Halbleiterblasen sind es – nicht Filterblasen!

Halbleiter leiten den Strom unterschiedlich, in der einen Richtung mehr/alles, in der anderen weniger/gar nicht. Kennen Sie den Begriff des Halbleitermanagers? Das ist einer, der alle Befehle von oben nach unten durchstellt, aber keine Mitarbeiterinformationen (Warnungen, Klagen, Unstimmigkeiten, Unzufriedenheit, tatsächlich gemessene Abgaswerte) nach oben meldet. In einem Halbleitermanagement blitzt alle Information per Druck oder Massenmail nach unten, aber es findet keine Kommunikation nach oben statt. Oben wissen sie daher von nichts. Mitarbeiter argwöhnen, die da oben schweben in höheren Welten – das kommt von der Halbleitung der Halbmanager.

In der letzten Zeit ist im Netz immer mehr von Filterblasen die Rede. Es geht darum, dass man bei Facebook oder beim Googeln „personalisierte“ Inhalte zu sehen bekommt, also vorzugsweise solche, die zum eigenen Weltbild passen. „Das spricht mir aus der Seele“ scheint heute das größte Entzücken auszulösen, nach dem sie alle gieren. An einem Diskurs besteht eher wenig Interesse. Im Internet bilden sich daneben auch viele kleine Communities, die sich mit einem speziellen Interesse abzukapseln scheinen, wobei besonders Verschwörungstheorien schillernde Interessensgemeinschaften erzeugen. Nehmen wir als Beispiel die geschätzten zwanzigtausend Chemtrail-Besorgten, die fest daran glauben, dass man in Flugzeugkondensstreifen sehen kann, wie finstere Mächte Gifte in den Ausstoß mischen und Tag für Tag irgendetwas Dunkles über die Menschheit sprühen. Will man das Bevölkerungswachstum hemmen? Sind da C-Waffen im Einsatz? Da kommt mir spontan die Verschwörungs-Idee, dass der Papst den Flugzeugen vielleicht immer Weihwasser mitgibt – tut er das? Ich kann auch einigermaßen sicher beweisen, dass in den Kondensstreifen Wasser enthalten ist. Ich weiß jetzt aber nicht wirklich, ob der Papst tatsächlich so agiert, aber ich lasse das einmal als Anregung an ihn hier stehen: „Der Segen von oben.“

Verschwörungstheoretiker sind absolut beratungsresistent. Sie können durch keine noch so harten Beweise überzeugt werden, dass ihre Theorie falsch ist. Sie sind auch an keinen Beweisen interessiert. Sie wollen aber schon, dass sich die ganze Welt ihren Sorgen anschließt und die Kondensstreifen abschafft. Und Sie sehen an diesem Beispiel, was eine Halbleiterblase ist: Kein Argument dringt nach innen ein, laute Argumente werden nach außen hinausposaunt. Verschwörungstheorien bilden die Grundlage für extreme Halbleiterblasen: nichts rein, alles raus.

Nun gibt es gemäßigte Halbleiterblasen, in die ein bisschen hineindarf und vieles rausgeht. Fallen Ihnen solche ein? Die katholische Kirche sitzt in einer Halbleiterblase, die der Papst Franziskus gerade zu mäßigen sucht – denn gerade will man noch die Weltferne beibehalten und gleichzeitig erwarten, dass sich die ganze Welt missionieren lässt. Veganer wollen uns alle verändern, lassen aber oft nicht so wirklich mit sich reden. Viele Unternehmen schotten sich als Halbleiterblasen hermetisch ab und posaunen aber über alle Kanäle, dass sie Mega-Giga-Super-Firmen sind. Halbleiterblasen sind tendenziell nicht offen. Innen hüten und brüten sie die reine Lehre, nach außen wird die Lehre verbreitet.
Viele Verbände sind Möchtegernhalbleiterblasen. Sie diskutieren innen in langen Meetings amateurhaft-zufällig die Interessen ihres Verbandes und jammern unablässig, dass ihnen außen keine Aufmerksamkeit gegönnt wird. „Wir hätten so gerne mehr Mitglieder – wir geben doch unseren ganzen Etat für Sichtbarkeitsberater aus, wir haben ein neues Logo. Außer Mitgliederwerbung kommen wir zu nichts mehr.“ Fallen Ihnen noch mehr Halbleiterblasen ein?

Die politischen Parteien waren einmal Halbleiterblasen, und wie! Da liefen Stacheldrahtzäune durch die Familien. Die Parteien hatten damals beratungsresistente oder eben stabile Grundideen, zu denen sie fest standen und deretwegen sie gewählt wurden. Das war ihnen aber nicht genug, nur von der eigenen Halbleiterblase Stimmen zu bekommen. Daher öffneten sie sich, orientierten ihre Grundideen zur Masse hin (gaben sie also weitgehend auf) und wurden so zu … ja, äh, zu bunten Blasen. Ohne Halbleiter, ohne Filter.

Ich will sagen: Die Halbleiterfunktion ist ja nicht an sich schlecht, es kommt darauf an: auf das Maß der Offenheit nach außen, der Festigkeit im Innern und der gesunden Tendenz, andere mitzunehmen und deren Kritik ernst zu nehmen.

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich “Wild Duck”, also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie “Teil des technologischen Gewissens”. Ich habe mich viel um “artgerechte Arbeitsumgebungen” (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um “artgerechte Haltung von Menschen”!
Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen.
Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater – und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe.

Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren.

Gunter Dueck

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich will sagen: Die Halbleiterfunktion ist ja nicht an sich schlecht, es kommt darauf an: auf das Maß der Offenheit nach außen, der Festigkeit im Innern und der gesunden Tendenz, andere mitzunehmen und deren Kritik ernst zu nehmen.

    Mit diesem Schlusswort bleibt nicht mehr viel für Eigenmeinung übrig.
    Doch, noch etwas, dass die Religionen als Filterblase “abgewatscht” werden, das ist nicht hinzunehmen.
    Das hat Papst Franziskus nicht verdient. Die Kirche ist eine staatstragende Institution und keine Filterblase.
    Unser aller Schöpfer ist Realität und keine Filterblase.
    Verschiedene Meinungen als Blasen hinszustellen, das ist kulturlos!

  2. Verschwörungstheoretiker sind absolut beratungsresistent.

    Hier setzt es einen Minuspunkt!
    Theoretiker folgen Theorien und diese sind per se falsifizierbar, wenn die Datenlagen nicht mehr zur Sichtenbildung -eine Theorie ist eine Sicht- passen.

    Gemeint waren von Herrn Dr. Dueck ganz anscheinend :

    Verschwörungsmystiker

    Gnostiker, Schamanen und so; Dr. W rät (auch hier) an bestmöglich zu unterscheiden zu suchen, also zwischen womöglich nur irritierten Theoretikern und sozusagen gänzlich bekloppt Gewordenen.

    MFG
    Dr. Webbaer (der bei Verschwörungstheorikern keineswegs in Generalkritik macht, sie gar verdammen will, siehe Artikel-Text, sondern der oft sozusagen noch bekloppter, der diesbezüglich der bekloppteste Idiot (das Fachwort, muss nicht negativ konnotiert werden) werden will; manchmal – im kompetitiven Sinne)

  3. “Veganer wollen uns alle verändern, lassen aber oft nicht so wirklich mit sich reden.”
    Das stimmt nicht. Veganer wollen in ihrem Leben auf tierische Produkte aller Art verzichten und wünschen sich einfach nur, dass der ihr Lebensstil gesellschaftlich akzeptiert wird und dass man sich nicht über Veganer lustig macht. Ich bin übrigens kein Veganer, sondern überzeugter Fleischesser.

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