Ein Schulz-Effektchen – erster Teil, keine Fortsetzung in Sicht

„Alle unsere Kinder sind so durchschnittlich. Dabei haben wir alles getan.“ – „Finde ich auch, Frau. Ich hatte gedacht, dass es so etwas wie soziale Gerechtigkeit gibt. Bei sechs Kindern müsste doch wenigstens eins davon richtig gut sein. Meinst du, wir sollten noch ein paar bekommen?“ – „Das könnte die Lösung sein, aber ich bin langsam frustriert. Wir beide haben uns so abgezappelt, aber die Kinder haben einfach keinen Drive, sie tun das Nötigste – ist ja nicht weiter schlimm, aber es ist kein bisschen Glanz in unserem Hause.“ – „Machen wir vielleicht etwas falsch?“ – „Kann ja nicht sein. Denn wir waren ja stets bemüht, alles richtig zu machen.“ – „Die Nachbarn sagen, wir sind allesamt Langweiler, besonders Sigmar. Hab’ ich selbst so gehört. Denkst du, dass sie damit auch uns selbst meinen?“ – „Nein, nur die Kinder natürlich. Bist du denn langweilig? Klares Nein, und ich bin auf demselben Niveau wie du.“

„Mama, Papa, heute ist das Fernsehen in der Schule! Sie haben uns gefilmt! Was bedeutet das eigentlich, dass sie uns gefilmt haben? Heißt das nicht, sie haben uns reingelegt, wenn wir uns haben filmen lassen?“ – „Nein, sie haben Videos gemacht.“ – „Ach so. Videos. Okay, dann haben sie uns nicht reingelegt, aber sie haben die Lehrer vorgeführt. Und dann – passt auf – haben sie den Martin alles Mögliche gefragt, weil der gerade der Kamera im Weg stand und auf die Klappe gefallen ist, er hat jetzt ganz rote Lippen.“ – „Unseren Martin haben sie gefragt? Was sagst du da! Himmel, wo ist er denn jetzt?“ – „Sie befragen ihn immer noch. Ich bin schon ganz neidisch.“ – „Komm, Sigmar erzähl doch, was hat er gesagt?“ – „Er will Präsident eines großen Landes werden, oder vielleicht erst einmal Kanzler vom Saarland, um zu üben. Dazu braucht man kein Abitur, nur große Ideen.“ – „Oh mein Gott, wie absurd!“ – „Frau, das ist das erste nicht Normale, was Martin je gesagt hat. Aus ihm wird ein ganz Großer. Das fühle ich durch meine Adern fließen! Ich bibbere!“ – „Ja, vielleicht ist das der Durchbruch! Sigmar, was haben die Fernsehleute denn dazu gesagt?“ – „Sie haben erst gelacht, aber dann immer mehr und mehr gefragt. Was er denn als Präsident so machen würde. Er will Gerechtigkeit für kleine Menschen und mehr Kohle für alle.“ – „Was meint er damit?“ – „Na, Kinder und unseren Ofen!“ – „Aha, und weiter?“ – „Er hat erzählt, dass du, Papa, immer sagst, dass die da oben alle gleich sind, und er findet, dass doch die Kleinen auch alle gleich sein könnten. Jeder Kleine muss dürfen, was sonst nur Riesen vermögen. Da haben sie gefragt, ob der denn als Präsident an die Riesenvermögen ran will, was ja in der Politik immer gefordert wird. Ja, da will er ran, sagt er. Na gut, ehrlich gesagt verstehe ich aber nicht, was der Martin dann mit dem ganzen Geld will. Dann fragten sie ihn noch etwas zur Vergeltungssteuer oder so, weiß nicht. Er findet, dass diejenigen Lehrer bezahlen müssen, die nicht beliebt sind. Und er hat nichts dagegen, Sultan der Türkei zu werden, wenn die dortige Gesetzeslage das erlaubt. Kommt, wir gehen hin! Es ist eine Riesengaudi mit dem Martin, ich wollte, sie würden mich einmal so veräppeln. Ich bin dafür schon zu alt als Kind, oder?“ – „Du bist etwas dicklich und kommst nicht so naiv rüber. Schade, Sigmar.“

Eine Woche später. „Jetzt kommt keiner mehr vom Fernsehen, das ist traurig, Mann.“ – „Dabei hat ihn Sigmar so gut gecoacht. Alle haben doch gejubelt, als er mehr Freude für alle gefordert hat und dass ihn alle wählen sollten, die sich benachteiligt fühlen.“ – „Das kam zu kindlich rüber, und die Presse hat gleich gemerkt, dass die Parteiführer der Benachteiligten in Deutschland ja unbedingt schlecht regieren müssten, weil sonst die Zahl der Benachteiligten sinkt und sie abgewählt würden.“ – „Na, wenigstens waren wir jetzt einmal im Fernsehen, wir sind nicht mehr durchschnittlich.“ – „Ich finde es aber mies, wenn sie ihn jetzt mit der Umfrage im Saarland hänseln, dass die ihn nicht als König wollen. Die Saarländer kennen unseren Martin doch gar nicht.“ – „Ja, das schadet seiner Seele, er hat jetzt einen Hass auf die Regierung, die ihm ja im Wege steht. Das sagt er jetzt auch jeden Tag, aber die Regierung ignoriert sein Schimpfen einfach. Er ist zwar noch ein Kind, aber als Herrscher wäre er immerhin besser.“
„In jedem Land gäbe es eine bessere Regierung, aber keines hat eine gute.“ – „Woher hast du denn diese Weisheit?“ – „Irgendwo gelesen. Habe mal in einem Buch geblättert. Die Regierung als Verweser der Demokratie oder so.“

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Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich kannte Gunter Dueck noch nicht. War höchste Zeit, mal was von ihm zu lesen. Werde in Zukunft den Wild Dueck Blog suchen und lesen.

  2. Vielleicht ist es ja das Geheimnis der “Charismatiker” und “Anführer”, dass sie nicht nur um ihre eigene Durchschnittlichkeit wissen, sondern auch um die Sehnsucht der vielen Durchschnittlichen nach einem Ausserdurchschnittlichen.
    Diese Sehnsucht zu erfüllen indem er/sie in die bereitgestellte Rolle schlüpft wird dann die innere Mission des zukünftigen Anführers, der zukünftigen Anführerin.
    Und ja, viel mehr braucht es womöglich nicht, um an die Spitze zu kommen.

  3. Die BRD befindet sich spätestens seit 2005 [1] in einer Phase des Rückbaus, es mag zwar den einen oder anderen entzücken, wenn ‘Martin’ oder ‘Sigmar’ meinend und darauf auch noch womöglich eine Gegenposition (!, dies ist erst der eigentliche Gag) zu vorherrschender pol. Meinung aufbauend, äh, aufgebaut werden kann.

    KA, was diese Jungs so wollen, es handelt sich erkennbarerweise nicht um Sozialdemokraten, nicht um Traditionslinke – in etwa so, wie es sich bei Dr. Angela Dorothea Merkel nicht um eine Christdemokratin im eigentlichen Sinne handeln kann.

    Einige sind insofern, mal so oder so meinend, unschlüssig, nicht nur im beizeiten vorzunehmenden Wahlentscheid, sondern generell die BRD meinend, Dr. W guckt bspw. nur noch von der Seite zu.

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1]
    Dr. Dueck hoffentlich ausgeschlossen, abär auch hier meint Dr. W zuletzt einige Minder-, Mangel-, Fehl- wie Minusleistungen festgestellt zu haben.
    Allerdings wurde Dr. W generell zuletzt ein wenig zunehmend kulturpessimistisch.

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