Tagesdruck statt Quartalsdruck!

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Es ist schon lange üblich, am Ende des Jahres einen Geschäftsabschluss zu machen. Die Steuerbehörden wollen das so. Es ist aber auch irgendwie sinnvoll, oder? Später kam man auf die Idee, Quartalsabschlüsse zu fordern, damit die Anleger der Kapitalgesellschaften besser informiert wären. Dadurch wurden die Unternehmen gezwungen, den Kontrollaufwand zu vervierfachen. Computertechnologien halfen, den Mehraufwand in Grenzen zu halten. Manager konnten nun zusätzlich unter Quartalsdruck gesetzt werden! Nun begannen diese wegen des Drucks, viel härter zu im Hamsterrad zu strampeln, was ihnen blutige Laien immer als Gier vorwerfen. Wenn aber Quartalsdruck besser wirkt als bloß temporäre Jahresabschlussangst, warum dann nicht Tagesdruck und Tagesabschlussangst?

Wir könnten täglich die Arbeit neu ordnen und uns auf die Zukunft ausrichten! Dadurch wäre unsere Nachhaltigkeitsstrategie praktisch tagesaktuell und äußerst flexibel. Wenn das Top-Management jeden Tag neue Beschlüsse fassen muss, kann es auf allerjüngste Marktbewegungen reagieren und sich blitzschnell an verändernden Kundenbedürfnissen ausrichten. Es ist oft schwer zu sagen, was den Markt im nächsten Quartal bewegt, aber es könnte gehen, wenn jetzt das Management nun wirklich über den Tag hinaus sehen kann und wirklich einmal an morgen denkt. Wenn wir täglich alles neu machen, ist die Zukunft so nahe, dass wir sie erstmals mit Händen greifen können! Sie ist ja schon am nächsten Tag.

Ich habe neulich gelernt, dass manche Firmen schon heimlich Wochenabschlüsse machen, um dadurch gegen die Wettbewerber im Markt große Vorteile zu erzielen. Sie setzen ihre Manager unter Wochendruck. Das ist ein enormer Fortschritt. Warum nicht konsequent weiter? Tagesdruck brauchen wir! Absoluten Tunnelblick auf das Tagesergebnis!

Ach ja, das fiel mir gerade ein, weil ich in einem alten Buch von mir blätterte, in der Beta-inside Galaxie. Da habe ich in einer längeren Erzählung Bölls Nicht nur zur Weihnachtszeit dichterisch in einen anderen Zusammenhang versetzt. Heinrich Böll beschreibt die Tante Milla, die psychotisch jeden Abend Weihnachten feiern muss (sonst bekommt sie Schreikrämpfe). Das machen die anderen eine Weile mit, sie werden aber dann selbst mehr und mehr verrückt darüber oder laufen weg (man ersetzt die Kinder für die allabendliche Feier nach und nach durch Wachspuppen als Stellvertreter für diese Meetings). Zum Schluss ist Tante Milla so etwa die psychisch gesündeste Person im Spiel.

Diese berühmte Erzählung habe ich unter dem Titel Nicht nur zur Neujahrszeit für das Business verfeinert. In der beschriebenen Firma wird nun für den unter Zwang stehenden Chef täglich bilanziert und reorganisiert. Ich zitiere einfach eine Aufstellung aus dem Buch? Diese Stelle ist im Jahre 2001 niedergeschrieben worden, sie hat also zehn Jahre auf dem Buckel:

  • 08.00 Uhr bis 09.00 Uhr:       Die Mitarbeiter einer Abteilung lernen den neuen Chef kennen
  • 09.00 Uhr bis 10.00 Uhr:       Die Ziele und Aufgaben werden erklärt und verteilt
  • 10.00 Uhr bis 11.00 Uhr:       Die Mitarbeiter üben sich in der neuen Aufgabe
  • 11.00 Uhr bis 12.00 Uhr:       Starten von Marketingkampagnen für neue Tagesprodukte
  • 12.00 Uhr bis 13.00 Uhr:       Mittagessen
  • 13.00 Uhr bis 14.00 Uhr:       Arbeiten
  • 14.00 Uhr bis 15.00 Uhr:       Messen der Arbeitserfolge zum Reporting
  • 15.00 Uhr bis 16.00 Uhr:       Erfolgssammlung und Reporting für Versager
  • 16.00 Uhr bis 17.00 Uhr:       Das Firmenteam bereitet eine Präsentation vor
  • 17.00 Uhr bis 18.00 Uhr:       Vorabstimmung mit dem Computersystem
  • 18.00 Uhr bis 19.00 Uhr:       Klärung der Widersprüche in den Zahlen und Klärung der Streitigkeiten bei der Erfolgszurechnung.
  • 19.00 Uhr bis 20.00 Uhr:       Abendessen
  • 20.00 Uhr bis 21.00 Uhr:       Bewertung der ganzen Firmenbelegschaft
  • 21.00 Uhr bis 22.00 Uhr:       Managermeeting zur Finanzplanung des nächsten Tages
  • 22.00 Uhr bis 23.00 Uhr:       Festlegung der Geschäftsziele für den nächsten Tag
  • 23.00 Uhr bis 24.00 Uhr:       Fieberhaftes Arbeiten am neuen Org-Chart
  • 00.00 Uhr bis 01.00 Uhr:       Managermeeting und Restrukturierung
  • 01.00 Uhr bis 02.00 Uhr:       Die neuen Manager teilen die Mitarbeiter neu unter sich auf

Das habe ich damals in dichterischer Freiheit unter grimmigem Sarkasmus erfunden! Leser protestierten dagegen, so wie seinerzeit Böll „Verunglimpfung des deutschen Gemütes“ vorgeworfen wurde. Meine Leser fanden den Stress in meinem Plan unmenschlich und die kontrollierende Zwanghaftigkeit des ohne Meetings in Schreikrämpfe ausbrechenden Chefs vollkommen irreal. Vielleicht irritiert auch, dass der psychotische Chef wieder der psychisch Gesündeste bei dem Spiel bleibt? Aber das muss ich doch schreiben! Schon aus Treue zu Böll! Da hatte ich den Protest schon kommen sehen und meine Visionen schon fast ganz und gar in satirische Nebel verhüllt! Ich konnte dadurch das Schlimmste verhindern und diese neuen Ideen ganz sacht und eruptionsfrei in Sie einsickern lassen. Seitdem zieht nach und nach der gesunde Menschenverstand in alle ein. Man setzt meine damals noch etwas revolutionären Ideen zum Dauerdruck langsam, aber noch zu zaghaft um. Heute, zehn Jahre später, kann ich endlich das finale Konzept des Tagesdrucks beim Namen nennen und es der ganzen Menschheit offen empfehlen, wo sie sich schon so erfreulich weiterentwickelt hat.

Das konnte ich vor zehn Jahren noch nicht ahnen! Oh! Ich sollte die Empfehlung oben lieber nochmals durchsehen, ob sie heute noch aktuell ist! Natürlich ist der Originalplan von erheblichem historischem Interesse, aber heute sollte ich Ihnen etwas wirklich Praktikables vorlegen, das sofort umsetzbar ist. Okay, ich lese alles nochmals durch. Oh weh! Ich zucke jetzt aber doch peinlich berührt zusammen. Mittagessen! Abendessen! Mitarbeiter üben die neue Aufgabe! Schlimm, schlimm. Es war eigentlich damals schon abzusehen, dass statt echter Pausen einfach belegte Brötchen während der Meetings herumgereicht werden würden. Und Mitarbeiter üben ja heute gar nichts mehr, die Ausbildung erfolgt durch Kundenbeschwerden – wie es ja in der schlechten Erziehung gang und gebe ist. Dann könnte ich nun bei korrekter heutiger Sicht drei volle Stunden anders verteilen. Worauf? Ja, worauf? Eine Stunde Strategiemeeting dazu? Oder Business Ethics? Innovation? Nachhaltigkeit? Diversity Training? Es ist schwer, alles unter einen Hut zu bringen, weil das Management immer komplexer wird, je mehr es die Arbeit verdrängt.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

1 Kommentar

  1. Manager

    Die armen Manager im Tagesdruck sind ja dann beinahe so arm wie die armen Arbeiter, bei denen der Chef am Morgen sagt, was sie machen sollen, und bei denen der Chef am Abend überprüft, ob sie das auch schnell und ordentlich gemacht haben.

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