Wer noch klagen kann, leidet nicht genug

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Stress muss man heute haben! Sogar aus beamtenähnlichen Beschäftigungsverhältnissen höre ich, dass laute Gespräche auf dem Flur mit Lachern dazwischen als „Stehlen“ von Arbeitszeit empfunden werden. Da zuckt ein Abteilungsleiter beim Mailen im Einzelbüro verärgert zusammen – na, nicht wegen der ihm geraubten Zeit, mehr wegen der guten Laune, die ihm irgendwie Faulheit oder allgemein eine schlechte Attitüde signalisiert. Er selbst – der Boss – rät ja ununterbrochen den Stressjammerern, dass sie doch bitte allen Stress positiv sehen mögen, weil er den Blick auf neue Chancen eröffne. Aber das ungezwungene Lachen? Am besten mit Ge-burtstagssekt in der Hand? Das ist allzu prositiv.

Es muss ja gar nicht stimmen, dass Vorgesetzte so grimmig sind, aber schon das Gerücht, dass sie es sein könnten, wenn sie beim Sekt nicht ostentativ mittrinken, drückt auf die Stimmung. Deshalb bemühen sich die echten und Möchtegern-Hochleister und alle, die aus anderen Gründen besonders viel auf sich halten, nicht für Faulenzer gehalten zu werden. Sie arbeiten in der Mittagspause einsam auf der Bürofläche weiter – immer weniger einsam. Ein Brötchen muss reichen, die Mails müssen raus!
Sie erzählen am Morgen nicht mehr wie einst, wie sie sich am Vorabend vergnügten. „Oh, ich habe gestern Abend noch an meinem Konzept weitergearbeitet, ich brauche dazu einmal zehn Stunden ungestörte Ruhe am Stück.“ – „Schenkst du die Überstunden der Firma?“ – „Ich und Überstunden zählen? Hör mal, es geht doch darum, dass wir alle zusammen Erfolg haben! Da leiste ich, was nötig ist, du nicht?“

Die Leistungsträger haben die Macht! Sie verteilen als Projektleiter zusammen mit den Managern die Arbeit. Wie sollten sie denn die Arbeit verteilen? Theoretisch? Denkt da mal jemand drüber nach?

Im Arbeitsleben ist es meistens so, dass die Chefs und Leistungsträger händeringend von den anderen persönlich gebraucht werden. Sie sind dann aber meistens nicht anwesend. Sie können leider jetzt nicht entscheiden, Projekte müssen dummerweise warten. Ich kenne Unis, wo man Monate braucht, um Zeugnisse zu unterschreiben, ja, auch mal ein ganzes Jahr, um eine wieder einmal nicht gelesene Doktorarbeit schnell mal zu begutachten. Ich kenne Doktoranden, die über Jahre auf unter einen Tag Gesamtbetreuungszeit kommen. Chefs sollten Feedback geben und mit Mitarbeitern auf vertrautem Fuß stehen, sie coachen und entwickeln. Sie sind aber nicht da. Sie kommen nur mit besorgter Miene, um Erfolgszahlen einzusammeln („review“). Sie haben Zeit zu schimpfen, wenn etwas nicht stimmt. Schimpfen motiviert zu Extrameilen und Stress, der positiv verwendet werden soll. „Chef, Sie waren aber nicht da!“ – „Ich bin in wichtigen Meetings gewesen.“

Theoretisch sind die Besten dazu da, neben der eigenen Leistung die anderen mitzunehmen, auszubilden, zu mentoren und zu fördern. Oft kann ein Meister mit einem Rat oder einem Telefonat einem Mitarbeiter Wochen an Arbeit ersparen: „Ich ruf diesen Menschen schnell an, er entscheidet dann gleich am Handy.“ Leistungsträger sollten in diesem Sinne eine offene Tür, ein offenes Ohr und einen Sinn für das Ganze haben. Sie sollten eher nicht richtig dauerarbeiten. Schauen Sie den KFZ-Meister an. Er riecht an den reinkommenden Autos, was an ihnen nicht stimmt. Aber er repariert nicht selbst. Wenn ein Kunde erregt ist, redet er mit ihm. Wenn ein Geselle etwas nicht hinbekommt, zeigt er es ihm. Der Meister hält die Werkstatt am Laufen. Der Meister ist nicht in Meetings. Er ist da.

In der überwiegenden Praxis aber ist der Professor, der Manager, der Projektleiter oder der Guru nicht da. Forscht der Professor? Das wäre ja noch gut, aber er forscht nicht! Er hat keine Zeit, über genialen Ideen zu brüten, er sitzt in Meetings oder feilt an Drittmittelanträgen für Leute, die nicht entfernt ihr Potential entfalten, weil sie keiner richtig betreut. Alle die Chefs sagen, sie würden bis zum Erbrechen arbeiten, aber nie im eigentlichen Sinne. Sie tun unendlich viel, aber nicht, was sie selbst eigentlich nach eigener Meinung zu tun hätten. Sie leiden still und scheinen irgendwie zu hoffen, dass sie einstals Zeit für das Eigentliche hätten. Ja, der Professor sollte seine Superideen an die Assistenten zum Ausarbeiten verteilen und alles betreuen. Ja, der Chef sollte entscheiden, helfen und coachen. Ja, die Leistungsträger sollten sich klonen helfen…

Die Hochleister verschwinden in Verwaltungsbürokratie und Interessenkonflikten. Sie arbeiten ohne Unterlass irgendwie nach „oben“ hin, zu ihren Chefs, nicht mehr nach „unten“ hin, für ihre Schutzbefohlenen. Der Chef für den Chefchef, der für den Präsidenten oder Vice President, der für den Boss, der für die Eigner. Der Blick ist nicht mehr auf der Arbeit, sondern auf der Erfolgsdemonstration, die wie selbstverständlich von unten erarbeitet und geliefert werden muss. Das Erfolgsdemonstrieren verschlingt alle Zeit, wie ein Schwarzes Loch alle Materie.

Und alle leiden sie vor sich hin. „Chef, ich leide.“ – „Das will ich schwer hoffen, das Quartal ist schwierig.“ – „Chef, ich brenne aus.“ – „Na, jetzt übertreiben Sie aber ein bisschen. Kennen Sie die Floskel, dass man das Klagen erlernen soll, ohne zu leiden?“ – „Chef, es ist wirklich zu viel.“ – „Sehen Sie auf mich: Ich leide, ohne zu klagen. Nehmen Sie sich das zum Vorbild.“ – „Chef – Sie hören nicht zu! Ich brülle Sie jetzt ganz laut an: ES IST ZU VIEL!“ – „Wer noch laut schreien kann, hat noch Energie. Wer noch klagen kann, leidet nicht genug.“

Arbeiten verlangt zu oft, die ökonomische Unbegreiflichkeit zu ertragen.

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

8 Kommentare

  1. Nur ganz am Rande angemerkt:
    Wer sehr viel arbeitet, und dies ist eine Erfahrungsweisheit, steht regelmäßig in Verdacht Ersatzhandlungen auszuführen, die ihn vor dem noch schlimmeren Verdacht bewahren sollen unzureichend fähig zu sein.
    Ausnahmen gibt es insofern, wenn Fähige ihre Arbeit wirklich lieben oder zumindest sehr ernst nehmen, eben: ‘Ausnahmen’.

    MFG
    Dr. W (der den letzten Satz der WebLog-Nachricht jetzt nicht sofort verstanden hat, macht aber auch nüscht, oder?)

  2. Ein sehr gut, treffender Text. Ein Grund, warum Chefs nicht da sind, könnte auch sein, dass man als solcher nicht mehr seine Berufung als Mentor wahrnimmt, dass man denkt, ich musste mir meinen Erfolg selbst erkämpfen, das ist der richtige Weg, es allein versuchen, ohne Hilfe von oben.

    In diesem Satz scheint aber etwas nicht zu stimmen:
    “Sie leiden still und scheinen irgendwie zu hoffen, dass sie einstals Zeit für das Eigentliche hätten.”

  3. “Theoretisch sind die Besten dazu da, neben der eigenen Leistung die anderen mitzunehmen, auszubilden, zu mentoren und zu fördern”

    Das funktioniert jedenfalls nicht unter Kollegen. Ich denke die Realität sieht so aus: entweder man ist Kollege, dann ist man aber nicht besser, oder man ist Vorgesetzter / Chef, dann ist man aber kein Kollege. schade. So eine Art “krabbenkorb-Prinzip”

    • @ Jade :

      Es ging im WebLog-Artikel wohl auch um die Trennung des operativen Bereichs vom administrativen, im operativen Bereich kann sinnhafterweise auch dann von Kollegen geschrieben oder gesprochen werden, wenn eine Hierarchie vorliegt.

      Zu den ‘Besten’ vielleicht noch: Es gibt im operativen Bereich Hochleister, die witzigerweise nicht hierarchisch gehoben werden, weil sie genau an der Stelle, an der sie arbeiten, wirtschaftlich am nützlichsten erscheinen, sie werden sozusagen diskriminiert und statt ihrer steigen andere, eher kommunikative Kräfte hierarchisch auf.
      Der kompetente Dilbert wäre ein Beispiel.

      Vielleicht ist im WebLog-Artikel mit der ‘ökonomische[n] Unbegreiflichkeit’ auch dieser Zustand gemeint, der wirtschaftlich Sinn ergibt.
      Nett übrigens dieser Ihrige Hinweis.

      Ansonsten würde der Schreiber dieser Zeilen bei diesem Thema streng zwischen Privatwirtschaft und staatlich abgegoltener Beschäftigung unterscheiden wollen, im staatlich “wirtschaftlichen” Bereich ist der Wahnsinn, sollte er einer sein, noch verbreiteter.

      MFG
      Dr. W

  4. Die Skandale der letzten Zeit haben gezeigt, dass Ignoranz die wichtigste Führungseigenschaft überhaupt ist. Chef sein kann man nur wenn man ineinem Meeting war als eine Mauschelei beschlossen oder eine Fehlentscheidung getroffen wurde. Als Chef muss ich glaubhaft versichern können, dass ich nichts wusste und keinen Einfluss, auch nicht beratend, genommen habe.

  5. Habe seit einiger Zeit den Eindruck, dass diese beschriebene völlig falsche Prioritätensetzung ein Resultat der Drogenprohibition ist. Halte das für einen völlig widernatürlichen Zustand, der viele schlicht krank macht. Aber das Wissen darum, ist halt seit Jahrzehnten einfach weg. Jetzt suchen die Leute vergeblich das Glück überall, aber nicht im Inneren.

  6. Interessanterweise gibt es bei “Führungspersonen” zwei Ausprägungen:

    – Man hat keine Ahnung und entscheidet nichts –> Mitarbeiter hat schuld
    – Man hat keine Ahnung und entscheidet –> Mitarbeiter hat schuld, weil man wurde falsch informiert

    Interessanterweise ist es hier viel schöner, wenn man den braun eingefärbten Bär einfach ignoriert. Soll der doch pegida-propaganda verspritzen, wie er will.

  7. Viele können nicht zwischen Arbeit und Leistung unterscheiden. Und wenn man sowieso unsicher ist, dann nimmt man lieber die Arbeit mit ihren meßbaren Stunden als Kriterium. Leistung könnte ja neben dem Können auch noch von anderen Faktoren abhängen, wie Talent, Glück, Erfahrung.
    Ich habe erlebt, wie ein Kollege von mir 8 Stunden lang eine Textzeile nach der anderen mit der Maus kopiert hatte. Später, als es um meine Ablösung ging, hieß es dann: “Ja, wenn Du soviel gearbeitet hättest wie der Kollege, dann wärst Du in die engere Wahl gekommen!” Tja, nur hatte ich die gleiche Aufgabe mit ein paar Zeilen Script in wenigen Minuten erledigt.
    Der meiste Stress heute ist künstlich, weil wir verlernt haben, Arbeit und Leistung zu unterscheiden.

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