Enterprise-Anorexia

„Unsere Prozesse sind schlank, wir sind bis auf das letzte Promille effizient. Das lässt uns aber absolut nicht ruhen, ganz und gar nicht. Da kennt man uns schlecht: wir wollen natürlich immer besser werden. Wer sich nichts vornimmt, tut auch nichts. Wir nehmen uns lieber mehr vor als wir schaffen können, erst das erzeugt die richtige Motivation. Nichts darf unmöglich sein, alles muss gelingen. Wir haben Mitarbeiter, die wir ständig lernen lassen und schulen, indem wir sie penibel kontrollieren und jeden ihrer Fehler hart bestrafen. Das ist Lean Perfection in Vollkommenheit. Keiner der noch verbliebenen Mitarbeiter traut sich, einen Fehler zu machen, Geld auszugeben oder zu nett zu Kunden zu sein. Unsere Produkte werden vom Markt geliebt, wir haben die besten Services – gar kein Vergleich mit dem Schund unserer eifersüchtigen Wettbewerber. Wir geben uns sehr viel Mühe, uns in der Öffentlichkeit so darzustellen, wie wir von der Welt außen wahrgenommen werden wollen. Wir sind als Unternehmen so wundervoll geworden, weil wir nicht nur nichts verschwenden, sondern so wenig wie möglich verwenden.“

„Wir lassen uns jedes Jahr von einem harten und unnachsichtigen Beratungsunternehmen den Spiegel vorhalten. Wir wollen wissen, wo wir stehen. Wir selbst könnten zu stark überzeugt sein, schon kein Milligramm Fett mehr im Unternehmen zu haben. Es ist gefährlich, sich ohne Außensicht zu gut aufgestellt zu fühlen. Leiden wir wirklich genug? Aber wir sind ganz ruhig: Die Berater suchen immer erfolgloser nach Einsparmöglichkeiten in unserer Firma, was uns einerseits stolz macht, andererseits aber auch ernsthaft unwirsch – denn die kosten was, die Berater! Aber es muss alles möglich sein, auch ein weiteres Abnehmen der Kosten. Wir haben schon PowerPoints. Wir hassen Kosten, wir sind nicht blöd. Bei Menschen ist es so: Wenn sie kein Fett mehr haben und sehr dünn sind, muss man ihnen nicht so viel zu essen geben. Was aber, wenn wir auch die Muskelmasse abbauen? Könnten wir nicht noch viel mehr sparen? Wir lassen die Kunden Selfservice erlernen und wimmeln sie im Service-Center durch lange Warteschleifen ab. Echte Innovation, die zu viel kostet, wird durch einen Chief Innovation Officer abgewickelt, der sich das Sekretariat mit dem Chief Digital Officer teilt. Wir stellen ausschließlich abgebrochene Studenten ein, die nur noch minimale Hoffnungen haben. Wir lieben Design-Sinking. “

„Ach, das ist schön. Unsere Zahlen sind wundervoll. Zahlen lügen nicht. Man sagt immer, Zahlen wären nüchtern und trocken, aber wer sie liebt wie wir, wundert sich über die allgemeine Unverständigkeit. Nur Zahlen sollten Gewicht haben, sonst nichts. Schöne fette Zahlen.“

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Beratung wie Werbung wird in einigen Unternehmen regelrecht gemieden, es mag auch gute Beratung >:-> und zweckmäßige Werbung geben, bei ‘Design Thinking’ lag womöglich ein Rechtschreibfehler vor und Qualität muss heute nicht mehr sein, denn der Markt nimmt sie oft nicht an.

    MFG
    Dr. Webbaer (der sich u.a. auch i.p. “Schöne fette Zahlen” oft wundert, abär weiß, dass die anderen oft auch nicht besser sind; sind sie besser, nun…)

      • Gerade von Ihnen, lieber Kommentatorenkollege ‘Joker’, hätte Ihr Langzeit-Kommentatorenfreund besondere ironische Einsicht erwartet.
        Macht abär nichts, nett dass Sie sich mal wieder melden, die “Besten der Besten der Besten” müssen ja ein wenig zusammenhalten. [1]

        Gaaa‘,

        MFG + schöne Woche noch,
        Dr. Webbaer

        [1]
        Der Running Gag des Schreibers dieser Zeilen geht so, dass Sie, Kommentatorenkollege ‘Chrys’ und Stephan Schleim dazu gehören, sozusagen : definitorisch.

  2. Wird Gewinnmaximierung als alleiniges Ziel verfolgt, so kommt dann ein Ergebnis ohne Mitmenschlichkeit heraus. Die Arbeitszufriedenheit ist auch ein Kriterium eines Unternehmens, welches nicht außer Acht gelassen werden sollte. Vollakademiker werden das von Ihnen beschriebene Unternehmen eher meiden, so dass wohl nur abgebrochene Studenten als Mitarbeiter übrig bleiben. Ich fasse Ihren Bericht daher als Satire auf.

    • Ich fasse Ihren Bericht daher als Satire auf.

      Guter Ansatz, letztlich liegt womöglich ‘Dueckismus’, das Fachwort, vor.
      Der Gag hier, also in diesem Inhaltsbereich, besteht darin, dass sozusagen alles nicht so-o klar ist.

  3. Ein punktuelles Optimum ist keineswegs das Optimale.
    Hypertrophien sind generell von Nachteil.
    Hypertroph ‘optimierte’ Phänomene in der Natur (Pfau, Gepard z.B.) zahlen dafür auch einen hohen Preis.
    Bei den Tieren halten sich Vorteil und Risiko meist die Waage, sonst wären sie ja auch schon längst ausgestorben, wo bei Unternehmungen generell eine Asymmetrie zwischen der Profitoptimierung und der dieser assistierenden ‘Peripherie’ besteht.
    Würden wir unser restliches Körpergewicht maximal reduzieren und zugunsten einer Gehirnvergrößerung verlagern, dann hätten wir zwar vielleicht massemäßig ein 30x größeres Gehirn, würden aber trotz damit einhergehender hypertropher Potenz ständig auf die Nase fallen (übertragen wir wörtlich).

    Die Windows-Architektur ist dafür ein Beispiel – auf einem programmtechnischen Gartenhäuschen (MS-DOS) wird dann ein Ein-Familien-Haus (95), darauf ein Mehrfamilien-Haus (XP), darauf ein Hochhaus (Server) und obendrauf eine Mall (Win8), zuletzt mit Penthouse (Win 10) gebaut.
    Wo vorher für ein geringes Eintrittsgeld ein entsprechender Gegennutzen stand, steht heute der Wucherpreis der absoluten Datenoffenbarung für gerade mal NULL MEHR-Wert!
    Diese Vorgehensweise frisst exponentiell immer mehr Ressourcen, kennt nur eine Richtung und ist dabei maximal unflexibel, invariabel – so kann man sich auch die gängige Unternehmensstrategie vorstellen.
    Das alles steht auf äußerst wackeligem Fundament, ist generell sehr anfällig, bedarf der Bindung großer Ressourcen, um ständig das Gebäude instand zu halten, obwohl sich der ursprüngliche Zweck des Gartenhäuschens eigentlich nicht verändert hat!?
    Ob man eine solche Strategie für klug und zukunftsträchtig halten darf ist eine rhetorische Frage….

    • Im Web ergeben sich, aus bestimmten Gründen, die Teilnehmer meinend, bestimmte neue Anforderungslagen, bspw. im Graphischen oder allgemein die Übertragung von Daten betreffend.
      Fortlaufend.
      Hier darf auch, im Feinschnitt, ein wenig ziseliert werden, vgl. auch mit diesem Jokus :

      -> https://www.computerworld.com/article/2534312/operating-systems/the–640k–quote-won-t-go-away—-but-did-gates-really-say-it-.html (‘640K ought to be enough for anybody.’)

      Das “Gartenhäuschen” ist insofern nicht statisch oder gar regressiv zu bearbeiten.
      Ein “Vollfressen” im Web liegt zweifelsfrei vor und darf fortgehen.

      Der Webbaer erinnert sich vage, streng genommen nicht : in persona, an die Weiterentwicklung der sogenannten Eisenbahn, der ähnlich gegengeredet worden ist, weil sie wegen der Transportgeschwindigkeit gesundheitsgefährdend wäre, letztlich auch bspw. i.p. Flugzeug oder Rakete, aber auch die sogenannte Eisenbahn ist zügiger geworden.

      Angenommen werden darf, auch im Unternehmerischen, bestimmte “zügige” Entwicklung.
      Es sollte dabei nicht blöde geworden werden.

      MFG + schöne Woche noch,
      Dr. Webbaer

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