Groll – „Ich warte, bis du dir den Anschiss abholst“

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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„Schatz, was hast du?“ – „Nichts.“
Das wird gefährlich. Anders klingt: „Schatz, was hast du?“ – „Nichts, warum fragst du?“
Im ersten Fall weiß „Schatz“ genau, worum es geht – um tiefsitzenden Groll, der innen drin gärt und zugedeckt bleiben soll. Der Groll hat keine Empathie für den besorgt Fragenden: „Es ist nichts.“ Hinter das Wort „nichts“ setzt der Groll einen Punkt, kein Ausrufezeichen. Er hält sich verdeckt.
„Schatz, ist wirklich nichts?“ – „Nein, nichts.“ – „Schatz, du hast doch etwas, ich sehe es dir an.“ Das soll man auch wohl, aber die Ursache des Grolls soll geheim bleiben und quälen. „Schatz, bitte, ich kenne dich schon so lange, es ist etwas!“ – „Nein, reg‘ mich jetzt nicht auf, ich habe jetzt schon ein paar Mal gesagt, dass nichts ist.“ – „Aber da ist wirklich etwas – lass uns doch bitte nicht wieder Loriot spielen.“ – „Es macht mich langsam wahnsinnig. Sag doch, was los ist.“ – „Nichts.“ – „Schatz, ich habe dieses Ritual satt. Es ist immer etwas, wenn ich das fühle und dich danach frage, ohne Ausnahme. Deshalb habe ich auch jetzt Recht. Also was ist?“ – „Aha, du hast immer Recht. Wie schön. Nichts hast du!“ Nach zwanzig weiteren Runden und drei Tage später platzt der Kragen: „Du hast vor 14 Tagen gesagt, ich gebe ganz schön viel Geld aus. Wie kommst du dazu? Es ist mein Geld…“ – „Das habe ich nicht gemeint.“ – „Doch, du hast gesagt, ich gebe schön viel aus. Willst du sagen, ich bin taub?“ – „Gesagt habe ich es, aber nicht so gemeint.“ – „Aha, aber du gibt also zu, dass du es gesagt hast. Also!“ – „Ich streite es nicht ab, ich will nur sagen, dass es anders gemeint war.“ – „Wie denn, bitte, kann es anders gemeint sein, als du es gesagt hast? Ich will gar nicht hören, wie es gemeint ist. Zum Kotzen, wie ein Politiker. Ich bin leider leider leider missverstanden worden…“

Es gibt lehrreiche Internetratgeber über Groll. Die raten dem Grolligen – das klingt schöner als Grollenden, finde ich – zu Atemübungen, Leichtnehmen oder Kommunikation gegen das giftgleiche Grollen. Ziel ist es, das Bohren im Innern loszuwerden.
Man müsste zusätzlich noch Seminare anbieten, wie man versteckten Groll von außen sicher erkennt und von außen aus wegbekommt. Dreißig Mal „Was hast du?“ fragen und dann eine Schmutzlawine abzubekommen ist nicht so lustig und verlangt sehr viel Einigungswillen. Geht es kürzer? Ich weiß nicht.
Vielleicht muss ich, denke ich, viel mehr Respekt ausdrücken, Anerkennung zollen, ein bisschen mehr bewundern – dann habe ich so viel Pluspunkte auf einem Konto gesammelt, dass der Groll den Kontostand nicht wegen eines missverständlichen Satzes negativ werden lassen kann.

Ich habe einmal an einem Kollegen über Monate nur ganz schwach gefühlt, dass er etwas gegen mich hat. Es war aber so schwach, dass es nie eine Schwelle gab, wo ich „Was hast du?“ hätte fragen können. Wir fuhren dann einmal zwei Stunden zu einem Event. Da fasste ich mir ein Herz und meinte, ich wäre wohl irgendwie in Ungnade gefallen. Nach langem Zögern: „Ich sollte einmal Manager werden, gerade in der Zeit, als auch du zum Assessment [Anm.: eine sehr harte Prüfung auf Eignung] musstest. Ich bin mit Pauken und Trompeten durchgefallen, du nicht. Immer, wenn du jetzt als Manager agierst, erinnere ich mich. Ich finde mich doch auch gut genug! Sie haben mich förmlich geköpft. Ich soll mehr so sein wie du, sagten sie mir indirekt. Und deshalb habe ich angefangen, Hass zu fühlen, wenn du da bist. Es ist nicht gegen dich, du bist okay, ich muss nur meinen Gram stumm ableiten können. Ich leide. Ich weine innerlich. Es ist ungerecht.“
Oder: Ich hatte bei einer Umfrage an meine Mitarbeiter, ob ich als Manager ihre Karriere fördere, nur sehr guten Noten bekommen – und dazu eine glatte „Sechs“. Ich war sehr betroffen, weil mir die anonyme Umfrage etwas ankreidete, wo ich ein absolut reines Gewissen hatte! Ich forderte im Team Meeting, dass sich der Betreffende bitte in mein Büro begeben sollte, dann würde ich den Fall fixen. Nichts geschah. Ein Jahre später war Beförderungsrunde. Ich gratulierte im Teammeeting dem neuen „Senior“. Am nächsten Morgen kam er herein und sagte leise: „Ich war das mit der Sechs.“ Und es kam dies heraus: Er war vor langer Zeit bei mir gewesen und bat um eine Beförderung. Ich sagte, die sei schon in Bearbeitung, es würde aber so etwa 18 Monate dauern, weil es nur eine sehr begrenzte Zahl von Beförderungen im gesamten Bereich gäbe. Ich müsse ihn bei der nächsten Runde zunächst sehr stark hypen – ich würde seine Promotion also sehr lautstark und insistierend fordern und dabei wohl gegen schon länger gesetzte Kandidaten „verlieren“. Dann aber wäre er nach ein bisschen Gezeter und Theater auf einem sicheren Platz für das Jahr drauf. Er müsse absolut nichts mehr in der Sache tun, nur eben achtzehn Monate warten. Ich hätte alles sicher im Griff.
Er wartete und wartete. Er vertraute mir nicht ganz. Er wurde sechs Monate später nicht befördert. Das war ja klar. Es begann trotzdem zu gären. Er beobachtete mich und sah nichts. Das wertete er natürlich negativ – er war schon grollig. Dann –als er genau nach Plan befördert war, stand er vor mir. „Ich war das.“ Niemand hatte sich gegen ihn verschworen, alle mochten ihn, er aber grollte, weil er nicht vertraute. Und ich habe den Fehler begangen (ich kann mich heute noch ärgern), ihm nicht nach sechs Monaten jeden Monat neu gesagt zu haben, dass es weiterhin gut aussähe. Ich habe es ihm nur nach sechs Monaten gesagt: „Es hat wie erwartet nicht geklappt, aber nächstes Mal ist es sicher.“ Rational ist es sinnlos, jeden Monat zu sagen, es sehe gut aus, denn die Beförderungsrunden sind nur einmal im Jahr. Dazwischen passiert doch nichts! Aber es tut den anderen gut, es immer wieder zu sagen. Das hab ich früher nicht gewusst, ich bin zu rational…
Ich kann noch ein paar solche Unglücke erzählen – irgendwie kam es in solchen Fällen zu ganz lang anhaltendem Groll, wozu eigentlich keiner etwas konnte. Und weil gar keine echte Schuld vorlag („Ich habe es nicht so gemeint wie du es auffasstest!“), wurde der Groll nie zur Eruption gebracht. Die Grolligen selbst bringen ihn nicht zur Eruption, sie warten wohl auf „Was hast du?“. Und sie hoffen wohl, irgendwann würde das Unrecht des anderen offenbar – aber wenn sie Pech haben, ist da gar keines. Dann aber kann das Gift des Grolls sie ein Leben lang innerlich kränken.

Der Groll war in allen „meinen“ Fällen viel zu lange im Körper gewesen. Das Gift ging nicht wieder ganz weg, nur weil plötzlich klar wurde, dass es keine wirkliche Grundlage für den Groll gab. Die Ratio stellt die Sache richtig, aber sie entgiftet nicht. Die persönlichen Verhältnisse wurden nie mehr wirklich glücklich. Seltsam, dachte ich. Wenn ich jemanden für böse halte und es stimmt einfach nicht – dann bin ich doch glücklich, dass ich Unrecht habe? Wenn ich einen Denkfehler in mir finde und ihn beseitige, ist das doch gut? Oh, ich bin zu rational. Unrechthaben macht nicht so arg viele glücklich.
Schrecklich, oder? Sie grollen – und wenn es zur Bereinigung kommt, haben sie so etwas wie ein behütetes Baby verloren. Das Gift ist noch drin, es wirkt weiter nach, ab jetzt ganz ohne Grund.

Ich grüble. Mit fällt keine Lösung ein. Also dann. Ich weiß nichts Besseres als das schreckliche „Was hast du?“ – Dreißig Mal, dann einen Schwall Mist über mein Haupt – dann ist das Gift schnell raus.
Geht es besser?

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

3 Kommentare

  1. In Groll – „Ich warte, bis du dir den Anschiss abholst“ finde ich eine gute Bestätigung, dass Gedankenlesen oft funktioniert und funktionieren muss, damit man mit dem Anderen richtig umgehen kann. Jeder sozial Erfolgreiche hat eine gute Theory of Mind des Anderen, des mit ihm Interagierenden. Hier konkret hat der Autor Gunter Dueck den Groll des Anderen herausgespürt. Aber nicht nur das, er hat sogar richtig vermutet auf was sich der Groll des Anderen bezieht. Das bedeutet doch, dass Dinge wie Groll und überhaupt nichtverbales Verhalten ebenfalls eine Art der Kommunikation ist. Offensichtlich kommunziert jemand der Groll zeigt oder sich “komisch” verhält ebenfalls mit den Anderen. Es sind nicht nur seine persönlichen Gefühle, sondern es sind kommunizierte Gefühle. Jeder der dafür sensitiv ist, kann diese nichtverbale Kommunikation lesen und nicht selten zu sehr detaillierten Diagnosen kommen.
    Das heisst doch auch, dass viele die verbale Kommunikation überschätzen. Es ist nicht so, dass man alles mitgekriegt hat, wenn man alle Worte des Anderen mitgekriegt hat.

  2. Nur mal das zweite Beispiel zusammengefasst: Da ist ein solides Kooperationsverhältnis, ein Geber-Nehmer-Verhältnis anzunehmenderweise und auf der Zeitschiene steht ein vereinbarter Kooperationserfolg in Aussicht, mit einer Vorleistung, die der Nehmer zu tragen hat, die u.a. auch im Warten besteht, zwischendurch wird auf Seiten des Abhängigen, pardon, auf Seiten des Nehmers “gegrollt”, eine emotionale Handlung, die in der geschilderten Lage keineswegs naheliegend zu sein scheint.

    Wo ist also das Problem?
    Womöglich wurde das Geber-Nehmer-Verhältnis als solid, aber nicht sozusagen als extra-solid eingeschätzt vom Nehmer, so dass dieser beizeiten “tiltete“.
    Und da Vertrauen, gerade auch in der Wirtschaft, wichtich ist, analysiert der hiesige Inhaltegeber, dass er womöglich einen Fehler in der Personalpflege begangen hat.
    Nö, alles schlüssig, netter Artikel.

    Bonusfrage:
    Die “Beichte” war nett? Oder war es gar kein Geber-Fehler? Zappelte da einer begründet und wurde gar nachtragend, wiederum begründet, oder war alles schlicht ein Nehmer-Fehler?

    MFG
    Dr. W

    • PS:
      Die Antwort könnte darin bestehen, dass beidseitige Fehler vorlagen, dass der ‘Geber-Fehler’ darin bestand den ‘Nehmer-Fehler’ nicht im Püschologischen antizipiert zu haben, allerdings ist dem Schreiber dieser Zeilen diese eher pastorale Sicht etwas schlicht.

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