Wie prüft man jemanden, ob er versteht?

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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„Wie können wir es schaffen, dass die Studenten besser lernen?“ Ich antwortete: „Alle Prüfungen sollten mündlich sein.“ Da stutzten alle im Ausschuss und hielten es für eine doofe Idee. Nur eine Professorin schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte leise: „Eine so große Revolution schaffen wir nie.“ Die Idee ist es, dass die Studenten dann mit reinem Lernen nichts ausrichten können, sie müssen es verstanden haben, sonst blamieren sie sich in mündlichen Prüfungen bis auf die Knochen.

In meiner Uni-Zeit habe ich sehr viele mündliche Prüfungen als Assistent protokolliert. Meine Frau arbeitete in der Uni-Bibliothek und musste immer schon um 8 Uhr am Platz sein. Und um diese Zeit war ich folglich der einzige Assistent, der schon im Büro saß. Das Telefon klingelte: „Können Sie kurz rüberkommen?“ Die lehrreichsten Prüfungen waren dann immer um 8 Uhr beim Rektor. Der ließ sich von jedem Prüfling vorab eine Liste von Prüfungsfragen ins Rektorat einreichen, „damit er vorbereitet war“. Er nahm aber die Liste einfach her und fragte genau die Liste runter. Jedes Mal.
Das war allen Studenten bekannt. Sie besorgten sich Fragenlisten von Studenten, die bestanden hatten. Trotzdem schien kein einziger der Prüflinge fest daran zu glauben, dass der Rektor ganz genau nach der Liste fragen würde. Er tat es aber. Ich staunte darüber, dass die Studenten trotzdem genauso gut oder schlecht waren wie bei anderen Professoren, deren Fragen stark variierten und die nicht ausrechenbar waren. Macht es keinen Unterschied, ob die Fragen bekannt sind oder nicht?

Ich merkte bald: Wenn man die Fragen vorher weiß, kann man die Antworten locker lernen, aber man versteht sie dadurch ja nicht besser. Und der Rektor fragte nach dem Verstehen. Ich fühlte bald, dass ich das Verstehen fast an den Augen der Prüflinge sehen konnte. Ich begann beim Protokollieren zu üben.

Der Rektor stellte den Mathe-Studenten fast immer diese eine erste Frage, weil die auf fast allen Listen als erste notiert war: „Was ist stetig?“ In diesem Moment schaute ich dem Prüfling fest in die Augen und beobachtete ihn für den kurzen Zeitraum einer hundertstel Sekunde. Dann bewertete ich den Prüfling – ohne dass er schon etwas gesagt hätte. Diese Note verglich ich dann mit derjenigen, die er nach der Prüfung bekam:

•    Reaktion Note Eins: Der Prüfling zieht die Augenbrauen ernst zusammen, als würde er denken: „Er fragt echt der Liste nach. Hmmh. Mit Antworten auf solche Babyfragen kann ich kaum brillieren, hoffentlich geht das hier nicht schief. Er muss jetzt schnell erkennen, dass ich sehr gut bin. Das kann er bei dieser Babyfrage nicht.“
•    Reaktion Note Zwei: Der Prüfling ist hochkonzentriert, zeigt keine Regung in der Körpersprache und blubbert wie aus der Pistole geschossen die richtige Antwort hervor: „Für alle Epsilon größer Null gibt es ein Delta größer Null…“ Seine Augen sagen dabei: „Haha, ich weiß es!“
•    Reaktion Note Drei: Der Prüfling lächelt froh, als spräche er innerlich zu sich: „Da haben sie alle Recht gehabt. Er fragt tatsächlich nach der Liste ab. Ich bin gerettet. Jetzt muss ich nur noch aufsagen, was ich auswendig gelernt habe. Gott sei Dank.“ Nach dem Lächeln gibt er die richtige Antwort, sehr bedächtig, als sei es schon eine Frage, bei der die Zensur entschieden würde.
•    Reaktion durchgefallen: Der Prüfling stöhnt wie jemand, der sich sagt: „Okay, jetzt wird es ernst.“

Ich habe also als Protokollant immer gleich vor der ersten Antwort eine Benotung probiert und bin langsam Meister im Blitzurteilen geworden…
Der Rektor verstand es wiederum meisterlich, gleich an die erste allereinfachste Frage eine Verständnisfrage anzuschließen. „Warum oder wann hängt das Epsilon von dem x ab? Ist das nicht unschön?“ Gute Prüflinge wissen das alles gleich, die anderen implodieren sofort, merken aber nicht, dass sie das ganz Einfache ganz ernsthaft wie ein Problem diskutieren und damit signalisieren, das Allereinfachste nicht verstanden zu haben. Es gab gar nicht so viele Studenten, die wirklich verstanden hatten.

Die meisten wissen irgendwie nicht, ob sie es verstanden haben, weil sie eben nur lernen und lernen. „Ich habe Angst, dass der Dueck mich den wahnsinnig schweren Beweis des XY-Satzes abfragt – da falle ich glatt rein.“ Die Wahrheit ist eher, dass ich wahnsinnig komplexe Rechnereien selbst gar nicht mehr draufhabe, wenn sich jemand ein Jahr nach der Vorlesung prüfen lässt. Aber ich habe dafür den Stoff grundlegend verstanden, hoffe ich einmal.
Es ist absolut faszinierend, auf welchem niedrigsten Niveau das Nichtverstehen einsetzt. Es ist nicht so, dass das Einfache tief verstanden wird und Tiefe zunehmend weniger – nein, das Nichtverstehen fängt sofort an… in der ersten Sekunde schon kann jemand für immer verloren sein.

„Das Allerhöchste ist das Einfache“, sagt der Weise und schüttelt den Kopf über die, die alles komplex finden. Wer verstanden hat, verliert die Verwirrung über die Komplexität. Wer verstehen will, lernt nicht die Antworten und das Skript auswendig, sondern er versteht. Wie merkt man, ob man es verstanden hat? Wenn es einfach ist.
Lassen Sie sich alles von einem Meister erklären. Sie fragen ihn etwas Komplexes und dann sagt er einleitend antwortend meist dies: „Oh, das ist einfach. Es hat seinen Grund in dem Prinzip…“ Jetzt hören Sie genau zu. Der Meister gibt Ihnen zwar keine Antwort auf Ihre Frage, aber er erklärt das Prinzip, aus dem die Antwort wie von selbst herausquillt.

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

14 Kommentare

  1. Zu schön um wahr zu sein: An der Reaktion auf eine Frage bemerkt man das vorhandene oder fehlende Verständnis.
    Nun das mag ja sein. Aber braucht es um erfolgreich einen Abschluss zu machen nicht mehr als das grundlegende Verständnis? Man muss auch etwas anfangen können mit dem was man weiss und versteht. Verständnis ist oft die Voraussetzung für eine eigene Leistung, sie reicht aber nicht aus.
    Nun gut. In einer Prüfung kann man die Leistungsfähigkeit wohl wirklich nicht testen, nur gerade das Verständnis.

  2. Den Lernprozess “weg von Aufgabenzetteln, bei denen alle ihren Aufwand zu minimieren versuchen, hin zu mündlichen Verständnisprüfungen” haben wir mit unserem Astronomiekurs für Lehramtsstudenten auch durchgemacht. Allerdings scheint unsere für viele der Geprüften die einzige mündliche Prüfung ihres Studiums gewesen zu sein. Ansonsten offenbar nur Klausuren, Klausuren, Klausuren.

  3. Warum haben die Studenten kein Tonbandgerät mitlaufen lassen. Dann wären die Nachfragen des Professors auch per Auswendiglernen beantwortbar.

    Aber wenn der Professor es vorher nicht gut erklären kann, wie sollen es dann die Studenten verstehen? Wer ist eigentlich der letztverantwortliche fürs gute Erklären? Der Student oder der Professor? Der Professor in ihrer Prüfung müsste sich doch die Haare raufen und sagen “Mein Gott, ich habe es schon wieder so furchtbar schlecht erklärt, dass mich fast niemand verstanden hat. Jetzt werde ich solange Überstunden machen bis man mein Skript/Buch/Vorlesung versteht.”

    Das witzige ist doch, dass jemand der unverständlich erklärt, im Prinzip nichts gesagt hat. Eine Mathe-Vorlesung die ich nicht verstehe, ist wie eine Stummschaltung, der Professorenmund geht tonlos auf und zu. Brutto 2 Stunden geredet, Netto 0 gesagt.

  4. Als Dozent habe ich es in der IT ähnlich gemacht :-).
    Meine Fragen lauteten etwa so: “Sie sind als Admin in ihrem Unternehmen tätig und haben die Aufgabe bekommen, ein Netzwerk in der neuen Niederlassung zu installieren. Was tun sie?”
    Bei solchen Fragen haben die Bulemie-Lerner (Wissen fressen und zur Prüfung auskotzen – danach vergessen) ein echtes Problem.

  5. Ich stimme in den Ausfuehrungen ueber Verstehen vs. Auswendiglernen voll zu. Allerdings glaube ich nicht, dass es so leicht in muendlichen Pruefungen zu erkennen ist, ob ein Kandidat einen Umstand wirklich verstanden hat. Der Bestaetigungs-Bias bzgl. eines Vorurteils des Pruefers, sowie Sympathie oder Antipathie koennen da wahrscheinlich noch stark mit einfliessen und das Ergebnis verfaelschen.
    Dennoch stimme ich ebenfalls zu, dass muendliche Pruefungen einen grossen Anteil an der Bewertung der Studenten und deren Koennen bekommen oder behalten sollten.

  6. Verständnis ist ziemlich wichtig, weil es viele Sachen sehr viel einfacher macht. Es ist so, wie sie sagen – hat man einmal das grobe Prinzip gelernt, so kann man sich etliche Sachen daraus ableiten. Dieses Ableiten ist es, was man durch Wiederholung üben muss, nicht den Lehrstoff an sich, letzteres bringt überhaupt nichts.

    Ich fände es schade, wenn es keine Klausuren mehr geben würde. Auch Klausuren können und sollten so aufgebaut sein, dass man sein Wissen transferieren muss. Ich habe zB. immer liebend gerne Klausuren geschrieben; man ist in Klausuren höchst konzentriert und alle Konzentration ist nach Innen gewendet. Ich hab viele Leute getroffen, die eher mit mündlichen Prüfungen ein Problem hatten. Die Situation macht den Leuten eher Angst. Persönlich hatte ich zB. mit mündlichen Prüfungen kein Problem, jedoch mit Referaten. Wären zB alle Leistungen nur noch in Referats_Form zu erbringen, wäre ich hoffnungslos verloren gewesen. Jeder hat halt seine Stärken und Schwächen. Da aber leider die Leistungen auch immer vergleichbar sein müssen, kann man sich die Prüfungsform auch nicht aussuchen. Hier ist übrigens auch der Knackpunkt an der von Ihnen beschriebenen Prüfungsform – man kann davon ausgehen, dass jeder der Prüflinge die richtige Antwort wusste, aber wie wollen Sie denen beibringen, dass sie trotzdem unterschiedliche Noten bekommen? In der heutigen Zeit (der Messbarkeit und der “Gleichberechtigung”) würde kein Prüfer damit durchkommen.

    Der Hund liegt meines Erachtens im Schulsystem begraben. Dort wird von Anfang an zu wenig Arbeit in Eigenregie und Transferleistungen verlangt (kann mich auch täuschen).

  7. Im Psychologie-Studium sind fast alle Prüfungen mündlich – hätte das bisher nicht als Vorteil gesehen, aber in der Tat kann man aus dem Gesprächsverhalten (“Prüfungsgespräch”!) sehr viel ablesen.

    Im Theologie-Studium waren die Diplomprüfungen alle schriftlich, 10 Stück, alle 3 Stunden lang, d.h. freier Aufsatz zu Prüfungsfragen. Ich schätze, das war auch ziemlich Indikativ; denn das Auswendiggelernte hat man nach 20-30 Minuten hingeschrieben — und dann??

    In unserem internationalen Studiengang M.Sc. Neuroscience (Bonn) prüfen wir im Wahlpflichtmodul “Cognitive Neuroscience” über Präsentation eines selbst gewählten Themas plus Diskussion – d.h. wie bei einem wissenschaftlichen Kongress. Ich finde das auch sehr indikativ im Hinblick auf das VERSTÄNDNIS der Studierenden. Die Studierenden hätten aber lieber klare Prüfungen mit Aufgaben mit eindeutig richtigen oder falschen Antworten; der Beurteilung eines Vortrags trauen sie irgendwie nicht.

  8. Naja…
    einerseits gebe ich Ihnen Recht, was den Bezug zum Verständnis angeht. Da kann man in einer mündlichen Prüfungssituation möglicherweise die Blender/Bulimie-Lerner eher entlarven.
    Andererseits sind in mündlichen Prüfungen immer die selbstbewussten, extravertierten Charaktere im Vorteil. Menschen, die eher introvertiert, schüchtern oder gar ängstlich sind, leiden in mündlichen Prüfungen wie die Hunde und können Dinge, die sie eigentlich wissen und auch ohne Problem zu Papier brächten, nicht adäquat reproduzieren.
    Und ich empfinde das – auch wenn die “Soft Skill” Selbstbewusstsein heute scheinbar einfach “dazugehört” – eben als unfair. Beim Hochschulstudium sollte es doch gerade darum gehen, sich fachliches und Transferwissen anzueignen – und eben nicht darum, zu lernen, sich möglichst gut zu verkaufen.

  9. Pingback:Markierungen 07/12/2014 | Snippets

  10. Das hängt wohl stark vom Lernstoff ab.
    Es gibt Fragestellungen, bspw. im mathematischen oder allgemeiner im philsophischen Bereich, die nur beantwortet werden können, wenn sie verstanden werden.
    Dann gibt es Fragestellungen, deren Beantwortung wiedergegeben werden kann, was ‘gelernt’ wirken kann, aber die inklusive ihrer Beantwortung vom Schüler (noch) nicht angenommen werden, er würde hier im Artikelsinne nicht ‘verstanden’ haben.
    Dann gibt es welche, die (noch) nicht in der Lage sind grundsätzlich zu verstehen, deren Lernerfolg nur in der Wiedergabe der beabsichtigten Beantwortung bestehen kann.
    Der Schreiber dieser Zeilen würde hier nur verdammen wollen, wenn das Verstehen sozusagen pflichtig ist auf die Thematik bezogen; bei Soft Science ist dies idR nicht der Fall.
    MFG
    Dr. W

  11. @Dr. Webbaer: Soft Science: Man kann jemandem beibringen immer Danke! zu sagen, wenn es sich schickt. Wann es sich schickt, bringe ich ihm auch bei. Aber es ist etwas anderes, dankbar zu sein oder Dankbarkeit empfinden zu können. In diesem Falle würde man nicht auf “Verstehen” prüfen wollen, sonden auf hmmh “Sein versus Haben”, würde Erich Fromm sagen. Würden Sie es okay finden, wenn man immer schicklich danke sagt, ohne je einen Schimmer von Dankbarkeit zu zeigen / zu empfinden?
    Mir geht es um diese tiefere Dimension beim Verstehen oder Empfinden etc. Diese ist bei “Soft” noch viel wichtiger als beim Verstehen, oder? Wenn jemand den Lichtschalter bedienen kann, ohne Ahnung von Strom zu haben, ist es noch okay; wenn aber jemand sein Kind richtig erzieht, ohne es zB zu lieben und zu verstehen????

    • @ Dr. Dueck:
      Haben Sie schon einmal bei jemandem gelernt, der Dankbarkeit für Gelehrtes wünscht?
      MFG
      Dr. W (der nichts gegen Dankbarkeit hat, sie nicht erwartet, der dbzgl. im Bereich der sogenannten Soft Science eher ungut ahnt)

    • PS: Wobei es Ihrem Kommentatorenfreund jetzt ehrlich geschrieben nicht ganz klar geworden ist, worauf Sie hinauswollen.

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