Heartstormings statt Brainstormings!

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Leider muss ich so viele Brainstorming-Meetings miterleben. Es ist grauenvoll. Kreativität ist nämlich harte Arbeit bei sehnendem Herz! Und eben nicht so etwas Eigenartiges, was wir da normalerweise in größeren Gruppen anstellen. Das haben uns Psychologen und Managementberater eingebrockt, die mit der Moderation von solchen Selbsthilfegruppensitzungen schön Geld verdienen, ohne je selbst eine Idee haben zu müssen. Sie berechnen all den Unsinn, der uns selbst einfällt. An den glauben wir ja eher – ja, ich verstehe diesen Punkt auch.

Ideen kommen heran, wenn sich das Herz etwas vom Gehirn erwünscht. Wenn sich das Herz sehnt nach einem Ziel, wenn es am Meer steht und in die Weite will, wenn es vor dem Berg die Augen erhebt und den Pfad nach oben sucht. – Wenn es auf Entdeckungsreise ist oder ein Problem lösen will. Wenn die Begeisterung flammt und uns weiter und höher hinaus tragen will. Das Suchen nach Ideen ist wie ein Abenteuer zu etwas Aufregendem hin. Ideen selbst sind wie Erwachen des Herzens und Licht überall.

In der SZ vom 16. Januar 2009 werden neue wissenschaftliche Erkenntnisse ausgebreitet. Brainstorming bringt gar nicht viel! So heißt es da. Ja, was ist denn nun wissenschaftlich? Was stimmt denn nun? Hü oder Hott? Und bei aller widersprüchlicher Wissenschaftlichkeit – ich kann doch selbst sehen, wie jämmerlich wenig herauskommt! Das sehen übrigens so ziemlich alle, aber sie wissen nur zu gut, dass dieses elend Wenige besser als nichts ist. „Sehen Sie, wir beschäftigen uns sonst nur mit dem Tagesgeschäft. Da ist es so wohltuend gesund, auch einmal an das Wichtige zu denken, wenigstens für ein Stündchen. Wir können natürlich nicht in einer Stunde die großen Ideen erzeugen und auch nichts auf den Grund durchdenken, aber es ist besser als nichts.“

Und so verfangen wir uns in Brainstormings. Wir treffen uns in einem Meeting und bekommen eine simpel klingende Aufgabe, die titanisch schwer zu bewältigen ist. Meist eine dieser Art: „Welche neuen Produkte fallen uns ein?“ Entsetzlich. Keiner ist auf solch ein Problem vorbereitet, obwohl wir alle wissen, dass es DAS Problem sein könnte. Kaum jemand von uns hat Ahnung von Neuerungsdurchsetzen oder erfolgreicher Innovation, alle haben aber eine feste Stammtischmeinung, die sie sich bei Misserfolgen gebildet haben. Keiner will etwas vorschlagen, was den eigenen Bereich schädigt. Es ist aus Eigennutzsicht plötzlich gar nicht mehr klar, ob man überhaupt neue Produkte braucht, es genügt oft, die alten etwas besser zu machen – neue Farbe, neues Logo! Das Management aber drängt auf Geschwindigkeit und Neuheiten. „Wir müssen besser werden. Wir müssen Mitarbeiter freisetzen. Helfen Sie uns, es mit der Hälfte von Ihnen zu schaffen.“ Die Moderatoren eines Brainstormings tun höflich so, als wären die erforderlichen Antworten schon a priori im Hirn, wie auf einer Festplatte gespeichert. Die Antworten müssen nur durch Scannen unserer Hirndaten entdeckt werden. Nicht durch harte Denkarbeit erdacht – nein! Sie sind angeblich alle schon da. Wenn in einem Einzelgehirn nichts zu finden ist – macht nichts! Brainstorming wird ja als Massenveranstaltung abgehalten, irgendein Hirn wird doch etwas zur Sache beitragen können. Wenn keinem etwas einfällt, verrät der Moderator, welche Ideen derjenige hat, der seine Rechnung bezahlt. Am besten wäre es, allen fiele ganz von selbst begeistert ein, wozu sie der Chef sonst zwingen müsste. Seine Idee ist ja auch nicht von ihm, sondern sie wurde ihm in einem früheren Brainstorming selbst von einem höheren Moderator aufgezwungen.

Brainstorming! Legen wir also die Stirn in Falten! Pflügen wir das Hirn um! Da redet der Erste schon los, der Moderator moderiert ihn erfolglos Die anderen versuchen verzweifelt, auch einmal zu Wort zu kommen. Das Zu-Wort-kommen-Müssen blockiert jede weitere Hirntätigkeit für längere Zeit. Alle plappern was anderes und unsere Idee passt längst nicht mehr in die Diskussion, wenn wir mal dran sind, etwas zu sagen. Es wird vor den Augen des Chefs gebuhlt und um Glanz gekämpft. Die Mehrheit findet schnell ein gruppentaugliches Banalthema: „Wir sind gut, aber es hat keiner gemerkt, weil wir zu stark arbeiteten und leider nicht unsere irren Erfolge adäquat kommunizierten. Wir müssen besser prahlen als andere!“ Ach je, und wirklich gute Ideen brauchen zu viel Erklärung und Tiefe und werden deshalb sofort ausgegrenzt. Die echt Kreativen kommen nicht zu Wort oder werden gar nicht  verstanden und verzweifeln. Komplexe Ideen werden niedergemacht. „Es muss leicht umsetzbar sein. Die Umsetzung soll schnell gehen und sofort Früchte tragen, dafür darf sie nichts kosten.“ Damit wird den Ideen Stress gemacht. Unter Stress aber verderben die Ideen. Unter Stress versiegt die Kreativität der Kreativen.

Unter Stress siegen Pseudo-Ideen wie: In den Köpfen muss sich etwas ändern! Wir müssen mehr Disziplin haben, mehr Speed! Verantwortung zeigen und Willen! Die PS auf die Straße bringen! Endlich „nur noch“ das umsetzen, was wir schon so oft beschlossen haben! Wir wissen ja, was wir tun müssen, es fehlt nur an der Umsetzung! Wir brauchen einen neuen Projektnamen, damit es wie eine brandneue Idee aussieht! Dann nur noch Leute, die es tun! Wir schauen in die Runde in die verlegenen Gesichter. Wenn Gesichter aufgezwungene Verantwortung oder drohende Sinnlosaktionen wahrnehmen, schauen sie weg wie von einem Bettler. Das darf nicht sein! Und deshalb müssen wir den fahlen Gesichtern Milestones, Measurements und Trackings verpassen, Ziele eben und Termine. Wir versprechen ihnen die dafür nötigen Mittel, die es aber faktisch nicht geben wird. Man muss KREATIV sein, um die Ziele herzaubern zu können.

Brainstormings führen in solcher Weise nicht zu Ideen oder Plänen, sondern zu Aktionismus und Folgefrust wegen der voraussehbaren Fehlschläge. Und ich stelle immer wieder die Gretchenfragen, hier an Sie: „Warum bereiten wir uns nicht vor? Warum arbeiten wir uns nicht vorher in die Problematik ein? Warum bringen wir nicht schon gute Ideen mit? Warum dürfen alle bei neuen Ideen mitmachen? Warum nicht nur die, die so etwas können und am besten ihre Fähigkeiten schon bewiesen haben? (Viele Kochlehrlinge verderben nicht nur den Brei, sie reden nur welchen.) Warum scheiden wir nicht schon vor dem Meeting unsinnige Ideen aus und reden nur über die, die es wert erscheinen?“

Ich weiß es ja: Brainstormings sind fast immer eine Inszenierung von festem Erfolgswillen für adrenalingeflutete Gehirne. Unsere Herzen werden ganz vergessen! Die Sehnsucht nach dem Besseren treibt uns doch! Das Herzblut bleibt nicht rational oberflächlich. Das Herz handelt und ist nicht aktionistisch. Haben Sie je ein aktionistisches Herz gesehen? Heartstormings sollten wir haben.

Und wenn da einer ist und ein Herz und sein Blut spenden will – dann, bitte, erschauern Sie bei anderen vor Respekt und lassen dieses Herz dann SEIN Lieblingsrezept kochen, nicht Ihres und nicht das Ihres Chefs … Kochen Sie nicht mit, aber helfen Sie, Gemüse zu putzen und den Tisch zu decken. „Enablement instead of tracking.“ Ein Herz braucht allenfalls Unterstützung, aber keinen Stress, es will ja ganz aus sich allein heraus.

Ja? Wirklich? Und wer hat jetzt die Kontrolle? Was, wenn es schief geht? So wird oft gefragt. Die Kontrolleure aber setzen nur aktionistisch Aktionen auf, bringen aber letztlich nichts hin. Und wenn jetzt ein Herz etwas Wirkliches tut, ist es schon weiter, als sie je kommen. Ist es zuviel verlangt, das zu würdigen? Ohne den Versuch einer Kontrolle? Wussten Sie, dass spontaner Beifall eine gute Kontrolle ist? Oder glänzende Augen?

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

6 Kommentare

  1. “Das Zu-Wort-kommen-Müssen blockiert jede weitere Hirntätigkeit für längere Zeit.” – wie wahr, leider. Eigentlich arm, mehr nicht. Es geht ums gehört werden nicht ums hören. Meistens hindert der eiserne Ehrgeiz eigenes Wort loszuwerden daran neues aufzunehmen. Ist das kein Signal für die falschen Ziele? Zumindest für einen Manager? Sollte das Ziel nicht sein, eine best mögliche Lösung zu finden? Oder wird geglaubt im eigenen Wort stecke diese Lösung? Schade nur, dass Worte mit wirklichem Wert in solchen Runden meistens gar nicht erst zum Vorschein kommen. Wieso auch.

  2. Brainstorming – Kreativität auf Knopfdru

    Ein “Gehirnwetter” auf Knopfdruck her- beiführen. Synergie-Sofort-Wollen-Lösungen zwanghaft erzeugen? Prozeßarbeit ist hier der Schlüssel. Und: Das Gehirn und auch das Herz des Menschen sind nur im entspannten Zustand kreativ und somit lösungserzeugend!

  3. m.E. eher trübe Aussichten

    Ganz einfach ist dies Thema nicht.

    Ich kann mich erinnern: Manche Arbeit meinerseits ist in der Vergangenheit auch unter enormem Stress, zeitlichem Engpass, zeitraubender Kontrolle und im unter diesen Bedingungen noch möglichen Austausch (auch Brainstorming) mit Anderen zwar nicht maximal kreativ ausgefallen, aber was ich damals – gestresst – berücksichtigen konnte war ein Vielfaches dessen, was ich in Ruhe präsent gehabt hätte. Und es gab Erfolge.

    Um sogleich ein falsches Bild zu vermeiden. Ich halte es lieber mit dem Spruch „keep it simple“, und dem gleichnamigen Song von Van Morrison.

    Die Erfahrungen, von denen ich schreibe, machte ich in den Jahren 2000 bis 2003. Seither hat sich Etwas grundlegend geändert – zumindest in meinem Arbeitsumfeld.
    Der Erfolg oder Misserfolg lag damals weniger an dem Stress, in den man mich versetzte oder dem, was ich /wir mit-entwaurfen und was man dann umsetzte. Es lag letztendlich am Wille (bzw an der aus Anstand zumindest gegebenen passiven Akzeptanz) aller Beteiligten, etwas Neues zum Erfolg zu bringen – auch wenn der eigene Name nicht ganz oben steht.
    Das Entscheidende ist meiner Meinung nach: Diese Form des Anstands – andere etwas kreativ tun zu lassen und es passiv erfolgreich werden zu lassen oder gar zu unterstützen – ist der Mehrheit hops gegangen. Die innere Grenze ist weg. Man schafft hintenrum gegen Jeden, der gut ist, weil er gut ist. Es herrscht nur mehr kalte Macht, Durchsetzungswille – auch wenn die „Gegnerische“ Seite das richtige Konzept hat. Dies gilt leider auf allen Ebenen, des Managements wie auch bereits zwischen Mitarbeitern.
    Es geht leider primär noch nicht ums „Würdigen“, wie Herr Dueck schreibt, sondern im ersten Schritt nur ums Akzeptieren, dass es etwas anderes gibt als Wettbewerb (mit allen Mitteln), als „Ich“ und „mein Erfolg“.
    „Glänzende Augen“? – sieht man zwischen 7 morgens und 7 abends nur am Wochenende daheim. – Hier gibt es keine Krawatte, die etwas zählte ausser den verbrauchten Platz im Schrank!
    – So, und jetzt “keep it simple” hören…

  4. Brainstorming

    Bei nochmals genauem Nachdenken finde ich die Ansammlung von frei assoziierten Gedanken verschiedener Menschen zu einem Thema kreativ und erfolgreich. Frei assoziieren heisst ja auch, nicht bewerten, nicht analysieren, einfach schauen, was da in den Sinn kommt, alles in einen Topf werfen und dann ein neues Bild entwerfen.

  5. Brainstorming?

    Hallo, Brainstorming ist keine so besonders gute Methode und ich dachte, sie sei veraltet. Ich bin überzeugter TRIZer, da lernt man unter Anderem, dass die Formulierung des Problems von entscheidender Bedeutung ist, und wird schon methodisch in eine sinnvolle Richtung geführt.

    Da ich gerade auf der Suche nach Problemen für die Kreativitätsvorlesung bin, schicken Sie mir doch mal eine Aufgabe!

    Gruß,

    kai.hiltmann@hsg-imit.de

  6. Brainstorming ist eigentlich von der Idee her simpel und gut: Tausche mit anderen deine Gedanken, lass dich von deren Ideen inspirieren und inspiriere andere mit deinen Ideen.

    Das wird jeden Tag erfolgreich gemacht. Vielleicht nicht unbedingt in Brainstorming Meetings mit Moderator, Protokoll und dem ganzen Drumrum, aber an der Kaffeemaschine, oder auf dem Weg in die Tiefgarage, beim Mittagessen.

    Die Kunst dabei ist, die richtigen Leute zusammen zu bringen; Leute, die offen für Ideen anderer sind.

    Dann braucht es nur noch das erwähnte enablement, um etwas zu erreichen. Das ist oft das größere Problem 😉

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