Leitlosigkeit in Deutschland – durch Tagesdenken

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Wer einen Charakter hat, handelt aus festen eigenen Prinzipien, Visionen und Überzeugungen heraus. Für andere ist ein Charakter transparent und in sich konsistent. Wir wissen, wie ein bestimmter Charakter handelt und denkt. Natürlich hat das einen Preis, „der Mensch ist in seiner Persönlichkeit gefangen“, er ist nicht mehr wirklich frei, sondern an sich selbst gebunden. Etwas in ihm leitet ihn.

Ein Charakter ist wie die Integration aller gefundenen Antworten zu einem Ganzen. Eine Persönlichkeit mit Charakter muss nicht mehr nach Antworten auf jede Frage suchen. Sie ruht schon in ihren gefundenen Antworten. Der „Konservative“, der „Heilige“, der „Arbeiterführer“, der „Grundlagenforscher“ oder neuerdings der „Pirat“ sind so ein System von Antworten oder Leitlinien.

Diese Leitlinien gehen uns verloren. Wir beklagen die charakterlose Politik und das charakterlose Management. Sie kommen uns nicht wie „integrierte Wertesysteme“ vor, sie bestehen fast aus lauter separaten Einzelversuchen, einen Vorteil zu erhaschen oder irgendwie zu „optimieren“. Wir fühlen, dass wir das nicht wollen, wir spüren, dass wir „so etwas“ nicht mit Vertrauen sehen können.

Was geschieht da? Ich glaube, ich kann eine Antwort geben. Es ist nicht mehr üblich, aus einem Charakter oder einer ganzen Persönlichkeit heraus zu agieren. Es ist normal geworden, sich in jeder einzelnen Tagesfrage neu „zu positionieren“. Jeden Tag denken unsere Politiker, Manager oder Priester  nach, wie sie zum Euro, zu Griechenland, zum Zölibat, zu Frauen im Management, zu Burnout, Libyen, Ägypten, Facebook, Steuern, Elektroautos oder PKW-Maut stehen. Sie positionieren sich. In jeder Einzelfrage versuchen sie eine immer neue Antwort, die am besten gut ist und gleichzeitig jetzt gerade den Applaus der Mehrheit findet. Sie geben ihre Antworten nicht mehr aus einem nachhaltig getragenen Ganzen (Parteiprogramm, Sinnverständnis, Haltung) heraus, sondern stets neu – dabei immer auf die Mehrheit und den Applaus schielend. Sie fühlen sich beim Geben der Antwort frei von einem Charaktergefängnis. Jeden Morgen suchen sie mit frischer Logik einen Weg zur besten Antwort.

Wie wirkt jemand, der sich jeden Tag zeitnah positioniert, auf einen, der einen festen Charakter hat? Wie wirkt ein von allen langfristigen Glaubensgrundsätzen freier Demokrat auf eine normale deutsche Persönlichkeit, einen sparsamen Württemberger, einen knorrigen niedersächsischen Bauer, einen begeisterten Erzieher oder eine junge Informatikstudentin? Die HABEN in der Regel einen Charakter, also ein leitendes Ganzes in sich. Sie hören sich als solche die Tagesantworten der auf Applaus schielenden Positionierer an und stellen fest, dass sie zwar oft dazu nicken können, aber ebenso häufig ganz und gar nicht zustimmen – je nachdem, wie der Positionierer sich gerade diesmal positioniert. Mal kann man nicken, mal nicht – jeden Tag neu. Das flößt einem normalen konsistenten Bürgercharakter Misstrauen ein. Ist das gut, wenn jemand anderes über relativ kurze Zeit verschiedene Antworten gibt, also etwa für Atomkraft ist und dann dagegen oder für den Kampf in Libyen ist und dann doch lieber nicht?

Kurz: Wenn sich die „da oben“ redlich und ein bisschen opportunistisch im Tagesdenken üben, können wir sehr oft nur den Kopf schütteln. Wir erkennen nicht mehr, welches Ganze die da oben antreibt oder aus welchem Kern heraus sie agieren. Wir wissen, dass sie sich ernsthaft bemühen, aber es fühlt sich so an, als wären sie charakterlos. Die da oben sind nicht mehr Christdemokraten, Sozialdemokraten, Sozialisten oder Unternehmen alten Schlages. Sie sind auf Tagesposition.
Die Politiker und Manager sind also nicht charakterlos, nein! Aber sie agieren im Tagesdenken nicht mehr als Charakter. Sie haben noch einen Charakter, aber man nimmt ihn nicht mehr wahr („Ich habe den Oberboss mit seinem Kind beim Fußball getroffen. Ich war zu Donner gerührt, weil ich sah, dass er ein Mensch ist.“). Das Tagesgeschehen, das Tagesgeschäft, das Fehlen einer Strategie oder einer Vision frisst die da oben auf. Das Ziel, am meisten Stimmen, Geld, Kollekte oder Applaus einzusammeln, ist kein solches, das Charakter verleiht, sondern eines, das zerreißt, zersplittert, kompartmentalisiert und stresst.

Ein normaler deutscher Charakter wünscht sich eine Partei, die hauptsächlich, also in den überwiegenden Antworten und Aktionen, nach seiner Seele agiert. Ein Arbeitnehmer wünscht sich einen Chef, der ihn stolzgeschwellt zur Arbeit gehen lässt. Christen wünschen sich Bischöfe, die im Kernsinne Jesu ein lebenstaugliches Leben predigen. Wer einen Charakter hat, wünscht sich dafür eine Heimat, nicht ein dauerndes Umziehen in Lebensabschnittsansichten und Positionen.
Leben wir nun mit Jesus oder nicht? Mit Schulden oder nicht? Mit Macht oder Transparenz? Mit Atom oder nicht? Mit Hochbildung oder nicht?

Nachhaltigkeit! Danach rufen wir alle Tage, aber wir brauchen dafür ein Ende der Leitlosigkeit und einen gemeinsamen Charakter. Der Deutsche gilt schon immer als tendenziell zerrissen, aber jetzt geht das alles zu weit. Wollen wir Ausstieg aus Atomenergie? Ja, dann kostet der Strom mehr. Wollen wir die Armee abbauen? Ja, dann gibt es Arbeitslose. Wollen wir Diktatoren wegfegen helfen? Ja, dann gibt es das Chaos danach. Wollen wir die Schulden senken? Ja, dann müssen wir sparen. Wir haben uns an die Positionen der da oben gewöhnt, die uns mit Lösungen ohne Nachteile beglücken – so wie es die berühmten Business Cases im Management tun.
Wir streben eigentlich Leidlosigkeit an, aber wir fabrizieren endlos debattierend Leitlosigkeit. Und damit fängt das Leiden erst recht an.

Wählen Sie alles ab, was keinen Charakter hat! Kaufen Sie es nicht! Treten Sie aus. Und engagieren Sie sich selbst. Wer sonst schafft das Ende der Leitlosigkeit?

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

6 Kommentare

  1. “Nachhaltigkeit! Danach rufen wir alle Tage, aber wir brauchen dafür ein Ende der Leitlosigkeit und einen gemeinsamen Charakter.”

    Echt? Sie schreiben doch völlig richtig im Anfang:

    “Etwas in ihm leitet ihn.”

    Ich für meinen Teil brauche weder Leitfiguren noch Leitdisziplinen oder gar Leitkulturen!

    “Das Reich Gottes ist inwendig in euch”! Da braucht es weder Staaten noch Kirchen! Nicht einmal Jesus ist not-wendig, sondern das, was ihn durch’s Leben geleitet hat -eine innere Autorität!

  2. Nachtrag

     Oder anders ausgedrückt:

    Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt? Hütet euch, daß euch nicht eine Bildsäule erschlage! Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra? Ihr seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen Gläubigen! Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So tun alle Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.

    (F.N)

  3. Peer Steinbrück, Helmut Schmidt, GSchröd

    Diese Politiker haben alle einen unverkennbaren Charakter. Trotzdem sind auch sie nicht gefeit vor dem Schielen auf das Publikum. Ja bei Gerhard Schröder gehörte es sogar zu seinem Charakter den grossen Auftritt zu suchen. Zudem verbrachte er einen grossen Teil seiner Regierungszeit mit Taktieren und stierte erst am Schluss seine Agenda 2010 gegen größte Widerstände gerader seiner Partei durch.
    Daneben gibt es heute tatsächlich viel mehr Opportunisten, Leute von einer Beliebigkeit und Auswechselbarkeit, die einem Angst machen kann. Nicht umsonst gibt es den Spruch von mangelnder Führungskraft beim Hauptharst der heutigen Politiker. Politiker sind natürlich nur Repräsentanten des Volkes. Und das sind sie nicht nur als Gewählte, sondern -so scheint es mir – auch als Personen, Verkörperungen eines gewandelten Volkes also. Soll man sein Schicksal jemandem anvertrauen , der Entscheidungen auf eine Art trifft, die der Auswahl eines Menupunkts in einem Computerprogramm entspricht? Oder, um dieVerbindung mit dem vorherigen Satz herzustellen, soll man jemandem vertrauen, der so weltunsicher ist wie man selbst?

  4. Hat hier Nietzsche Jesus im Kern verstanden? “Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein.” Allein die Existenz großer Männer zieht Gläubige an. “Wo viel Aas ist, da sammeln sich die Geier”. Doch worum geht es in Wahrheit? Waren sich Jesus und Nietzsche einig darüber, daß es großer Männer gar nicht bedarf, da ein jeder Mensch den Beistand als “Geist der Wahrheit” in sich hat? Braucht es da noch Politiker und religiöse Führer? Muß ein Volk “vertreten” werden, das aus Einzelnen besteht? Findet die Existenz eines Politikers oder religiösen Führers ihre Begründung darin, daß dem Einzelnen der Mut abgesprochen wird, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, er als bloßes Haus -und Herdenvieh angesehen wird, welches “vertreten” werden muß?

  5. @Dietmar Hilsebein:Mutti anstatt Pappi

    Der Bürger des modernen Sozialstaat ist in der Mehrheit nur nach aussen selbstbewusst und selbstbestimmt. Es stimmt, dieser Zeitgenosse, der sich selber gern Citoyen nennt, braucht keine starke Führerfigur mehr, die ihm seine Visionen aufdrängt. Doch es plagen ihn viele Ängste und er sehnt sich im tiefsten Herzen immer wieder danach, einer Übermutti unter den Rock schlüpfen zu dürfen. Gerade in Deutschland ist diese Haltung verbreitet: Der Staat solls richten, der Staat soll mich beschützen und mich an der Hand nehmen, wenn ich die gefährliche Strasse überquere.

  6. sie haben leider so gottverdammt recht

    ..auch wenn man manchmal den cache leeren sollte bzw prüfen sollte, ob die annahmen der vorgedachten lösung noch zutreffen

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