STJ-Menschen dominieren methodisch analytisch nach Plan

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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In meinem Buch „E-Man“ hatte ich dieses Thema schon vor langer Zeit (um 2001) thematisiert: Es gibt psychologische Denkfiguren, die unser Handeln extrem dominieren. Ich hatte für meine Argumentation den weltweit viel genutzten Myers-Briggs-Type-Indicator herangezogen. Der MBTI-Test ordnet Sie gewissen Kategorien zu:

•    Extrovertiert (E) oder Introvertiert (I)?
•    Faktenorientiert (S) oder Intuitiv (N)?
•    Thinking (T) oder Feeling (F)?
•    Judging („entschieden“) oder Perceiving („flexible“)?

Wie erwarten Sie nun eine typische Führungskraft? Ist die entschieden oder flexibel? Natürlich entschieden. „Decisiveness“ ist eine Tugend der Führung. Ist sie typischerweise „denkend“ oder „fühlend“? Denkend! Orientiert sie sich an Fakten/Zahlen oder urteilt sie intuitiv? Ersteres. Ist sie mehr extrovertiert oder introvertiert? Das ist nicht so klar. Im Vertrieb wird man Extrovertierte erwarten, im Controlling mehr Introvertierte.
Und genau das zeigen die Teststatistiken, wenn man Manager testet! In vielen Firmen stellt man so etwa 40% Typ ISTJ („Controller, Kosten senken, korrekt vorgehen!“) und 40% ESTJ („Antreiber, Umsatz steigern, Speed!“) fest. Wir werden also von „STJ-Menschen“ dominiert, die eine überwältigende Mehrheit im Management darstellen. Abschweifung an die Psychologen, die den MBTI grässlich unwissenschaftlich finden: Der Test mag im Einzelfall daneben liegen und für eine einzelne Person falsche Aussagen machen, aber eine Gesamtstatistik kann man sich doch einmal zu Gemüte führen?

„STJ“ meint, dass alles schnell, kostengünstig, planmäßig, prozessorientiert, methodisch, analytisch, logisch, ISO-9000-compliant abgearbeitet werden soll. ISTJ neigt unter Stress zu harter Review-Bürokratie und Zwanghaftigkeit, ESTJ zu Überstundenstress und Aktionismus. Die eigentliche Macht der Hauptverwaltung haben die Introvertierten der Stäbe (die Abteilungsleiter in den Ministerien).

Meine Folgerung und Klage: „Gefühl“ (F), „Spontanes“ (P) und Intuitives (N) wird angesichts der diktatorischen Machtverhältnisse einfach nicht verstanden und als „sonderbar“ ausgemerzt. Klar?

Nun gibt es viele Baustellen, an denen heutige Unternehmen Probleme haben:

•    Innovation (braucht Intuition)
•    Wandel, insbesondere Digitalisierung (Intuition und Flexibilität)
•    Problem, das im chaotischen Wandel aus Vergangenheitszahlen nicht auf die Zukunft geschlossen werden kann (Bankrott des Planers)
•    Vertrautheit und Nähe zum Kunden, Gefühl für den Kunden (F)
•    Vertrauenskultur unter den Mitarbeitern (F)
•    Frauenquoten (F)

Diese Probleme lassen sich mit „N, F und P“ lösen. Intuition, Gefühl und Spontaneität aber werden vom STJ-Management abgelehnt. Es versucht also, die Probleme mit Plan, Methode, Zahlenquoten und Prozess zu lösen, weil das Management im Kollektiv gesehen nur so denkt und handelt und Anderes kollektiv einfach nicht fertigbringt. Deshalb gibt es nun methodisches und geplantes Ideen-Management, Innovationprozesse, Change-Prozesse, noch mehr „Market Analysis“, „Big Data Customer Intelligence“ und Brainstorming mit Moderatorenkoffermaterialien. Es gibt Workshops und irre viele Beratermethoden.
Ab und zu gibt es Versuche, etwas mehr NFP in die Sache zu bringen, zum Beispiel bei allem rund um „Agilität“ oder „Design Thinking“. Solche naheliegenden Ideen werden von den STJ gerne aufgegriffen, dann aber wieder in die STJ-Art gepresst, also methodisiert und in Prozesse gegossen. Am Ende wird alles noch komplexer als vorher, aber das Gefühl für den Kunden und ein intuitives Hinarbeiten auf ein tolles Ergebnis werden in neuen STJ-Regeln erstickt.

Wir sagen oft, große Konzerne „verschlafen“ die Innovationen und damit die Zukunft. Oh nein, sie studieren sehr wach die Zahlen der Vergangenheit und analysieren sie. Sie holen Berater und fordern neue Methoden und Pläne. Sie sitzen wochenlang in Meetings und ringen um Entscheidungen. Es liegt daran, dass die INHALTE der Welt im Bereich des Gefühls, der Intuition und der Spontaneität entstehen. Innovationen und Neues entstehen nicht aus Methoden und Prozessen. STJ sind Superweltmeister der Form! Sie können Bekanntes in der bestmöglichen FORM schnell und gut herstellen. Aber sie können nicht mit Unbekanntem umgehen und all das nicht gut verstehen, was nicht durch Zahlen und Fakten darstellbar ist.
Der hohe Wert der STJ kommt erst dann zum Tragen, wenn man weiß, WAS man will. Sobald man weiß, WAS man will, überlegen die STJ, WIE VIEL man will und WIE SCHNELL etc.

Ich will sagen: Eine STJ-Managementkultur ist in Gefahr, das eigene Business im Wandel sehr methodisch und planmäßig und unter peinlicher Beachtung aller Prozesse, unter ungezählten Überstunden und ständigen Analysen an die Wand zu fahren.

Schaut doch hin! Ohne STJ-Brille, wenn das geht! Und wenn es nicht geht – fragt einen Blindenführer!

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Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

10 Kommentare

  1. Veränderungen müssen akzeptiert, gelernt werden. Dazu ist ein gewisses Maß an introversion nötig, denn beim lernen muss man Dinge aufnehmen, also introduzieren. Das ist der aufnahmemodus. Die fleißigen Chinesen sind auch eher ein introvertiertes volk.

    Die introvertierten werden in Unternehmen gerne rausgemobbt, weil sie dies geradezu provozieren, ohne es zu wollen: sie sind offen für Veränderungen, flexibel und haben Ideen. die extrovertierten wollen ihr eigenes Wissen in Taten umsetzen und weitergeben und können daher neue Ideen nicht aufnehmen. Sie sehen die introvertierten daher als Gefahr. Und die introvertierten bieten durch ihre konfliktscheuheit eine ideale angriffsfläche und Objekt zur aggressionsableitung (Aggressionen nehmen den Weg des geringsten Widerstands). Wenn da keine Maßnahmen der Unternehmensleitung getroffen werden, die die introvertierten Ruckzuck wieder draußen.

  2. Der Schreiber dieser Zeilen ist oder besser: war “ESTJ”, mängelt im Negativen aber das Binäre der hier versuchten Systematisierung an, niemand ist wirklich “ESTJ” oder “?STJ”, und schließt sich positiv dieser Aussage an: ‘Eine STJ-Managementkultur ist in Gefahr, das eigene Business im Wandel sehr methodisch und planmäßig und unter peinlicher Beachtung aller Prozesse, unter ungezählten Überstunden und ständigen Analysen an die Wand zu fahren.’

    ..sofern metaphorisch gemeint und kritisch die hier gezeigte Systematisierung hinterfragend, also ohne ‘Brille’.

    Vereinfachungen über Vereinfachungen sind im hiesigen WebLog-Artikel sicherlich nicht versucht worden.

    MFG
    Dr. Webbaer

    • Lieber @webbaer, darf ich einmal mit statistischer Logik kommen? Wenn ich einen EINZELNEN Menschen mit ESTJ teste, dann ist das ziemlich unscharf und darf nicht zu binär gesehen werden. JA! Aber wenn im Meeting zwei Drittel der Manager ESTJ sind, dann ist das Meeting als Ganzes sehr binär ESTJ. So wie ein einzelnes CSU-Mitlglied nicht Seehofer ist – aber wenn sehr viele davon in einem Bierzelt sitzen, dann ist das Ganze CSU. Normales Gesetz der Großen Zahlen. In der Politik ist eine Zweit-Drittel-Mehrheit wie Diktatur. Und im Managementmeeting ist das eben auch so. Ihr Argument wird oft von ESTJ vorgebracht, es ist falsch und verkennt damit die Einseitigkeit der Kultur. Genau das ist das Problem! Eine Stufe tiefer: ESTJ sind oft Leute, die nach meiner anderen Typologie in Omnisophie “natürliche Instinktmenschen” wären. Diese haben als Instinktmenschen NIEMALS das Innengefühl, “ein Typ” zu sein, weil sie ja sehr situativ handeln. Sie merken nicht, dass sie durch dieses Verhalten eben doch ein Typ sind. Deshalb lehnen sie das Klassifizieren ab, etablieren aber doch eine sehr starre Unternehmenskultur des Drängelns auf Resultate (womit sie heute nur Zahlen meinen).

      • Lieber Herr Dueck,
        nun sind Sie noch besser verstanden worden, unglaublich, was so ein paar Zeilen Geschriebenes mehr ausmachen können, woll?!
        MFG + schönen Sonntag noch!
        Dr. Webbaer
        PS: Was sind Sie i.p. MBTI?

        • INTJ, alle waren mal sehr extrem, jetzt sind T/F und E/I angenähert… auf der Bühne bin ich angeblich ENFP, was ein Analytiker fast für “multiple Persönlichkeit” hielt, ist aber “das Leben”…

    • Es ist eher eine Skala auf der man sich bewegt. Man kann aber nicht beides gleichzeitig sein, introvertiert / aufnehmend und extrovertiert / abgebend, das käme ansonsten einer Stagnation gleich, dann wäre man also keins von beidem.

      • Introvertiert / extrovertiert ist eine bipolar angelegte Skala und es gibt durchaus ausbalancierte – ambivertierte – Menschen. Die können beides und leben beides aus. Das ist ja das schöne an der Jung’schen Lehre… Da MBTI ohnehin nur Verhaltenspräferenzen erfasst und nicht die Persönlichkeit, ist es aus meiner Sicht super, dass wir als Menschen umlernen können (wenn wir wollen).
        Nadja

  3. Wie ueberlebt denn nun ein INTPler in einem unternehmerischen System? Mit was fuer einer sinnhaften Studienqualifikation kann man sich durchsetzen und ueberleben? Ich waere sehr dankbar fuer einen Kommentar.

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