25 Jahre Berliner Chancen: Was lange währt, wird gut?
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Das Berliner Chancengleichheitsprogramm (BCP) fördert die Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre. Es hat sich seit seiner Einführung vor 25 Jahren durch den Berliner Senat zu einem wichtigen Steuerungsinstrument an den Berliner Hochschulen entwickelt. Genug Zeit also, um eine Bilanz zu ziehen und trotz oder auch gerade wegen der höchsten Frauenanteile an Professuren von allen Bundesländern und damit verbundener Vorreiterrolle über (Weiterentwicklungs-)Perspektiven nachzudenken. Unter dem dazu passenden Motto „Bilanz und Perspektiven“ wurden am 5.12.2025 bei der Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) anlässlich des 25-jährigen Bestehens die Ergebnisse einer Evaluation des BCP präsentiert sowie in Workshops, einer Podiumsdiskussion sowie in einem Ausblick auf die nächste Förderperiode über Weiterentwicklungen diskutiert.
Zeit, Bilanz zu ziehen
Welchen Stellenwert die Tagung hatte, wurde auch durch den Redebeitrag von Dr. Ina Czyborra deutlich, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, die aus gesundheitlichen Gründen durch Staatssekretär Henry Marx vertreten wurde. Highlights der Veranstaltung waren die Eröffnung der Ausstellung „Versäumte Bilder – Wissenschaftlerinnen und Pionierinnen sichtbar machen“ mit Bildern von Gesine Born im Foyer des Hauptgebäudes der HU, die Vorstellung von BCP-geförderten Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen sowie die Prädikatsverleihung „Gleichstellungsstarke Hochschule“ durch Carolin Schumacher (BMFTR), Dr. Sandra Lewalter (SenASGIVA) und Dr. Julia Landgraf (SenWGP) an die HTW, die FU und die TU Berlin. Nachdenklich stimmte hierbei, dass Vertreter:innen der Hochschulen sich nicht nur für die Auszeichnung bedankten, sondern zugleich in Dankesreden deutlich auch auf Herausforderungen hinwiesen und vor Rückschritten warnten, gerade angesichts aktuell anstehender finanzieller Kürzungen.
Dank mit Warnungen
Dies kann man durchaus auch als eine Steilvorlage sehen, um auf die Ergebnisse der Evaluation des BCP und die daraus abgeleiteten Weiterentwicklungen zu sprechen zu kommen: Kurz zusammengefasst kann man aufgrund der Ergebnispräsentation durch Dr. Florian Berger, Fiona Bauer und Lisa-Marie Steinkampf (Technopolis Group) sagen: Die auf Befragungen der (ehemaligen) Geförderten, Interviews mit Hochschulangehörigen und Dokumentenanalysen basierenden Evaluationsergebnisse bekräftigen einerseits die im Unterschied zu anderen Bundesländern große Vielfalt der Förderansätze. Andererseits wird insbesondere eine stärkere Ausrichtung auf planbare Stellenformate (wie unbefristete Professuren oder zumindest mit Tenure Track) und eine stärkere strukturelle Verankerung empfohlen, sowie die weitere Stärkung der Vernetzungsmöglichkeiten der Geförderten.
Im Unterschied zu anderen Bundesländern große Vielfalt
Besonders interessant im Sinne einer Wirkungsanalyse ist angesichts der Ziele der Förderung bei gleichzeitig schwierigen Rahmenbedingungen auch der berufliche Verbleib der Geförderten: 60% der Geförderten sind zum Zeitpunkt der Befragung (Mitte 2025) in der Wissenschaft tätig, davon 40 Prozent auf einer Professur (d.h. 24% der Geförderten haben weitestgehende wissenschaftliche Unabhängigkeit erreicht). Der größere „Rest“ derjenigen die in der Wissenschaft blieben, ist im Wissenschaftsmanagement tätig, wie Berger auf Nachfrage aus dem Publikum erläuterte. Da Angehörige des Wissenschaftsmanagements ganz überwiegend auf unbefristeten Stellen arbeiten, kann dies ebenfalls als förderzieladäquat gelten – zumal sich bereits seit mehreren Jahren aufgrund der Arbeitsbedingungen nur noch eine Minderheit der „Wissenschaftler:innen in frühen Karrierestufen“ in Deutschland (WiK) insgesamt für einen Verbleib in der Akademia und von diesen (auch angesichts der geringen Erfolgswahrscheinlichkeit) nur eine Minderheit für die Professur entscheiden mag.
Nur eine Minderheit für einen Verbleib in der Akademia
Dies ist auch vor dem Hintergrund (im wahrsten Sinne des Wortes 😉) der diversen Zusammensetzung der Geförderten zu betrachten: Demnach ist Migrationshintergrund (1/3) unter den BCP-Geförderten häufiger als für WiK in Deutschland insgesamt (28%, leider nur für Promovierende und nicht für Postdocs u.ä. berichtet, sonst wäre der Unterschied wohl deutlicher angesichts einstelliger Anteile auf international besetzten Professuren), was empirischen Studien zufolge einen Verbleib in der Akademia eher unwahrscheinlicher macht. Bildungsherkunft Erstakademiker:in ist sogar deutlich häufiger (1/3) als in Deutschland insgesamt (16% der Promovierenden). Leider liegen bislang Zahlen für Geschlecht, Migration und Erstakademiker:innen nur jeweils separat und nur für Deutschland insgesamt, sowie nur bis zur Promotion vor. Für Berlin wie auch für Deutschland insgesamt liegen keine Zahlen dazu vor, welche Chancen nicht nur Frauen an sich, sondern in Kombination – also intersektional – betrachtet Frauen mit Erstakademiker:in- und/oder Migrationshintergrund auf eine Professur haben. Dies solle man aber künftig endlich wissen, wie in einem Publikumskommentar zur Podiumsdiskussion gefordert wurde.
Stärker intersektionale Betrachtung gefordert
Überhaupt wurden in der Podiumsdiskussion z.T. deutliche Worte gefunden, so u.a. von der Leiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), Prof. Dr. Naika Foroutan, die nicht nur ein künftig stärkeres Augenmerk auf eine intersektionale Betrachtung forderte. Vielmehr forderte sie dies auch für die z.T. vorhandenen weiteren Ausschlussmechanismen wie z.B. für die im Schnitt deutlich schlechtere schulische Leistungsbewertungen erreichenden Jungen, angesichts von z.B. für ein Psychologiestudium vielerorts geforderten 1,0-Abiturnoten. Ähnlich argumentierte hierzu Dr. Arn Sauer, Vorstand der Bundestiftung Gleichstellung, der auch ein stärkeres Augenmerk auf Frauen mir (körperlichen) Einschränkungen forderte.
Perspektiven des BCP
Was sind aber nun die Perspektiven des BCP? Im Ausblick auf die künftige Förderung wurde durch Micha Klapp, Staatsekretärin für Arbeit und Gleichstellung, dies – wenngleich die Planung der neuen Förderperiode „besonders herausfordernd“ sei – zumindest grob umrissen: Demnach sei insbesondere die beabsichtigte Gegenfinanzierung für vorgezogene Neuberufungen auch ab 2027 sichergestellt. Die befristeten Professuren sollen als „im Regelfall mit Tenure Track etabliert“ werden, es sollen „kooperative Promotionen an HAW mit Universitäten außerhalb Berlins bei der Förderung berücksichtigt“ werden und last but not least: „Intersektionalität soll künftig eine bedeutsame Rolle spielen“, wobei „auch weiterhin die strukturellen Benachteiligungen der Frauen im Vordergrund stehen werden“.
Fazit
Insgesamt kann dies daher nicht nur als eine gelungene Tagung mit spannenden Diskussionen gelten, sondern zugleich als ein Beispiel dafür, wie – im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten – Evaluationsergebnisse bei der empirisch informierten Planung einer neuen Förderperiode berücksichtigt werden können.
Weitere Infos zur Tagung finden sich auf der Tagungswebsite, zum BCP auf der BCP-Webseite.
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Transparenzhinweis: Der Verfasser wirkte als Mitglied des Expert:innenbeirats zur Evaluation des BCP an der Konzeption der Evaluation mit, war jedoch an der Erstellung des Evaluationsberichtes nicht beteiligt.