollen flexiblere Studien- und Arbeitsbedingungen und Führung in Voll- und Teilzeit etabliert werden.“ Zudem sollen „bedarfsgerechte, qualitativ hochwertige Betreuungseinrichtungen, die allen Kindern aller Hochschulmitglieder offenstehen, ausgebaut werden“. Die Grünen wollen „[i]n allen Beschäftigungsverhältnissen in der Wissenschaft flexible Arbeitszeitmodelle ermöglichen, die es erlauben Care- und Familienarbeit zu leisten“. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz wollen sie „unter anderem dahingehend reformieren, die Qualifizierung im Rahmen der Sachgrundbefristung klar zu definieren und die familienpolitische Komponente verbindlich auszugestalten“. Darüber hinaus wollen sie „mehr Spielräume für internationale Dual-Career-Paare schaffen“.

Mental Health

Zu diesem Thema sprechen sich grundsätzlich alle antwortenden Parteien für mehr Anlaufstellen, Programme und (Beratungs-/Hilfs-)Angebote aus, nur ein Teil der Parteien stellt aber auch Bezüge zu Maßnahmen gegen eine strukturelle Mitverursachung von Problemen her. 

CDU/CSU schreiben: „Es gehört zu den Aufgaben der Hochschulen als Arbeitgeber, Anlaufstellen und Programme vorzuhalten, um im Bereich ‚mental health‘ auf die Bedarfe der Beschäftigten und der Studierenden einzugehen“ und verweist auf den vom BMBF im März 2021 bekanntgegebenen Aufbau eines neuen Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit, das „dazu beitragen könne, die Voraussetzungen für ‚mental health‘ auch im Wissenschaftsbetrieb zu verbessern“. Die SPD schreibt: „Wir sehen im Bereich ‚mental health‘ im Wissenschaftsbetrieb einen Bedarf. Die hohe Arbeitsbelastung, geforderte Flexibilität und Mobilität fordern Wissenschaftler:innen heutzutage (…) viel ab. Wir wollen das Thema einerseits durch den Zugang zu Beratungsleistungen adressieren. Anderseits ist mit dem Ausbau von Graduiertenschulen die Erwartung verbunden, dass dort ein methodischer Austausch auch über persönliche Belastungen und ein guter Umgang mit diesen erfolgt.“ Die FDP schreibt: „Psychische Gesundheit muss endlich genauso ernst genommen werden wie körperliche Gesundheit. (…) Beratungsangebote zu psychischer Gesundheit wollen wir stärken. Auch verlässlichere Karrierewege und Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft können zur psychischen Gesundheit beitragen“ und will daher das Wissenschaftszeitvertragsgesetz reformieren. Die Linke schreibt, sie „will die psychologische Betreuung der Promovierenden verbessern. Dazu sollen die psycho-sozialen Dienste an Hochschulen besser ausgestattet werden. Die Arbeitszeitverdichtung muss auch in der Wissenschaft thematisiert und rückgängig gemacht werden“, und sie fordert „eine Entfristung von Stellen und das der wissenschaftliche Nachwuchs Abteilungen (Departments) zugehören soll.“ Sie will „somit die Unabhängigkeit der Promovierenden von ihren Promotionsbetreuer*innen fördern, um sie vor Abhängigkeitsverhältnissen, Mobbing und sexualisierter Gewalt besser schützten zu können“. Die Grünen schreiben u.a.: „Die Promotionszeit kann eine besondere Belastung für die psychische Gesundheit darstellen“, der „fehlenden Planbarkeit des eigenen Berufsweges wegen kurzer Vertragslaufzeiten in der Wissenschaft“ wollen sie „durch die Weiterentwicklung des Wissenschaftszeitvertragsgesetz, die Reduzierung von befristeten Stellen und die Einführung von alternativen Berufswegen zur Professur entgegenwirken“, „die Qualifizierung im Rahmen der Sachgrundbefristung (…) klar definieren und die familienpolitische Komponente verbindlich ausgestalten“. „Menschen mit einer psychischen Erkrankung brauchen schnelle und leicht zugängliche Hilfen. Wir setzen uns für die bedarfsgerechte Versorgung mit ambulanten und stationären Therapie- sowie Hilfs- und Beratungsangeboten ein.“ 

Inklusion in der Wissenschaft

Auch zu diesem Thema sprechen sich grundsätzlich alle antwortenden Parteien für Unterstützung aus, wobei einige ausschließlich auf die vorhandenen Regelungen verweisen, und andere grundlegende Veränderungen bis hin zu einer solchen des Grundgesetzes wollen.

CDU/CSU verweisen darauf, dass Deutschland die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert hat – „und sich damit verpflichtet, ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen zu gewährleisten“. Weiter schreiben sie: „Die Leistungen zur Teilhabe an Bildung umfassen seit dem 1. Januar 2018 auch ein Masterstudium und eine Promotion. Die Auswahlkriterien für die Vergabe von Promotionsstipendien können gerade für Bewerberinnen und Bewerber mit Behinderungen eine Barriere sein. Das unionsgeführte BMBF hat darauf mit Angeboten eines Nachteilsausgleichs reagiert.“ Die SPD schreibt, sie „setzt sich dafür ein, dass auch die Promotion Menschen mit Behinderung offensteht. (…) Deswegen haben wir im Bundesteilhabegesetz durchgesetzt, dass Leistungen zur Teilhabe an Bildung auch den Masterabschluss und die Promotion umfassen. Mit der verstärkten Einführung von Graduiertenschulen wollen wir auch für Menschen mit Behinderungen bessere Rahmenbedingungen für ihre individuellen Bedürfnisse bei der Durchführung und Begleitung der Promotion schaffen.“ Die FDP schreibt: „Wir wollen die Barrierefreiheit an Hochschulen stärken und Beratungsangebote zur psychischen Gesundheit ausbauen. (…) Die Vorbereitung muss bereits in der Schule beginnen. Wir wollen die praxistauglichere Ausgestaltung des Budgets für Arbeit und eine praxisnahe aktive Arbeitsvermittlung und Begleitung. Die Chancen der Beschäftigten einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen auf eine reguläre Beschäftigung wollen wir verbessern und ihre Integration in den ersten Arbeitsmarkt fördern.“ Die Linke will „eine Grundgesetzänderung, die eine Gemeinschaftsaufgabe Bildung zwischen Bund und Ländern definiert“, (….) um „in den Hochschulbau zu investieren, um bedarfsgerecht bauliche Maßnahmen zur Steigerung der Barrierefreiheit umzusetzen“, und „eine Ausweitung der Kompetenzen der Behinderten­beauftragten an allen Hochschulen sowie deren bedarfsgerechte personelle und finanzielle Ausstattung“. Auf Ebene der Institute will sie „Stellen für studentische Behinderungs­beauftragte schaffen“, diese „sollen unabhängig sein und in allen Gremien Rede- und Antragsrecht analog zu den Gleichstellungsbeauftragten erhalten“ und für einen inklusiven Kulturwandel „Weiterbildungs- und Qualifizierungsprogramme die Mitglieder der Hochschulgemeinschaft für die Belange von Menschen mit Behinderungen und studienerschwerenden Beeinträchtigungen sensibilisieren“, u.a. „kostenlose Sprachkurse insbesondere für Deutsch, Englisch und [die] Gebärdensprachen“. Die Grünen verweisen auf ihre Vorhaben im Zusammenhang mit Diversität und „treten für eine inklusive Gesellschaft gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention ein, und wollen gezielte Förderung von Inklusion auch im Wissenschaftssystem“. Barrierefreiheit sei „sowohl bei der Modernisierung der Infrastrukturen des Wissens wie auch der IT-Ausstattung zentral“. Darüber hinaus wollen sie „die Einschränkungen, die für Studierende und Promovierende in der Eingliederungshilfe bestehen, aufheben und eine Lösung für die Finanzierung behinderungsbedingt höherer Lebenshaltungskosten finden“.

Der genaue Wortlaut der Fragen und Antworten kann nachgelesen werden unter diesem Link.

Und wie auch immer man sich entscheidet bei der Wahl, es gilt nach wie vor: Jede Stimme zählt. 🙂

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[1] Mehrere Parteien hatten hierfür auf die ausschließliche Möglichkeit der Nutzung ihrer Internetformulare verwiesen, die nur eine bestimmte maximale Anzahl Fragen mit einer genau definierten Textlänge zuließen. Aufgrund Aufteilung der Fragen auf die Netzwerke konnten jedoch alle geplanten Fragen gestellt werden.  

[2] Die Anfrage wurde auch in früheren ähnlichen Wahlprüfstein-Abfragen an alle Parteien versendet, die nach derzeitigem Stand die 5%-Hürde wahrscheinlich überspringen werden, zuletzt für die Wahlprüfsteine 2017.

[3] Auf diese gestellte Frage und die folgende, wie die Parteien in der deutschen Wissenschaft beim Frauenanteil zu internationalen Standards aufschließen wollen, haben mehrere Parteien zusammenfassend geantwortet, weshalb dies hier einheitlich in die Zusammenfassung der Antworten zur ersten Frage mit einfließt.

 

 

 

 

 

 

Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar. Derzeit ist er an der Humboldt-Universität zu Berlin in der Stabsstelle Qualitätsmanagement tätig, wo er u.a. ein hochschulweites Projekt zur Kompetenzerfassung leitet, sowie Sonderauswertungen der hochschulweiten Absolventenstudien. Er berät bereits seit über 15 Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

2 Kommentare

  1. Gute Arbeit, danke!

    Die Selektionsmechanismen in der Bildung sind ja bekannt, seit über 100 Jahren, wenn man z.B. an Max Weber zurückdenkt (“Wissenschaft als Beruf”). Am besten hat man vorher schon ausreichend Vermögen.

    • Danke, das freut mich für das gesamte Wahlprüfsteine-Team!
      Und ja, in der derzeitigen Situation hat man wohl am besten vorher schon ausreichend Vermögen, das zeigen ja die empirischen Analysen zum Thema. Aber die Wahlprüfsteine zeigen auch auf – gerade bei diesem und ähnlichen Aspekten – dass sich hierzu die Parteien in ihren Antworten deutlichst unterscheiden. Man hat also tatsächlich die Wahl… 😉

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