Ökonomie erzeugt planmäßig Tütensuppenniveau – das ist Ökopathie, oder?

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Die Segnungen der Menschheit sind natürlich zu einem guten Teil der Wissenschaft und dem effizienten Umgang mit den Ressourcen zu verdanken. Das verstehe ich schon! Zuerst erfinden Genies wundervolles Einzelnes, ein Unikat. Das wird analysiert und massenproduziert. Aus jeder Kunst wird am Ende weiße Ware im Discount. Aber geht das nicht zu weit?

Aus Bildungsreisen werden Pauschaltrips, aus Villen Plattenbauten, aus Menschen „bricks in the wall“. Alles wird auf notwendige Invarianten hin untersucht, auf den Kern zurückgestutzt und standardisiert, genormt, vereinheitlicht und „commoditized“. Berufe erfüllen immer mehr nur die Eingabebedürfnisse der Computer, die uns sehr schnell anlernen können.
Wissenschaft und Management wirken offenbar zusammen, alles besonders Seiende zu… – wie soll ich sagen?

Es fängt mit Wundervollem an, so etwa mit Viktualienmarkttomaten, Olivenöl extra vergine, Knoblauch, Croûtons, Zwiebeln, Mozzarella – und der Chefkoch sagt: „Das Geheimnis liegt in der klaren Einfachheit.“
Dieser Satz wird sofort analysiert und ökonomisiert, und mit bestechender Einfachheit steht hinten auf einer Tütensuppentüte: „Beutelinhalt mit ausfaltbarem Einwegminischneebesen, den Sie der Tüte vorweg entnehmen, in 500 ml (1/2 l) kaltes Wasser einrühren. Unter Rühren zum Kochen bringen und bei geringer Wärmezufuhr 1 Min. kochen. Dabei gelegentlich umrühren. Ergibt 2 Teller oder 500 ml Suppe. Der ausströmende Geruch symbolisiert Mittelmeer (blau), Provence (rot) oder Kreta (oliv). Beachten Sie die Farbmarkierung auf der Tütenvorderseite.“

Ich glaube, vor lauter Industrialisierung haben wird das Erschaffen von Neuem zu sehr heruntergefahren. Hatten wir nicht einst viel mehr bekannte Dichter, Denker, Künstler und Schauspieler? Hatten wir nicht früher gute Politiker? Industriemagnaten und Unternehmer? Berühmte Maler? Komponisten? Erfinder? Diven? Komiker? Designer?
Heute wird aus jeder guten Idee gleich ein „Format“, eine Serie, eine Staffel, eine Schablone, ein Rezept – husch von Schuhbeck zum Nürnburger oder so. Das Höhere wird immer schneller plattgeklopft.

Na, im Grunde wissen Sie das. Man verwertet die Originale und verwurstet sie zu einem Standard. Alles Kulturgut der Menschheit wird daraufhin angeschaut, ob sich eine Massenserie daraus fertigen lässt. Aber das wirklich für mich Bedrückende ist, dass die wenigen Menschen, die noch das Originale und Authentische erschaffen können und wollen, so langsam immer stärker beim Erschaffen schon darauf achten, dass das Original kostengünstig und einfach zu einer Massenserie oder eine Tütensuppe werden kann. Ist es patentierbar? Formatierbar? Sind die Charaktere zeichentricktauglich? Sind die Geschmacksnuancen auch durch Pilzkulturen simulierbar? Erzielt der Neuwert Impact Points?

Was als Werteverwertung begann, mündete in Originalfakedesign. Man kreiert erst die Fakes und liefert sie gegen Aufpreis als personalisierte Goldversion. Auch die Genies, die eigentlich Originale erschaffen wollen, beginnen bald mit Plattform basierter Produktion, Multifunktionsmodularkunst und Multi-Channel-Strategie. Richtige originale Originale ergibt das nicht mehr. Ökonomie soll eigentlich mit Ressourcen und Anstrengungen effizient umgehen, aber sie erzieht oder zwingt uns, die Ressourcen effizient und anstrengungslos zu verbrauchen… das muss Ökopathie sein.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

6 Kommentare

  1. Homo ökonomicus schafft Tütensuppen

    Ökonomie erschafft gar nichts. Dazu sind schon Menschen nötig. Und die denken halt immer ökonomischer. Weil die Ökonomie einen viel höheren Stellenwert hat als früher. Einen so hohen, dass darüber diskutiert wird, schon Grundschülern ökonomisches Basiswissen mit auf den Weg zu geben. Einen so hohen, dass das Primat der Politik nicht mehr gilt, sondern das Primat der Ökonomie. Nicht mehr ob man von links oder rechts regiert wird interessiert und auch nicht Sein oder NichtSein ist unser Thema, sondern ob man mehr hat oder weniger hat am Ende einer Legislaturperiode ist das, was zählt. Die Zeiten wo ein Politiker a la Willi Brandt mit Mehr Demokratie wagen die Menschen vom Ofen hervorholen konnte sind definitiv vorbei. Jetzt geht es um die Frage, welche Reformen nötig sind um die Wirtschaft wieder auf Hochtouren zu bringen und nicht mehr derjenige ist dumm und hohl, der sich kaum für geistige Dinge interessiert sondern derjenige, der sein materielles Fortkommen vernachlässigt oder sich nicht um seine finanzielle Ausstattung im Ruhestand kümmert.

    Eigentlich ein Paradoxon. Bert Brecht wandte sich an die Proletarier mit seinem Spruch Zuerst das Fressen, dann die Moral, wohl in der Meinung, dass sich nur Saturierte den Luxus des moralisch “gehobenen” Lebens erlauben können und jetzt wo es den meisten viel besser geht gilt der Spruch Zuerst die Vermarktung und das zusammen mit der Moral (die Moral kann man sicher auch noch mitverwerten).

  2. Effizienz in der Ökonomie

    Ökonomie soll eigentlich mit Ressourcen und Anstrengungen effizient umgehen (…)

    Diese Effizienz wird von der Schwarmintelligenz der Konsumenten bestimmt. Ex cathedra scheint in Bezug auf diese Effizienz wenig zu gehen. – Aber: Wenn’s bspw. um das Energiesparen geht, hört man sinngemäß oft entweder, dass es gilt Energie zu sparen um Energie zu sparen, oder, dass sich jemand erhoben und die anzustrebende Effizienz bestimmt hat. – Korrekt!

    MFG
    Dr. Webbaer

  3. Deutschland als talentfreie Zone

    ” Hatten wir nicht früher gute Politiker?” 🙂 Der Witz ist gut…
    Wir haben die doch gewählt, also, was regen wir uns da auf?
    Superstar wird nicht, wer Talent hat, sondern wer in einer Castingshow die beste Figur macht.
    Dichter und Denker? Brotlose Kunst – wer will das schon für sein Kind, sieht man doch im Fernsehen in allen möglichen Reality-Shows, was aus Solchen wird.
    Künstler? Schauspieler? Geht schon – aber bitte nur für Kinder von Eltern, die sich das auf Privatschulen leisten können – staatliche Schulen mit Anspruch werden nicht mehr finanziert.
    Oder kennen Sie einen jungen, zeitgenössischen Maler? Wo soll der denn herkommen, wo soll er denn trotz oder gerade wegen seines Talentes sein Handwerk gelernt haben?
    DAS ist das Ergebnis, dass wir dank unserer Politik erreicht haben.

    Tütensuppenniveau? Natürlich, und das sogar staatlich verordnet, denn wie sagte doch mal der Schulleiter meines Sohnes zu mir:
    “Das Gymnasium ist was für mittelmäßig intelligente, aber fleissige Kinder.”?!
    Individualisten? Die werden aussortiert!
    Intelligenz? Erwünscht, aber bitte nicht zu hoch! Sonst müssen wir die zum Vertrauenslehrer schicken, der sucht dann so lange, bis er einen Intelligenztest findet,der keine überhöhten Werte mehr anzeigt.
    Talent? Bitte nicht, für Individuelles haben wir weder Geld noch freie Kapazität noch Lehrer, die Willens sind, das zu unterstützen!
    Das gilt nicht nur für die Gymnasien, alle Kinder haben Talente, aber keiner macht sich mehr die Mühe, diese zu finden und zu fördern.
    Und so werden unsere Kinder weiterhin mit Folien von vorvorgestern auf dem Tageslichtprojektor und der x-ten Kopie der mit Schreibmaschine getippten Zusammenfassung von 1963 torpediert – wen wundert`s, dass unsere Kinder da geistig abschalten?
    Alle Kinder haben Talente, alle Kinder wollen lernen – was wir (und die von uns gewählten Politiker) dafür tun ist: wir leisten uns in unserem relativ kleinen Land ein System von dezentralen Kultusministerien, jedes Bundesland kocht sein eigenes (Tüten-)Süppchen, ein Lehrer aus Bayern darf nicht in Baden-Württemberg eine Stelle antreten, weil er sonst Gefahr läuft, nie mehr in Bayern Dienst tun zu dürfen….
    Fast möchte man meinen, der Wahnsinn hat Methode – von wegen Ökonomie.

  4. Früher war alles besser

    Jede Generation überkommt es irgendwann einmal, darüber zu klagen, daß die Gegenwart so grausig schlecht oder platt oder einfallslos sei. Die Vergangenheit wird dann gerne als leuchtendes Beispiel des Besseren hingestellt. Aber war es das wirklich? Waren Politiker wirklich vor 30 ode rmehr Jahren besser? Ich wage das zu bezweifeln, zumal jegliche Grundlage für die Bewertung fehlt. Auch was Erfinder oder Künstler angeht – deren Basis hat sich bewegt wie die gesamte Welt. Sie erschaffen heute nicht mehr kühne mechanische Konstruktionen sondern eher unsichtbare Programme oder Kleinstbauteile. Malerei und Plastik stehen heute künstlerisch nicht mehr im Vordergrund. Aber sind sie deshalb schlechter, weil sie nicht mehr so sind wie früher?

  5. “Hatten wir nicht einst viel mehr bekannte Dichter, Denker, Künstler und Schauspieler? Hatten wir nicht früher gute Politiker? Industriemagnaten und Unternehmer? Berühmte Maler? Komponisten? Erfinder? Diven? Komiker? Designer? “

    Die Politiker Industriemagnaten und Unternehmer wollen wir mal beiseite lassen, das ist eine andere Sparte. Aber was all die anderen, die da genannt werden, angeht, glaub’ ich: Das kommt nur daher, daß die nicht mehr Dichter, Künstler oder Komiker heißen, sondern “Kreative”.

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