Kaum noch Ganzes im Meer von Portfolien von Einzelnem – oder ist das unsere Freiheit?

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Einst waren wir den Parteien treu, heute stimmen wir allenfalls mit Einzelpolitikern „überein“. Wir sind Fan Einzelner, nicht mehr Anhänger eines Ganzen. Wir kaufen Produkte, wie wir sie einzeln sehen, nicht mehr so sehr nach dem erzeugenden Unternehmen. Woran liegt das? Vereinzelt das Internet für uns durch die Suchmaschinen ein Ganzes in Menschen oder Dinge? Oder sind die Parteien und Unternehmen auf dem Irrweg?

Ich habe das Gefühl, dass das Wort „Portfolio“ aus dem Beraterwortschatz eine zentrale Vorstellung erzeugt. Firmen haben ein Portfolio von verschiedenen Marken, Parteien haben ein Portfolio von derzeitigen Positionen und Standpunkten. Die Markenprodukte eines Unternehmens werden von einem ganzen Portfolio von Zuliefer- und Produktionsfirmen hergestellt, die Positionen von Politikern von Agenturen, Beratern, Räten, Ausschüssen, Rechtsanwaltskanzleien, Ghostwritern und so weiter. Die Unternehmen sagen: „Wir bieten das und das an.“ Die Parteien sagen: „Unsere Politikrichtung konstituiert sich aus folgenden Einzelpositionen.“ Immer sind es „Portfolios aus Einzelposten“. Wir Kunden oder Wähler auf der anderen Seite haben früher ein Ganzes gewählt oder gekauft. Wir haben Tütensuppen nur von Maggi gekauft – alle! Oder eben alle nur von Knorr! Nicht gemischt! Wir waren „für Maggi“ oder „für Knorr“, wir waren Stammwähler der CDU, SPD usw., nicht gemischt mal so oder so! Wir waren bei unseren Diskussionen auch immer sehr polar, entweder immer rechts oder immer links, nicht durcheinander.

Was hat sich verändert? Unsere Einzelpositionen sind wie einzelne Produkte, nach denen wir im Internet suchen. Wir geben Produktnamen ein, Autoren oder Titel, und NICHT mehr zum Beispiel den Namen eines Verlages. Als es noch kein Amazon gab, mussten wir uns ganz ohne Internet einen Überblick über die Bucherscheinungen verschaffen. Ich bin damals alle halbe Jahre in eine große Buchhandlung gegangen und habe alle mir wichtigen Taschenbuchkataloge mitgenommen. Manche Verlage boten wundervolle Bücher, andere nur flachen Kram. Ich kannte die Verlage nach ihrem Charakter, wusste, wofür sie standen und was ich von Ihnen zu erwarten hatte.

Das hat mit Google oder Amazon aufgehört. Ich suche jetzt direkt nach dem, was ich will. Ich nehme nicht mehr an, dass ein Verlag als Ganzes mich als Leser versteht und für meinen Geschmack arbeitet. Ich sehe den Buchmarkt als ein Portfolio von Büchern oder Autoren an. Die Verlage stehen für mich nicht mehr als Orientierungspunkte im Meer der Lesemöglichkeiten. Ist das bei Ihnen anders? Suchen Sie nach einem Verlag bei Amazon?

Wir identifizieren uns allenfalls mit Autoren, Stars, Künstlern… Wir suchen nur noch das Einzelne und Punktuelle und bekommen es auch – einzelne Bücher, Videos, CDs.

Wir als Kunde wühlen nur noch im Portfolio, die Unternehmen bieten nur noch ein Portfolio. Die Größe „der für uns größten brauchbaren integrierten Sinneinheit“ sinkt. Wir hören immer weniger auf ganze Kirchen, Markenserien, Parteien – wir stückeln uns selbst zusammen. Wir sind kaum noch Jünger der Produkte bestimmter Unternehmen (Apple zum Beispiel ist da gegenwärtig eine Ausnahme). Wir als Wähler sehen nur noch die Einzelpositionen zu Griechenland, zum Euro, zum Irak oder zum Spitzensteuersatz. Wir selbst bilden uns Meinungen aus einem angebotenen Portfolio. Wir nehmen nicht mehr an, dass eine einzige Partei ganz für uns steht und wir für sie. Wir picken uns überall wie bei Amazon und Google das beste heraus, von der einen Religion ein bisschen, von der anderen auch. Wir selbst integrieren das Universum einzeln für uns selbst. Wenn wir das nicht können und überfordert sind, eine eigene Identität zu bilden, werden wir nicht mehr Anhänger einer großen Bewegung, sondern eher Fan eines einzelnen Idols wie Obama, zu Guttenberg, oder…oder…so viele Idole werden ja leider nicht angeboten, oder? Idole zur Identifikation sind heute die angesagten Fertiglösungen, so wie es früher Kirchen oder Parteien waren.

Die Chancen, uns zu verzetteln, nehmen zu. Die Integration allen Einzelnen wird schwerer. Es gibt kaum noch anerkannte Leitsterne oder allgemein als tauglich gesehene Lebenslehren. Wir haben die volle Freiheit, uns selbst aus einem unendlichen Portfolio zu gestalten. Diese Freiheit ist schön – bringen wir aber auch die Fähigkeiten mit, frei zu sein? Haben wir wenigstens das Bewusstsein, jetzt für unsere Entwicklung höchstselbst zuständig zu sein? Und dass dann die entsprechenden Fähigkeiten dazu haben müssen? Wissen wir überhaupt schon, dass wir frei sind? Manchmal denke ich, dass wir das persönliche Integrationsproblem allen Einzelnen in uns noch nicht als das Unsrige verstanden oder gar akzeptiert haben. Das höre ich aus dem Dauergejammer wie „Die Komplexität nimmt zu.“ Oder „Es wird immer schwieriger, in der Überfülle das Wichtige zu finden.“ Was wollen wir denn? Freiheit oder Einfügungspflichten in eine fertig vorgegebene Menschenvorlage? Vielleicht doch wieder mehr „Vorlage“ in Form eine Ethik, wie wir sie in der Ökonomie vermissen?

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

2 Kommentare

  1. Ist das wirklich neu?

    Ich bin zwar grade mal in den Dreißigern, aber ich hatte damals Geschichtsunterricht in der Schule. Für mich war der Personenkult, der zum zweiten Weltkrieg führte, glücklicherweise vor meiner Zeit. Ich bin dankbar für die Gnade der späten Geburt, denn die Apple-Jünger töten dich wenigstens nicht dafür, an etwas anderes zu glauben oder andere Hardware zu nutzen.

    Der Glaube ist für sehr viele Menschen heute auch nicht weniger wichtig, als im Mittelalter. Mag sein, dass es prozentual nicht mehr so viele Leute wie früher sind (mengenmäßig sind es sicher mehr). Aber der Bedarf an virtuellen Dingen, die einem Halt oder ein Lebensziel geben, ist nicht gesunken. Die Medien sind voll davon, die Werbeindustrie nutzt dieses Bedürfnis schamlos (und immer noch recht erfolgreich) aus. Neu ist lediglich, dass die Werbung für die Ablassbriefe an spezialisierte Unternehmen ausgelagert wurde (und die Ablassbriefe sehen heute natürlich auch anders aus, als damals).

    Was sich wirklich geändert hat, ist das Traditionsbewusstsein und die Informationsmöglichkeiten des Einzelnen. Eigendlich hat man auch früher etwas nicht wirklich nur gemacht, weil es immer so gemacht wurde, sondern weil man davon ausging, dass es so gemacht wird, weil es so richtig ist.
    Wenn man sich über alles in Sekunden aus dutzenden Quellen informieren kann, neigt man eher dazu, nicht nur einer Quelle blind zu vertrauen. Markenbewusstsein gibt es immer noch und es basiert immer noch auch auf Werbung, der Erfahrung des Konsumenten und was in seiner sozialen Umgebung “in” ist. Moderne Medien, Radio, Fernsehen und neuerdings auch das Internet, liefern uns sehr viel mehr verschiedene Blickwinkel auf uns und unsere Umwelt, als dies früher möglich war. Natürlich beeinflusst das unsere Entscheidungen.

    Allerdings überlastet diese Fülle auch. Niemand kann es zeitlich schaffen, ein Experte auf jedem Gebiet zu sein (schon gar nicht im jungen werberelevanten Alter), auf dem er sich eine Meinung bildet. Also ist man heute wie früher darauf angewiesen, zu erkennen, was wohl wahr und was Lüge ist. Dass man heute so viele Quellen zur Verfügung hat, ist dabei insgesamt jedoch eher Segen, als Fluch. Es sind zwar oft zu viele Quellen, um sie alle zu berücksichtigen.
    Aber selbst, wenn man zufällig nur wenige Quellen aus Ixquick (oder einer anderen, nicht personalisierten Suchmaschine) wählt, bekommt man mit hoher Wahrscheinlichkeit ein recht differenziertes Bild in relativ kurzer Zeit.
    Und das führt vieleicht dazu, dass heute tendenziell Tradition und Markenbewusstsein eine geringere Rolle spielen, als früher. Letztlich spricht aber auch nichts dagegen, immer das gleiche zu kaufen, wenn man was gefunden hat, was einem passt. Und viele scheuen sicher auch heute noch die Suchkosten, wenn es darum geht, öfter mal was neues zu probieren…

  2. Köpfe! Geister!

    Die Parteien sind verseucht mit Trittbrettfahrern und gelähmt durch Lobbyismus. Gesucht sind unabhängige und redliche Freigeister, die durch ihr Fachwissen uns Wege in dieser komplexen Welt zeigen können. Die neuen Kommunikationsformen ermöglichen uns 1. diese Köpfe zu finden, 2. mit diesen in Kontakt zu treten.

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