Neue Ergebnisse zum Thema Chancengleichheit – aber ohne Hochschulen

Zum Thema Chancengleichheit in Deutschland hatte ich zuletzt im November hier einen Blogbeitrag veröffentlicht. Nun gibt es zu diesem Thema neue Ergebnisse, die bereits vorab in der aktuellen ZEIT veröffentlicht wurden.

Ein zentrales Ergebnis ist, dass sich die Situation im Vergleich zur vorangegangenen Auswertung insgesamt kaum verändert hat. “Auch der neue Bildungstrichter offenbart eine große soziale Selektivität” heißt es hierzu. Immerhin haben sich aber die Chancen der Nichtakademikerkinder um einige Prozentpunkte verbessert: So gehen jetzt 27 von 100 Nichtakademikerkindern an eine Hochschule, in den vorangegangenen Erhebungen waren es 23 bzw. 19. Von den Akademikerkindern sind es aber mit 79 ebenfalls mehr geworden (vorher 77 und 71). Der Abstand hat sich also nur sehr wenig verringert (siehe auch die Grafiken zum ZEIT-online-Interview bzw. im Beitrag von Martin Spiewak in der aktuellen Printausgabe der ZEIT im Wissen-Teil – bislang nicht online).

Leider ist hier nur die Situation bis zum Hochschulzugang beleuchtet worden – jedenfalls geht nichts anderes aus der Vorabveröffentlichung des DZHW hervor. Nicht untersucht wurden demnach die Qualifikationsphasen innerhalb der Hochschulen bis zum Bachelorabschluss, Masterabschluss und Promotionsabschluss. Daher muss die Aussage im ZEIT-online-Interview mit Frau Jungbauer-Gans, der Leiterin des DZHW, verwundern: „Dennoch wissen wir, dass der soziale Hintergrund am Anfang besonders stark durchschlägt. Insofern dürfte die wichtigste Schwelle der Übergang von der Grundschule ins Gymnasium sein…“ Diese Aussage wirft die Frage auf, woher dies Wissen kommt, wenn nur für die Qualifikationsphasen Grundschule (bzw. Primarschule/Primarstufe) und Gymnasium (bzw. Sekundarschulen/Sekundarstufe) bis zum Hochschulzugang Zahlen genannt werden. Die Folgerung, die daraus bildungspolitisch abgeleitet werden könnte, nämlich dass innerhalb von Hochschulen kein Handlungsbedarf besteht, ist vermutlich von der Studie nicht intendiert, könnte aber die Konsequenz sein. So hat Spiewak als Fazit seines Artikels bereits formuliert, auf die frühen Bildungsphasen (er meint sogar vor der Schule) “müsste sich alle Förderung konzentrieren”.

Diese Folgerung wäre aber m.E. fatal, denn dies ginge davon aus, dass mit einer entsprechenden frühen Förderung bereits alles Menschenmögliche gegen Bildungsbenachteiligung getan werden kann und danach – insbesondere in Hochschulen – kaum noch etwas getan werden müsste. Die letzte vom Stifterverband veröffentliche Studie, die dies über alle Qualifikationsphasen bis zur Promotion analysierte, und sozusagen den “Bildungstrichter” auf den Hochschulbereich verlängerte, kommt da zu ganz anderen Ergebnissen: Demnach gibt es zwar bereits bis zum Hochschulzugang enorm ungleiche Chancen von Nicht-Akademiker-Kindern im Verhältnis zu Akademiker-Kindern (die Relation beträgt etwa 1:3). Danach wird die soziale Selektion im Hochschulsystem aber nicht geringer. Bis zum Master steigt die Relation auf knapp 1:6, bis zum Doktortitel auf ca. 1:10. (Der Autor war an dieser Studie beteiligt, vgl. auch Krempkow 2018).

Sollten sich irgendwann bei Vorliegen neuerer vergleichbarer Studien-Ergebnisse auch für die Chancen von Nichtakademikerkindern innerhalb von Hochschulen tatsächlich zeigen, dass an Hochschulen weniger bezüglich der Chancengleichheit zu tun ist, so würde ich mich freuen. Denn dann hätten die Hochschulen einen wichtigen bildungs- und gesellschaftspolitischen Auftrag besser erfüllt als andere Bildungsbereiche. Dass die Hochschulen in den letzten Jahren, u.a. finanziert durch den Hochschulpakt sowie den Qualitätspakt von Bund und Ländern, hier bereits vieles getan haben und noch tun, könnte tatsächlich dazu führen, dass die Zahlen künftig besser ausfallen. Mindestens bis dahin ist aber wohl weiterhin großer Handlungsbedarf zu sehen (und dem entsprechend Bedarf an Förderprogrammen), ebenso wie in den anderen Bildungsbereichen.

Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum-Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar. Derzeit leitet er am HIS-Institut für Hochschulentwicklung e. V. den Geschäftsbereich Hochschulmanagement. Er berät bereits seit über 15 Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

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