Über „Das ist doch nicht neu!“/„Du bist böse!“ – Nervensägen

BLOG: WILD DUECK BLOG

Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
WILD DUECK BLOG

Jetzt disse ich einmal etliche unter Ihnen. Nicht böse sein, aber ein kleines Bashing ist nötig. Viele von Ihnen lesen das Internet eigens dazu komplett durch, um über alles Neue informiert zu sein. Das ist völlig legitim und sicher in gewisser Weise für die Menschheit hilfreich. Viele andere haben den Lebenssinn an sich entdeckt, publizieren ihn auf ihrem Blog und wundern sich über die Ignoranz der Welt, die das nicht kümmert.

Es gibt aber immer auch die Unterscheidung von Wissen und Umsetzung, von Invention zu Innovation, von Einzel-Insellösungen zu allgemeinen, von Leuchtturmprojekten zu neuen Strukturen. Zwischen diesen Stufen stehen appellierende Prediger wie ich in meinem beginnenden Alter, die die Gesamtheit mahnen, all das Neue zu übernehmen, was es schon vereinzelt gibt, und nach Prinzipien des Guten zu leben, womit schon viele ihr Glück finden.

Da predige ich also. Da weise ich darauf hin, dass es hier und dort etwas gibt, was sich alle einmal anschauen sollten, was sich alle zu eigen machen könnten. Und dann kommen die etwas oberbelehrenden Kommentare: „Das gibt es schon woanders. Das ist nicht neu. Das gibt es schon viel besser als es hier gesagt wird – hier der Link.“ – Am besten streiten sich dann mehrere Leute, wer es eigentlich zuerst erfunden hat und in welcher Version es am besten zu realisieren würde. Schließlich geht es rangelnd darum, wer am besten Bescheid weiß.
Natürlich geht es auch um das beste Wissen, aber die Stufe der Umsetzung ist die wichtigere und die viel höhere. Ich versuche oft zu predigen, sich doch bitte an diese Stufe heranzuwagen. Aber leider versinkt mein Appell viel zu oft in „Das haben andere schon gesagt“. Neulich antwortete ich auf einen solchen Kommentar: „Die Worte Jesu sind schon Trillionen Mal gesagt worden, aber man muss es wohl immer wieder sagen, weil wichtige Worte von Einzelnen wohl beherzigt werden, aber nicht von so vielen, wie man wünschen könnte. Die Erwiderung, dass es andere schon gesagt haben, könnten Sie ja jedem Pastor in jedem Gottesdienst entgegenschleudern.“ Antwort: „Genau deshalb geh ich da nie hin.“

Innovation ist die Adaption einer Invention durch viele. Umdenken ist die Adaption einer neuen kulturellen Idee durch viele. Es gilt, das Neue vielen schmackhaft zu machen, ihnen die Angst zu nehmen und die Zukunft zu zeigen.

• Techies finden wohl oft, dass alle, die nicht sofort das Neue adaptieren, irgendwie bedauernswerte Rückständige sind, denen man kaum helfen kann. Denen schleudern sie dann eine Art „Du bist dumm!“ entgegen.
• Priester einer Idee des Seins werfen diese mit oft grimmigem Ernst in die Menschheit und sind regelmäßig angesäuert, dass ihnen nicht alle Menschen sofort folgen und Jünger der Idee werden. „Wer nach diesem Bericht über Schlachthöfe noch Schnitzel bestellt, ist ein böser Mensch.“

Warum schreibe ich das? Es geht darum, das Neue bzw. ein Umdenken in die Gemeinschaft zu tragen, dazu sollten die Front-Runner die Verantwortung spüren und übernehmen. Gehen Sie hin in alle Welt und verkünden Sie – aber, bitte, erfolgreich! Wer nur immer „Keine Ahnung!“ oder „Böse“ schleudert, hat erkennbar diese Verantwortung nicht übernommen und nervt nur.

Wenn also etwas Neues oder ein Umdenken propagiert wird, dann kommt es darauf an, eine größere Masse zu bilden, eine kritische Masse, die ein Umkippen zum Neuen möglich macht. Dafür sollten die Protagonisten eine gemeinsame Verantwortlichkeit übernehmen.

Liebe Leute, manchmal ist es doch nur das „Wording“. Statt „Hähä, das gibt es schon!“ reicht doch: „Schön, dass das hier aufgenommen wird. Schau mal, da sind andere auch dran – wir schaffen es gemeinsam – hier der Link!“ Statt: „Du Tiertöter!“ reicht doch „Schau dir mal hier die schlechten Bedingungen für Tiere an, hilf erst einmal, die zu verbessern.“ Oder man schickt Videos herum, in denen man spürt, dass nicht nur Hunde und Katzen Seelen haben, sondern auch die Träger von Steaks und Spareribs.
Jeder hat die Freiheit, andere zu belehren oder zu kritisieren, aber auch die Verantwortung, die Gemeinschaft im Guten zu verändern. Der Streit im engeren Elfenbeinturm kommt draußen nicht gut an und diskreditiert den Elfenbeinturm in toto.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

5 Kommentare

  1. Zumindest ist in der Theorie ist schon alles gesagt worden, aber noch nicht von allen. Insofern könnte der Einwand, dass ein Vorschlag oder eine aufgetischte Idee nicht neu sei, schnell weggehüstelt werden.

    Nicht jeder ist ein originärer Denker (“Original Thinker” – das Fachwort).

    Wer nur immer „Keine Ahnung!“ oder „Böse“ schleudert, hat erkennbar diese Verantwortung nicht übernommen und nervt nur.

    Es gibt ja Argumentationsfehler, Fehler, die die Streitführung (“Argumentatio”) i.p. Sacharbeit meinen, bspw. derartige:
    -> https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_fallacies

    Hier würde die Allgemeinbildung, äh, allgemein helfen, damit es nicht zu Projektionen (das Fachwort) kommt, die meinen i.p. Streitführung ernsthaft beizutragen.

    Wer anderen unterstellt ‘Keine Ahnung’ zu haben, projiziert, er spricht über sich, er sollte die Argumentation angreifen, nicht die Person.
    Bei diesem ‘Böse’ ist es noch klarer, der Kritiker, in diesem Fall leicht erkennbar ein “Kritiker”, also in doppelten Anführungszeichen, stellt die sittliche Intention eines Argumentierenden in Frage, dies ist möglich, aber nicht vorrangig und insofern gilt es mit diesem (außer-sachlichen oder unsachlichen) Vorhalt extra-sparsam zu bleiben.

    Wenn nicht über sich selbst, seine Projektionen und Psychologisierungen verlautbart werden soll, was gerne unterbleiben darf, in den allermeisten Fällen.

    MFG + vielen Dank für diese Nachricht + schöne Woche noch,
    Dr. Webbaer

  2. Bonuskommentar hierzu:

    Wenn also etwas Neues oder ein Umdenken propagiert wird, dann kommt es darauf an, eine größere Masse zu bilden, eine kritische Masse, die ein Umkippen zum Neuen möglich macht. Dafür sollten die Protagonisten eine gemeinsame Verantwortlichkeit übernehmen.

    Sehr richtig, dafür gibt es den möglichst offenen gesellschaftlichen Diskurs, in manchen Gesellschaftssystemen. Es geht hier auch um Werbung (das Fachwort), Neuerungen oder neue Ideen, auch Umsetzungen meinend, dürfen derart beworben werden.
    Werbung ist per se redundant.

    Nicht so su-uper gut kam der zweitzitierte Satz hier an, Feedback, Reaktion oder Widerrede oder Kritik muss nicht solidarisch (‘eine gemeinsame Verantwortlichkeit übernehmen’) sein, sie muss auch nicht konstruktiv sein, sondern sie darf auch zerstörerisch sein.
    Am besten kommt sie ohne Projektionen aus, wobei abär die Polemik wichtich erscheint, denn Sichten auf Datenlagen, Theorien, sind immer an Person(enmengen) gebunden.
    D.h. es dürfen bspw. auch Einstellungen und Interessen nahegelegt und idF hinterfragt, aufgedröselt und anderswie bearbeitet werden, eben polemisch.
    Die eigene Emotion, sofern überhaupt vorhanden [1], dabei eben sehr gerne aussparend.

    [1]
    Dr. W tendiert hier bei all dem Blödsinn, der im Web allgemein verfügbar wird, auch zu vorsichtigem (bewusstem) Autismus.

  3. Ja, Abmahnungen der obengenannten Art (gibt’s doch schon du Spätzünder) können, wenn sie zu häufig oder gar regelmässig daherkommen, wohl die Lebenszufriedenheit beeinträchtigen. Vielleicht sind soziale Interkationen der genannten Art mit dafür verantwortlich, dass die Deutschen gemessen an ihrem Wohlstand und ihrer Wohlfahrt (keiner stört mein Schiffchen) in Umfragen in denen es um die Lebenszufriedenheit (vulgo Glück) geht, so schlecht abschneiden. Gemäss Norbert Lammert am Tag der deutschen Einheit – und die Frage nach dem Glück landen die Deutschen im virtuellen Glücksatlas des Gallup-Instituts auf Platz 46 (zwischen Senegal und Kenia) und sind in der Kategorie soziales Wohlbefinden (gemäss Gallup-Wellbeing-Studie von 2014 ) sogar auf Platz 105. Klar, wenn sich alle anöden oder gar niedermachen (schon wieder Du mit Erkenntnissen von gestern), dann verzieht sich die soziale Lebenszufriedenheit in die Schmollecke.

    • Howdy, Herr Holzherr :

      Ja, Abmahnungen der obengenannten Art (gibt’s doch schon du Spätzünder) können, wenn sie zu häufig oder gar regelmässig daherkommen, wohl die Lebenszufriedenheit beeinträchtigen. Vielleicht sind soziale Inter[ak]tionen der genannten Art mit dafür verantwortlich, dass die Deutschen gemessen an ihrem Wohlstand und ihrer Wohlfahrt (keiner stört mein Schiffchen) in Umfragen in denen es um die Lebenszufriedenheit (vulgo Glück) geht, so schlecht abschneiden.

      Zwei Sachen fallen Ihrem Langzeit-Kommentatorenfreund bei Ihrer Nachricht auf:
      1.) Es ist geduzt worden, sehr lustig, wenn im Deutschen doch die wundervolle Anrede in der Dritten Person Plural (!) üblich ist. [1]
      2.) Es könnte ein Leistungsmerkmal der Deutschen sein, nie zufrieden zu sein, insbes. Ingenieure sind oft deutsch oder deutscher Abstammung, der Schreiber dieser Zeilen sieht’s auch positiv.

      MFG
      Dr. Webbaer

      [1]
      Hier setzt es übrigens auch einen Minuspunkt für derartige Leistung:
      https://www.welt.de/politik/deutschland/article158753854/Ihr-koennt-hassen-so-viel-ihr-wollt.html (‘Ihr könnt hassen, so viel Ihr wollt. Dieses Deutschland werdet Ihr nicht in die Hand bekommen.’ – denkbar bleibt ja schon, dass die politische Rechte, die nicht ‘hassen’ muss, alsbald mehrheitsfähig wird)

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