Durchwachsenes Bild des Corona-Semesters

BLOG: Über das Wissenschaftssystem

Betrachtungen von Menschen und Strukturen in Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen
Über das Wissenschaftssystem

Heute hat der Stifterverband eine bundesweite Studie zum Corona-Semester veröffentlicht, die sich in vielen Aspekten mit ersten hochschulspezifischen Auswertungen deckt, diesen teilweise aber auch entgegensteht.

Zentrale übereinstimmende Ergebnisse lassen sich knapp so zusammenfassen: Mehr als die Hälfte der befragten Studierenden war mit der Umstellung auf digitale Lehrformate zufrieden und in der Corona-Krise haben die Hochschulen schnell gehandelt. So hat sich der Anteil der digitalen Lehrangebote laut Stifterverband seit Beginn der Pandemie auf 91 Prozent etwa verachtfacht!

Digitale Lehrangebote verachtfacht

Es gibt jedoch auch Schattenseiten. So heißt es vom Stifterverband hierzu: “Das Campusleben wird durch die Digitalisierung jedoch nicht ersetzt. Studierende honorieren zwar die Reaktionsschnelligkeit der Hochschulen; gleichzeitig sinkt die Zufriedenheit mit der Lernerfahrung im Vergleich zum Wintersemester (85 Prozent) im Sommersemester jedoch auf einen Anteil von 51 Prozent. Gründe dafür finden sich unter anderem im mangelnden Sozialleben unter Studierenden, in Motivations- und Konzentrationsproblemen beim Lernen zuhause sowie in unzureichenden Austauschmöglichkeiten mit Lehrenden.”

An HU Berlin ähnliche Ergebnisse…

Dies deckt sich mit zentralen Ergebnissen einer vor wenigen Tagen veröffentlichten ersten Auswertung der Stabsstelle Qualitätsmanagement der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) zu einer weiteren Analyse zum Corona-Semester, an der der Verfasser beteiligt ist, und die als Teil der bundesweiten Befragung in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) durchgeführt wurde. Hierbei nahmen an der HU als einer der größten Universitäten in Deutschland allein über 5.000 Studierende an der DZHW-Befragung teil. Die HU stellt damit rund die Hälfte der an Berliner Hochschulen Befragten und die Ergebnisse sind für die HU repräsentativ (siehe dazu auch: www.hu-berlin.de/de/hu/verwaltung/qm/lehrevaluation/analysen/studbefrag-zum-digitalen_sose2020_vorl-erste-ergebnisse-07-09-2020.pdf).

Zentrale Ergebnisse der HU-Auswertung zum Corona-Semester sind: “Die Humboldt-Universität zu Berlin hat angemessen und schnell auf die Corona-Pandemie reagiert. Zu dieser Einschätzung kommen 7 von 10 befragten Studierenden, lediglich fünf Prozent stimmen dem gar nicht zu. Im digitalen Sommersemester an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) fielen bei über 90 Prozent der Befragten nur wenige Lehrveranstaltungen aus, bei knapp 70 Prozent gar keine. Die Mehrheit war mit dem Angebot an digitalen Lehrveranstaltungen zufrieden. Dennoch hält mehr als die Hälfte der Befragten (56 Prozent) eine Verlängerung des Studiums aufgrund der Corona-Pandemie für wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich.” (www.hu-berlin.de/de/pr/nachrichten/september-2020/nr-20928-1).

Einer der Gründe dafür ist sicherlich: Jede*r Dritte gab an, dass Klausuren und Hausarbeiten im Corona-Semester verschoben wurden, zur Absage von Klausuren kam es bei jedem zehnten Befragten. Viele Studierende bewerteten das Prüfungsgeschehen negativ: Knapp die Hälfte von ihnen bemängelte in der Befragung die Kommunikation der Prüfungsmodalitäten sowie die Vorbereitung auf Prüfungen. Über die Hälfte der Befragten (58 Prozent) gab an, dass die Bewältigung von Prüfungsanforderungen im digitalen Sommersemester schwieriger geworden sei. Auch gaben viele Befragte an, dass es schwieriger war, Veranstaltungsinhalten zu folgen. Ein Viertel der befragten Studierenden gab zudem an, dass die Wohnsituation für Formen digitaler Lehre nicht geeignet sei. Die Lehrenden waren im ersten digitalen Semester trotz deutlicher Mehrarbeit für Feedback erreichbar: Mehr als jede*r zweite Befragte war damit zufrieden, nur sechs Prozent stimmten dem gar nicht zu. Als belastend wurde dagegen der fehlende persönliche Austausch insbesondere mit anderen Studierenden bewertet; sowie die eingeschränkte Möglichkeit, Kontakte zu Mitstudierenden zu knüpfen und sich in Lerngruppen auszutauschen (vgl. www.hu-berlin.de/de/pr/nachrichten/september-2020/nr-20928-1). Letzteres deckt sich ebenfalls auffällig mit Ergebnissen der Stifterverbandsstudie.

…aber auch Ergebnisse, die Stifterverband entgegenstehen

Zusätzlich ergeben die ersten HU-Auswertungen zum Corona-Semester weitere interessante Details durch Vergleiche von Subgruppen. Diese stehen den Empfehlungen des Stifterverbandes zum Teil entgehen, denn der Stifterverband empfiehlt, den Fokus mit Interaktions- und Präsenzformaten vor allem auf Erstsemester oder Austauschstudierende zu legen.

Die Bewertung des digitalen Corona-Semsters durch Studierende des ersten Studienjahres fällt jedenfalls an der HU nicht grundsätzlich anders aus im Vergleich zu Bachelor-Studierenden höherer Fachsemester. Dort, wo es größere Differenzen gibt, lassen sich in einer Reihe von Aspekten bei Studierenden des ersten Studienjahres leicht bessere Bewertungen im Vergleich zu Studierenden höherer Fachsemester ausmachen; während höhere Fachsemester mit verschiedenen Aspekten unzufriedener sind (siehe www.hu-berlin.de/de/pr/nachrichten/september-2020/nr-20928-1): So sind Bachelor-Studierende höherer Fachsemester häufiger (gar) nicht zufrieden mit der Ansprechbarkeit der Verwaltung. Dies gilt besonders für die höheren Fachsemester im Bachelor Lehramt, diesen fehlt zudem häufiger der persönliche Austausch mit den Lehrenden. Eine mögliche Schlussfolgerung dieser Ergebnisse wäre (abweichend von der Empfehlung des Stifterverbandes nach mehr Präsenz), dass es Studierenden im ersten Studienjahr, wo erfahrungsgemäß der größte Studierenden-„Schwund“ auftritt, besonders helfen würde, (noch) mehr Lehrveranstaltungen als Videokonferenz oder Webinar mit wiederabspielbarer
Videoaufzeichnung anzubieten.

Anders als erwartet fällt außerdem die Bewertung des digitalen Corona-Semesters durch Bildungsausländer*innen (zu denen auch Austauschstudierende zählen) in einer Reihe von Aspekten besser aus als bei den übrigen Studierenden. Nur bei einigen sehr wenigen Aspekten fällt die Bewertung bei Bildungsausländer*innen negativer aus, häufiger gilt dies allerdings für Bildungsinländer*innen. So unterscheiden sich Bildungsausländer*innen zwar hinsichtlich einer wahrscheinlichen Verlängerung des Studiums durch die Corona-Pandemie nicht von den übrigen Studierenden. Allerdings halten dies dagegen Bildungsinländer*innen mit bis zu 10 Prozentpunkten Differenz häufiger für sehr wahrscheinlich – sowohl im Vergleich zu den Bildungsausländer*innen als auch zu anderen Studierenden mit deutscher Staatsangehörigkeit. Bildungsausländer*innen sind auch tendenziell zufriedener mit digitalen Lehrveranstaltungen als alle anderen Studierenden – was jedenfalls für die HU der o.g. Stifterverbandsempfehlung entgegensteht. Hingegen sind Bildungsinländer*innen im Vergleich zu Bildungsausländer*innen deutlich weniger zufrieden (über 10 Prozentpunkte Differenz) mit Angebot
und Umsetzung digitaler Lehrveranstaltungen. Analog gilt dies auch für die Erreichbarkeit der Lehrenden, die Ansprechbarkeit der Verwaltung, die Kommunikation der Prüfungsmodalitäten und die Vorbereitung auf Prüfungen. Auch für die Einschätzungen, ob es durch die Corona-
Pandemie schwieriger geworden ist, Veranstaltungsinhalten zu folgen, die Menge an Lernstoff zu bewältigen, Lernstrategien zu entwickeln sowie die Literaturbeschaffung, gilt dies in ähnlicher Weise.

Bildungsinländer zu wenig im Fokus?

Eine mögliche Interpretation dieser Differenzen ist, dass es sich bei den Bildungsausländer*innen unter den Studierenden häufiger um (vorselektierte) ausländische Studierende mit besonderer Förderung (z. B. von DAAD, EU) handelt, während es sich bei den Bildungsinländer*innen eher um Studierende (von Eltern) mit Migrationshintergrund handelt, die  möglicherweise zu wenig im Fokus stehen. Ob diese Interpretation stimmig ist, war anhand der bislang vorliegenden Ergebnisse leider nicht weiter prüfbar, dies soll noch vertieft werden.

Weitere Subgruppenauswertungen zeigen unerwarteterweise auch, dass  Studierende mit Kind(ern) trotz teilweise deutlich schwierigeren Bedingungen dennoch tendenziell zufriedener sind als Studierende ohne Kind (ausführlicher vgl. www.hu-berlin.de/de/pr/nachrichten/september-2020/nr-20928-1). Besonders deutlich wird dies bei den hohen Zustimmungsraten der Eltern mit schulpflichtigen Kindern zur Angemessenheit der getroffenen Maßnahmen, der schnellen Umsetzung und deren guter Kommunikation, die z.T. mehr als 20 Prozentpunkte über der von Studierenden ohne Kind liegen. Eine mögliche Interpretation ist,
dass diese Eltern den direkten Vergleich zur Situation an Schulen haben. 

Weitere Auswertungen folgen

Die Ergebnisse der Befragung werden an der HU in den nächsten Wochen noch weiter ausgewertet und in den Fakultäten weiter diskutiert, um sie in die Planung der nächsten Semester an der HU einbeziehen zu können. Natürlich werden die HU-Ergebnisse dabei – wo immer möglich – auch weiter in Ergebnisse bundesweiter Studien eingeordnet (wie die des Stifterverbandes; und sobald bundesweite Ergebnisse des DZHW vorliegen, auch in diese). Und es wird weiter der Erfahrungsaustausch zu möglichst gut aus empirischen Ergebnissen ableitbaren Empfehlungen innerhalb und außerhalb der eigenen Hochschule gepflegt.

 

Nachtrag vom 12.11.2020: Die Grundaussagen der inzwischen vorliegenden ersten vom DZHW veröffentichten Ergebnisse stimmen weitgehend mit denen an der HU Berlin überein. Es gibt nur sehr wenige größere Unterschiede zwischen den HU-Gesamtergebnissen und dem Bundesdurchschnitt: Ein solcher Unterschied betrifft insbesondere die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, dass das Studium sich durch die Pandemie verlängern wird: Dies geben 56 Prozent der Studierenden der HU als (sehr) wahrscheinlich an, bundesweit sind es 47 Prozent.

Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar. Derzeit ist er an der Humboldt-Universität zu Berlin in der Stabsstelle Qualitätsmanagement tätig, wo er u.a. ein hochschulweites Projekt zur Kompetenzerfassung leitet, sowie Sonderauswertungen der hochschulweiten Absolventenstudien. Er berät bereits seit über 15 Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

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