Facebook & Google + oder “Vom Geheimtipp zum Touristen-Rummel”

BLOG: WILD DUECK BLOG

Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
WILD DUECK BLOG

Nach und nach wird die Internetwelt erschaffen und bevölkert. Ein neuer Raum entsteht, geheimnisvoll glitzernd und nur wenigen bekannt, die dort von ihren ersten Erlebnissen und Urlauben berichten. Zuerst ist es noch idyllisch und intim, die Early Adopter sind unter sich. Dann strömen aber die Touris herein, das neue Land wird überschwemmt. Überall Happy Hour, Billigschmuck und Fakes. Die, die zuerst kamen, sehnen sich wieder nach einem neuen Land. Hier ist es zu laut, zu grell, trivial und zunehmend unehrlich.

Die Imperien kommen und gehen. Immer neu entsteht das einzige wahre und gelobte Land, in dem man sein muss. Haben wir nicht IBM vor Jahren vorgeworfen alles zu beherrschen? Dann fürchteten wir uns vor Microsoft, das ist gar nicht so lange her. Ach, und dieser Wahn des Second Life! Kennen Sie noch Second Life, wo doch bitte absolut jede Firma eine eigene Welt aufbauen musste? Plötzlich fanden wir, wir müssten jetzt alle twittern und xingen, und vor noch weniger langer Zeit wurde Facebook zum großen Mekka der Welt. Die geschätzten Unternehmenswerte steigen von null auf hundert Milliarden und verschwinden anschließend wieder ins Nirwana.

Gibt es nicht auch so einen Lebenszyklus der Internetimperien, die als Geheimtipp wie der brasilianische Urwald starten und dann abgeerntet dahinsiechen?

Es ist wundervoll, das erste Land in Second Life zu besitzen, wunderbar, die Schulfreunde auf Facebook zu finden, herrlich, sich ganz kurz auf Twitter auszutauschen. Dann aber kommt der Blödsinn, das Getrolle, das Hetzen, Mobben – kurz, das Gewöhnliche unseres Lebens. Zu Beginn feiern die ersten Unternehmen fantastische Erfolge mit ihrer Präsenz in Twitter, Facebook oder Second Life – bis die Unternehmensberater mit PowerPoints schweres Geld verdienen, auf denen sie allen Unternehmen suggerieren, sie könnten mit ein paar dauertwitternden Werkstudenten den Shareholder-Value steigern. Die Wirtschaftszeitungen rechnen vor, wie viele Euro ein Twitter-Follower oder ein Facebook-Friend ist, also wird jetzt einfach um Klicks mit allen Mitteln gebuhlt.

Die Idylle verkommt zum lauten Leben wie überall. Immer mehr Leute kommen anonym oder unter fremden Namen, sie legen Fake-Accounts von Prominenten an, sie betrügen bei den Spielen in den Communities, indem sie sich mit mehreren Accounts regelwidrig Punkte und Lunch-Dollar zuschieben. Immer neue Spiele müssen her, aber die vielen Leute verwirren sich zwischen dem vielen Neuen und vereinzeln sich. Irgendwann macht es keinen richtigen Spaß mehr. Es ist Zeit zu gehen.

Seit ein paar Tagen gibt es Google +, ich probiere gerade. Ich war von Anfang an dabei und habe so etwas noch nie erlebt! So ein Glück überall hier, ein neues „Urlaubsland gefunden zu haben“. Noch keine Touristen da, kaum Fakes, keine aufdringlichen Unternehmen oder Eventnotifier wie auf Xing. Die ernsthaften Blogger der Nation testen und üben sich.

Einloggen in Google +! Erst der Schreck – es sieht so spartanisch sauber aus wie auf der Google Search Seite. Nach dem Schreck die Idee, wirklich ein neues Land gefunden zu haben, dass eben spartanisch ist – ja, aber eben noch nicht durch Ablenkungen irgendwelcher Art gestört wird. Google lässt im Augenblick wohl nur Leute rein, die schon einen alten Account bei Mail oder Finance haben? Viele klagen, alles geschehe ohne sie. „Ich will auch rein!“ Trotzdem melden sich bei mir hundert Follower pro Tag. Bei Twitter hatte ich nach zwei Jahren 1200 Follower, die sind hier in drei Wochen erreicht. Alle kommen zu Google +! Geht jetzt Twitter in die Knie? Verliert Facebook vielleicht nicht groß an Userzahlen, aber doch die viele Zeit „in Facebook“, die ja allein beim Gewinn zählt?

Hoffentlich hat Google die kluge Hand, alles so spartanisch zweckgetreu zu lassen. Vielleicht schaffen sie es, das Vertouristen, das Zudringliche und Laute draußen zu lassen. Ach, dann müssen wir nicht immer alle zwei Jahre umziehen.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

5 Kommentare

  1. Noch so’n neues Land…

    … wäre Diaspora*. Ist schon was länger da als G+ und es wird sicher noch ne Weile daern, bis da die Massen einbrechen, weil Gemeinschaftsprojekt und nicht mit großen Firmenbudgets im Hintergrund.

  2. Ich geh erst mal nicht mit

    Wir haben jetzt schon so viele “Da muss man unbedingt dabei sein” gesehen. Da werd ich es wie immer halten, ansehen, für mich selbst analysieren und dann entscheiden ob es denn wirklich so ist. Ich will nicht wissen wieviel Geld manche Firmen für Aktivitäten in “sozialen” Netzen ausgeben, nur um dann festzustellen das sich trotzdem keiner für langweilige Produkte interessiert.
    Mein (vorläufiges) Fazit zu Google+: Ich werd erstmal nur beobachten und sehen ob der Hype anhält. Und die Frage ist ja nicht ob man Umsiedelt sondern ob man den zusätzlichen Aufwand treiben will.

  3. @dück

    das bild funktioniert einfach nicht. das internet ist unendlich groß. nein nicht riesengroß oder megagroß oder viel größert, es ist UNENDLICH.
    Wer sich dann in einer Großraumdisko wie facebook beengt fühlt, hätte lieber woanders hingehen sollen.
    durch solche massenphänomene werden, anders als in der wirklichkeit mit badestränden etc. die möglichkeiten mehr und nicht weniger!

    und eins soll ihnen mal gesagt sein:
    das internet ist nicht das web

  4. Das neue alte Land

    Eine sehr wohltuende Betrachtungsweise und doch wurde eine Kleinigkeit vergessen:

    Google ist eines der ältesten Länder im Netz und es dürfte zu den beständigsten gehören.

    Google+ ist hier nur eine neu entdeckte Kolonie, die sich eben nicht mit FB, Twitter, usw messen muss, sondern am Mutterland.

  5. interessanterweise…

    habe ich einen völlig gegenteiligen eindruck von g+. zum einen kreisen 99,9% aller beiträge darum, wie toll g+ ist, ob man dort bleibt, ob man fb verlassen will, wie toll g+ ist, und, nicht zu vergessen, wie toll g+ ist.

    die geballte geek und nerd power die sich nun bei g+ breit macht und im eigenen saft schmort wundert mich zutiefst. es gibt nur ganz ganz wenige wirklich brauchbare beiträge (einer der vernünftigsten bei g+, man glaubt es kaum, ist sascha lobo). der rest benimmt sich wie ein haufen fanboys, die den teufel fb mit dem beelzebub g+ austreiben wollen. “normalos” sind vor allem verhalten und skeptisch.

    man kann es drehen und wenden wir man will, g+ ist alter wein in neuen schläuchen, auch wenn sie einiges besser machen als fb. das konzept social network ist ausgereizt. jedes network (twitter, fb, g+, xing, linked in) hat seine fans, nutzer, anhänger. und das ist auch gut so. und wenn g+ mehr und mehr leute anzieht wirds in zukunft ein weiterer baustein im social media gebäude sein.

    ich wage jedoch die bahauptung, dass g+ nur unter großem aufwand (businesspages, freilegung des api,…) bestand haben wird. und selbst dann halte ich es für mehr als fraglich, dass g+ den platzhirsch fb per handstreich übernimmt.

    natürlich wissen wir, dass nichts unmöglich ist, aber bei g+ gilt meiner meinung nach: rom wurde nicht an einem tag gebaut. also erstmal tee trinken und zuschauen.

Schreibe einen Kommentar