Sie verstehen nicht – sie erleben alles neu

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Da haben sich an der Uni einige Bachelor-Kandidaten entrüstet: „Wir haben so viel Stoff gelernt – und  nun kam es in der Prüfung gar nicht dran! Wozu haben wir uns jetzt den Kopf zugemüllt?“ Bald danach haben sie ihr Wissen vergessen, weil sie es nur für den Zweck der Prüfung lernten. Sie haben sich den Stoff nicht angeeignet, nicht zu eigen gemacht und nicht verstanden in dem Sinne, dass sie den neuen Stoff im Kontexthorizont des alten Wissens eingebettet haben.

Das Wissen soll eigentlich später zu etwas dienen. Wer zum Beispiel lernt, dass man Dankbarkeit dem Anderen zuliebe ausdrücken soll und das durch ein „Danke!“ gut verständlich so tun kann, bettet das Dankbarsein, Höflichkeit und Achtsamkeit mit dem Wort „Danke!“ in sein ganzes Leben tief ein und verankert es dort ganz fest. Ich habe einige Erfahrung mit lieben Menschen, die an Alzheimer litten. Sie vergaßen all das viele nichtintegrierte Spezielle zuerst, konnten aber noch lange Zeit im Allgemeinen reden. „Wie geht es Ihnen, alles gut? Schönes Wetter heute, ich gehe spazieren, heute Abend gibt es gutes Essen.“ Viele Nachbarn haben den Alzheimer lange nicht erkennen können. „Was? Echt? Schrecklich! Glaube ich nicht! Redet doch ganz normal!“ Die Frage, was es genau zum Essen gegeben hätte und nach welchem Rezept genau – die wäre ja abgewimmelt worden. Es war ein erstaunlicher Prozess des Vergessens. Das quasi einmalig Erlernte fiel sofortiger Vergessenheit anheim und konnte auch nie mehr einmalig erlernt werden. Das Internalisierte und Praktizierte blieb länger, „es saß fest wie Schillers Glocke“, solches blieb sehr viel länger, und zum Schluss als Letztes „Danke. Bitte. Guten Tag.“

Ich möchte ja einmal wissen, wie Alzheimer bei Leuten abläuft, die immer nur für die Prüfung lernten, die jede Minute des Lebens neu erfuhren und eben nicht allmählich einen großen Kontext aus gut Verstandenem ausbilden. Kurzzeitgedächtnisalzheimer für fragile Frischwindhirne.

„Hallo, wie speichert man einen Text in Word?“ – „Klick dort oben!“ – „Aha! Gut, das merke ich mir. Ach, Moment, hallo! Wie speichert man jetzt aber eine Präsentation?“ – „Klick da!“ – „Gut, danke!“ – „Hör mal, man speichert überhaupt alles immer ähnlich, soll ich dir einmal einen Computer erklären?“ – „Oh nein, das ist ein Buch mit sieben Siegeln für mich. Das vergesse ich doch gleich wieder. Es ist einfach zu viel! Schau einmal, ich habe so fünfzig Apps und das Speichern geht überall anders. Immer muss ich jemanden fragen.“ – „Nein, du willst es dir bloß nicht grundsätzlich aneignen.“ – „Aber nein doch, es ist zu schwer. Ihr setzt euch doch auch immer zu einem Meeting zusammen, wenn ihr ein Projekt anfangt, und ihr beginnt immer wieder ratlos von vorne. Ist doch immer dasselbe! Könntet ihr das Projektleiten nicht einfach grundsätzlich lernen?“ – „Nein, Projekte sind immer anders, das kann man im Vorhinein kaum lernen, da ist es besser, man setzt sich immer wieder in Meetings zusammen. Dann kann keiner hinterher behaupten, er hätte es allein besser gekonnt. Es ist wirklich jedes Mal anders.“ – „Speichern ist auch immer anders.“ – „Aber der Knopf oben zum Speichern ist immer ähnlich.“ – „Aber manchmal ist auch keiner da, oder es gibt mehrere ähnliche. Ihr habt doch eine Menge Projekttemplates gespeichert, die sind erstaunlich ähnlich, ich kann kaum erfassen, was am Projektleiten so großartig schwer sein kann.“ – „Und trotzdem passen sie fast nie genau auf die Templates, wir müssen sie im Meeting immer anpassen.“ – „Sag ich ja, man muss es immer neu durchdenken, es ist nie gleich, beim Speichern und beim Projektleiten.“ – „Ja, immer verschieden, wie beim Kinderkriegen.“ – „Beim Verlieben.“ – „Beim Erziehen.“ – „Beim Lernen überhaupt. Es ist jedes Mal anders, du kennst dich nie aus und musst es immer neu machen. Wir sind Meister im immer neu machen. Das müssen wir sein, weil es immer verschieden ist.“ – „Na, aber beim Speichern nicht so echt, man könnte es verstehen.“ – „Du hast keine Ahnung vom Speichern, es ist wirklich immer verschieden. Du willst wohl darauf raus, dass nur Projekte sehr verschieden sind, und Speicherbuttons nicht, so dass du jetzt blöd behaupten kannst, du kannst sie nur in Meetings mit anderen besprechen. Ha! In Wirklichkeit bist du dumm!“ – „Das wollte ich dir auch sagen!“ – „Das merke ich die ganze Zeit.“ – „Ich kann mich jedenfalls mit Anderen in einem Meeting schnell in andere Projekte einarbeiten und damit habe ich mich auch erfolgreich beworben.“ – „Ich rede gerne mit immer anderen Menschen und bin im besser bezahlten Vertrieb, da muss ich jeden Menschen ganz neu kennenlernen und meist sofort wieder vergessen, wenn sie nichts kaufen, es gibt so viele verschiedene Menschen wie Speicherknöpfe.“ – „Menschen kannst du also auch nicht verstehen?“ – „Wie du keine Projekte.“ – „Dabei müssten eigentlich alle Menschen gleich sein, die das Einheitsabitur abgelegt haben. Sie sind völlig chancengleich.“ – „Und Projekte sind alle chancenlos?“

Fall für Fall, Mensch für Mensch, App für App kommen und gehen, immer wieder neu, weil keine Erfahrung durch allmähliches Verstehen gesammelt wird. Das sorgfältige Internalisieren und Aneignen findet nicht statt. In der Schule wird immer nur „wiederholt“, solange es beim Letzten „nicht sitzt“ – aber es wird nicht persönlich integriert. Dafür ist schon lange keine Zeit mehr und man hat es darüber vergessen. Wir mutieren zu Street Smarts, aber zu schlechten.

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

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