Über Opferanoden, Sündenböcke, die aggressionspsychologische Spannungsreihe und Pegida

Bei einer Ingenieursveranstaltung hörte ich zum ersten Mal dieses Wort: Opferanode. Es faszinierte mich.
Opferanoden sind unedlere Metalle, die man mit edleren leitend verbindet. Das erzeugt eine Spannung zwischen den beiden Metallen, und es fließt Strom zum edleren Metall (wir haben das alle einmal unter „Batterie“ gelernt). Durch diesen Fluss von Elektronen zum edleren Metall hin wird dieses vor Oxidation geschützt. Das unedlere Metall rostet, das edlere nicht. Das unedle Metall ist das Opfer!
Dieses Opfer bringt man den edlen Metallen zuliebe. Man verbindet sie deshalb mit Opfer und schützt sie vor Korrosion.
Nun muss man nur noch wissen, was „edler“ ist. Das erfährt man aus der elektrochemischen Spannungsreihe: Gold  Eisen  Zink  Magnesium. Deshalb verbindet man Schiffsschrauben mit Zink, weil die sonst sehr unter Salzwasser leiden würden! Das Zink oxidiert, die Schraube bleibt blank.

Da fiel mir sofort ein, dass es so etwas in menschlichen Beziehungen auch geben muss. Da fließt nämlich auch so etwas wie Strom! Ein Vater macht den Kindern Strom, die Mutter dem Vater, die Schwiegermutter der Mutter, der Arzt der Schwiegermutter – so etwa, in unendlicher Variation. Es gibt bestimmt eine aggressionspsychologische Spannungsreihe – ganz sicher! Jeder macht anderen Strom, so gut er kann, er teilt aus. Er bekommt Strom von anderen, er steckt ein.

Und die Frage ist: Wo bleibt der Strom und wer von uns korrodiert am Ende? Sagen nicht die Therapeuten, dass in psychisch kranken Familien oder Systemen immer nur die jeweils Schwächsten zur Therapie gebracht werden, um dort die ganze Spannung des Systems abzuladen, also beim Psychologen zu erden? Man denkt unwillkürlich darüber nach, ob die Leute in der Therapie überhaupt die wirklich Kranken sind – sind es etwa einfach nur die, die den Strom abbekamen?

Ich habe in der Wikipedia unter dem Stichwort „Sündenbock“ nachgeschaut. Da steht etwas dazu, einen richtigen guten Abschnitt zitiere ich einfach, der passt genau!

Die soziale Rolle des Sündenbocks lässt sich auch einer ganzen Gruppe von Menschen per Attribution zuweisen. Sind Menschen frustriert oder unglücklich, richten sie ihre Aggression oft auf Gruppen, die unbeliebt, leicht identifizierbar und machtlos sind.

Dies kann auch mittels einer durch Machteliten verbreiteten Ideologie geschehen, die ein Feindbild bewusst entwickelt mit dem Ziel, bestimmte soziale, ethnische oder politische Minderheiten zum Sündenbock für aktuelle Krisenerscheinungen zu machen oder von der eigenen mangelnden oder schwindenden Legitimation abzulenken (siehe zum Beispiel Holocaust). Eine solche Projektion auf einen Sündenbock kann für die Bevölkerungsmehrheit identitätsstiftende Funktion bekommen.

Der Soziologe Lewis A. Coser hat 1964 in Sociological Theory den Begriff „Sündenbock“ in Bezug auf die Verschiebung von nicht direkt ausfechtbaren sozialen Konflikten (realistic conflicts) auf abstraktere, aber ausfechtbare Konfliktebenen (unrealistic conflicts) verwendet.

Der Religionsphilosoph René Girard machte in seiner Anthropologie aus dem von ihm so benannten „Sündenbockmechanismus“ (engl. Scapegoating) eine grundlegende Hypothese über die Entstehung der menschlichen Kultur: Gebraucht wird der Sündenbock, wenn die Gemeinschaft innerlich zerrissen ist oder sich von einer Katastrophe bedroht fühlt. Indem eine falsche kausale Verbindung zwischen Bedrohung und dem ausgewählten Sündenbock hergestellt wird, kann das Übel veräußert und die Gemeinschaft wieder geeinigt und stabilisiert werden.

Wer bekommt den Strom ab? Manager schimpfen, am Ende schlucken alles die Extrameilenverweigerer oder Minderleister. Eltern schimpfen und irgendwo wird ein Kind mit der Zeit dunkler und dunkler zum schwarzen Schaf. Die Staaten stöhnen allesamt unter ihren irreal hohen Schulden und lokalisieren das Hauptproblem in einem kleinen Land an der Peripherie. Die Pegida-Bewegung in Dresden (wo es bekanntlich kaum Ausländer gibt) sieht die Gefahr in der fremden Ferne.
Man wird die Spannung los, indem man eine falsche kausale Verbindung zwischen dem eigenen Frust und dem Sündenbock herstellt. Diese falsche kausale Verbindung ist das Analogon zur leitenden Verbindung zwischen dem edleren und dem unedleren Metall.
Die Opferanoden entstehen durch die bewusste und absichtliche Verbindung des Schützenswürdigen zum Opfer. So mag es unter Menschen auch sein, oder?

Leute, seht zu, dass der Sündenbock recht weit weg ist. Der braucht dann zwar eine lange Leitung, aber man sieht nicht, wo der Strom endet. Coser spricht von einem „realistic conflict“, wenn sich Leute über fremde Nachbarn ärgern oder eine Frau sich in der Abteilung unterbezahlt fühlt. Man löst diese Konflikte doch nicht etwa persönlich und sofort auf der Stelle, nein, sie werden zu einem „unrealistic conflict“ abstrahiert! Man schimpft über „das Fremde“ oder „das Ungerechte“ an sich. So wird die Spannung entladen, ohne dass sich etwas tut.
Wenn zum Beispiel in einem Unternehmen ein Problem gesehen wird, ernennt man als Opferanode einen Vice President, der es wegmachen soll. Er soll zum Beispiel Geschlechtergerechtigkeit schaffen, Innovationen regnen lassen, Mitarbeiterwellness erzeugen – was immer. Er ist der Sündenbock! Er schafft es natürlich nicht allein, die Unternehmenskultur zu verändern, aber es wäre seine Aufgabe gewesen. Das Übel ist natürlich noch da, aber jetzt trägt jemand klar erkennbar ernannt die Schuld daran. Man hat nämlich eine bewusst falsche kausale Verbindung zwischen dem Problem und dem Vice President geschaffen: „Wenn Beförderung zum Vice President für XYZ, dann XYZ.“
Es ist wunderbar einfach, die Probleme am besten ganz irreal zu abstrahieren! Ernennt Beauftragte, gründet Ausschüsse, macht Studien zur Voruntersuchung, sucht schwache Schuldige! Dann kann alles so bleiben und der Frust ist woanders.

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wenn man bedenkt wie / wieso Jesus zum Sündenbock gemacht wurde, damit unser System des “Zusammenlebens” auch weiter im geistigen Stillstand seit der “Vertreibung aus dem Paradies” funktionieren kann, dann …!? 😉

    Die Sündenbocksuche paßt hervorragend zu unserer systemrational-zeitgeistlichen Bildung zu Suppenkaspermentalität, in der wir untergehen, weil ja alles unabänderlich vorbestimmt ist – dabei wird die “Opferanode” zu etwas Schäbigen, was die wirklich-wahrhaftig edlen … spaltet, entartet und …!? 😉

  2. In einer ausgeprägten Hackordnung ist jeder die Opferanode, denn jeder bekommt Hackschläge ab. Der in der Mitte von oben, der Unten von der Mitte.
    Ich stelle mir vor: Ein schon etwas erfahrenerer Forscher in Deutschland, der einen jungen Kollegen betreut, denkt wohl: “Der soll es genau so gut haben wie ich”. Und er meint damit: “genau so schlecht”.

    Bedeuten die vielen Debatten in Deutschland, in denen es um Gerechtigkeit geht etwa, dass jeder die richtige, gerechtfertigte Position in der Hackordnung erhalten will? Liegt Deutschland deshalb immer nur im Mittelfeld, wenn es um die Beurteilung des persönlichen Glücks geht. Denn wenn der ökonomische Erfolg der Massstab für das Glücksempfinden wäre müsste Deutschland näher bei der Spitze liegen, näher bei den Glückseligen.

  3. Gut analysiert, aber nannte man diese Funktion des Stromableitens in Schwächere nicht schon früher auch treffend “Blitzableiter”?

  4. “Die Pegida-Bewegung in Dresden (wo es bekanntlich kaum Ausländer gibt) sieht die Gefahr in der fremden Ferne.”

    – Die Grünen sehen die Gefahr in Genen und Atomen (letztere haben bekanntlich zehntausende Menschen in Fukushima umgebracht, als sie sich bei einem Erdbeben so stark bewegt haben, dass Häuser zusammenfielen)
    – Die EU sieht die Gefahr in 100W-Birnen, Staubsaugern und Kaffeemschinen
    – Die CDU/SPD/GRÜNE/LINKE sieht die Gefahr in dem vielen Nazis (vermutlich fast 15.000 bundesweit!), die demnächst das Vierte Reich ausrufen könnten.
    – Islamvertreter sehen die Gefahr in der gefärlichen Geisteskrankheit “Islamophobie”
    – Die LINKE sieht die Gefahr in den bösen “Reichen”, die allen anderen das Geld wegnehmen
    – Bloccupy und andere Kapitalismusgegner sehen die Gefahr in Banken und im bösen Kapitalismus
    – Linke “Autonome” sehen die Gefahr in teuren Autos und Gentrifizierung
    Könnte man vermutlich noch Seitenweise fortführen.
    Wo der Autor die Gefahr sieht, weiss ich nicht, aber da lässt sich sicher auch was finden.

  5. Manche finden es halt nicht gut, wenn antiselektiv und demokratisch unzureichend legitimiert eingewandert wird, gerade auch Einwanderung aus der Herrschaftsform Islam meinend, diese Sorgen müssen nicht psychologisiert werden, sie wirken ja stringent.

    MFG
    Dr. W (der sich vorstellen kann, wie Doitschland bald aussehen wird, auch die Gefahrenlage betreffend)

  6. Die Mayas rissen ihren Ritual-Opfern noch das Herz aus dem Leib umd damit den Regengott zu besänftigen, heute genügt meist der Stoss des Sündenbocks in die Gefilden der Bedeutungslosigkeit als Abgeltung für wirklich oder vermeintlich begangens Unrecht. Während die Mayas ihre Opfer scheinbar recht willkürlich auswählten, muss heute ein Sündenbock meist irgend etwas verbrochen haben, damit er der Öffentlichkeit vorgeführt werden kann – so etwa wie Klaus Zumwinkel, den früheren Bundespostchef, der auf plakative Art wegen Steuerhinterziehung abgeführt wurde.
    Im obigen Beitrag werden aber auch Sündenbockrollen entworfen, in den eine Person durch vermeintliche Beförderung in die Sündenbockrolle hineinwächst wie das Beispiel mit dem extra zum Vizepräsidenten Beförderten zeigt, der als Vizepräsident für etwas zuständig gemacht wird, bei dem es in der Firma hapert und auch weiterhin hapern wird. Das kommt den Ritualen der Mayas schon sehr nahe, die jemanden für den fehlenden Regen opferten.Übrigens nutzen die Opfer der Mayas letztlich nichts, Heute nimmt man an, dass ein wichtiger Grund für das Verschwindern der Maya-Kultur die zunehmende Trockenheit im damaligen Siedlungsgebiet der Mayas war. Ebenso nutzt auch heute die Opferung des Vizepräsidenten vielen Firmen mit Schwierigkeiten nicht über die Runden.

    • Mit der sogenannten Pegida-Bewegung scheint eine Art Sündenbockumkehr vorzuliegen, weil der erkennbar taugliche Sündenbock nicht gesehen werden will.
      So ähnlich wie früher auch Antikommunisten Störenfriede und Sündenböcke waren…

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