Und jährlich grüßt der Schweinehund

Wir haben wieder gute Vorsätze gefasst, denn das Jahr ging zu Ende. Wir schauten auf die vergangenen Monate zurück und erkannten in einem Moment weihnachtlicher Ruhe noch einmal gründlicher als zuvor im Stress, dass wir nicht nachhaltig und achtsam genug waren. Das muss anders werden!

Das Problem ist: Wir machen es eben nicht und niemals anders, sondern wir versuchen es besser zu machen, und zwar durch immer mehr Stress. Dadurch wird nichts achtsam und nichts nachhaltig.
Schauen wir auf unsere Arbeit in einer Firma, die laut Management jedes Jahr unbedingt wachsen muss. Aha? Das lässt sich hinterfragen, es wird aber unachtsam akzeptiert. Früher wuchs eine Firma, indem sie mehr verkaufte und entsprechend mehr Verkäufer und Fabrikarbeiter einstellte. Jeder tat viele Jahre wie geheißen – alles ging seinen Gang. Dann aber wollte man zwar mehr produzieren und verkaufen, aber mit (höchstens) derselben Anzahl von Verkäufern und Arbeitern, die sich eben mehr anstrengen sollten. Diese ständige Forderung nach Mehranstrengung haben wir mit der Zeit hingenommen und uns von der einst erbittert erkämpften 35-Stunden-Woche wieder verabschiedet. Warum? Uns wurde erfolgreich Arbeitsplatzverlustangst injiziert, damit wir uns immer mehr anstrengen konnten. Mit ganzen Methodenbündeln wurden wir „motiviert“. Interessanterweise macht das allmähliche Streichen von Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Überstundenzuschlägen, Jubiläumsboni und Feiern, Danksagungen und Lob jeglicher Art immer willenloser, wo man doch denken könnte, solche Entrechtungen würden die Revolutionslust fördern.

Das neue Jahr beginnt mit der energischen Verkündung der erneut erhöhten Wachstumsziele, denen hinterhergehechelt werden soll. Plus x Prozent. Ach, das ist ein frommer Wunsch des Managements, ruhig Blut, denken wir noch. Wir schauen also erst einmal, wie das neue Jahr so anläuft. Das Management sagt ja, dass die eigenen Produkte einsam weltführend seien und wir so toll. Das erste Quartal wird leider mau. Wir müssen einen Gang höher schalten. Oh je, Ostern liegt im zweiten Quartal, da fällt viel Business aus. Wir hecheln und hetzen, um den Fehlstart des ersten Quartals überzukompensieren. Leider fallen viele Urlaube ins dritte Quartal, das ist schlecht! Wir merken das erst Anfang Juli, wir haben im Stress vergessen, dass es stets so läuft, Jahr für Jahr. Nach neun Monaten zählen wir alles zusammen und stellen fest: Das vierte Quartal muss alles herausreißen! Jetzt legen wir uns in die Riemen, das Metronom wird schneller getaktet. Oh, da kommt noch das private Weihnachten dazu, wir denken dazu auch bang an die bald anstehenden Leistungsbeurteilungen. Unser Stresslevel eskaliert; er ist ohne Glühweinkurzpausen kaum zu ertragen. Endlich verfallen wir für einige Tage in matte Weihnachtsstimmung, die wir unter eiserner Stressverleugnung durch bewusste innere Seelenverzerrung erzwingen können. Dann noch geschwind ein Silvesterexzess, es folgen ein paar Tage Resturlaub für das gemeine Volk. Hinter den Kulissen aber tobt der Kampf über Weihnachten und Neujahr – in der Vorstandsetage! Dort bemüht man sich krampfhaft, möglichst viele Rechnungen noch im alten Jahr zu stellen, indem man Geschäft vom Januar noch in den Dezember zieht. „Kunde, hier hast du ein bisschen Mehrrabatt, kauf schnell noch jetzt!“ Das senkt den Gewinn an sich, erhöht ihn aber im alten Jahr zu Lasten des neuen. Egal, das gerade vergangene Bilanzjahr muss gut aussehen.

Bald gehen wieder alle an die Arbeit. Januar. Wie gesagt: Einiges von Januargeschäft wurde durch kreative Buchführung und Rabattaktionen ins alte Jahr vorgezogen. Leider ist deshalb in diesem ersten Monat des Jahres kaum noch mit genügend vielen Abschlüssen zu rechnen. Daher fängt das Jahr schlecht wie immer an, der Vorstand hat es ja so gewollt. Sogar das ganze erste Quartal wird mies, eher Minus x Prozent. Damit stehen wir schon nach wenigen Wochen des Jahres am Marterpfahl und wissen es nicht, weil wir die Zeitschleife nicht erkennen, in der wir stecken. Es ist immer dasselbe: der Ablauf wiederholt sich quälend. Wir werden Mitte/Ende Januar zu Plus x Prozent verdonnert/motiviert. Man nennt es Kickoff. Wir sind noch ein paar Tage relaxt. Das Management versichert nämlich wie jedes Jahr, dass unsere Produkte die besten seien und wir das wertvollste Gut. Wir merken noch nicht, dass wir uns wiederum noch härter reinhängen müssen…

Es ist eine unendliche Zeitschleife, in der wir stecken. Wir hetzen bis Weihnachten und gehen im Januar mit törichter Schlichtheit in ein jedes Mal noch stressigeres Jahr. Die ersten Januartage erscheinen noch ruhig, weil sich das Management eine Umorganisation ausdenkt, die das Hamsterrad beschleunigt, indem sie die ausgelaugten Antreiber im Management durch neue und ganz hungrige ersetzt. Dann erst geht es richtig los. Diese ersten paar ruhigen Tage setzen den Inneren Schweinehund wieder in den Komfortzonenstatus zurück. Er macht eine kurze Regression in den Ursprungszustand durch und muss nun ständig durch Managementaktionen überwunden werden, damit er sich härteren Anstrengungen nicht mehr widersetzt…
Ach, zu Weihnachten hatten wir den Inneren Schweinehund schon so weit überwunden, dass er sich den besten Silvestervorsätzen zur Achtsamkeit und Nachhaltigkeit für ein paar Stunden fügte. Aber leider kommen die ersten paar noch ruhigen Arbeitstage – und er entwischt. Zack, weg! Und nun muss er doch wieder ein ganzes Jahr lang auf die harte Tour besiegt werden.

Jeder von uns muss nun den Stress („die Fremdüberfrachtung“) ertragen, dazu die Energie verbrauchen, den Inneren Schweinehund auszuschalten, und den gesunden Menschenverstand wie auch alle Vernunft auf Weihnachten vertrösten.
Was können wir tun? Nicht alles per Mehranstrengung zu lösen versuchen. Eben anders arbeiten, nicht nur härter und länger. Lesen Sie es denn nicht täglich? Oder haben Sie dazu schon keine Zeit mehr? „Work smarter, not harder!“ – „Es geht um neue zukunftsweisende Geschäftsmodelle, nicht um das Resteverwerten in den alten!“

Wir müssen unseren Inneren Schweinehund selbst überwinden und unsere eignen Vorsätze des neuen Jahres umsetzen. Wenn wir das nicht selbst tun, wird unser Innerer Schweinhund fremdüberwunden, aber eben für die fremden Standard-Plus-x-Prozent-Vorsätze. Geht es Ihnen noch so gut, dass Sie die eigenen Vorsätze ignorieren, weil Ihnen das Hamsterrad immerhin eine sichere Perspektive bietet?

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich “Wild Duck”, also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie “Teil des technologischen Gewissens”. Ich habe mich viel um “artgerechte Arbeitsumgebungen” (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um “artgerechte Haltung von Menschen”!
Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen.
Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater – und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe.

Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren.

Gunter Dueck

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Geht es ihnen noch so gut, …?”

    Das ist so’ne Frage, wie von einem dieser Studenten die durch die Fahrzeuge der öffentlichen Verkehrsmittel gescheucht werden, um zu ermitteln ob man die Fahrpreise schamlos noch ein Stück mehr erhöhen könnte.

  2. Ein Mensch sollte seine Willenskraft und Liebe vergrößern. Es ist wichtig, gesundheitsbewusst zu leben und sich unegoistisch zu verhalten. Es ist sinnvoll, die körperliche Leistungsfähigkeit zu vergrößern, diverse Herausforderungen zu meistern, die Natur zu schützen usw. Und dann sollte man sich morgens unmittelbar nach dem Aufwachen auf einen Wunsch konzentrieren und sich (nochmal) in den Schlaf sinken lassen. Durch Traumsteuerung (oder im halbwachen Zustand nach dem Aufwachen) kann man zu mystischen Erfahrungen (und Heilen wie Jesus) gelangen. Der Mensch (genauer: das Ich-Bewusstsein) kann mystische Erfahrungen nicht bewirken, sondern nur vorbereiten. Bestimmte Meditations- und Yoga-Techniken, Hypnose, Präkognition usw. sind gefährlich. Traumsteuerung ist auch ohne luzides Träumen (das u. U. gefährlich ist) möglich. Man sollte sich nur dann einen luziden Traum wünschen, wenn man durch Traumdeutung herausgefunden hat, dass man dafür die nötige Reife hat. Oder man kann sich vor dem Einschlafen wünschen, dass sich nur Dinge ereignen, für die man die nötige Reife hat. Es ist gefährlich, während eines luziden Traumes zu versuchen, den eigenen schlafenden Körper wahrzunehmen. Luzide Träume dürfen nicht durch externe Reize (Drogen, akustische Signale usw.) herbeigeführt werden. Man kann sich fragen, ob eine echte (nicht nur eine eingebildete) Zeitdehnung in Träumen möglich ist. Zudem, wie sich Schlaf-Erlebnisse von Tiefschlaf-Erlebnissen (und Nahtod-Erlebnissen usw.) unterscheiden. Die Bedeutung eines symbolischen Traumgeschehens kann individuell verschieden sein und kann sich im Laufe der Zeit ändern.
    Es bedeutet eine Entheiligung der Natur, wenn Traumforscher die Hirnströme von Schlafenden messen. Die Wissenschaft darf nicht alles erforschen. Es ist z. B. gefährlich, wenn ein Mensch erforscht, ob er einen freien Willen hat. Es ist denkbar, dass ein Mensch gerade durch die Erforschung der Beschaffenheit des Willens seinen freien Willen verliert. Zudem besteht die Gefahr, dass ein Mensch verrückt wird, wenn er sich fragt (wie schon vorgekommen), ob das Leben nur eine Illusion ist. Das Leben ist real. Es kann in Teilbereichen auf wissenschaftlichen (und technischen) Fortschritt verzichtet werden. Es ist z. B. falsch, Hochgeschwindigkeitszüge zu bauen. Man sollte möglichst dort wohnen, wo man arbeitet. Dadurch werden viele Privatfahrzeuge (nicht Firmenfahrzeuge) überflüssig. Es ist sinnvoll, überflüssige Dinge (Luxusgüter, Gottesdienste, Werbung, hohe leistungslose Einkommen, Kreditwesen, Urlaubsindustrie, Rüstung usw.) abzuschaffen. Der MIPS muss gesenkt werden (Regionalisierung senkt Transportkosten, ein Öko-Auto fährt über 50 Jahre, ein 1-Liter-Zweisitzer-Auto spart Sprit usw.). Ein Mensch kann im kleinen und einstöckigen 3-D-Druck-Haus (Wandstärke ca. 10 cm) mit Nano-Wärmedämmung wohnen. Wenn die Menschen sich ökologisch verhalten, kommt es zu einer günstigen Erwärmung im Winter. Denn das Klima ist (so wie das Leben) in der Lage, sich positiv weiterzuentwickeln. In der Medizin sollte u. a. die Linsermethode gegen Krampfadern (auch dicke) eingesetzt werden. Es ist wichtig, den Konsum von tierischen Produkten (und Süßigkeiten und Eis) zu reduzieren oder einzustellen. Hat man eine bestimmte Reife, kann man sich vegan ernähren oder von Urkost ernähren (oder sogar fast nahrungslos leben). Die berufliche 40-Stunden-Woche kann durch die 4-Stunden-Woche ersetzt werden (bei Abschaffung des Renteneintrittsalters). Wenn die Menschen sich richtig verhalten, werden die Berufe (zukünftig) zunehmend und beschleunigt an Bedeutung verlieren.

  3. Alles schön und gut, Öko-Theosoph, aber meinst du nicht Mensch braucht vorher die materialistischen Grundbedingungen / Freiheiten für das Erlernen / Verständnis solch einer verantwortungsvollen / spirituellen Vernunft – wettbewerbsbedingtes “Individualbewusstsein” zu geistig-heilendes Selbst- und Massenbewusstsein / Ende des geistigen Stillstandes seit …???

  4. @Dueck

    “Warum? Uns wurde erfolgreich …”

    Nicht uns, sondern dem mehr und/oder weniger brutal-egoisierendem “Individualbewusstsein”, wurde die spalterisch-imperialistische Logik von Erfolg, reich und arm zum nun “freiheitlichen” Wettbewerb als einzige …, ein Massenbewusstsein ausserhalb oder gegen diese … existiert (noch) nicht – Sätze mit UNS und/oder WIR sind Wunschtraum, heuchlerisch oder …!

  5. In etwa so.

    Fremdmotivation soll dann den Mangel an Eigenmotivation ersetzen, wobei die Eigenmotivation eben nicht allen gegeben ist, Prinzipien benötigen, die nicht jeder hat, so dass dann doch -in Hierarchieverhältnissen- die “Peitsche” kommt.
    Eigenmotivation lässt sich zudem schlecht zu einem bestimmten Datum entwickeln.

    MFG
    Dr. Webbaer

  6. “Fremdmotivation” – spricht da die Angst / die anscheinend unveränderungswillige Verkommenheit des Wohlstands- und Gewohnheitsbürgers???

  7. Mir scheint, die kreislaufend-bewusstseinsbetäubte Funktionalität dieser zeitgeistlich-reformistischen Welt- und “Werteordnung” ist zutiefst inspiriert von unfassbarer Fremdmotivation, aufbauend auf unserer instinktiven Bewusstseinsschwäche in Angst, Gewalt und “Individualbewusstsein”!

  8. @ Kommentatorenkollege ‘hto’ :

    Das da weiter oben bezog sich auf die dankenswerterweise bereit gestellte Überlegung im WebLog-Eintrag.
    Besondere Exkursionen waren so nicht eingeladen und womöglich auch nicht vom hiesigen werten Inhaltegeber evoziert.

    MFG
    Dr. Webbaer

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