„Wer interessiert sich schon für Hydraulik?“ – über Fachkräftemangel

Ein Personalvertreter eines mittelständischen Unternehmens in Süddeutschland seufzte. „Wer interessiert sich schon für Hydraulik?“ Will sagen: Es gibt so sehr viele spezielle Ingenieursrichtungen, die kaum bekannt sind. Und wer wird jetzt nach dem Abitur „Ich gehe zur Hydraulik“ entscheiden? Die kleineren Unternehmen suchen verzweifelt nach Leuten mit der richtigen Ausbildung und müssen dann wohl Facharbeiter langsam upgraden.

Was aber studieren die Abiturienten? BWL vor allem, Wirtschaftswissenschaften oder internationales Management – weit vor Maschinenbau, Elektrotechnik und Bauingenieurswesen. Und – wussten Sie das? Physik und Chemie sind überraschend weit abgeschlagen unter „ferner liefen“, schauen Sie einmal hier:

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2140/umfrage/anzahl-der-deutschen-studenten-nach-studienfach/

Auf Platz sieben steht Germanistik, auf Platz 12 Mathematik, das sind die ersten Studienfächer, die in der Schule als Fach vorkommen. Die Schule kümmert ja so etwas wie Wirtschaft, Ingenieurswesen, Jura, Medizin oder Psychologie nicht. Mir fällt beim Schreiben die Frage ein, ob das Gymnasium wirklich so gut aufgestellt ist, wie es immer vorgibt. Der Lehrstoff ist doch damals darauf ausgerichtet worden, dass man Philologie oder Physik studiert, aber das tut doch kaum noch jemand?
Nach dem Abitur steht dann der Schüler ratlos vor den Fächern. Welche soll er studieren? Er hat keine Ahnung, weil die wichtigen Fächer eben nicht in der Schule vorkommen. Was macht der ängstliche Mensch, dessen Eltern auch wenig Wissen oder Rat beitragen können? Er studiert etwas Bewährtes, zum Beispiel BWL. Am Ende des Studiums, das kaum auf die Wirklichkeit vorbereitet (da unterscheidet sich die Uni nicht wirklich von der Schule), steht wieder ein ängstlicher Bachelor vor einer Entscheidung, der mancher von ihnen noch kurz bis zum Master ausweichen kann.
Wo bewirbt er sich? Natürlich bei einem Großkonzern. Die Ingenieure versuchen es erst einmal mit Freude am Arbeiten bei BMW, weil München ja auch gut klingt und Freude nach dem Arbeiten verheißt. Die Informatiker gehen zu SAP, IBM, Microsoft, Google oder HP.

Fazit: Man bevorzugt das Stereotype. „Germans eat sourcrout“ ist so ein Stereotyp. Franz Dröge formulierte nach Walter Lippmann (dem Urheber des Wortes) so schön, ein Stereotyp sei „eine erkenntnis-ökonomische Abwehreinrichtung gegen die notwendigen Aufwendungen einer umfassenden Detailerfahrung“. Diese eigentlich wünschenswerte Anstrengung für eine Detailerfahrung scheinen die Studenten zu scheuen (uiih, habe ich ja auch – bin zu IBM gegangen). Mit ein bisschen Mühe findet man doch all die vielen Hidden Champions der deutschen Wirtschaft und kann dort wundervoll arbeiten – dort werden auch nie gleich Tausende vor die Tür gesetzt, wie jetzt bei Banken und Computerfirmen. Wer ängstlich ist, Sicherheit braucht und in Großunternehmen Geborgenheit vermutet, überschreitet wahrscheinlich gerade die Torheitslinie.

Aber nein, die Besten suchen nicht lange, bewerben sich bei drei oder vier Stereotypen und besetzen die stereotypen Arbeitsplätze. Ich wiederhole: Die Besten landen wegen mangelnder Anstrengung für Detailerfahrung (die Besten!) in den üblichen Großkonzernen, die Mama und Papa dem Namen nach kennen, was diese beruhigt und stereotyp stolz macht. Die nicht so Guten werden in den Assessments der Konzerne nicht akzeptiert und „müssen“ dann eben in den Mittelstand. Wieso ist aber der Mittelstand so erstklassig und warum sind die Großkonzerne mit den tollen Leuten so marode? Ist es so? In den Großkonzernen rotten sich die Besten in schwarmdumm-frustigen Meetings zusammen und verschlafen die Digitalisierung. Die nicht so Guten retten Deutschland durch die weltbekannte Exzellenz „of German Mittelstand“.

Liebe Leute, kümmert euch doch schon einmal eine Weile vor dem Abschluss oder besser vor dem Studium, wo man arbeiten könnte. Der ausgezeichnete Ruf der deutschen dualen Ausbildung an den dualen Hochschulen mag darin begründet sein, dass man zuerst die Firma aussucht, bei der man Werkstudent und später Mitarbeiter sein möchte.

Die mittelständischen Unternehmen jammern. Sie können oder wollen nicht so hohe Gehälter zahlen und sind eben nicht „in München“, wo man zwar ein hohes Gehalt bekommt, aber im Wesentlichen für die Miete arbeitet. Was den mittelständischen Firmen fehlt, ist schlicht die Aufmerksamkeit. Warum schließen sie sich nicht zusammen und stellen gemeinsam ein? Wie wäre es mit Portalen, die erst die Fähigkeiten anschauen und die für gut Befundenen dann auf die Firmen verteilen?
Könnte der Mittelstand nicht wenigstens ansatzweise beim Hiring zusammenarbeiten?

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. @Herr Dueck
    Weiter so, Ihre Artikel lese ich wie immer gerne und ich finde sie offenbaren fast immer neue Blickwinkel und wirken auf mich geistig sehr anregend!
    Außerdem fühle ich mich speziell nach diesem Artikel besonders nützlich mit Physik-Diplom : D …Wobei ich auf absolut völlig unnützlichem Feld promoviere; jeder hat seine Fehler. Das führt zu einem weiteren Aspekt des Fachkräftethemas: Viele Physiker die ich kenne sind – wie eben viele der Physik-Professoren die sie ausbilden – exzentrisch und daher gedeihen sie nur auf sehr speziellen Äckern, was für die Bedürfnisse der Wirtschaft vorsichtig gesagt nicht immer optimal ist: Fachwissen und schnelle Lernfähigkeit, aber Verschrobenheit kann bei der Besetzung einer Stelle klappen, aber auch gerne mal gar nicht.

  2. Letztlich macht die Universität den Unterschied. Wer dort schon als Student und Doktorand an der Spitze forscht und das auch weiss, der gründet eventuell ein eigenes Unternehmen wie das Larry Page und Sergey Brin mit Google gemacht haben. Und viele andere Exstudenten ziehen dann mit und gehen auch zu den gerade neu gegründeten hippen Unternehmen. Daneben sollten technische Universitäten Kontakte mit der Industrie – auch der mittelständischen – pflegen. Ein Hydrauliker geht dann eventuell von der Universität direkt zu einer Hydraulikfirma, die er bereits von der Universität her kennt.
    Vernetzung und Forschung an der industriellen Front sind also die Lösung. Rein akademische Frontforschung ohne direkte industrielle Anbindung sollte es natürlich auch geben, aber nur zum kleineren Teil und vielleicht im Rahmen von nationalen Grundlagenforschungsprogrammen.

    Viele grosse deutsche Firmen wurden im 19. oder frühen 20. Jahrhundert gegründet von Ingenieuren und Technikern, die neue Technologien (wie das Automobil) in Produkte umsetzten.
    Die heutigen Zukunfts-Technologien setzen meist ein Studium an einer technisch/naturwissenschaftlichen Universität voraus. Anstatt Ausgebildete sollten solche Universitäten aber Überzeugte, Begeisterte und in ihre Fähigkeiten Vertrauende in die freie Wildbahn entlassen.

  3. Wie wäre es mit Portalen, die erst die Fähigkeiten anschauen und die für gut Befundenen dann auf die Firmen verteilen?

    Womöglich gibt es diese ‘Portale’ bereits, der Webbaer schaut sich insofern gerne die Visagen und das CV an, bei XING.
    Die Besten der Besten der Besten sind womöglich ohnehin nicht so-o gut in der Wirtschaft aufgehoben, dort wo es darauf anzukommen scheint Bauernschläue bereit zu halten und die interne wie externe Abnehmerschaft [1] mit Phrasen zu bearbeiten, möglichst punktgenau dem Unternehmensinteresse geschuldet.
    ‘Die für gut Befundenen dann auf die Firmen verteilen’ klingt hier zudem ein wenig : sozialistisch.
    Die Wirtschaft funktioniert gerade auch mit denjenigen sehr gut, die im intellektuell-kognitiven Sinne nicht so-o die “Bringer” sind.

    So, wie sich der Schreiber dieser Zeilen notiert hat, dient das Schulwesen dazu Grundkenntnis bereit zu stellen, das Universitätswesen dazu Spezialkenntnis bereit zu stellen und diese Veranstaltungen dienen durchaus der Wirtschaft, so dass dort dann weiter gelernt, in die Lehre gegangen, werden kann, die ‘Besten der Besten der Besten’ werden dort aber nicht benötigt, sondern Fachkräfte und (sehr gute) Schwätzer.
    Vor allem auch sehr zähe Leutz, die ihre Karriere in der Wirtschaft sozusagen über alles stellen.

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1]
    Kleiner Gag am Rande :
    Es gibt in der Unternehmen die Außensicht, die nichts mit der Wahrheit zu tun haben kann, die öffentlich zu verbreiten ist, die Innensicht, die Mitarbeiterschicht meinend, die von Vorständen regelmäßig zu verbreiten ist, die nichts mit der Wahrheit zu tun haben kann, dann die Management-Schicht, dort wird dann schon eher Klartext gesprochen, und die Vorstände, wobei der CEO, der Super-Stratege, dann vermittelt, deutlich zum Ausdruck bringt, wie es anscheinendwirklich ist.
    Aber auch dies hat nichts mit der Wahrheit zu tun, sondern der CEO hat Anteilseigner zu befriedigen und seine Position bestmöglich zu sichern.

    Die Wirtschaft funktioniert, weil sie funktioniert, in der Regel liegen recht schlichte Geschäftsmodelle vor, die funktionieren, am Markt greifen, weil andere auch nicht besser sind.

  4. Zitat:

    Auf Platz sieben steht Germanistik, auf Platz 12 Mathematik, das sind die ersten Studienfächer, die in der Schule als Fach vorkommen. Die Schule kümmert ja so etwas wie Wirtschaft, Ingenieurswesen, Jura, Medizin oder Psychologie nicht.

    Ja, es wird das falsche studiert. Sogar das falsche, wenn es nur darum ginge, kritisches Denken zu lernen. Dies mindestens zeigt für mich der Quanta-Magazin-Artikel “Why Math Is the Best Way To Make Sense of the World” Dort liest man gleich zu Beginn ( (google translate+Wortebenenverbesserungen meinerseits):

    Als Rebecca Goldin zu einer Klasse von Neulingen an der George Mason University sprach, erzählte sie von einer entmutigenden Statistik: Nach einer aktuellen Studie, haben sich 36 Prozent der College-Studenten während ihrer vierjährigen Studienzeit nicht signifikant in ihrem kritischem Denken verbessert . “Diese Schüler hatten Schwierigkeiten, Tatsachen von Meinungen und Ursachen von Korrelationen zu unterscheiden”, erklärte Goldin.

    Sie gab dann folgende Ratschläge an die Neulinge (engl.freshman):

    “Nehmen Sie mehr Mathematik und Wissenschaft, als es erforderlich ist. Und nehmen sie es ernst.” Warum? Weil “ich kein besseres Werkzeug kenne als das quantitative Denken, um Informationen zu verarbeiten, mit denen ich fertig werden muss.” Nehmen wir zum Beispiel die von mir zitierte Studie. Auf den ersten Blick könnte es so aussehen, als ob ein Drittel der Hochschulabsolventen faul oder ignorant ist, oder dass Hochschulbildung generell eine Verschwendung ist. Aber wenn Sie näher hinsehen, sagte Goldin ihrer klugen Zuhörerschaft, dann finden sie eine andere Botschaft: “Es stellt sich heraus, dass dieses Drittel der Studenten [die unkritisch Gebliebenen] keine Wissenschaftskurse belegt haben!”

    Also: Kritisches Denken lernen nicht diejenigen, die geisteswissenschaftliche Fächer belegen, sondern diejenigen, die Mathematik und Naturwissenschaften studieren.
    Dabei braucht die deutsche Wirtschaft – aber nicht nur sie – kritisch denkende Durchblicker.

  5. hallo,

    ich interessiere mich sehr für hydraulik. ich hatte es in schwerin im studium über mehrere semster. diese schule war spezialisiert auf robotik-manipulatortechnik incl. antriebe und steuerung. mein problem – die industrie des westens kennt diesen bis heute im westen nicht vorhandenen studiengang nicht und unter anderem deshalb darf ich seit 1990 nicht mehr arbeiten. die schule in schwerin exitierte bis 1990. fachleute für hydraulk gibt es in der ehemaligen ddr mehrere tausend, aber keiner will sie – aus arroganz, aus überheblichkeit, aus unfähigkeit zur einführung von heimarbeitsplätzen usw, aber auch – “was der bauer nicht kennt, das isst er nicht!” also nicht vorhandenen geistige flexibilität. insofern ist das ganze gejammere selbst verschuldet und hausgemacht. ich habe mit diesen leuten kein mitleid und sie beweisen durch diese politik, dass sie in wesentlichen teilen unfähig sind, eine firma zu leiten. hinzu kommt, dass sie aus kenntnis ihrer eigenen person anderen nicht zutrauen sich selber wieder innerhalb der einarbeitungszeit auf en neuesten stand der technik zu bringen – weil sie keine ingenieure sondern bwl’er oder juristen sind, also aus bereichen ohne wirklichen fortschritt kommen. daran krankt übrigens nicht nur fast die gesamte industrie dieses landes.

  6. Martin Holzherr schrieb (12. September 2017 @ 11:21):
    > […] Quanta-Magazin-Artikel “Why Math Is the Best Way To Make Sense of the World”

    Rebecca Goldin […] erzählte […]: Nach einer aktuellen Studie, haben sich 36 Prozent der College-Studenten während ihrer vierjährigen Studienzeit nicht signifikant in ihrem kritischem Denken verbessert.

    Wie vielen davon mag es schon vom Studienanfang an so leicht gefallen sein, Tatsachen von Meinungen und Ursachen von Korrelationen zuverlässig zu unterscheiden, dass sie sich dahingehend gar nicht mehr signifikant verbessern konnten?

    das quantitative Denken […] Nehmen wir zum Beispiel die von mir zitierte Studie. Auf den ersten Blick könnte es so aussehen, als ob ein Drittel der Hochschulabsolventen faul oder ignorant ist, oder dass Hochschulbildung generell eine Verschwendung ist. Aber wenn Sie näher hinsehen, sagte Goldin ihrer [klugengespannt lauschenden] Zuhörerschaft, dann finden sie eine andere Botschaft: “Es stellt sich heraus, dass dieses Drittel der Studenten [die unkritisch Gebliebenen] keine Wissenschaftskurse belegt haben!”

    Um dieses als ein Beispiel speziell für “das quantitative Denken” auffassen zu können, hat Rebecca Goldin mit “taking science” vermutlich ausdrücklich das Belegen von Kursen in den sogenannten “quantitativen bzw. harten Wissenschaften” gemeint; in Unterscheidung z.B. zum Studium geisteswissenschaftlicher Fächer.

    > Dabei braucht die deutsche Wirtschaft – aber nicht nur sie – kritisch denkende Durchblicker.

    Sich die Fachkräfte, deren Mangel öfters beklagt wird, als “kritisch denkende Durchblicker” vorzustellen, schiene allerdings eher Ausdruck einer Meinung als einer Tatsache.

  7. Ich denke was im Artikel geschrieben steht, stimmt eher nicht. Gerade Ingenieure, Physiker, Chemiker, Biologen(!) usw. haben meiner Erfahrung nach, zumindestens hier in der Schweiz, massiv Schwierigkeiten Stellen zu finden (Ein Kollege von mir führt ein Hotel). Auf Ausschreibungen an Fachhochschulen niedrigster Art melden sich Doktoren und sogar Dozenten in diesen Fächern. Wenn ein Mittelständler keine “Fachkräfte” findet, so muss er sich selber an der Nase nehmen, auch das Geld wird kaum eine Rolle spielen, gerade die Ausschreibungen an den Fachhochschulen zeigen, dass diese Leute zu Lohnkompromissen, gerade im Einstiegsbereich, bereit sind. Vielleicht sind auch gerade die BWLer und Juristen die schon angestellt sind nicht in der Lage die möglichen Kandidaten vernünftig und auf deren höherem intellektuellen Niveau zu beurteilen.

  8. Warum wenig Physik studiert wird, liegt auf der Hand.

    Die typische Ingenieurskarriere sieht, zumindest wenn ich mir den Werdegang der mir bekannten Absolventen von Ingenieursstudiengängen anschaue und eben mal annehme, dass meine Beobachtungen einigermaßen repräsentativ sind, in etwa so aus: Nach dem Grundstudium eine Fachrichtung ausgewählt, nach dem Diplom promoviert oder (meist) nicht, dann aber in einer Branche nahe der Fachrichtung des Hauptstudiums eine Anstellung gefunden. Wer sich der Luft- und Raumfahrttechnik spezialisiert hat, arbeitet in der Luft- und Raumfahrtbranche, wer sich in Landmaschinenbau spezialisiert hat, bei einem Hersteller in dieser Branche etc.

    Der typische Werdegang bei Absolventen der Physik sieht dagegen (wieder nach meinen Beobachtungen) ganz anders aus. Egal ob promoviert oder nicht, die Wahrscheinlichkeit, dass nach dem endgültigen Verlassen der akademischen Sphäre eine Beschäftigung in einem Bereich ergriffen wird, der fachlich der Spezialisierung im Studium nahe kommt, scheint bei Physikern eher gering zu sein.

    Entweder sie kommen in einer ingenieursnahen Tätigkeit unter, bei der sie allerdings gegenüber den Absolventen von Ingenieursstudiengängen meist deutlich ins Hintertreffen geraten. Die Ingenieure wissen gerade das schon, was die Physiker sich in dem für sie neuen Umfeld erst noch aneignen müssen und haben zusätzlich zu den Fachvorlesungen auch noch Praktika und Studien- bzw. Diplomarbeiten mit Fachbezug hinter sich.

    Oft scheint die Promotion eher einer Art Verzweiflungsakt zu gleichen, die angehängte Post-Doc-Tätigkeit noch mehr: ein letztes Aufbäumen gegen die harte Realität, die immer näher rückende Tatsache, dass man bald das, was man so viele Jahre eifrig studiert hat, nun bald endgültig wird verlassen müssen und niemals dahin zurückkehren wird.

    Entweder man hat sich während der Promotionsarbeit quasi nebenbei Kenntnisse angeeignet, die erforderlich waren, um die eigentliche wissenschaftliche Arbeit machen zu können, beispielsweise in der Datenverarbeitung und findet dann mit diesen Kenntnissen eine Anstellung. Oder man geht zu einer Unternehmensberatung, wo realistischerweise das Thema das Studiums gar keine Rolle mehr spielt, sondern nur noch die erworbene Abkürzung “Dr.” vor dem Namen.

    Es ist kaum verwunderlich, dass diese Aussichten die jungen Leute abschrecken. Ich finde es geradezu verwunderlich, dass sich überhaupt noch so viele für ein Physikstudium entscheiden. Ich habe das damals kurz erwogen – aber wirklich nur ganz kurz.

  9. Michael Khan,

    Naturwissenschaften sind nun mal schwer und da kann man sich mit einem noch so große Ego und Sprachgewandtheit nicht durchmogeln.
    Wenn sich die Einstellung der Gesellschaft zum Fachkräftemangel nicht ändert, sind die Tage als Technikland für Deutschland gezählt. Und da die Maschinen auch noch elektronisch gesteuert werden , kann man die Studenten, die beides können , an den Fingern einer Hand abzählen.
    Deutschland verkommt zu einer Spaßgesellschaft.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben