Tugend, wo bist du in der Arbeitszeit?

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Da die Arbeitswelt in den letzten Jahrzehnten so stark ökonomisiert wurde, fehlt es an ethischem Bewusstsein. Pro 20.000 Mitarbeiter muss jetzt bestimmt bald ein freigestellter paritätisch besetzter Ethikrat gewählt werden. Der klagt aber bestimmt nur gröbste Missstände an, denke ich, aber eigentlich müssten wir einmal überlegen, was Ethik in der Arbeitswelt wirklich bedeutet. Ich zählen Ihnen einmal zur Abschreckung Tugenden auf. Warum Tugenden?

Ich habe neulich einmal von „Tugend“ oder „Virtus“ gelesen und das Gefühl gehabt, dass alles, was Tugend ist, nicht mehr – ja – nicht mehr da ist oder auch gar nicht mehr da sein kann, weil es der Ökonomisierung entgegensteht.

Platon spricht von Arete, von der Vortrefflichkeit, der Gutheit – Arete hat, wer Mensch im vorbildlichen Sinne ist – Prachtmensch.
Platon hat uns die vier Kardinaltugenden nahegelegt: Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und das Wissen um die rechte Mitte oder das beste Maß (Sophrosyne).
Aristoteles mahnt uns, die uns innewohnenden Begabungen und Talente fruchtbar zu machen, um letztlich die Glückseligkeit zu erreichen (er hat nicht Karriere gesagt!).
Jesus predigt auf dem Berg, dass gewisse Menschen selig wären, er preist damit die Barmherzigkeit, Friedfertigkeit, Sanftheit und Reinheit im Herzen (man denke dabei an den jetzigen Krieg in der Nähe eben dieses Berges).
Paulus predigt über „Glaube, Hoffnung, Liebe“.
Die himmlischen Tugenden sind Demut, Mildtätigkeit, Keuschheit, Geduld, Mäßigung, Wohlwollen und Fleiß (Prudentius).
Ritter kennen noch zusätzlich Frauendienst, innere Gelassenheit bei Starkmut und vor allem Treue.
Buddha fordert uns auf: „Lass ab von Hass, Gier und Verblendung!“
Die Bundeswehr propagiert Hilfsbereitschaft und Kameradschaft.
Schopenhauer rät: „Neminem laede; imo omnes, quantum potes, juva“ („Verletze niemanden, ja hilf dagegen, so viel du kannst“).

So – jetzt gehen Sie einmal in ein Meeting eines Großkonzerns oder in eine Ausschusssitzung der Politik. Gehen Sie alle Tugenden nacheinander durch. Herrscht da Sophrosyne? Geht es gerecht zu? Lässt man von Gier ab? Gibt es eine Meisterehre?
Das sind natürlich rhetorische Fragen – ich möchte nicht nur, dass Sie die Antworten kennen, Sie sollten von nacktem Grauen erfasst sein. Sie wissen, dass sich Privatleben und Arbeitsalltag immer mehr vermischen. Sie können also nicht mehr autonom beschließen, jeden Nachmittag ab 17 Uhr tugendhaft zu sein und nur bis dahin die Tugend in Haft zu halten. Sie gehen bei der Vermischung von Leben und Arbeit als Mensch im Sinne der Tugendlehren verloren. Sie können sich – wie man überall anders immer sagt – von der allgemeinen Untugend nicht abkoppeln.
Sie können sich noch eine Weile damit trösten, dass Sie die Tugenden immerhin noch gut kennen und aufzählen können. Sie kommen eben nicht mehr dazu, wie andere nicht mehr zum Sport kommen oder zu einem ruhigen Mittagessen.
Seneca sagt: „Sie leben nicht, sie wollen nur leben, alles schieben sie auf.“

Sie sind nicht voller Tugend, Sie wollen nur tugendhaft sein, alles schieben Sie auf. Einfach, weil sie arbeiten.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

4 Kommentare

  1. Dazu fallen mir spontan zwei Aussagen ein:

    Mit der Bergpredigt kann man keine Wahlen gewinnen. (Heiner Geißler)

    “Ich begreife … Alles steht zum Besten in dieser besten aller möglichen Welten.” Alvaro runzelt die Stirn. “Das ist keine mögliche Welt,” sagt er. “Es ist die einzige Welt. Ob sie das zur besten macht, das haben weder du noch ich zu entscheiden.” (J.M. Coetzee, Die Kindheit Jesu)

  2. Woran man sich, vor allem vielleicht im “Westen” [1] gewöhnen muss, ist dass es kompetitiv deutlich eher darum geht zu “gewinnen” bzw. bestimmte individuelle oder gruppenbezogene Ziele zu erreichen.

    Die Moral (vs. Strafrecht und dbzgl. mögliche Folgen) bleibt in diesem Zusammenhang erst einmal zu Hause, sofern es privat- und strafrechtlich irgendwie geht, im ex post darf natürlich erörtert werden und bewertet werden und verdammt werden.

    Oder anders formuliert: wirtschaftliches Handeln ist per se wertfrei, es benötigt andere um an Ideen, Tugenden und Werte zu erinnern, sofern im Ex Post möglich.

    Das hängt eben auch “ein wenig” damit zusammen erst einmal gewonnen zu haben, um dann zurückblicken zu können. – Ansonsten gewönnen andere und es sähe vielleicht ganz anders aus.

    MFG
    Dr. W

    [1] gemeint sind (wie immer) diejenige Systeme, die im Sinne der Aufklärung, ihre Ideen und Werte betreffend, gesellschaftlich implementiert haben, die Richtungsangabe ist hier irreleitend; die Aufklärung konnte, zumindest dem Anschein nach, bevorzugt oder ausschließlich im christlich-jüdisch geprägten Kulturkreis an den Start gebracht * werden, die Reformation hat hier (“Max Weber”, seine Protestantismus-Thesen werden an dieser Stelle als bekannt vorausgesetzt) sicherlich oder zumindest anzunehmenderweise eine Rolle gespielt, wie auch der antike Hintergrund, der auf Stoa und altrömische Ethik ** zurückgeht

    * ‘grundiert’ werden, der Begriff der Grundierung ist hier anthropologisch/philosophisch nur schwer anzugreifen

    ** beides bei näherer Betrachtung und aus heutiger Sicht gar nicht so zweifelsfrei, auf nähere Erläuterung soll an dieser Stelle aber verzichtet werden

  3. “Sie gehen bei der Vermischung von Leben und Arbeit als Mensch im Sinne der Tugendlehren verloren. Sie können sich – wie man überall anders immer sagt – von der allgemeinen Untugend nicht abkoppeln.”

    -> Oder auch: Vom Zwang ein Nashorn zu sein?

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