Revolution! Es geht los! Bücher können in virtuelle Rechte umgetauscht werden!

BLOG: WILD DUECK BLOG

Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Die ersten Verlage sind jetzt tatsächlich bereit, ihre Papierbücher zurückzunehmen und in Leserechte auf Kindle oder iPad umzutauschen. Es kostet sie ja nichts, die ganze Aktion verbreitet aber das elektronische Medium enorm. Ich prophezeie die größte Bücherverbrennung aller Zeiten. Brandversicherungsprämien können gesenkt werden. Die Häuser werden von unseren dicken Urlaubsromanschinken befreit – ohne Gewissensbisse, sie sind ja virtuell noch da.

Mein ganzes Zimmer steht voller Bücher, die einen in Ziegen- oder Straußenleder und Goldschnitt – mit denen würde ich gerne begraben werden. Die anderen sind aber aus- oder ungelesen, wertlos geworden oder ganz anachronistisch. Ich habe hier über einen Meter Falkstadtpläne stehen, auch den Städteatlas für jede Ecke Deutschlands, manche zum dritten Mal der Aktualität wegen gekauft. Wertlos! Ich habe hier Berge von brandwichtigen Managementbüchern der jeweiligen Zeit, mit denen die großen Irrtümer der Ökonomie eingeleitet wurden. Freuds Werke in 19 Bänden und Jungs in 20 Bänden gar hätte ich lieber virtuell zum Herumtragen, und die schier endlose Mahabharata auch. Brauche ich die angefetteten gelenkgeschädigten Menu-Kochbücher etc. noch wirklich? Wieder zwei Meter Wohnung würden frei.

Ich finde es eine total gute Idee, dass man die Papierausgaben, die man nicht mehr braucht, nun bei mobilen Verlagscontainern zurückgeben kann, um sie in Leserechte umzutauschen. Das wird heute erst probeweise angeboten, um zunächst lokal die Akzeptanz zu testen. Eine große IT-Firma arbeitet bereits fieberhaft an einer Software, die die automatische Rückgabe von Büchern wie bei der Flaschenpfandberechnung regelt. So wie der Automat Cola und Römerquelle von nicht pfandberechtigten Urlaubsmitbringflaschen unterscheiden kann, so erkennt die neue Software, welches Buch entsorgt werden soll. Bei neueren Büchern ist ja eh schon ein Barcode drauf, für die alten Buchclubpflichtbände muss noch eine Menge programmiert werden. Für jedes zur Vernichtung eingezogene Buch druckt der Automat einen Gutscheincode aus, gegen den man im Internet das entsprechende Buch wieder downloaden kann. Bei manchen Büchern wird eine Zuzahlung fällig, so heißt es in der Planung der IT. Meinen Malt Whisky Führer von Michael Jackson zum Beispiel bekomme ich dann virtuell in einer brandaktuellen Ausgabe, nicht in der alten verbrannten.

Ich kann es gar nicht erwarten, bis diese Software endlich live gehen kann. Ich bin schon ganz unruhig. Zu manchen Büchern habe ich eine persönliche Beziehung, die wird dann eben virtuell fortgesetzt. Geht das? Bei manchen schon. Klar! Ich habe schon mehrmals Schwünge von Büchern geerbt, zu denen ich natürlich absolut keine seelische Beziehung hatte. Die konnte ich leichten Herzens entsorgen. Ich glaube, es ist eine Frage der Gewöhnung. Ich muss ja auch nicht gleich alle meine Bücher am ersten Tag umtauschen, wenn im Juli der Probecontainer nach Heidelberg kommt. Ich habe den Termin auf der Webseite der gemein nützlichen Brand-Stiftung gefunden.

Was mache ich mit dem uralten Stadtführer Weimar? Dort war ich einmal, aber die Stadt sieht ja heute nicht mehr so aus. Die Propyläen Weltgeschichte habe ich schon lange im Computer, die acht Bände Wörterbuch der Deutschen Sprache auch (seitdem benutze ich die sogar – ziemlich oft im ICE). Ach, ihr Billy-Regale, was wird aus euch? Wir bekommen zu Hause Platz für einen neuen Kaminofen, von dem wir bisher nur träumen konnten, weil es wegen der Bücher nicht ging. Bisher!

Ade, reale Welt! Ade, ihr Bücher, die ihr es nicht zu meiner Seele geschafft habt! Viele sehe ich hier, bei denen ich wahrscheinlich den Gutschein zum Download nicht eintauschen werde. Wollen Sie den Gutscheincode haben? Warum steht denn das Buch hier zur Wohnungsverstopfung, wenn ich es nicht einmal auf der Festplatte haben möchte? Weil man Bücher eher weniger wegwirft als noch nicht stark verschimmeltes Essen, also nie! Nie! Aber ich verspreche, die Gutscheincodes aufzuheben! Das gelobe ich! Ich bin kein schlechter Mensch!

Gunter Dueck

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

6 Kommentare

  1. BIP schäden durch…

    billy regal verkaufseinbußen? gibts demnächst einen ikea rettungsschirm?

    und was passiert aus antiquariaten?

    im ernst: wird es hier einen DRM handel geben?

  2. E-Books

    Ich finde viele der Argumente, die in dem entsprechenden Wikipedia-Artikel unter E-books#Drawbacks aufgeführt sind, ja auch nicht überzeugend.

    Andererseits kenne ich deutlich mehr Geschichten von Menschen, die versehentlich ihre Festplatte gelöscht haben, als von solchen, bei denen ganz plötzlich und unbeabsichtigt Regale samt Inhalt auf den Sperrmüll gewandert sind.

    Und mehr Fälle von Dateien von vor 20 Jahren, die auf obsoleten Disketten in ebenso obsoleten Formaten praktisch komplett unzugänglich und damit verloren sind, als Fälle von Büchern, die ich nach der Entnahme aus dem Regal einfach – nicht – mehr – aufklappen konnte.

    Ich hoffe ja, dass sich elektronische Bücher in die richtige Richtung entwickeln, nämlich hin zu herstellerunabhängigen Standardformaten und Löschsicherheit dank Online-Verfügbarkeit plus lokal gespeicherter Kopie. Derzeit scheinen wir dort aber noch nicht angekommen zu sein. Und daher denke ich, unsere Doppelreihen von Büchern in überfüllten Regalen werden uns noch etwas begleiten.

  3. Buchrückenfetischismus

    Die meisten Leseratten sind auch so bibliophil, dass sie ihre Lieblinge gerne in Reichweite haben: Besitzen was man liebt. Doch ich kenne auch ein paar andere Vielleser, denen es genügt zu wissen in welcher Bibliothek ihre gelesenen Bücher sind.

    Mit den E-Books ändert sich für den ersten Typus von Leser – den der besitzen will, was er sich geistig angeeignet hat -, tatsächlich viel. Vor allem in der Anfangsphase, in der wir jetzt noch sind, wo die von Markus Pössel beschriebenen “Unfälle” – also Datenverluste wegen physicher Zerstörung oder nicht mehr konvertierbarem Format – von Fall zu Fall ganz anders ausgehen. Wenn man Glück hat, haben die gelesenen, jetzt aber zerstörten Bücher, samt Bookmarks auf einem Server überlebt, andernfalls ist man durch Schaden gescheiter geworden.

    Wie sieht die Zukunft aus:
    Unsere digitale Umgebung ändert sich ständig, jedoch nicht zufällig, sondern auf verschlungenen Pfaden immer in bestimmte Trendrichtungen. Der Trend steht auf serverseitiger Speicherung immer mehr und bald schon aller, gerade auch der privaten Daten. Ganz einfach darum, weil immer mehr Leute immer mehr Geräte (gadgets) besitzen, von denen sie von überallher auf ihre Daten zugreifen wollen. Nur wenn diese Daten in der cloud gespeichert sind, ist auch sicher, dass es für jedes der gadgets auch die gleichen Daten sind.

  4. wo ist das problem?

    wie bei jeder technik gibt es bei den “early adoptern” auch mal einen total ausfall. das war beim auto, beim flugzeug, bei der eisenbahn so und eben auch beim pc. bis alle anwender gelernt haben, dass die sicherungskopie kein unnötiger firlefanz ist.

    und wenn die cloud kommt, wird auch das backup geschichte sein, weil sich professionelle anbieter darum kümmern.

    und… gab es da nicht ma leine bibliothek in alexandria, die abgebrannt ist, wo das gesamte wissen der damaligen welt in flammen aufging?

    ich nehme an, bei den ersten mühevoll zusammenkallographierten papyrusschriftrollen gabs auch die eine oder andere “katastrophe” – ein nicht berücksichtiger regenschauer, eine achtlos am kamin aufbewahrte tasche voller schriftrollen, die im anschluss reichlich angegilbt waren, oder ähnliche missgeschicke.

  5. DRM

    Zuerst – ich finde E-Books gut, und ich würde viele meiner Bücher eintauschen.
    Leider habe ich gerade eine Meldung gelesen: Ein großer amerikanischer Verlag stellt sein Digital Rights Management so um, dass E-Books nicht mehr gelesen werden können, sobald sie 26mal ausgeliehen wurden. Ich weiss nicht, ob das nur für Bibliotheken gilt, oder auch für Privatpersonen, aber vertrauenerweckend ist das nicht gerade …

  6. @sanne: Harper & Collins

    Der große US-amerikanische Verlag hat etwas Gegenwind geerntet, netzpol hat ein bisschen was darüber. Im Angesicht der Debatte um DRM, HADOPI, Netzneutralität und Co. sehe ich mich auch noch keine e-Books kaufen. Und die meisten Papierausgaben würde ich auch nicht tauschen wollen.

    Klar. Die Technik fasziniert. Und so manches Standardwerk hätte ich lieber elektronisch als zellulosisch. Dennoch, Herr Dueck: die Revolution wird noch’n bisschen Unterstützung von Leuten brauchen, die eine von DRM freie BookWorld lieber haben. Sonst hat womöglich Text Grand Central doch noch Erfolg mit der einführung von UltraWord(tm).

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