Ihr seid doch fast alle irgendwo in Filterblasen, hallo?

Es ist Mode geworden, über Filterblasen oder neudeutsch über Filter Bubbles zu reden und sich entrüstet zu fürchten. Google zeigt uns nur noch, was uns passt! Wir sehen nichts Anderes mehr! Die Restwelt muss uns dadurch verschlossen bleiben. Facebook filtert die Welt durch die Brille unserer Freunde. Was uns diese nicht posten und wofür uns Facebook keine Werbung empfiehlt, kommt uns eben nicht aufs Smartphone, auf dessen Screen wir sowieso fast nur noch schauen. Pokémon Go lässt uns nur noch nach Pokémons oder Stops Ausschau halten… Es wird doch sicher böse enden, oder?

Filterblasen gibt es aber schon immer – das will ich hier einmal sagen. Wir wissen doch: Könige sind in großer Gefahr, die Welt nur noch so zu sehen, wie es ihr Hofstaat zulässt. Minister hetzen von Termin zu Termin, ihre Reden werden ihnen geschrieben, sie werden von ihrem Ministerium so sehr gesteuert, dass sich ihre Politik gar nicht so verändert – egal ob Seehofer oder Lafontaine dort residieren. Da schütteln wir kleine Leute den Kopf, warum die Politik immer gleichbleibt, obwohl die Köpfe hin und her rollen. Konzernlenker umgeben sich mit „Vertrauten“, sie haben kaum eine Chance, aus der selbstgeschaffenen Filterblase auszubrechen. Es ist „da oben“ üblich, die Top-Talente eine Weile als Vorstandsassistent einzusetzen und sie dann auf eine steile Karriere zu schicken. Das mag Sinn haben: Wenn jemand eine Weile – sagen wir über ein Jahr lang – als Vorstandsassistent oder „Leibdiener“ arbeitet, bekommt er einen exzellenten Einblick ins System und lernt alle Menschen im Zirkel der Macht kennen. Aber nach dieser Superausbildung in der Filterblase ist er Teil der Filterblase. Man sagt: Dieses System erzeugt Klone derer da oben. Peter Drucker hat deshalb Recht: „Culture eats strategy for breakfast.“ Nüchtern und brutal frei verallgemeinernd übersetzt:

„Die Filterkultur frisst alles, und zwar schon zum Frühstück.“

Wir treten bekanntlich langsam ins Zeitalter der Digitalisierung ein. Wissen Sie das, wenn Sie in einem großen Konzern oder irgendwo in der Verwaltung arbeiten oder wenn Sie Jurist sind und noch Faxe schicken? Was aber tut sich jetzt? Die großen Konzerne verharren in der Analogfilterblase, so wie sich die katholische Kirche keineswegs durch das Leben an sich und oder entsprechende neupäpstliche Ausbruchsversuche irritieren lässt. Innovationen treffen auf ein megastarkes Immunsystem in den Organisationen. Das Neue wird ignoriert oder bekämpft. Deutschland als Ganzes filtert alles danach, wie es sich schon immer gehört. Natürlich haben auch wir überall Inno-Centers wie alle Unternehmen neuerdings auch, aber diese „Startup-Szene“ residiert NEBEN der Filterblase oder sorgsam außerhalb von ihr.
Die Flüchtlingsfurcht ist eine Filterblase. Wer einfach einmal Flüchtlingen hilfsbereit begegnet und so die Chance hat, einmal zehn bis zwanzig Einzelschicksale zu scannen, kommt sofort aus dem Bubble heraus – warum geschieht so wenig?

Jede anständige Neurose ist eine Filterblase. Putzteufel zum Beispiel sehen immer nur auf die Sauberkeit und können nicht dazu umerzogen werden, einmal etwas nicht als Saubermann zu sehen. Controller sehen alles nur aus Zahlen und Tabellen (was klinisch zum Bild der Zwangsneurose gehört), Perfektionisten sehen überall nur Fehler, so wie der Putzteufel überall Schmutz. Alphatiere nehmen alles aus der Brille des „Respektes vor ihnen“ wahr und wittern überall Verrat und Heimtücke…
Im weitesten Sinne ist ein „sehr fester Charakter“ eine Filterblase und einen solchen haben ziemlich viele von uns, insbesondere sitzen solche Menschen in einer Filterblase, die explizit einen festen Charakter haben wollen, die also sehr feste Grundsätze lieben und dabei ihre Starrheit übersehen.
Das Feste ist ja gar nicht der Punkt im Charakter! Von uns ist eher Sophrosyne (Tugend bei Platon) gefordert, nämlich eine besonnene und gelassene Intuition für das rechte Maß inmitten der Widersprüche unseres Daseins. Oder man lese im Paulus-Brief an die Römer (12): „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“ Wenn Sie denn mögen, ersetzen Sie darin den Willen Gottes gegen Sophrosyne, das würde so klingen:

„Fesseln wir uns nicht zu fest an unsere engblasige Welt, sondern lasst uns besonnen und gelassen nach nötigem Wandel schauen und uns im Denken erneuern – lasst uns ständig prüfen und wieder und wieder erkennen, was jetzt das Gute ist.“

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Früher hieß die “Filterblase” FAZ oder Tagesschau, allerdings waren die nicht proaktiv neugierig.
    Charakter meint etwas Eingebranntes.
    Wie heißt es so schön? Wir sind im selben Kino und sehen einen anderen Film.

    • Konzepte wie ‘Populismus’ (das Antonym ‘Elitismus’ wird ungerne genannt), ‘Hate Speech’ (in den Staaten schon seit Jahren bekannt, im deutschen Sprachraum erst vor Kurzem ausgegraben), ‘Fake-News’ (ganz neu, vielleicht im Zusammenhang mit Donald J. Trump entstanden, der ja bekanntlich sog. Fakten-Checks nichts entgegen zu setzen hat) und ‘Post-Truth’, d-sprachig als postfaktisch kommuniziert, dürfen womöglich in einem Gesamtzusammenhang gesehen werden, als Output sozialwissenschaftlicher “politisch korrekter” Kräfte, böse auch von einigen Kulturmarxisten genannt.

      Und ganz böse formuliert funktioniert dies hier – ‘Die Flüchtlingsfurcht ist eine Filterblase. Wer einfach einmal Flüchtlingen hilfsbereit begegnet und so die Chance hat, einmal zehn bis zwanzig Einzelschicksale zu scannen, kommt sofort aus dem Bubble heraus – warum geschieht so wenig?’ [Zitat, Artikeltext] – nicht, denn Anekdoten [1] sind bubble-bildend sozusagen, günstiger hier die Sicht auf sogenannte Statistiken.

      MFG
      Dr. Webbaer

      [1]
      Bonmot:
      Anekdoten sind Gedankenexperimente, von denen behauptet wird, dass sie stattgefunden haben.

  2. Wie so vieles , was so furchtbar modern zu sein scheint , ist auch die “Filterblase” Teil des wichtigen Neu-Journalisten-Sprechs.
    Wenn die zuständige Jury gut drauf ist , benennt sie für 2016 zwei Unwörter , “Filterblase” und , als zusätzliches “Ehren-Unwort” , das Wort des Jahres , “postfaktisch” , das aus der gleichen Dampfplauderer-Ecke kommt.
    Richtig , Filterblasen hat es schon immer gegeben und es wird sie immer geben.
    Ob eine Gesellschaft das aushält , ist wohl eine Frage der Dosis. Wird sie zu hoch , wie auch heute wieder , entlädt sich die Spannung irgendwann , bisher meist mit dem Ergebnis irgendeines Kriegsausbruchs.
    Man darf gespannt sein , wohin sie sich demnächst bei uns entlädt , der große Krieg ist uns als Reformmotor abhanden gekommen.

    • @ DH :

      Richtig , Filterblasen hat es schon immer gegeben und es wird sie immer geben.
      Ob eine Gesellschaft das aushält , ist wohl eine Frage der Dosis.

      Sogenannte Filterblasen meinen, wie womöglich auch im dankenswerterweise hier bereit gestellten WebLog-Eintrag ausgeführt, positiv konnotiert die Suche der erkennenden Subjekte, die auch zu Zeiten des Internets ausschnittsartig, näherungsweise und an Interessen gebunden (!) individuell zu erfolgen hat, negativ korreliert, dass zu Zeiten des Internets Suchmaschinen-Anbieter wie Google (die nicht ganz “ohne” sind, auf Grund ihres Geschäftsmodells) erkennende Subjekte, sog. Webnutzer, früher auch “Surfer” genannt, sozusagen im Selbstreferenziellen gefangen halten könnten, so dass sie nie mehr aus ihrer (dann: selbstverschuldeten) Unmündigkeit heraus kämen.

      Schwierig, die neg. Konnotation müsste abär “etwas für die anderen” sein, S. [1]

      MFG
      Dr. Webbaer (der hier keine bes. Problematik in puncto Dosierung sieht, warum sollte eine derartige vorliegen? – Nice1! auch das mit dem ‘Krieg als Reformmotor’, war es Heraklit oder Hegel? – zudem werden Verteidigungskriege (gerechte Kriege >:->) ohnehin anstehen)

      [1]
      ‘suboptimal’

  3. In der Filterblase der sich liberal fühlenden Welt wurde das Wort Filterblase geprägt und verbreitet, als man realisierte, dass es tatsächlich Leute gibt, die dem Brexit zustimmten oder die Trump wählten. Denn so etwas scheint nur möglich in einer völlig anderen Welt, in einer Welt in der nicht die New York Times oder die Zeit gelesen wird, sondern wo FoxNews und die Breitbart-Medien den Blick wie Scheuklappen einengen.

    Aber tatsächlich gibt es heute weit mehr als vor 20 oder auch nur 10 Jahren gegeneinander abgeschottete Echoräume. Vor 20 Jahren konnte man noch recht zuverlässig davon ausgehen, dass der Nachbar ebenfalls die Tagesschau (und zwar dieselbe Tagesschau desselben Senders) gesehen hatte, dass er das aktuelle Fussballspiel oder eine bestimmte Diskussionssendung mitverfolgt hatte. Heute dagegen kann man das nicht mehr wissen. heute kann der Nachbar in einer ganz anderen Welt leben, in der ganz andere Dinge wichtig sind. Und das nur weil der Nachbar andere Seh- und Hörgewohnheiten hat und sich mit anderen Inhalten abfüllt.

    Gut kann man sagen: Mag sein, dass der Nachbar in einer anderen Realität lebt. Doch wenn ich ihm begegne und ihn grüsse, dann teilen wir doch für kurze Zeit die gleiche Realität, dann erleben wir das Gleiche. Doch wer weiss, vielleicht verschwindet auch das irgendwann und ich erlebe einen anderen Nachbarn als andere Nachbarn des betreffenden Nachbarn. Zum Beispiel weil ich andere Dinge über den Nachbarn weiss als ein anderer Nachbarn. Oder weil ich die Welt aufgrund meiner Existenz in einer virtuellen Welt überhaupt völlig anders wahrnehme.

  4. @Dr.Webbaer

    Die Endstufe der Filterblase ist der Krieg , siehe Jugoslawien.
    Martin Holzherr schreibt “vielleicht verschwindet auch das irgendwann”.
    Das ist in J. wahrscheinlich passiert , man hat das oft gehört , daß sich “vorher friedlich zusammenlebende Nachbarn” plötzlich (?) als Feinde gegenüberstanden.
    Der Krieg als Reformmotor war natürlich sarkastisch , aber auch optimistisch.
    Denn was wir heute erleben , ist an vielen Stellen nichts weniger als Kriegsvorbereitung , die Filterblasen sind da nur eins der Symptome.
    Nur wird es höchstwahrscheinlich nicht mehr zum großen Krieg kommen , was uns aber nicht davon abhält , sich erstmal wieder so zu verhalten wie in den Jahrhunderten zuvor.

    • @ DH :

      Die Endstufe der Filterblase ist der Krieg , siehe Jugoslawien.

      Klingt apodiktisch, allerdings konnte der sogenannte Ostblock weitgehend friedlich abgeräumt werden.

      Sehr schön war vor etwas mehr als 25 Jahren in diesem Zusammenhang für einige das Platzen der Filterblase “westlicher” Linker, die irgendwie davon ausgingen, dass gleichberechtigte und annähernd leistungsstarke Gesellschaftssysteme miteinander konkurrierten.
      Dr. Webbaer hat diese Wende zeitnah genutzt um ihm bekannte politische Linke abzufragen, wie sie den Vorgang so einschätzen, wie sich nun fühlen, lol.

      Die lebten wirklich, wie im Ex-Post festgestellt werden kann, in Filterblasen; das, was heutzutage mit Filterblasen gemeint ist, nämlich dass durch sog. Soziale Medien Nutzer des Internets an sog. Fake-News gebunden sozusagen postfaktisch nicht mehr ihre Meinung sinnhaft pflegen können, weil sie permanent desinformiert werden, trifft nicht den Punkt und müsste pol. Agitation sein.

      MFG + Ihnen alles Gute im Frohen Neuen!
      Dr. Webbaer

      • Vor allem Linke waren enttäuscht , für die der reale Sozialismus eine Alternative war. Die meisten West-Linken waren da vernünftiger und hatten das nie so gesehen.
        In den 90ern gab es eher das Problem , daß reihenweise Linke umgekippt sind und sich selber das Gehirn im kapitalistischen Sinne gewaschen haben , wovon sich die Linke erst heute langsam erholt.
        In dem Sinn dann auch wieder eine Filterblase , gerade die lautstarksten und dogmatischsten Linken sind nicht selten zu den eifrigsten Neoliberalen geworden , sie haben nur die Farbe der Blase gewechselt.
        Ebenfalls ein Frohes Neues.

  5. Holzherr, DH
    Filterblasen und meine Sicht der Dinge,
    wozu doch Wortschöpfungen doch gut sind.!

    Filterblasen sind positiv zu sehen, wenn ihr Inhalt positiv ist. Sie sind gemeinschaftsfördernd und sie sind sinnbildend. So wie sich die Hirten vor 2500 Jahren auf einem Feld über die Pharaonen unterhalten haben, so unterhalten wir uns jetzt über Donald Trump. Ändert das etwa an der gegenwärtigen Situation? Wohl kaum. Aber es kann sich etwas ändern, wenn wir unsere Filterblase mit der von unserer Angie vergleichen. Wenn die Differenzen zu groß werden, dann marschiert die Pegida auf und dann ist der soziale Friede in Gefahr.
    Eine andere Filterblase ist die Außenpolitik der EU. Die konkurriert mit der Filterblase von Putin oder der von Trump. Das Versöhnliche daran ist, dass sich blasen, wenn sie sehr nahe zusammen kommen, sich auch verbinden können zu einer noch größeren Blase.
    Das wünsche ich mir für 2017.

    • @ Eire ..Filterblasen sind positiv zu sehen, wenn ihr Inhalt positiv ist..

      Da liegt ja gerade das schlimmste Problem, wenn jeder seine eigene Meinung und Weltsicht nur für positiv hält.

  6. @Eire

    Sie meinen das Gegenteil dessen , was mit den Filterblasen gemeint ist. Die Gefahr besteht in der Abschottung durch die Fixierung auf die FB. Was Sie beschreiben , ist das , was wünschenswert ist und geeignet , die Abschottung zu überwinden.
    Stimme zu , je mehr Überwindung , desto besser.

  7. Eigentlich unsinnig über Filterblasen nachzudenken. Der Mensch ist ein soziales Wesen und sucht Gemeinschaft. So wird es hoffentlich auch bleiben.
    Er wurde nicht gefragt in welche Welt er hinein geboren wurde und ob überhaupt. Welche Gene ihm mit gegeben wurden. Wie Krank oder Gesund. In welcher Umgebung er aufwachsen muss. Welche Erfahrungen er sammeln muss, gute und schlimme. Und nur wenn es gut geht, halten die sich in der Waage. Erst ab einem bestimmten Entwicklungsstand sind wir überhaupt und dann schon enorm vorbelastet überhaupt in der Lage diese Vorgaben noch etwas und wie wir meinen, zu korrigieren. Aber auch ein Leben lang gibt es Einflüsse von außen, die unsere Weltsicht verändern. Was da so mit dem Wort Filterblase abgetan wird, ist doch nur der Versuch sich möglichst mit vielem Gleichgesinnten zu umgeben. Denn will schon allein nur mit seiner Sicht und Schicksal leben. Aber in allen diesen Blasen, mögen sie noch so unterschiedlich sein, wird sich ein Körnchen Realität und Wahrheit wiederfinden. Die Blasen sind doch wie Seifenblasen. Sie entstehen, gehen manchmal ineinander über, aber irgendwann platzen sie.
    So gab es viele Wege nach Rom und so gibt es viele Realitäten und Wahrheiten. Wer das verinnerlicht hat, wird auch nicht ewig in ein und derselben sogenannten Filterblase verharren und Andersdenkende achten. Trotz Digitalisierung mit ihren enormen und weiter zunehmenden weltweiten Kommunikationsmöglichkeiten, wird die Welt erst recht nicht uniform werden.

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