Ordnung muss sein – aber jeder sollte seine eigene Ordnung haben – so gut das geht

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Schon oft habe ich mich darüber beklagt, dass ich mich durch ständiges „das macht man so“ terrorisiert fühle. Wer ist „man“? Was „man“ verlangt, ist oft sinnlos, überholt oder jetzt gerade nach gesundem Menschenverstand nicht anwendbar. Aber so viele Leute erinnern mich so oft an „die“ Regeln, Vorschriften, Meeting-Rituale und Formvorschriften. Ich soll gefälligst „die Prozesse einhalten“ und darauf achten, dass alles einheitlich getan wird.
Ich schrieb neulich, dass es eine Vorherrschaft der Zwanghaften gegenüber ihren Antipoden gäbe, nämlich den Hysterischen, die das Leben lockerer sehen und lieber viel weniger Strukturen hätten und ganz gewiss auf Einheitlichkeit verzichten würden.
Das gab eine Menge Kommentare, auf meiner Homepage, bei Facebook und Google+. Ungefähr so: „Menschen brauchen unbedingt eine Struktur!“ – „Kinder wollen einen festen Halt!“ – „Sie wollen die Regeln selbst!“ – „Man kann gar nicht vernünftig ohne Traditionen leben.“ – „Auch die größten Genies mussten irrsinnig lange diszipliniert üben und üben und noch tausend Mal üben, um Meister unter den Menschen zu sein.“ – „Der Herr biedert sich mit seinem bemüht witzigen Geschreibsel bei den Bildungsfeindlichen an.“ – „Unser Bildungssystem muss so sein, dass es Leistungsträger hervorbringt.“ – „Disziplin ist unabdingbar!“

Dazu muss ich etwas sagen, und das hat schon ein Kommentar von „idahoe“ deutlich gemacht. Was die meisten andere Kommentare indirekt sagten, ist dies: „Das Kind muss die Strukturen der Eltern, Lehrer, Vorgesetzten und von der Menge aller Über-Iche übernehmen – ohne die es im Leben nicht geht.“ Das Kind wird in diesem Sinne „zu seinem Besten“ dressiert und abgerichtet – auf einheitliche Kommandos wie in der Hundeschule. „Sitz!“ – „Platz!“

Bitte verwechseln Sie nicht „eine Struktur haben“ mit „eine Struktur bekommen haben“. Verwechseln Sie nicht „pflichtschuldige Disziplin der Regeleinhaltung fremder Vorschriften“ mit „selbstauferlegter Disziplin für das Weltmeistertraining“. Das eine Mal gehorcht man, das andere Mal geht man unbeirrt einen selbstgewählten Weg. Viele, die mir erklärt haben, Disziplin sei unabdingbar, haben ja Recht, aber NICHT in ihrer Vorstellung, es sei die allgemein geforderte Disziplin notwendig, die sich die Unperson „man“ vorstellt. Die Vorstellung von „man“ ist keineswegs die einzige. Die wirklich wesentlichen Philosophen legen uns „Erkenne dich selbst!“ und „Geh deinen Weg!“ oder „Folge deiner Bestimmung/Berufung!“ Von „man“ ist da nie die Rede. Die Aufgabe bei der Erziehung ist es danach wohl, diesen individuellen Weg und die Bestimmung finden zu helfen und den jungen Menschen auf dem Anfangsweg zu fördern.

Die Disziplin, die aus dem Gehorsam kommt, erzeugt Kraft. Sie gründet sich auf frühe Prägungen wie die Erfahrungen von Autorität, Strafe, Lob oder das schlechte Gewissen (das die Kirche für ein Geschenk Gottes erklärt, aber nur das von ihr eingepflanzte „man“ ist). Sokrates hingegen hört auf eine innere Stimme in sich selbst, das ist SEINE innere Stimme. Die gibt ihm SEINE Energie. Energie kann nicht nur aus Disziplin geschöpft werden, sondern auch aus SELBSTdisziplin (die eigene), aus Freude, Interesse, Neugier, Siegeswillen, Ehrgeiz zum Erfolg, Selbstwirksamkeit, Mitleid, Liebe, Pioniergeist, Abenteuer-Entdeckertum oder Lust an unternehmerischem Handeln. Diese ungeheuren Energien, die oft viel stärker sind, entzünden das Kind oder den Menschen auf SEINEM Wege, nicht auf dem der Ausdauer und Hartnäckigkeit bei der Erfüllung der Untertanenpflicht, die „man“ erfüllt.

Es gibt scheue Kinder, mutige Kinder, Mitmachkinder, künstlerische Kinder, energiestrotzende, ängstliche, vorausschauende, aus Fehlern lernende, ungestüme, laute und leise Kinder. Was ich mir wünschte: Die brauchen – aber klar! – eine Struktur, aber jedes eine eigene Struktur, die zu ihm passt.

„Man“ soll aber nicht so sein. „Man“ soll so sein, wie „man“ ist.
Es gibt introvertierte und extrovertierte Kinder. Wie soll „man“ sein? Natürlich extrovertiert wie die Mehrheit.
Es gibt „Kopfmenschen“ und so etwas wie „Herzmenschen“. Was hat im „amtlichen“ Leben Priorität und was gibt die offizielle Struktur? Geist oder Herz? Na? Natürlich der klare Intellekt – ohne Ansehen der Person, sagt man, und „bitte keine Gefühlsduselei“.
Welche Art von Intellekt soll herrschen? Der analytische Intellekt der Schule („wir analysieren dieses Gedicht“) oder der schöpferische Intellekt („ich drücke mich jetzt selbst in einem Gedicht aus“)? Na? Unser ganzes Leben über werden wir vom Analytischen unterjocht. Nicht einmal die Wissenschaft ist noch schöpferisch, sie analysiert. Topmanager erschaffen nicht, sie analysieren Zahlen. Beamtete Professoren analysieren Werke von Künstlern, die hungernd schufen.
Im Zeugnis beurteilten sie mich nach Fleiß, Ordnung, Mitarbeit und Betragen. Sie achteten auf die Qualität meines Anpassungsgrades und die Vollkommenheit meiner Dressur als Fließbandarbeiter. Sie schauten, ob das fremde Über-Ich in meinem Hirn gut saß… Sie schauten, ob ich mich lange auf etwas konzentrieren konnte, was sie für mich ausgesucht hatten.

Ich und bemüht witzig bildungsfeindlichanbiedernd, weil ich mich gegen den geforderten Allgemeineinheitlichgehorsam gegenüber den ausgeheckten Regeln der Zwanghaften wende! Die Zwanghaften selbst könnten eher bildungsfern in der nächsten Zukunft sein, denn die neue Zeit verlangt ja Innovation, Flexibilität, Empathie, Begeisterung für Wandel und Wohlfühlen in vielen Kulturen – genau das kommt bei der herkömmlichen Disziplin in starren bewährten Strukturen nicht vor, sie ist mit dem Fließband und dem geduldigen Aktenbearbeiten alt ge-worden.

Jedem die seinen Strukturen und Energiequellen! Für die artgerechte Haltung von Menschen!

So, und nun werden Sie mir schreiben, dass es Ihnen bei der Forderung nach Strukturen gar nicht um Strukturen ging, sondern um Einheitlichkeit und Uniformität, ohne die „man“ nicht auskommen kann. Die Unperson „man“ steht ja eigentlich für das „conforming pattern“ – „conforming“ bitte, was immer das „pattern“ ist.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

7 Kommentare

  1. Die Kritik ist berechtigt aber unnötig.
    Man ist ein ganz fauler Hund. Das weiß man genauso jedermann.
    Ihren Ausdruck findet diese Tatsache in : “Man müsste..”, “Man sollte..”, das impliziert doch, dass man nichts tut..

    • “Man ist ein ganz fauler Hund.”

      So ist es , deshalb sind es auch immer die anderen , die dieses oder jenes einzuhalten haben.

  2. Eine der Schwierigkeiten, “artgerechte Haltung” beim Menschen zuzulassen, dürfte darin bestehen, dass diejenigen, die die in vielen Bereichen üblichen Strukturen beherrschen und für richtig und unabänderlich halten, in der Mehrheit sind, und weil dem grundsätzlichen Zweifeln so wenig Raum gegeben wird, dürfte das auch noch eine ganze Weile so bleiben.
    Letztendlich stabilisieren die Strukturfanatiker ein System, das ihnen ihre Position in mehrfacher Hinsicht sichert.
    Hoffnung auf Veränderung ist vielleicht dennoch nicht vergeblich, weil selbst die nicht Zweifelnden unter der auf einseitige Produktivität ausgelegten Batteriehaltung zu leiden haben, und zuweilen so viele Federn lassen müssen, dass auch bei ihnen selbst Veränderungsdruck entsteht.
    Das geht aber natürlich alles elend langsam vonstatten,und Veränderungbeschleuniger wären nicht schlecht…..obwohl es dann schon wieder Beschleuniger wären, wo doch oft ein langsames Wachsen lassen Veränderungen erst auf Dauer stabilisiert.
    Wie auch immer, ich stimme Ihnen zu, sehe aber auch, dass Sie auf die dem Zweifel abgeneigten nicht überzeugend wirken können.

  3. Jedem die seinen Strukturen und Energiequellen! Für die artgerechte Haltung von Menschen!

    Könnte O-Ton des Schreibers dieser Zeilen sein, nichtsdestotrotz gibt es im Geschäftlichen auch andere Sichten, die nicht schlecht sein müssen, vergleiche:
    -> http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-unna-kamen-bergkamen-holzwickede-und-boenen/mitarbeiter-empfinden-jobs-bei-amazon-als-entwuerdigend-id7360265.html

    MFG
    Dr. W (der noch darauf hinweist, dass der verwiesene Zeitungsartikel zwar die AAs und VAs [1] korrekt zu beschreiben scheint, aber auch gewerkschaftspolitische Sicht transportiert)

    [1] Verfahrensanweisungen und Arbeitsanweisungen

  4. Vielleicht noch zum ‘Man’ eine kleine “Man-Kritik”:
    Jede Aussage, die das ‘Man’ (hier lauert auch der Mann oder Mensch oder der Mann im Menschen) nutzt, lässt sich passivistisch umformen, was der intendierten Aussage näher kommt.

    Beispiel:
    ‘Man macht das so.’ meint ‘Es wird so (von einer nicht klar umrissenen Personenmenge) gemacht.’ – der Passiv ist aber sozusagen allgemein sprachlich schwieriger zu verdauen, so dass der Aktiv mit dem bekannten Hilfswort oft Verwendung findet.

    Eine generelle “Man-Kritik” macht keinen Sinn, außer, wenn es um das Hilfswort selbst geht. – Man könnte ja auch mit ‘mensch’ kommen oder mensch mit ‘man’.

    MFG
    Dr. W

  5. Erfrischender Artikel im Land der Zwangsnaturen.

    “Die Zwanghaften selbst könnten eher bildungsfern in der nächsten Zukunft sein,”

    Glaub ich auch , auch aus einem anderen Grund , die deutsche Zwanghaftigkeit war einer der Hauptgründe für die deutsche Katastrophe des 20.Jhds , und da eine weitere solche eher unwahrscheinlich ist , wird sich die Fraktion der militanten Sekundärtugenden in Zukunft umstellen müssen , ob sie es wollen oder nicht .
    Vielleicht ahnen sie das längst , würde die wütenden, oben beschriebenen Gegenreden erklären , so widersprechen keine Leute , die die Zukunft auf ihrer Seite sehen.

    “bildungsfeindlichanbiedernd”

    Das zeigt , daß Viele immer noch einen Bildungbegriff nach dem Prinzip der formellen Hierarchien haben und nicht im Sinne tatsächlicher Bildung.

  6. Pingback:Muss Ordnung wirklich sein? - kreativ-produktivkreativ-produktiv

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