Multiple Karrierepfade – Nachwuchskonzept der TU Berlin betritt Neuland

Die TU Berlin hat kürzlich ein neues Konzept zur Förderung ihres wissenschaftlichen Nachwuchses veröffentlicht, welches “multiple Karrierepfade” zwischen Wissenschaftssystem und Wirtschaft vorsieht.

Es wurde im Sommer durch den Akademischen Senat der Universität mit großer Mehrheit verabschiedet. Bei der in Zusammenhang damit erfolgten Abstimmung zur Tenure-Track-Ordnung, die die Grundlage für eine nachhaltige Implementierung des Tenure-Track-Verfahrens an der TU Berlin darstellt, gab es im Senat sogar Einstimmigkeit, wie die TU hierzu in einer Presseinfo mitteilte. Das hauseigene Tenure-Track-Verfahren will – zusätzlich zum bundesweiten Tenure-Track-Programm – jungen, qualifizierten Nachwuchswissenschaftler/innen an der TU Berlin frühzeitig sichere Karriereperspektiven im Hinblick auf eine unbefristete Professur bieten.

Mit ihrem neuen Konzept stellt die TU Berlin nach eigenen Angaben ihre Nachwuchsförderung umfassend neu auf, um auf die stark gewandelten Anforderungen aller Karrierefelder und veränderten Bedarfe, die vom wissenschaftlichen Nachwuchs formuliert werden, zu reagieren. Basis für die Konzeptentwicklung waren neben den Ergebnissen der WM-Studie 2017 der TU Berlin u.a. auch die bundesweite Studie des Stifterverbandes zur Personalentwicklung für den wiss. Nachwuchs. Letztere wurde bereits vor einiger Zeit in diesem Blog vorgestellt und mittels Impulsvortrag des Verfassers auch in die Senatsdiskussion der TU Berlin eingespeist.

Ein Novum im Nachwuchskonzept ist insbesondere die explizite Berücksichtigung sogenannter „multipler Karrierepfade“, die zudem grafisch ansprechend aufbereitet wurde (siehe Modell in Abb. 1). Mit Hilfe dieses Modells sollen an zahlreichen Stellen der Karriereentscheidungen auch Wechsel zwischen Wissenschaftssystem und Wirtschaft ermöglicht bzw. erleichtert werden, und zwar ausdrücklich von der Wirtschaft auch wieder zurück in die Wissenschaft. In diesem Aspekt geht die TU Berlin damit über das bereits als vorbildhaft geltende Karrierewege-Modell der RWTH Aachen hinaus. In einem anderen Aspekt bleibt das TU-Modell aber etwas dahinter zurück: Denn es sieht im Gegensatz zu dem der RWTH das Wissenschaftsmanagement als eigenen Karriereweg auch innerhalb des Wissenschaftssystems bislang nicht vor.

 

Abb. 1: Modell multipler Karrierepfade an der TU Berlin (Quelle: TU Berlin)

Auch an einer anderen Stelle ist das Karrierepfade-Modell – bei aller ´Multiplizität´ – nicht ganz konsequent: Der Weg von einer qualifizierten Position einige Jahre in der Wirtschaft (zurück) zu einer Promotion an der Universität ist nicht vorgesehen, obwohl dies die Potentialausschöpfung berufserfahrenen Nachwuchses und einer Stärkung beruflicher Bezüge in der universitären Lehre vermindert – was auch der VDI im Rahmen der Themenwoche des Hochschulforum Digitalisierung in Berlin bei der Vorstellung eines Diskussionspapiers zur Ingenieurbildung auf dem Parlamentarischen Abend erst vergangene Woche wieder diskutierte.

Über die „multiplen Karrierepfade“ hinaus ist die Quote der Tenure-Track-Professuren bemerkenswert, die die TU erreichen will (wohlgemerkt: mit “echtem” Tenure-Track, und nicht nur unverbindlicher Tenure Option). Hierzu heißt es: “Langfristiges gestecktes Ziel im Sinne einer zeitgemäßen und mit Universitäten bundesweit und international kompatiblen Nachwuchsförderung ist es, ca. ein Viertel der Strukturprofessuren zunächst als Tenure-Track-Professuren zu besetzen“ (im Konzept S. 13). Außerdem – dies ist allerdings auch an anderen Hochschulen inzwischen erfreulicherweise häufiger Konzeptbestandteil – erfahren die Themenbereiche Gleichstellung und Diversität ebenso wie die Internationalisierung in der Nachwuchsförderung in allen Maßnahmen besondere Berücksichtigung.

Mit dem neuen Konzept sollen in den kommenden Jahren die Angebote für den wissenschaftlichen Nachwuchs an der TU Berlin gebündelt, ausgebaut und zugleich sichtbarer werden. Prof. Dr. Angela Ittel, Vizepräsidentin für Strategische Entwicklung, Nachwuchs und Lehrkräftebildung der TU Berlin, will dies nun universitätsweit in enger Zusammenarbeit mit den Fakultäten umsetzen. Hierzu hat sie gemeinsam mit dem Nachwuchsbüro TU-DOC die Nachwuchswissenschaftler/innen der TU bereits herzlich zu “Runden Tischen” eingeladen (erster Termin: 19. Oktober), um über die bestehende Nachwuchsförderung an der TU Berlin zu diskutieren und ihre „wertvollen Erfahrungen und Hinweise zur Weiterentwicklung von konzeptionellen und operativen Aspekten einzubringen“, wie es in ihrer Einladung heißt. Im Ergebnis soll dann im Laufe dieses Wintersemesters gemeinsam mit allen Stakeholdern und Zielgruppen der Nachwuchsförderung ein konkreter Umsetzungsplan erarbeitet und anschließend vom Akademischen Senat beschlossen werden. Ich denke, man darf darauf gespannt sein; und die TU Berlin könnte mit der Umsetzung des Konzeptes ggf. eine weitere Universität sein, die hier als vorbildhaft gilt.

Das Konzept als Volltext findet sich in URL:  www.tudoc.tu-berlin.de/fileadmin/f22/VB_Nachwuchsbuero/Konzept_Nachwuchsf%C3%B6rderung_TUB.pdf (auch in englischer Fassung verfügbar)

Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar. Derzeit ist er an der Humboldt-Universität zu Berlin in der Stabsstelle Qualitätsmanagement tätig, wo er u.a. die hochschulweiten Absolventenstudien leitet. Er berät bereits seit über 15 Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber René, hier mal ein öffentliches Feedback:
    vielen Dank für Deine wohlwollende Würdigung des Nachwuchskonzeptes der TU Berlin – wir sind auch stolz, damit zum Teil wichtige Diskussionsstränge aufzugreifen, die Du auch hervorhebst.

    Als Teilnehmer der langen und intensiven Diskussionen in der Genese des Konzepts würde ich sogar behaupten, dass Deine beiden Einschränkungen / Benennung von blinden Flecken des Konzeptes eigentlich nicht zutreffen: das Wissenschaftsmanagement ist durchaus in den multiplen Karrierepfaden mitgedacht (Stichwort bei uns auf Seite 5), und für den Zugang von berufserfahrenen Absolvent*innen zur Promotion sind wir als TU sehr offen (diese Leute haben wir öfter in unserem Nachwuchsbüro in der Beratung), und es geht im Konzept verschiedentlich auch um einen breiten, vielfältigen Zugang zur Promotion. Aber zugestanden: systematisch sollte da noch ein Zugangspfeil mehr in die Grafik.

    Insgesamt: the proof of the pudding lies in the eating – wir legen als TU Berlin viel Wert auf einen breiten und intensiven Umsetzungsprozess, der uns in den nächsten Jahren beschäftigen wird. Und wir werden auch auswerten, wie breit und divers der Zugang der Nachwuchswissenschaftler*innen an die TU ist, und wie multipel dann ihre Karrierewege ausfallen. Die Unterstützung der Uni und die Wahrnehmung der tatsächlichen Vielfalt der Wege ist nach meinem Eindruck hier schon gut verbreitet.

    Für Dein kritisches Lesen des Konzepts jedenfalls vielen Dank,
    Johannes Moes (befangen, weil Leiter des Nachwuchsbüros TU-DOC der TU Berlin)

    • Lieber Johannes,

      Danke für Deinen Kommentar! Es freut mich, dass die – neben vielen positiven Aspekten – wenigen aus meiner Sicht kritisch anzumerkenden Punkte bereits angegangen werden bzw. wurden.
      Was das Wissenschaftsmanagement als “eigenen Karriereweg auch innerhalb des Wissenschaftssystems” betrifft, so bezieht sich meine Anmerkung auf Folgendes: Ein zentraler Aspekt des RWTH-Karrierwege-Modell besteht im Vergleich zum TU-Modell multipler Karrierepfade darin, dass dies an der RWTH mit dem “Science Manager” explizit ein eigenständiges Karriereziel auch innerhalb des Wissenschaftssystems ist, und dies auch unabhängig von Qualifikationsstufen wie der Postdocphase. Natürlich kann man unterschiedlicher Auffassung dazu sein, wie explizit dies sein sollte; und ich gestehe auch gern zu, dass es implizit im TU-Konzept im Text mit drinsteckt… 🙂
      Was den fehlenden Zugangspfeil von einer qualifizierten Position einige Jahre in der Wirtschaft (zurück) zu einer Promotion betrifft, sind wir uns ja einig. Eventuell könnte dieser im Zuge von (mit der Umsetzung vermutlich ohnehin naheliegenden) Konkretisierungen und Anpassungen bei passender Gelegenheit in der Grafik ergänzt werden.

      Beste Grüße
      René Krempkow

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