Wie viel Hirnkapazität ist bei Ihnen noch frei?

Joggen soll ich, sagt man mir. Oder ins Fitness-Studio! Na, ich klage öfter, dass ich mit dem Gewicht kämpfe. Da bekomme ich von empathischen Menschen harte Ratschläge, wo ich doch Trost bräuchte. Ich würde ja gerne Sport treiben, aber ich kann dabei nicht vernünftig nachdenken, jedenfalls nicht über ein Buch oder eine These, die ich entwickeln möchte. Ich bin dann zu sehr auf das Sporttreiben konzentriert. Ich mag den Sport ja nicht so, weil die Zeit verschwendet ist, also muss ich mich zwingen, mein Pensum abzuleisten. Aber die Arbeit der Selbstdisziplinierung verbraucht einen zu großen Teil meiner Gehirnkapazität!

Da las ich bei Kahnemann (Schnelles Denken, Langsames Denken), dass Leute, denen man beim Laufen eine schwierige Kopfrechenaufgabe stellt, sofort stehen bleiben, um sie zu lösen! Genau! Das meine ich! Wenn ich zum Beispiel mit dem Auto die letzte Meile zum Event fahre und unter Stress ein Parkhaus im Einbahnstraßengewirr suche, schalte ich immer unwillkürlich das Autoradio aus. Keine Ablenkung, nicht jetzt!

Ich glaube, unser Hirn ist so wie unser Smartphone organisiert. Da laufen ziemlich viele Apps im Hintergrund, während wir eine davon vorrangig im Auge haben. Piep, WhatsApp. Klopf, eine Mail! Gong, ein Fußballtor. Diese Apps verbrauchen einen Teil der Prozessorleistung und stören sich gegenseitig. Wer für eine wichtige Aufgabe die volle Leistung haben möchte, schaltet besser alles jetzt Unnötige ab.

Wenn das so ist, dass man nicht gleichzeitig schnell Laufen und schwer Kopfrechnen kann – warum beachten wir das nicht bei der Arbeit? Können wir denn gleichzeitig kreativ sein, wenn alles rundherum telefoniert, wenn der Chef schlechte Laune wegen der Zahlen verbreitet und wir am besten noch familiären Stress haben? Der größte Hirnfresser ist die Anstrengung, sich auf eine verhasste, unangenehme und unbehagliche Arbeit zu fokussieren, oder? Das muss Ihnen doch auch so gehen – wie mir beim Sport? Ungeliebte Arbeit erledigen wir daher mit angezogener Bremse. Eiligkeit als solche verbraucht viel Kapazität – versuchen Sie einmal, unter Hektik sauber zu arbeiten! Eilige und schreckliche Arbeit erschöpft daher ungemein: „Warum bin ich so müde? Ich habe heute kaum etwas geleistet!“ Doch, wir haben uns zu etwas gezwungen. Viele Leute scheuen so etwas wie eine Einkommensteuererklärung so sehr, dass sie mehrere Tagesäquivalente an Hirnleistung zum Selbstüberwinden verbrauchen.
Als Prof habe ich oft gesehen, wie sich Studenten nicht auf ihre Abschlussarbeit konzentrieren konnten. Sie merkten schnell, dass sie von der Sache nicht genügend verstanden, und alles noch auf Englisch! Sie konnten nicht genug Hirnleistung aktivieren, weil das Zwingen zum Anfangen zu viel Prozessorleistung blockierte – der verbleibende Rest war für die Abschlussarbeit zu wenig. Wer keine Ahnung davon hat, nennt es meinetwegen Prokrastination.

Jetzt wäre es logisch, wir hätten nicht so viel Zwang und Störung im Leben, oder? Die Glückstheorie spricht von Glanzleistungen im Flow, einem Zustand, in dem die volle Hirnleistung zur Verfügung gestellt werden kann. Im Flow ist nichts Anderes aktiv, nicht einmal die Feierabenderinnerungs-App oder die „Hab-Hunger-App“. Oh, und dann kennen wir den so missverstandenen Zustand der Muße, der törichterweise mit Faulheit und Müßiggang, Chillen oder Trödeln verbunden wird. Im Zustand der Muße ist gar keine App im Hirn aktiv – nichts warnt, macht Sorgen oder stellt Forderungen. In diesem Zustand reinen Zuhörens in die Ideenwelt kann man kreative Himmelsgeschenke empfangen.

Das wissen Sie doch alles, oder? Warum hocken sie dann unter Quartalsstress und Arbeitsplatzverlustangst in Brainstorming-Sitzungen herum? Warum lassen Sie sich auf Projekte ein, zu denen Sie sich zwingen müssen?
Man sieht überall Menschen, wie sie scheinbar fleißig arbeiten, aber es sind nur Halbhirne oder Viertelhirne am Werk, die sich noch nicht ergeben haben wie Sklaven. Wenn Sie sich so stark ergeben, dass Sie keine Angst mehr haben und nichts mehr erhoffen, ist das Gehirn auch frei für Sie da! Das habe ich bei Solschenizyn gelesen, es ist Jahrzehnte her. Er berichtete von seiner Lagerhaft, in der Privatbesitz streng verboten war – aber er hatte noch heimlich etwas, sagen wir, ein Feuerzeug oder einen Teelöffel (ich kann mich nicht erinnern). Er gab sich unendlich viel Mühe, dieses letzte Besitztum trotz aller Kontrollen zu behalten, bis man es ihm eines Tages doch abnahm. Ich erinnere mich noch an seinen Kommentar im Buch: An diesem Punkt, an dem er nichts mehr besaß, war er wahrhaft frei. Keine Teelöffelbewahrungs-App mehr, alles ist losgelöst.

Keinen Besitz! Das sagen viele Philosophen und Einsiedlermönche schon immer! Natürlich zu radikal, aber es geht immer darum, wie viel Hirn durch Unsinn, Sorgen, Angst und vor allem durch Ihr internes Managementsystem blockiert wird, sodass trotz aller Störungen, Verlockungen und Ablenkungen trotzdem noch etwas geleistet werden kann, was die Vernunft gern hätte.

Wenn Sie sich also in Vernunft üben, sollten sie genug Hirn dafür frei haben.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Wie viel …” – das muss doch Wieviel …, also zusammen geschrieben werden, oder ist mein Hirn hier auf Abwegen – Wie wenig …??? 😎

  2. Lennart,
    über AusdauerSport “beim Laufen eine schwierige Kopfrechenaufgabe stellt, sofort stehen bleiben, um sie zu lösen!”
    Das stimmst so nicht. Beim Radrennen z.B. habe ich über Differentialgleichungen nachgedacht. Beim Sport werden Endorphine ausgeschieden, von denen auch die intellektuellen Fähigkeiten profitieren.
    Die allgemeine Richtung stimmt allerdings. Die besten Lösungen findet man im Schlaf.
    Deswegen ist derBüroschlaf zu Unrecht in der Kritik. Eine gute Idee ersetzt 1000 Arbeitsstunden!
    Beim Privatbesitz stimme ich uneingeschränkt zu. Ohne Wohnung kannst du jeden Abend den Sternenhimmel bewundern und phantastische Pläne schmieden. erreichen wirst du nicht viel, vor allem wenn dir einer begegnet wie hto und dir dann erklärt, dass man Fantasie auch mit F schreiben kann.

  3. Sport, Schlaf und Beischlaf belohnen den Sportler und Schläfer mit der postkoitalen Kreativitätsphase in der plötzlich unerwartete und phantastische Dinge im Bewusstsein auftauchen. Wirkt allerdings nicht bei allen. Es gibt ja auch die postkoitale Depression.

  4. Wenn ich ein Problem zu bewältigen habe was im Rahmen meiner Vorlieben und / oder Fähigkeiten liegt, dann ist Bewegung oder / mit laute Lieblingsmusik geradezu inspirierend, alles andere ist …!?

  5. Ich versuche jeden Tag ca. eine halbe Stunde zu meditieren bzw. manchmal noch länger. Dabei entdecke ich oft mit wieviel “Müll “( abschweifende Gedanken und den damit verbundenen belastenden Gefühlen) ich mich so bewusst und unterbewusst beschäftige. Ich glaube, wir lassen uns zu sehr von solchen dauernd kommenden und gehenden Gedanken leiten.Irgendwie stecken wir so permanent in irgendwelchen belastenden Problemen und Ängsten und verlieren den Blick für das Flow-Gefühl…(Gefühl im Hier und Jetzt zu sein)

  6. Danke für diesen Artikel. Ich bin schon seit jeher misstrauisch, wenn jemand damit angibt, besonders multitasking-fähig zu sein. Das mit dem Autoradio kenne ich natürlich auch, und ich kann so gar nicht arbeiten, wenn mir jemand dabei zusieht, weil ich mich dauernd in dessen Gehirn hacken muss, um mir selbst beim Arbeiten zuzusehen.
    Diese Beobachtungs-App verbaucht so viel Kapazität, dass ich mich z.B. dauernd vertippe, was beim Zuseher einen falschen Eindruck erweckt. Ich komplimentiere regelmäßig sogar meinen Chef aus dem Büro, manchmal sogar aus seinem eigenen.
    Zu meinem Glück versteht er das.

  7. PiDerGrieche,
    man kan tatsächlich mehrere Dinge gleichzeitig tun.
    Man kann TV-Sehen und dabei ein Buch lesen. Gleichzeitig über Kopfhörer Musik und auch noch aufpassen, dass die Suppe nicht übekocht.

    Karl Mistelberger
    wäs wäre denn eine geeignete Masseinheit für Gehirnkapazität?
    Da es eine relative Masseinheit sein sollte, könnte man doch den Kehrwert von den vergessenen Hochzeitstagen nehmen.
    Bei Vergessen = 0 ware dann die Gehirnkapazität = unendlich relativ, bei 3 mal vergessen, wäre die Gehirnkapazität 0,3333 ja, jetzt fehlt nur noch die Bezeichnung.

    Golzower
    Wenn man sich garantiert nicht ablenken lassen will, dann schlage man sich mit dem Hammer auf den Daumen. Der Schmerz ist so dominant, dass man garantiert nicht mehr daran denkt, was man eigentlich wollte.

    GD
    die Selbstdiziplinierung verbraucht keine Gehirnkapazität, wenn man sie verinnerlicht hat. Wenn man immer das gleiche tut, dann kann man dabei über Gott und die Welt nachdenken.

Schreibe einen Kommentar