Unausgesprochene Entlassung

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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 „Unsere Familie ist zerrüttet. Wir streiten den ganzen Tag. Papa hat uns nicht mehr lieb. Er hat Probleme bei der Arbeit. Er verdient nicht mehr genug. Ich weiß ganz genau, dass er darauf wartet, dass ich endlich ausziehe. Aber ich kann es mir nicht leisten. Ich muss dableiben. Ich verdiene auch nicht genug. Es frisst in mir. Er sagt jetzt öfter ärgerlich, ich fräße mich durch.“

Viele Unternehmen ächzen unter Problemen der Weltwirtschaftskrise. Alle anderen stöhnen, weil sie sich aus dem modernen Prinzip heraus, nie zufrieden sein zu wollen, zu hohe Gewinnziele gesteckt haben. Wären die erreichbar, so wären sie zu niedrig gewesen! Mit der Anklage, es fehle noch an Gewinn, lässt sich mehr Druck machen als mit „Wir übererfüllen, wir können noch mehr machen! Überstunden! Das wird der reine Wahnsinn!“

Wer vor zu hohen Zielen steht, fühlt den Druck. Er sucht nach einem Ausweg. Die Kunden kaufen nicht mehr. Neukundengewinnung würde hohe Marketingausgaben verschlingen. Neue Produkte würden hohe Entwicklungskosten erfordern. Es bleibt eigentlich nur der Druck auf Mitarbeiter, wieder einmal 10 Prozent länger zu arbeiten und dann 10 Prozent im gleichen Zuge zu entlassen. Leider kann man nicht so ohne weiteres entlassen. Ach, wie schön wäre es, wenn jetzt die 10 Prozent schlechtesten Mitarbeiter oder auch die guten, die gerade kein Projekt haben, einfach freiwillig ohne Abfindung kündigen würden! Das gäbe Gewinn! Damit würden die Ziele immer noch nicht erreicht, aber es wäre immerhin ein Tropfen auf den heißen Stein.

Das Unternehmen benimmt sich wegen der zu hohen Ziele wie in einer Notsituation. Es mag die Mitarbeiter nicht mehr. Es wartet, dass die Mitarbeiter von selbst kündigen. Aber die können es sich nicht leisten. Das frisst an ihnen. Jede Klage eines Managers, die Ziele seien nicht erreicht, klingt wie: „Das Unternehmen hat dich nicht lieb.“ Da lassen die Mitarbeiter die Köpfe hängen und trauern. Sie arbeiten unter Unliebe trostlos weiter und tun immer mehr nur noch genau das, was ihnen gesagt wird. Sie passen sich der Herde an.

Da kommt das Gallup Institute und misst den Gallup-Engagement-Index. Der fällt über die Jahre. Auf die Frage: „Haben Sie eine emotionale Bindung an Ihr Unternehmen?“ antworten immer weniger Arbeitnehmer mit „Hoch!“, zuletzt waren es 13 Prozent (2008).

Niemand fragt, warum das so ist! Das muss nicht gefragt werden, es ist ja allen ganz klar. Die Masse der Mitarbeiter hat nämlich innerlich gekündigt, weil die impliziten psychologischen Annahmen, unter denen sie aus ihrer Sicht eigentlich arbeiten, aus ihrer Sicht nicht mehr zutreffen. Das Unternehmen hat sie nicht mehr lieb. Es will, dass sie kündigen. Aber sie verdienen zu wenig. Sie können es sich nicht leisten, das Unternehmen zu verlassen.

Warum aber sehen wir die Sache immer nur vom Arbeitnehmer aus? Warum sprechen wir alle wie selbstverständlich von einer inneren Kündigung, wobei wir dem Arbeitnehmer doch irgendwie ein unberechtigtes Verbleiben in einer für ihn ungeliebten, aber doch lukrativen Schmarotzerposition unterstellen?

Warum sehen wir nicht, dass die Unternehmen gleichsam zähneknirschend die Entlassung nicht aussprechen, aber nicht verhehlen können, dass ihnen so viele Mitarbeiter einfach auf den Profitmagen schlagen?

Es ist doch eigentlich der Frust der Mitarbeiter, dass das Unternehmen sie nicht mehr mag. Und dadurch, nicht andersherum, ist die emotionale Bindung zerstört. Die Mitarbeiter lieben ihr Unternehmen natürlich immer noch! Aber das fragt Gallup nicht. Und Sie als Wirtschaftsnachrichtenkonsument übernehmen jetzt alle aus der Zeitung eine Art Unternehmersicht, oder? Sie schauen sich um und sehen tatsächlich in jedem Flur Leute, die wie innerlich gekündigt aussehen. Die schaden doch Ihrer geliebten Firma so sehr! Für die müssen Sie höchstpersönlich Wiederrausholarbeit leisten! Weg müssen die da! Alle! Und dann seufzen Sie, dass Ihr Unternehmen Sie selbst irgendwie auch nicht mehr mag. Die Iirren da oben! Die denken, Sie hätten innerlich gekündigt!

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

4 Kommentare

  1. Der erste Abschnitt kommt mir nur zu bekannt vor. Als Student kenn ich das von vielen Freunden, das diese auch Probleme mit ihren Eltern haben. Quasi wie aus dem Leben gegriffen.

    Auch mit den überzogenen Gewinnerwartungen muss ich ihnen absolut recht geben. Wenn die Zahlen genauso sind wie im letzten Jahr ist das zu wenig – es muss immer alles wachsen.

  2. Er verdient nicht mehr genug…

    Die Niedriglohngrenze liegt in Westdeutschland bei 9,50 Euro brutto die Stunde und in Ostdeutschland bei 6,87 Euro. 2,1 Millionen Beschäftigte arbeiten für weniger als 6 Euro brutto die Stunde. Rund 1,15 Millionen müssen sich sogar mit weniger als 5 Euro begnügen. Es wird Zeit für einen gesetzlichen Mindestlohn in Deutschland.

    Einer aktuellen Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) zufolge haben vier von fünf Niedriglöhnern eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss. Das zeigt, dass eine Ausbildung nicht mehr davor schützt im Niedriglohnsektor zu landen.

  3. Demotivierende Verhältnisse

    Inzwischen gibt es aktuellere Zahlen, demnach arbeiten inzwischen 6,5 Millionen Menschen in Deutschland für Stundenlöhne unter 9,62 Euro in West- und 7,18 Euro in Ostdeutschland.
    Quelle: http://www.verdi.de/…rkt/prekaere_beschaeftigung

    Ich wäre ebenfalls für einen gesetzlichen Mindestlohn in Deutschland, da so gut wie alle anderen Länder in Europa einen solchen bereits haben. Auch wenn der Mindestlohn nur bei 8,50 € pro Stunde liegen würde, so entfiele doch die m.E. sittenwidrige Entlohnung, die darunter liegt.
    Nicht zu vergessen, dass viele Menschen in Deutschland sogar zeitweise umsonst arbeiten müssen. Viele Arbeitslose müssen immer wieder “Probearbeiten”, d.h. sie schuften für mehrere Tage umsonst bei einer Firma und werden dann doch nicht eingestellt, da die nächsten schon warten, die man umsonst arbeiten lässt. Viele junge Leute machen auch ein unbezahltes Praktikum nach dem anderen, in der Hoffnung einen Job zu bekommen. Diese Menschen sind stark motiviert und innerlich gekündigt können sie auch nicht haben, da sie ja noch gar kein fester Arbeitnehmer sind, trotzdem mag das Unternehmen sie nicht. Kann es vielleicht daran liegen, dass manche Firmen die Not dieser Leute gnadenlos ausnutzen?

  4. Selbstauflösung

    Eine Firma, welche es scheut, neue Ideen und Produkte zu entwickeln – wird sich irgendwann selbst auflösen.
    Man stößt immer mehr Leute und unprofitable Geschäftszweige ab, bis man dann schließlich nicht mehr existiert.

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