Mutti – über dem Koalikungel

Sie führen gefühlt seit Wochen Koalitionsverhandlungen und versprechen, dass sie vor Weihnachten fertig sind. Wir sollen uns über die Feiertage bloß keine Sorgen über den Bestand unseres Landes machen. Unglücklicherweise sind vor der Wahl Versprechen gemacht worden, die jetzt bei den Verhandlungen eine wichtige Rolle spielen.
Was je versprochen wurde, soll gefälligst im Koalitionsentwurf auftauchen, damit den Wählern deutlich wird, wessen Handschrift alles trägt. Wenn man nüchtern nachdenkt, sind die Versprechen nicht mehr wichtig. Mit ihnen wird die Wahl gewonnen. Wenn das geschafft ist, muss anständig regiert werden. Vier Jahre lang, nach denen dann neue, dann gültige Versprechen gegebene werden.
Schauen wir uns prominente Versprechen von gestern (gähn!) an:

•    Mindestlohn 8,50 Euro
•    Steuererhöhungen für Reiche
•    Keine Steuererhöhungen – gar keine
•    Mauteinführung für PKW
•    Kindergelderhöhungen

Pragmatisch gesehen könnte man in einer Stunde beschließen, einen Mindestlohn von 8 Euro einzuführen, irgendeine Reichensteuer um einen Prozentpunkt anzuheben, 10 Euro mehr Kindergeld zu zahlen und mit den Mautgeldern eine breite Umgehungsstraße um Bayern zu bauen. Dieser Beschluss ist den SPD Wählern vermittelbar, es schon gibt Standardredetexte dafür! Man muss solche Reden gar nicht halten, wir kennen sie ja: „Die SPD hat die Union völlig niedergerungen und alle ihre Wahlversprechen durchgesetzt. Sie wird im Kabinett diejenigen Minister und Ministerinnen, die in der letzten Regierung schlecht performt haben, vollkommen adäquat ersetzen. Durch diesen Erfolg ist das Klima in der Koalition schon jetzt sehr frostig – auch das ist ein typisch sozialdemokratischer Erfolg, der sich sehen lassen kann. Wir sind sicher, dass der Parteitag die sauren Gesichter der Union so sehr goutiert, dass wir nun zügig verbeamtet werden können.“
Danach gibt man die neuen Steuer- und Kindergeldsätze einer Londoner Rechtskanzlei, die die Gesetze durch Copy & Paste korrekt ausarbeitet. Anschließend nickt der Bundestag alles unter dem allgemeinen Aufschäumen der Restopposition ab und dann ist die Wahl noch vor Weihnachten endgültig ausgestanden.

Was sagt eigentlich die CDU dazu? Na, sie muss ja nichts sagen, das würde sie nur in Schwierigkeiten mit Frau Merkel bringen, deshalb stimmt sie schon seit Jahren der Kanzlerin schweigend zu. Was also meint die Kanzlerin? Die schweigt.
Sie schweigt immer. Sie regiert einfach. Wenn das Regieren gegen frühere Vereinbarungen verstößt, ist ihr das irgendwie egal. BILD schreibt dann: „Merkel fällt um.“ Fällt sie aber nicht. Sie regiert, egal, wer nun gerade Minister oder FAZ-Herausgeber ist.

Man sagt, in einer Ehe seien die Männer für die Inflationsrate, die Abseitsentscheidungen und das Rasenmähen zuständig – und die Frau für den Rest. Mutti regelt alles, außer wenn es echte Drecksarbeit gibt: „Papa, sprich jetzt ein Machtwort. Hier auf dem Zettel steht, was du heute Abend DEINEM Kind sagen wirst. Du wirst durch den lauten Tonfall unterstreichen und deutlich machen, wie du zu mir stehst.“ Da wird das Kind in der Nacht bei Mutti weinen, und die wird es trösten: „Sieh mal Kind, ich habe dir mehrmals gesagt, dass du Papa sehr böse gemacht hast.“ Solche Ehen gibt es noch, jedenfalls kenne ich welche – egal, welcher Trend heutzutage politisch korrekt ist. [„Sieh mal, Griechenland, ich vertraue dir mit ganzem Herzen, aber du hast gegen meine Warnung den Schäuble sehr böse gemacht.“]
Mutti schweigt. Sie schweigt, wenn sie alle ein bisschen auf dem Tisch tanzen, aber nicht, wenn sie die Augenbrauen hochzieht oder die Mundwinkel nach unten. Wenn sie alle Forderungen stellen wie „Ich will das beste Stück vom Braten“, dann schweigt Mutti und gibt ihren Lieben alles Gute hin. Papa ist stolz. Sie selbst isst nur noch wenig, das Beste hat sie schon in der Küche genossen. Solch eine Ehe ist auch eine Koalition.

Ich erinnere mich an die re:publica 2013, da wurde Sascha Lobo gefragt, wer denn nun das alles mit dem Internet (Telekom-Drossel) in Ordnung bringen sollte. Er schaute kurz etwas ratlos und meinte dann, er fürchte, man müsse mit Frau Merkel reden. Man kommt an Mutti nicht vorbei, genau! Und wir wissen es! Warum spotten wir dann? Warum wählen wir sie? Ist es ohnmächtige Liebe?
Wissen Sie was? Irgendwie wird es bald den Obama treffen. Er hat Mutti selbst sehr böse gemacht. Das traut sich nicht einmal Putin.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Mutti” ist insofern gnadenlos, als dass sie genau das tut, was sie im Amt hält.
    Sie übertrumpft in diesem Sinne andere demokratische Gewählte, wie bspw. “Bill” Clinton, der zwar sehr früh als derjenige Präsident eingeordnet worden ist, ‘den Amerika verdient’ hat, aber in der Folge doch persönliche Einstellung und Überzeugung nachwies.
    Es sieht so aus, als ob “Mutti” gnadenlos ihr persönliches Fortkommen befördert und dass dies in D vom Souverän angenommen wird.

    MFG
    Dr. W

  2. Merkel dürfte bis heute davon profitieren , daß sie sich als erste Kanzlerkandidatin durchsetzen mußte in einer Partei , in der sie lange Zeit völlig unterschätzt wurde.
    Sie hat aus der Not eine Tugend gemacht und sich eine bemerkenswerte Strategiefähigkeit angeeignet , bis heute spielt sie erfolgreich das graue Mäuschen , das doch eigentlich kein Wässerchen trüben kann.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben