Das Mögliche

Das Erkennen von Tatsachen ist nicht der Endzweck des Erkennens, es dient vielmehr dem Erkennen des Möglichen. Wer ernsthaft glaubt, die Welt sei, was der Fall ist [und sonst nichts], hat mit dem Denken noch gar nicht angefangen.

Es wäre möglich, dass ich mich heute Abend in den Zug setze und morgen in London frühstücke.

Es wäre möglich, dass Donald Trump heute Abend den Präventivschlag gegen Nordkorea befiehlt.

Es wäre möglich, dass in der kommenden Woche ein wissenschaftlicher Artikel erscheint, der einige Jahre später als der entscheidende Durchbruch für die Entwicklung der Grand Unified Theory, also die Vereinigung von Quantentheorie und Relativitätstheorie gefeiert wird.

Möglich wäre es.

Möglichkeit setzt Denkbarkeit voraus. Doch Denkbarkeit erscheint nicht hinreichend für Möglichkeit: man kann sich Dinge denken, von denen man weiß, dass sie nicht möglich sind, dass sie grundsätzlich niemals Realität werden können. Beispielsweise kann ich die Vorstellung bilden, dass ich durch intensives Training jetzt noch einer der größten Sportler auf diesem Planeten werde – aber ich ahne in lichten Momenten, dass es tatsächlich wohl unmöglich sein wird. Auch das Unmögliche ist denkbar.

Das Denken des Möglichen unterliegt einer andersartigen Logik als das Denken des Wirklichen (Modallogik). Unter derselben Hinsicht könnten zwei widersprüchliche Ereignisse sehr wohl beide möglich sein, während sie nicht beide wirklich sein können. Man kann auch fragen, ob man dem Möglichen eine Ontologie zuschreiben muss, um es vom Unmöglichen oder sogar vom Undenkbaren zu unterscheiden. Da alles, was wirklich ist (oder jemals wirklich war oder sein wird), auf jeden Fall immer schon – vor aller Zeit – möglich war, fragt sich dann, wie man dieses Seinkönnen ontologisch beschreibt (bei Cusanus ist Gott das Seinkönnen).

Unserem Denken eignet eine antizipative Funktion: Bewusst oder unterbewusst bilden wir die ganze Zeit Erwartungen über das, was in den nächsten Sekunden, Minuten, Stunden wahrscheinlich passieren wird oder doch möglich wäre, richten unser Verhalten danach aus – und reagieren wahlweise freudig überrascht oder entsetzt auf Erwartungsverletzungen. Man drückt beispielsweise auf den Knopf und wartet dumm durch die Gegend glotzend vor der verschlossenen Aufzugstür, die Tür geht auf und der Chef kommt heraus – oops, ertappt.

In einer eigenen Bildgebungsstudie (Hoppe, Splittstößer et al. 2012, Brain & Cognition) zeigten unsere Probanden völlig andere Aktivierungsmuster bei physikalisch identischer optischer Stimulation (eine Serie von kleinen Kästchen erschien der Reihe nach) je nachdem, welchen Test sie einige Sekunden später erwarteten: Rechneten sie mit einem Wiedererkennenstest in derselben Modalität (also visuell, Teststimulus: Serie von Kästchen) fanden wir wie erwartet deutliche Aktivierungen im Bereich des visuellen Cortex. Rechneten sie jedoch mit einem akustischen Test, bei dem sie entscheiden mussten, ob die Töne, die sie jetzt beim Test hören, bzgl. der Tonhöhe dem graphischen Verlauf der kleinen Kästchen entsprechen, die sie zuvor gesehen hatten – diese Kästchen waren jetzt also zu Noten geworden! – fanden wir ausgeprägte Aktivierungen des auditorischen Cortex, einhergehend mit einer Deaktivierung des visuellen Cortex (d.h. Aktivierungsshift von occipital/visuell nach temporoparietal/auditorisch). Wohlgemerkt: dies geschah nach vorausgehender Stimulation mit exakt denselben optischen Stimuli (Kästchenreihe)! Die auditorischen Aktivierungen beim Modalitätstransfer waren sogar stärker ausgeprägt, als wenn die Probanden lediglich eine bereits akustisch präsentierte Information (Tonfolge) bis zum auditorischen Test behalten mussten. Ohne erkennbare Beteiligung frontaler Hirnregionen hatten die sensorischen Zentren also untereinander kommuniziert, und der auditorische Cortex hatte eine auditorische Repräsentation des erwarteten Teststimulus auf Basis visueller Informationen kreiert. Niemand hatte die Probanden aufgefordert, das zu tun; sie hätten sich genauso gut die visuelle Abfolge merken und den Abgleich erst beim Test vornehmen können – aber wir sind lieber schon vorbereitet! Im Grunde passiert so etwas den ganzen Tag: Wir hören einen fetten LKW – und dann kommt ein Kind auf einem Bobbycar um die Ecke … oops!

Erwartung bzw. Antizipation wird gerade ein zentrales Thema in der Psychologie. Das knüpft an an Gilbert Ryle (1900-1976), The Concept of Mind (1949) und Ulric Neisser (1928-2012), Cognitive Psychology (1967), die Vorstellung (Imagination) mehr oder weniger mit Antizipation (oder Bereitschaft, preparedness) in eins gesetzt haben, und zwar in dem Sinne einer Vorwegnahme und Vorbereitung erwarteter Wahrnehmungen (die dann möglicherweise Reaktionen erfordern). Vorstellung ist gleichsam Wahrnehmung im Konjunktiv, im “als ob”: Wäre ich zu jenem Zeitpunkt an jenem Ort, dann würde ich dies und jenes sehen, hören, fühlen etc. (Jeder Junge, der mal ein schönes Mädchen geliebt hat, weiß, wovon ich hier spreche.) Ich möchte den antizipativen Charakter des Geistes zunächst nicht exklusiv verstehen, über eine solch steile These müsste man länger nachdenken. Aber dass Antizipation ein ganz wesentlicher Aspekt vieler geistiger Vorgänge ist, erscheint mir sehr plausibel.

Das denkbare Unmögliche und das denkbare Mögliche; das sicher erwartete und das gänzlich unerwartete Mögliche; das Mögliche, das wirklich wird, und das Mögliche, das sich nie realisiert, vielleicht noch nicht einmal von irgendwem als Mögliches erkannt wurde. Überhaupt scheint die Frage: “Gibt es vielleicht doch noch weitere Möglichkeiten?” unser Denken zu befreien und zu beflügeln. Es ist auch eine entscheidende Frage, die wir uns gegenseitig stellen können und immer wieder stellen sollten. (Es ist immer eine Bankrotterklärung des Denkens, irgendeine Sicht der Dinge für alternativlos zu halten.) In psychotherapeutischen Prozessen kann die Frage nach weiteren, bisher noch nicht erkannten Möglichkeiten zur Schlüsselfrage werden – und viele psychische Belastungssituationen sind ja umgekehrt genau dadurch gekennzeichnet, dass der Betroffene keinen Ausweg mehr weiß, selbst keine Möglichkeit findet, wie das Problem gelöst werden könnte. Traumata in der Vergangenheit beispielsweise können ja weder ungeschehen gemacht noch im Nachhinein verändert werden: es ist geschehen, was geschehen ist. So verständlich der Wunsch ist: ungeschehen machen Wollen wäre tatsächlich ein Ding der Unmöglichkeit. Aber hinsichtlich der Art und Weise, wie man sich erinnert, wie  man mit bewussten oder auch automatisch auftretenden Erinnerungen (flash-backs) dann umgeht, auf welche Aspekte man in der jeweiligen Erinnerung fokussiert, usw. gibt es mehr Möglichkeiten, als man zunächst denkt.

Die Realisierung von Möglichkeiten – mehr noch: bereits das Erkennen von Möglichkeiten – beruht auf Wissen und Fertigkeiten. Man kann sich das sehr schön an einem Spiel klar machen, z.B. Billard. Ich benötige eingehende Regelkenntnis, um Erlaubtes und Unerlaubtes – und damit Unmögliches – unterscheiden zu können. Die Regeln sagen nicht, was ist, sondern was möglich ist: sie eröffnen den Spielraum! Dann brauche ich Erfahrung, um zu erkennen, dass bestimmte Stöße ausführbar sind oder in einer bestimmten Reihenfolge spielbar werden. Dabei muss ich meine (begrenzten) Fähigkeiten zur Umsetzung des im Prinzip Möglichen berücksichtigen: was Ronnie “The Rocket” O’Sullivan möglich ist, ist mir persönlich noch lange nicht möglich … Ich muss also meine Möglichkeiten erkennen. Schließlich muss ich zwischen den von mir erkannten Möglichkeiten entscheiden – z.B. nach Erfolgsaussichten o.ä. – und dann mein Handeln möglichst konsequent auf die Realisierung genau dieser Möglichkeit ausrichten. Ohne diesen “Glauben”, dass das möglich ist und dass es mir möglich ist, werde ich es erst gar nicht versuchen und niemals in Erfahrung bringen, ob es nicht vielleicht doch möglich war. Und wenn ich es versuche, gibt es keinerlei Garantie; es könnte sich herausstellen, dass es für mich doch (noch) zu schwer war und dass das, was ich da ausprobiert habe, relativ zu meinen Fähigkeiten (und vielleicht sogar prinzipiell) doch unmöglich war. Derartige Abwägungsprozesse sind im Alltag ubiquitär und Menschen unterscheiden sich sehr stark hinsichtlich der Frage, ob sie wirklichkeitsgefangen den bekannten Alltag gewohnheitsmäßig runterspulen oder ob sie auf der Suche nach neuen Möglichkeiten sind und dabei das Risiko eingehen, dass mancher Versuch einer Realisierung scheitert. Lebe ich gefangen in einer Welt bloßer Fakten, die strenger Naturgesetzlichkeit unterliegen – oder ist die Welt ein offener Spielraum, der durch Naturgesetze eröffnet wird?

Dieses Möglichkeits- und dann “Absichtenmanagement” hatten wir hier zuletzt im Zusammenhang mit “Willensfreiheit” intensiv diskutiert (im Kommentarbereich). Für ein alltägliches Verständnis von Freiheit reicht es aus, fähig zu sein, seine Absichten in die Tat umzusetzen, frei von Zwang oder Behinderung; aber das wird manchem nicht reichen. Das andere Extrem ist aber undenkbar, dass quasi aus dem Nichts der Wille völlig frei (im Sinne von absolut unbedingt) Handlungen anstößt – es wäre dann ja auch fraglich, ob eine solche creatio-ex-nihilo-Handlung überhaupt noch meine eigene Handlung wäre; wir begründen ja unsere Handlungen eigentlich immer durch Narrative, die biographische Zusammenhänge (!) aufzeigen oder herstellen sollen. Was aber vielleicht genau zwischen diesen beiden Extremen – Determinismus vs. Freiheit als absolute Unbedingtheit – liegt, ist die Art von Freiheit, die entsteht, wenn der Gedanke im Raum steht, dass es weitere Möglichkeiten geben könnte, die man jetzt – möglicherweise! – noch nicht erkennt und dass es sich lohnen könnte, weitere Optionen gezielt zu suchen. Vielleicht ist der Raum des Möglichen nicht unendlich groß, aber ich denke, er ist sehr groß und definitiv größer als man zunächst meint. Zu diesem Möglichkeitsdiskurs muss man jedoch befähigt und manchmal auch ermutigt oder sogar aufgefordert werden.

Ich komme noch einmal auf das Beispiel des Spiels zurück: Es wäre sicherlich eine zutreffende Beschreibung des Spiels, die Fakten, die der Reihe nach wirklich eintreten, exakt zu protokollieren und sie in Bezug zum Regelwerk zu setzen. Aber offensichtlich würde man praktisch alles verpassen, was den Reiz des Spiels ausmacht, wenn man die Möglichkeitsdiskurse der Beteiligten nicht versteht oder für irrelevant hält, weil man am Ende doch nur den einen bestimmten faktisch erfolgten Spielzug sieht. Das Langweiligste an einem Spiel – sind die Fakten! Kaum jemand schaut sich die Aufzeichnung eines Fußballspiels an, dessen Resultat er schon kennt.

Und so auch für das ganze Leben. Die Fakten sind in gewisser Weise das Langweiligste. (Daher meine Wittgenstein-Kritik zu Beginn.) Interessant ist nur der (geistige) Bezug auf Mögliches, Offenheit für gänzlich Neues, das geschickte Spiel mit eigenen Erwartungen und den Erwartungen anderer und Handeln auf der Basis soliden Wissens, bewährter Fähigkeiten und des Glaubens an erkannte Möglichkeiten (Mut). Natürlich feiern wir eingetretene Erfolge, d.h. Realisierungen erkannter Möglichkeiten, besonders wenn diese nicht nur zufällig, sondern infolge außergewöhnlicher Kenntnisse und Fähigkeiten überhaupt möglich wurden. Solche Erfolge belohnen den Glauben – und damit auch den Glauben an den Glauben an ungeahnte Möglichkeiten. Wir feiern sie besonders, wenn sie ihrerseits wiederum neue Möglichkeiten eröffnen.

Religionskritik setzt in der Regel historisch an – hat sich dies oder jenes Ereignis tatsächlich so ereignet (z.B. Auferstehung)? – oder weltanschaulich – welche Objekte und Ereignisse gibt es wirklich, was ist nur Fantasie? Viel interessanter – und auch politisch relevanter – sind aber die religiösen Möglichkeitsdiskurse: Wohin soll die Reise mit der Menschheit und mit mir persönlich nach Meinung der Religion denn nun gehen? Der religiöse und gerade auch der christliche Glaube lassen sich als ein Glaube an ganz bestimmte Möglichkeiten charakterisieren – und zwar sogar besser denn als Weltanschauung oder magisches Denken, wie es meistens geschieht. Religiöse Praxis ist die anfängliche Realisierung einer erhofften Zukunft. Religionskritiker stehen gerne belehrend und besserwisserisch da und lamentieren mit Verweis auf unumstößliche Fakten, was alles nicht möglich ist. Das ist – laaangweilig! Religion ist da wesentlich unterhaltsamer. Religion beflügelt die Fantasie, Religion hält unser Verständnis der Wirklichkeit offen: Es ist immer viel mehr möglich, als man erst so denkt! Religion interessiert sich für Vergangenes nur, weil und insofern dies heute unerwartete Möglichkeiten eröffnet.

Religionskritiker, so mein Tipp, sollten sich darauf verlegen zu beschreiben, was mit Hilfe wissenschaftlich-technischer Kenntnisse und Fähigkeiten in Zukunft möglich sein wird; sie sollten für eine bestimmte Zukunft werben und damit auch die Religionen ermutigen (oder indirekt zwingen), ihre Karten auf den Tisch zu legen. Sie sollten sozusagen das Glauben nicht den Religionen überlassen! Eine Reihe technischer Errungenschaften lassen sich doch sehr gut als die säkulare Realisierung ursprünglich religiös erdachter Möglichkeiten deuten – z.B. das Mobilfunknetz in Verbindung mit einem Notarzt-System, die das Stoßgebet im Straßenverkehr recht überzeugend ersetzen, oder die globalisierte, fast grenzenlose Kommunikation im Internet, die die Idee einer universalen Menschheitsfamilie realisiert.

Interessant ist immer nur die Eroberung neuen, unbekannten Terrains – und ich denke, dass das (jenseits von rechtsphilosophischen Fragen) auch eigentlich mit Freiheit gemeint ist: Leben in eine offene Zukunft hinein, die mehr Möglichkeiten bereit hält, als wir erkennen, auf die wir uns antizipativ in (individuellen und gemeinsam-politischen) Möglichkeitsdiskursen erkennend und kreativ beziehen und die wir irgendwie auch durch unsere Handlungen mitschaffen, insofern sich diese intentional auf erkannte und gewählte Möglichkeiten beziehen und diese noch nicht realen Möglichkeiten somit zur physischen Finalursache (!) unserer Handlungen werden lassen (Glaube); denn der Möglichkeitsgedanke, der der Ausgangspunkt für eine in der Zukunft (physisch!) gänzlich veränderte Welt sein könnte, ist jetzt bereits und ausschließlich in meinem Kopf in ephemeren Aktivierungsmustern physisch (!) realisiert. All das folgt selbstverständlich den naturgesetzlichen Regeln – aber diese eröffnen eine nach vorn offene und gänzlich unbekannte Zukunft.

Veröffentlicht von

Meine Name ist Christian Hoppe. Ich bin erst während meines Theologiestudiums (Diplom 1993) auf die Neuropsychologie gestoßen (Diplom 1997, Promotion 2004, Habilitation 2016) und hatte gleich das Gefühl, dass die Frage, wie Gehirn und Geist zusammen gehen, sehr viel mit der Frage zu tun hat, wie Gott und Welt zusammengehen. Meine wissenschaftlichen Publikationen finden Sie hier: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=hoppe+c+bonn%5Bad%5D. Ich freue mich auf angeregte und anregende Diskussion!

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Howdy, Herr Dr. Hoppe,

    nur zu vier Punkten kurz Feedback :

    1.) ‘Doch Denkbarkeit erscheint nicht hinreichend für Möglichkeit: man kann sich Dinge denken, von denen man weiß, dass sie nicht möglich sind, dass sie grundsätzlich niemals Realität werden können.’
    “Was denkbar ist, ist möglich.” – die Denkbarkeit meint, jedenfalls aus bestimmter philosophischer Sicht die Möglichkeit, es liegt ein Synonym vor.

    2.) ‘Unter derselben Hinsicht könnten zwei widersprüchliche Ereignisse sehr wohl beide möglich sein, während sie nicht beide wirklich sein können.’ – Dreiwertige Logik hier das Fachwort, es ist möglich / denkbar, dass eine bestimmte binäre Information zu einem Sachverhalt nie erhalten wird, von den erkennenden Subjekten.
    Drei Stati sind hier erforderlich, dies weiß bspw. jeder (bessere) Datenbankentwickler.

    3.) ‘Religionskritik setzt in der Regel historisch an – hat sich dies oder jenes Ereignis tatsächlich so ereignet (z.B. Auferstehung)? – oder weltanschaulich – welche Objekte und Ereignisse gibt es wirklich, was ist nur Fantasie?’ – “Eigentlich” nicht, von aggressiven Atheisten einmal abgesehen, die daran glauben (!), dass es keinen Gott oder keine sogenannten überempirischen Akteure gibt, einmal abgesehen.
    Aufklärerische Religionskritik betrachtet aus anthropologischer Sicht die Folgen bestimmter Religionen, die Moralmodelle bis Herrschaftsmodelle sein können, oder gar Schamentum, das nicht der Ratio gehorchen muss, logisch inkohärent sein darf, manchmal, wenn nicht oft, einen Herrschaftsdrang haben, der in ihren Dokumenten angelegt ist.

    4.) ‘Auch das Unmögliche ist denkbar.’ – Das Unmögliche ist als unmöglich denkbar, dann nachgewiesen, als unmöglich, so auch nicht in der (oder : einer) Welt stattfinden könnend. Viele sogenannte Paradoxien sind Schein-Paradoxien, in gewisser Hinsicht : alle.

    MFG + schönen Tag des Herrn schon mal,
    Dr. Webbaer

    • Dr. Webbbaer,
      ……Dominanz der Sprache
      “Was denkbar ist, ist möglich.” – die Denkbarkeit meint, jedenfalls aus bestimmter philosophischer Sicht die Möglichkeit, es liegt ein Synonym vor.

      Sprache und Kommunikation wird erst dann sinngebend bzw. erkenntnisfördernd , wenn die Denkbarkeit als Arbeitshypothese aufgefasst wird, wo noch nicht geklärt ist, ob alles was man denken kann auch möglich ist.
      Sonst hätten wir magisches Denken vor Augen, wo auch Gott erst gedacht werden muss, damit er existiert.
      Anmerkung: Für Christen existiert Gott auf ontologischer Ebene, das Beispiel war nicht gut gewählt.

  2. “… das sie grundsätzlich niemals Realität werden können.”

    Es wäre möglich, das du an London denkst und TATSÄCHLICH in London landest – vorrausgesetzt die Menschheit ist in ihrer Kommunikation GRUNDSÄTZLICH überlebensfähig, um …

  3. Christian Hoppe,
    …….wissenschaftlich begründeter Optimismus,
    so möchte ich Ihr Plädoyer für realistische Denkweise kombiniert mit den sinngebenden Möglichkeiten eines individuellen Glaubens bezeichnen.
    Chapeau!

  4. @Hoppe – zu Ihrer Bildgebungsstudie:
    Dass die Erwartung der Versuchspersonen beeinflusst, welcher Gehirnbereich bevorzugt aktiv ist (visueller Reiz > visueller Cortex, akustischer Reiz > auditorischer Cortex) hat einen einfachen Grund: Durch Vorauswahl des zum erwarteten Reiz passenden Gehirnareals kann das Gehirn ca. 1/3 schneller reagieren (Reaktionszeit ca 200 Millisekunden – statt 300 Millisekunden ohne Vorauswahl).
    Denn dabei muss nur der vorgewählte Hirnbereich nach einer Handlungsanweisung für den neuen Reiz durchsucht werden – dies ist z.B. einer der Tricks, mit denen das Gehirn sowohl Energie spart, wie auch seine Effektivität steigert.
    (Zu den Begriffen Erwartung/Antizipation gehört auch ´Priming´: der Zustand des Gehirn vor der Verarbeitung eines neuen Reizes beeinflusst, wie dieser dann verarbeitet wird. D.h. auf einen identischen Reiz sind unterschiedliche Reaktionen möglich. Die neuronale Schaltung dafür ist bereits bekannt:
    http://www.sciencedaily.com/releases/2015/03/150313110402.htm ´Free will? Analysis of worm neurons suggest how a single stimulus can trigger different responses´

    Darauf, wie das Gehirn beim Erstellen einer Zukunftsvorschau/Antizipation arbeitet habe ich bereits mehrfach hingewiesen. Suchen Sie per Google [www.nderf.org/German/denken_nte.pdf] (ganzen Link suchen). Denken/Kreativität kann man als Ergebnis von Mustervergleichsaktivitäten mit nur 3 Regeln beschreiben; die Sie in dem Artikel finden. Auf der letzten Seite finden Sie eine kurze Beschreibung, wie die Zeitlupenwahrnehmung abläuft – damit kann man die Arbeitsweise des Gehirns zur Vorhersage der Zukunft bewusst erleben)

  5. Nachtrag: Viele Witze beruhen darauf, dass man das Gehirn zunächst dazu bringt, eine bestimmte Erwartung zu entwickeln – und die Pointe ist dann völlig anders

  6. Bonuskommentar und Bonuspunkte vergebend :

    Das Erkennen von Tatsachen ist nicht der Endzweck des Erkennens, es dient vielmehr dem Erkennen des Möglichen. Wer ernsthaft glaubt, die Welt sei, was der Fall ist [und sonst nichts], hat mit dem Denken noch gar nicht angefangen.

    Also, hier, bei diesem Dokument (Quelle : nicht weiter geprüft), “das der Fall ist”, weiß Dr. Webbaer auch nicht so recht, die Welt über (vs. ‘mit Hilfe von’) die Sprachlichkeit oder Logik zu verstehen, geht nicht.
    Das Erkennen meint das Bemühen um die Feststellung, dann “Erkennen” der Welt, vs. das ‘Erkennen des Möglichen’.
    Schwierig, Wittgenstein war ein großartiger Mensch.

    MFG
    Dr. Webbaer

  7. In Elena Ferrantes Meine geniale Freundin zieht sich die Vorbereitung für eine neapolitanische Hochzeit über Monate hin und ganze Familien samt Freunden sind involviert, fiebern mit, begutachten Kleider, denken an das, was kommt. Trotzdem geht es dabei nicht mehr um das Mögliche, sondern um etwas ziemlich Gewisses. Und ich behaupte: 90% unseres Denkens an Zukünftiges bezieht sich auf bereits geplantes, auf Bevorstehendes, das nun noch seine endgültige Form erhalten muss. Das Mögliche als noch Offenes verunsichert dagegen die meisten. Solange die Schönheitsoperation nur eine vage Idee und ein Wunsch ist, solange ist diese Idee auch mit Unsicherheit, vielleicht sogar Ängsten verbunden. Wenn sie aber beschlossen ist, kommt man wieder in bekannteres Fahrwasser, dann geht es nur noch um das Wie und Was, quasi um Details.
    Möglichkeiten nicht als Wahlmöglichkeiten, also Optionen, sondern als Ungewissheiten erleben wir recht häufig dunkel grundiert und verbinden das Offene mit der Möglichkeit des Schlimmen. Der Nordkorea-Konflikt könnte im Atomkrieg enden, Trump kann in seiner verbleibenden Zeit noch so viel Unheil anrichten, die Automatisierung uns alle unsere Jobs kosten, und so weiter und so fort. Ganz anders ist es, wenn nächste Woche ein Konzert oder ein Fussballspiel auf mich wartet. Auch da ist vieles möglich, der Rahmen aber abgesteckt.

    • Zitat:“Interessant ist immer nur die Eroberung neuen, unbekannten Terrains – und ich denke, dass das (jenseits von rechtsphilosophischen Fragen) auch eigentlich mit Freiheit gemeint ist.”
      Interessant vielleicht schon, doch es finden sich nur wenige, die sich in unbekanntes Terrain – über den gelegentlichen Seitensprung hinaus -, vorwagen.
      Auswanderer nach Amerika waren zuerst vor allem religiös Verfolgte, Besitz- und Perspektivlose (Verarmte, Überlebende von Hungersnöten (z.B. Iren)) und sofern es Abenteurer waren, so waren es nicht selten Kriminelle. Schon die “Grosse Kolonisation” im 8. bis 6. Jahrhundert vor Christus, bei der Griechen an nichtgriechische Mittelmeerküsten auswanderten war keinesfall eine Massenbewegung, sondern ging von Gruppen von typischerweise 200 wagemutigen kräftigen jungenMännern aus, die in ihrer zunehmend unter Bevölkerungsdruck leidenden Heimat kein Auskommen mehr fanden. Das Resultat der Grossen Kolonisation war aber tatsächlich grossartig, schuffen sie doch griechische Siedlungen über den ganzen Mittelmeerraum und damit die Grundlage für den späteren Hellenismus.
      Die Eroberung unbekannten Terrains war zwar für die Menschheitsgeschichte immer schon wichtig, nicht nur wenn es um fremde Gestade ging, sondern auch wenn es um neue Techniken und um Forschung und Wissen ging. Doch es waren und sind immer nur Wenige, die gerne und mit freudiger Erwartung ins Unbekannte vorstossen.
      Den Kitzel des Unbekannten, Verbotenen und den Wunsch nach dem Ausbruch aus dem Alltag, den kennen allerdings sehr viel mehr. Doch um ihn Auszuleben genügen den meisten Kasinos, Lottoscheine, Dating-Portale, schnelle Autos, gewisse Sportarten und ein paar freie Wochenenden.

  8. Bonus-Bonus-Kommentar hierzu :
    ‘Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist.’ + ‘Dagegen scheint mir die Wahrheit der hier mitgeteilten Gedanken unantastbar und definitiv. Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Und wenn ich mich hierin nicht irre, so besteht der Wert dieser Arbeit zweitens darin, daß sie zeigt, wie wenig damit getan ist, daß die Probleme gelöst sind.’

    Dr. Webbaer will, auch um diesen Kollegen nicht als irre zu erklären, zu müssen.
    Hier alternativ Lob aussprechen, Wittgenstein hat das getan, was getan werden musste, um die Ratio, womöglich : bestmöglich, anzufragen.
    Seine Karriere ist ein einziges Desaster, er war erkennbar megaloman und hat es im Sprachlichen, die Logik meinend, versucht, er erinnert auch ein wenig an Nietzsche, den der Schreiber dieser Zeilen ebenfalls verdammt, wird abär für notwendig erachtet : als Gegenbeispiel, wenn es um die Bearbeitung der Welt geht und möglichen NichtÖ-Nutzen, vgl. eben mit : ‘Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist.’

    Leutz, die diese ‘Sätze verstehen und als unsinnig erkennen’, gerade auch dann, wenn sie ‘über sie hinausgestiegen’ sind, dürfen bis müssen insofern verdammen dürfen, WIttgenstein et al.
    Es gibt einige die hierzu in der Lage waren.

    MFG
    Dr. Webbaer

  9. Dr. Webbaer,
    …….Wittgenstein,
    ihre Vorliebe für Wittgenstein rundet mein Bild ab. Man kann Begriffe und Sätze klar formulieren und die Möglichkeit des Missverstehens durch eine strenge Begriffsdeutung verringern. Einverstanden.
    Wie steht es aber , wenn der Sinn eines Satzes eben nicht ausformuliert , sondern “zwischen den Zeilen” zu finden ist?
    Oder noch besser, wenn unsere Sprache nur einen Begriff bereitstellt, wo doch mehrere von Nöten wären?
    Darum haben wir doch diese “philosophischen” Diskussionen, wo man am Ende genau so schlau ist wie am Anfang, und die man als Zeitverschwendung empfindet.

  10. Freiheit ist in der Konsumgesellschaft als Wahlfreiheit realisiert. Schon bei den ersten Automobilen konnte man zwischen verschiedenen Autofarben auswählen ( „You can have it in any color as long as it’s black“), heute gibt es unzählige Austattungsvarianten für das gleiche Automobil.
    Materieller und geistiger Reichtum verlang nach mehr Wahlfreiheit, denn der gehobene Geschmack und die vielfältigen Interessen der Gutbetuchten und geistig Regen verlangen nach einem grösseren Füllhorn. Durch seine Séléction zeigt der Wohlgeborene nämlich auch seinen Geschmack und seine Individualität.

    Eine Freiheit als Ritt ins Offene, Unbestimmte, in eine Zukunft, von der man überhaupt nicht weiss, was sie einem bringt, wird dagegen kaum von jemanden angestrebt.
    Christian Hoppes Ausführungen präsentieren uns einen Freiheitsbegriff, der irgendwo in der Mitte zwischen einer durch Wahlfreiheit bestimmten Füllhorn-Welt und einer wirklich offenen Welt mit noch unbestimmter Zukunft (Zitat):
    Leben in eine offene Zukunft hinein, die mehr Möglichkeiten bereit hält, als wir erkennen, auf die wir uns antizipativ in (individuellen und gemeinsam-politischen) Möglichkeitsdiskursen erkennend und kreativ beziehen und die wir irgendwie auch durch unsere Handlungen mitschaffen, insofern sich diese intentional auf erkannte und gewählte Möglichkeiten beziehen und diese noch nicht realen Möglichkeiten somit zur physischen Finalursache (!) unserer Handlungen werden lassen.

    Was der Ritt in eine wirklich offene Zukunft völlig abseits einer vorgespurten Bahn bedeuten kann, zeigt eine Kurzgeschichte von Haruki Murikami in seinem Büchlein “Von Frauen, die keine Männer haben”. Die Hauptfigur in dieser Kurzgeschichte ist ein Sohn aus reichem Haus, für den eigentlich schon alles vorgespurt ist: die Schule und (Elite-) Universität, die Art der späteren Lebenspartnerin und sein jetztiges und späteres Lebensumfeld. Doch dieser Sprössling verwehrt sich auf recht exotische Art und Weise einer wohlhabenden Zukunft voller Wahlmöglichkeiten. Es beginnt damit, dass er sich einen Tokioter Dialekt der Unterschicht aneignet, den eigentlich niemand in seinem Umfeld spricht. Als nächstes vernachlässigt er seine Jugendfreundin, die eigentlich zu ihm passt und mit der ein Zusammenleben logisch und natürlich wäre. Dann fallen seine Schulleistungen immer mehr ab und er entscheidet sich für einen handwerklichen Beruf. Eine interessante Geschichte, weil so unwahrscheinlich und weil sie als Hauptfigur einen gegen den Strom Schwimmenden besitzt, wobei sich die Opposition hier nur gegen das vorbestimmt mehrbessere Schicksal richtet.
    Gegen den Strom schwimmen ist an und für sich die Ausnahme. Heute in einer Generation, die duch politische Korrektheit geprägt ist und wo das äussere Erscheinungsbild und Auftreten über die Likes in Facebook und Instagram beeinflusst wird, (scheinbar) sowieso. Interessanterweise gibt es aber historisch gesehen eine fast zuverlässige Quote von gegen den Strom-Schwimmern. Leute, die wirklich das Unerwartete tun. Leute etwa wie Oskar Schindler, ein wenig erfolgreicher, dem Alkoholismus zuneigender Industrieller, der nach aussen nicht auffiel und den man spontan als einen mit dem Zeitgeist Gehenden sehen würde, der sich aber das geheime Ziel gesetzt hatte, Juden vor der Vernichtung zu retten.

    • Korrektur, Haruki Murakamis Büchlein heisst nicht etwa “Von Frauen, die keine Männer haben”, sondern “Von Männern, die keine Frauen haben”. Die 7 Geschichten im Büchlein handeln mehrheitlich von Männern, die sehr wenig innere und äussere Freiheit besitzen, denn es sind Männer, deren Aussenbeziehungen weitgehend durch ihre Frauen bestimmt wird – Männer als Inseln also, die ohne Frau keinen Steg zum Festland mehr besitzen. Es passt gut zum Thema Willensfreiheit und zur verwandten Frage, wie Wille von äusseren Umständen abhängt. Es passt auch gut zum Thema “Das Mögliche”, denn wem nichts mehr möglich ist, wer keine Möglichkeiten mehr sieht, der hat keine Freiheit.

    • Korrektur : Haruki Murakamis Büchlein heisst nicht etwa “Von Frauen, die keine Männer haben”, sondern “Von Männern, die keine Frauen haben”. Die 7 Geschichten im Büchlein handeln mehrheitlich von Männern, die sehr wenig innere und äussere Freiheit besitzen, denn es sind Männer, deren Aussenbeziehungen weitgehend durch ihre Frauen bestimmt wird – Männer als Inseln also, die ohne Frau keinen Steg zum Festland mehr besitzen. Es passt gut zum Thema Willensfreiheit und zur verwandten Frage, wie Wille von äusseren Umständen abhängt. Es passt auch gut zum Thema “Das Mögliche”, denn wem nichts mehr möglich ist, wer keine Möglichkeiten mehr sieht, der hat keine Freiheit.

  11. Christian Hoppe schrieb (11. August 2017):
    > Die Regeln sagen nicht, was ist, sondern was möglich ist

    Spielregeln (von “echten”, “wettbewerblichen”, “seriösen” Spielen) sagen für sich allein genommen nicht, was Zug um Zug, Runde um Runde, Austragung für Austragung wirklich eingetreten ist bzw. noch wird; richtig.

    Aber Spieregeln sagen doch, wie Fall für Fall hinreichend einvernehmlich (“wettsicher”) entschieden und bewertet würde, was gewesen ist; d.h. inwiefern das Gewesene im Sinne des Spiels “gültig” war, welcher Spiel-Stand dem Geschehenen entspricht, und ggf. wie das Spiel fortzusetzen ist.

    Dadurch wird festgelegt, was im Rahmen des betreffenden Spiel möglich ist; also insbesondere der Ergebnis-Wertebereich insgesamt, bzw. auch Wertebereiche der Resultate einzener Spielabschnitte.

    > Ich benötige eingehende Regelkenntnis, um Erlaubtes und Unerlaubtes – und damit Unmögliches – unterscheiden zu können.

    Eingehende Regelkenntnis ist natürlich auch für Schiedsrichter bzw. Experimentalisten erforderlich, um schlicht (aber hinreichend einvernehmlich, “wettsicher”, nachvollziehbar, respektabel) zu ermitteln, was (Fall für Fall, der Reihe nach) wirklich eingetreten war.

    Der Aufstellung bzw. Kenntnis von in Frage kommenden Regeln geht demnach die selbstverständliche, gewissenhafte Vorstellung von Nachvollziehbarkeit voraus; und nicht etwa Erwartungen hinsichtlich noch ausstehender Spielergebnisse oder Fakten.

    p.s.
    Wertebereich_zur_Regel_R :=
    { x ∈ Reelle_Zahlen × R_Einheit_Symbol |
    ∃ ψ ∈ Alles_Mögliche :
    x == Ergebnis_der_Auswertung_von_Regel_R_für_ψ und
    x == Ergebnis_der_Auswertung_von_Regel_R_für_(x ψ) }

    .

    p.p.s.
    HTML-Test:
    “ψ<sub>x</sub>” wird dargestellt als: “ψx”.

    • Lieber Herr Hoppe,

      Es gibt nicht viele (ich lese viel und verfolge viele Diskurse), die sich Gedanken um den Begriff der Möglichkeit machen, und was Sie gemacht haben finde ich super gut ! Der Begriff ist nämlich ein Power-Begriff ! Das haben Sie toll dargestellt, da kann ich nur gratulieren.

      Hier Ergänzungen:

      a) Metaphysik
      Was war vor dem Urknall, was geht allem Werden voran ? Die Möglichkeit, daß sie werden können. Die Möglichkeit als Seinsform existiert zeitlich vor jeder gewordenen Realität (daher kann die Zeit – der Logik nach – auch nicht mit dem Urknall entstanden sein, das nur am Rande).

      Welche Ontologie soll man dem Begriff zuschreiben (das fragen Sie ja auch) ? Seine Seinsform ist nicht eine reale, aber Möglichkeiten existieren als nicht-realer Seinsmodus, sie sind die Phase, aus der die Realität – wie bei einem Phasenübergang – kondensiert.

      Dier Begriff der Möglichkeit verweist nicht nur – wie bei Aristoteles – nach vorn auf ein möglicherweise zu realisierendes Ereignis, sondern auch in die Vergangenheit. Denn Möglichkeiten erwachsen selbst wieder aus der im Gegenwartsmoment vorhanden und in der Vergangenheit festgezurrten Realität, bzw. die Realität stellt, indem sie sich verändert, reale Randbedingungen her, aus der neue Möglichkeiten erwachen, bzw. alte verschwinden. Es ist wie ein Kreislauf: Möglichkeiten werden zur Realität, diese Realität bildet neue Randbedingungen, daraus entstehen und vergehen wiederum Möglichkeiten.

      b) Physik:
      Beschreibt die Physik Wirkliches oder Mögliches ?

      Da das wesentliche Ziel einer Theorie die Vorhersage von Ereignissen ist, beschreibt sie das Wirkliche (wirklich Stattfindende). Die Physik kennt einen physikalischen Begriff „Möglichkeit“ auch nicht (so wie auch nicht den Begriff der Vergangenheit und Zukunft). Er könnte aber in vielen Theorieinterpretationen sehr nützlich sein.

      Modalbegriffe sind in der Physik suspekt. Alle physikalischen Begriffe referieren auf Wirkliches, nämlich das Gemessene. Durch den Verzicht auf Modalbegriffe beraubt sich die Physik aller Möglichkeiten, ihre unverstandenen Ontologien auf besser verständliche Begriffe zu bringen.

      c) Alltag:
      Da haben Sie eigentlich alles gesagt. Hier nur eine Ergänzung. Möglichkeiten der Zukunft enthalten all die Unbestimmtheiten, mit denen wir leben. Wir sind aber ein Meister im Management dieser Unbestimmtheiten. Es ist ein wahres Wunder, wie kunstvoll wir mit diesen Unbestimmtheiten umgehen. Wir können z.B. aus vollkommenen Unbestimmtheiten über das morgige Wetter dennoch wetterabhängige Ja/Nein-Handlungsentscheidungen für morgen ableiten. Unser Gehirn (oder Bauch) sondiert mit den Möglichkeiten und jongliert im Verein mit der Erfahrung eine Möglichkeit aus, die erwartungsgemäß Realität werden soll.

      Das kann in dieser Virtuosität keine Theorie und keine Mathematik. Die physikalischen Theorien gestatten zwar auch, aus einer zukünftigen Situation all die Möglichkeiten auszusondern, die nicht mit den Naturgesetzen im Einklang sind, aber um all die Möglichkeiten auszusondern, die nicht eintreffen und nur die eine übrigzulassen, die Realität wird – zu dieser Vorhersage brauchen die Theorien Randbedingungen. Diese Randbedingungen setzt unser Hirn oder Bauch ständig ins Kalkül, um alle Möglichkeiten bis auf wenige oder und immer wieder die eine, die real werden soll, zu selektieren – ein ständiger Prozeß der Auslese, über den wir uns nicht bewußt sind.
      Das ist echt eine phantastische Leistung, für die Sie vielfältige Beispiele anführen. Das haben Sie mal echt was Anständiges geschrieben.

      d) EDV-Simulationen
      Auch hier spielt der Begriff der Möglichkleit eine Rolle, darüber zu schreiben würde jetzt zu weit führen.

      Ich hoffe Sie können mit diesen Überlegungen etwas anfangen. Die Modalform der Möglichkeit gehört zu den schwierigsten Begriffen der Philosophie, ähnlich wie die Begriffe Vergangenheit und Zukunft, die eng damit zusammenhängen (anders als der Begriff der Notwendigkeit, der zwar immer wieder mit dem Begriff der Möglichkeit in Zusammenhang gebracht wird, jedoch unberechtigterweise, wie ich meine). Es finde es gut, daß Sie das mal thematisiert haben. Und die Vielfalt der Aspekte, die Sie beschreiben haben, zeigt ja, was für ein gewaltiger Begriff das ist !

      In der Philosophie unterbelichtet, wie Einiges andere auch.

      Saludos
      Fossilium

      • Fossilium schrieb (15. August 2017 @ 11:25):
        > […] b) Physik:
        > […] Alle physikalischen Begriffe referieren auf Wirkliches, nämlich das Gemessene.

        Zur Physik gehören (deshalb?) auch Messoperatoren, d.h. festgelegte nachvollziehbare Regeln, wie Versuch für Versuch jeweils ein bestimmter Messwert zu ermitteln wäre;
        unabhängig von irgendwelchen Erwartungen, welcher konkrete Messwert in einem bestimmten Versuch dadurch erhalten würde, falls überhaupt einer.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben