Die Wertschätzungs-Schere: „Wir wollen nicht immer unten sein!“

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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„Wir wollen nicht immer unten sein!“ – „Niemand kümmert sich um uns!“ – Die dauerhaft Benachteiligten beginnen Protest zu wählen oder gelbe Westen zu tragen. Unser Gesellschaftssystem wird instabil, weil – das will ich beklagen – es uns Menschen zu sehr nach reiner Leistung bewertet, um sie bestmöglich anzutreiben.

Ja, ja! Ich nerve Sie mal wieder zur Jahreswende. Unsere Leistungsgesellschaft agiert ganz zentral mit invasiv schmerzenden vergleichenden Anreizsystemen. Jede Leistung wird genau gemessen und analysiert. Mitarbeiter werden verglichen und bewertet. Damit sie sich diesem Leistungsrennen auch eifrig stellen, gibt es Belohnungen und die modernen Strafen (das explizit betonte Ausbleiben von Belohnungen).

Wir kennen das von der Fußball-Bundesliga. Dort muss es immer um etwas gehen – um Abstieg oder Aufstieg, um Europa-Plätze oder Zusatzpokale. Wir möchten vermeiden, dass es in einem Spiel um „nichts geht“. Das kommt gegen Ende der Saison manchmal vor, wenn zwei Mannschaften aus dem sicheren Mittelfeld aufeinandertreffen – sie haben nichts mehr zu gewinnen und nichts mehr zu verlieren. Das wollen wir nicht. Sie sollen sich quälen müssen.

Bei der Arbeit sollen wir uns auch quälen. Die Besten bekommen Boni, die anderen bekommen eindringlich unter die Nase gerieben, dass sie keinerlei Boni verdient haben. Die Boni werden zunehmend eingesetzt, um damit auch eine Wertschätzung auszudrücken. Wir teilen uns ein in Winner und Loser, wir sind nicht mehr Menschen im Team.

Die jetzigen Incentive-Systeme machen keine Hoffnung. Denn die Berufe der Nachdigitalisierungszeit werden anspruchsvoller. Wir möchten als Kunden bestens beraten, empathisch umsorgt und gut verstanden wissen. Ärzte sollen nicht nur heilen, sondern Seelen streicheln; Rechtsanwälte nicht nur gewinnen, sondern Zuversicht für unseren Fall ausstrahlen. Neulich habe ich ein Foto gemacht: Der Calida-Shop in Mannheim sucht im Schaufenster nach charismatischen Unterwäsche- und Schlafanzugverkäufern.

Quelle: eigenes Privatfoto

Wir sind aber nicht alle Seelentröster, nicht alle Charismatiker, Models oder Vertriebsgenies, aber wir erwarten das zunehmend von unserem Nächsten, den wir immer bestens gelaunt in Service-Stimmung sehen, weil er sich so arg über seinen Mindestlohn freut. Der Maroni-Röster sollte einen Bachelortitel in Kommunikation und Serviceerbringung erworben haben.

Das ist alles nicht neu, aber nun schlägt die neue Zeit wirklich heftig zu, immer heftiger: Wenn wir alle so viel von all den normalen Menschen verlangen, so viel, dass nur wenige „liefern können“, dann sind viele von uns dauerhaft unten. Wir sind heutzutage nicht wechselnd erfolgreich, mal schon, mal nicht. Erfolg und Misserfolg wechseln nicht so sehr. Nein – wir sind oft lange oben und oft dauerhaft untern, wenn wir je einmal unten sind. Für längere Zeit sind diejenigen oben, die neben den nötigen Fähigkeiten auch eine gute Portion Talent mitbringen, die sich zu zerreißen bereit sin und die nicht zu viel rund um eine Familie eingebunden sind. Die werden gelobt und wertgeschätzt, solange sie auf Top-Niveau funktionieren. Sie werden als Rollenmodell allen anderen vor die Nase gehalten, so wie zu anderen Zeiten „Helden der Arbeit“ gefeiert wurden. Aber die meisten von uns sind eben keine Top-Talente, keine Überflieger und keine eisernen Marathon-Triathlon-Leister, kein einziges Jahr.

Da öffnet sich eine psychologische Schere, eine Schere der Seelen, eine Wertschätzungsschere. In der prozessorientierten Welt ist kaum noch Zeit für Warmherzigkeit und Güte. Patienten werden Krankenscheine und Mandanten Rechtsfälle. Das ist effizient, aber es gibt keinen beruflichen Raum menschlicher Begegnung mehr. Weihnachtsfeiern werden gestrichen, man bekommt vielleicht einmal eine Freikarte für ein Sauna-Erlebnisbad. Die Welt lässt sich ohne Wertschätzung besser managen, nämlich viel einfacher über Bonussysteme…

Wenn die Kirchen leer bleiben, die Vereine schwinden und Schwatzen an der Kasse andere Wartende schwer verärgert, wenn Wertschätzung vor allem oder ausschließlich per Leistung verdient werden muss – wo bleibt der Mensch als Mensch? Viele von uns versuchen sich in selbsterfundenen Weltmeisterschaften: sie joggen messbar länger als alle anderen, posten unfassbar viel bei Instagram, essen nur Dinge mit einer bestimmten Farbe oder versuchen, nicht zu heizen, damit sie die Erderwärmung verhindern. Damit will ich sagen: Viele versuchen sich in extremen Verhaltensweisen, in denen sie natürlich allen anderen in Sichtweite überlegen sind. Das ist selbstfabrizierte Wertschätzung im Eigenmaßstab.

Wertschätzungsersatz. Wem nicht einmal das gelingt, geht jetzt langsam auf die Barrikaden. Nicht immer unten sein – denn das wird oft unaushaltbar. Schauen Sie in Verbrechensnachschauen in der Presse: So etwa jede seitenlange psychologische Betrachtung eines Extremtäters bringt Demütigung, Mobbing und Nichtachtung zu Tage…

Ich finde, es sind zu einem guten Teil diese exzessiv kränkenden Leistungsvergleiche, die vielen von uns jeden Trost nehmen. Darauf möchte ich wieder und wieder hinweisen. „Wertschätzung muss in Zahlen sichtbar werden…“ ist eine dicke Wurzel des Übels. Es klingt wie „Liebe muss man sich verdienen. Wertschätzung muss man sich verdienen.“ Das ist ausdrücklich nicht die christliche Botschaft.

 

 

 

 

Gunter Dueck

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

16 Kommentare

  1. Leistungsgesellschaft? – man könnte / soll denken wir haben im Grunde Gerechtigkeit?

    Tatsächlich, aufgrund von geradezu verachtenswerter Ausbeutung und Unterdrückung, muss es konsumautischer Profitgesellschaft lauten!

  2. GD
    nicht so schwermütig Herr Dueck. Noch gibt es sie die heile Welt, in den Dörfern , da wird noch getratscht, da haben noch nicht alle Vereine das Leistungsprinzip eingeführt, da ist der Informatiker noch genausoviel wert wie der Nebenerwerbsbauer. Hören Sie von Peter Alexander “die kleine Kneipe in unserer Straße”.
    Vorallem , gehen sie zu Weihnachten in eine Kirche, dann verfliegen diese Klassenkampfphantasien. (lustiges Wortbild)
    Ihnen Frohe Weihnachten.

  3. Selbstverständnis im Miteinander

    Ich bin Mitglied in einem Selbsthilfeverein, der sich seit Jahren um Alternativen bemüht. Wir gucken selber, was wir machen können, uns alternativ zu beschäftigen. Wir kümmern uns umeinander, wir machen was zusammen und unterstützen uns gegenseitig in unseren kleinen Projekten. Das Miteinander ist hilfreich, Zuspruch tut gut und auch die Aufschieberitis lässt sich im Miteinander vermeiden.

    Wir haben Glück, dass wir kaputtgeschrieben sind, die meisten von uns gelten als psychisch Krank und nicht mehr arbeitsfähig. Wenn man damit alleine ist, kann man sonst nur die speziellen Angebote für psychisch Kranke nutzen, wie Tagesstätten oder Behindertenstätten. Dort wird der Schein einer arbeitsartigen Umgebung gewahrt, aber Leistung ist das gar nicht, und das damit verbundene Ansehen entsprechend sparsam.

    Manch einer schafft es, nur soviel zu arbeiten, wie es reicht. Das kann gerne Akkord sein, wenn der Lohn gut ist, reichen 2 harte Tage die Woche. Die Dosis macht hier das Gift. Wenn man denn noch was hat, sich neben der Leistungsarbeit selber beschäftigen zu können.

    Was schönes machen und sich gegenseitig unterstützen, ein Miteinader aufbauen, sich gegenseitig Bekochen, Skat, Doppelkopf, Pokern. Wir machen eine Vereinszeitung und schreiben Bücher, die wir in Kleinstauflage von 100 Exemplaren oder mehr drucken lassen. Das ist heutzutage mit Online-Druckereien sehr kostengünstig geworden. Druckkosten für unter 1 € pro Stück bei 100 Seiten A5 Softcover sind heute möglich.

    Man braucht Begeisterung für irgendwas, dann hat mans erstmal geschafft. Leistung muss das nicht sein. Gute Arbeit, die Freude macht reicht.

    Die Grausamkeit der Schulausbildung wirkt bei vielen Menschen heute noch nach, der Leistungsdrill tötet die Eigeninitiative. Neben der Leistung wird vor allem auch die bloße Leistungsbereitschaft belohnt. Wer nur das Nötigste macht, bekommt noch schlechtere Noten, als die Leistung es wert wäre, die er doch bringt. Man verlernt schnell die kindliche Neugier und Kreativität. Selbst Kunst, Musik und Sport werden als Leistungsrennen inszeniert, als wolle man eigentlich den Schülern die Freude daran austreiben, dass sie bloß nur noch arbeiten wollen und gar nichts anderes mehr können.

    Zur Zeit haben wir hier unser eigenes Ökosystem. Das ist aber durchaus bedroht durch die möglichen Krisen des Kapitalismus und auch durch die zeitweilige Grausamkeit politischer Übergriffigkeit, z.B. keine Soziales Netz mehr (in Europa heute nur in Griechenland) oder unsere Tabaksteuer, die bereits arme Menschen entscheidend finanziell ruiniert oder exzessive Bauvorschriften, die selbstständige Kunst am Bau unmöglich machen.

    Alltag in der Gesellschaft ist immer noch oft destruktiver Aktivismus mit dem Ziel Profit durch Wirtschaftswachstum, der neben dem unsinnigen Stress auch Klimawandel und weitere Umweltschäden verursacht. Ein Spruch von einem arbeitsscheuen drogensüchtigen Kriminellen ist mir in Erinnerung geblieben: „Die Arbeiten doch alles kaputt.“

  4. Tobias Jeckenburger
    es stimmt , dass Kinder von gestressten Lehrerinnen auch gestresst werden.
    Es stimmt, dass Arbeit kaputt macht (machen kann) wenn man sich nicht wehren kann.
    Es stimmt , dass der tägliche Stress gar nicht mehr wahrgenommen wird, und man unmerklich immer mehr hineingerät. Nur wer genug Kraft hat, der übersteht das bis zur Rente.
    Alle anderen fallen durch, werden krank, kriminell, süchtig. Das ist das Schlimme an unserem Wirtschaftssystem, alle wissen es , aber niemand kann es ändern. Selbst die Pfarrer sind gestresst, die müssen mittlerweile bis zu 5 Gemeinden gleichzeitig betreuen.

    Zum Glück gibt es das Weihnachtsfest, das Fest des Friedens sollte es sein. Wer es sich leisten kann, und sich zutraut, der lädt seine heimliche Freundin zu sich ein. Nur Mut!

  5. Sehe es fast genauso wie Sie, Herr Dueck. Es ist einfach die Realität heutzutage. Irgendwie ist es so auch gerecht.

    Daraus ergeben sich allerdings psychologische Probleme. Der Mensch dürfte für den „Existenzkampf“, aber nicht für das „süße Leben programmiert“ sein.

    Ich vermute und würde es mir auch so wünschen, dass zunächst die wirklich existentiellen Probleme der Menschen (Obdachlosigkeit…) gelöst werden müssen, bald danach (eventuell gleichzeitig) die „Psyche der Massen“, an der es durchaus aus den von Ihnen genannten Gründen krankt, geheilt werden sollte.

    Durch moderne Systeme sollten, ähnlich wie bei Amazon die Güter oder bei „Uber“ Dienstleistungen „verteilt“ werden, systematisch auch die Jobs (und die „gerechte“ Entlohnung) passend, flexibel und schnell verteilt werden.

    Durch den Einsatz von KI werden auch hochwertige Akademikerjobs verschwinden. Trotzdem könnten durch die Industrie 4.0 fast alle Menschen mit Gütern und Dienstleistungen „überschwemmt“ werden. Computer und Maschinen sind in diesem Sinne absolute „Gleichmacher“. Sie machen wegen ihrer bedingten geistigen und körperlichen Überlegenheit tatsächlich alle Menschen gleich.

    Zunächst sollten, statt eines bedingungslosen Grundeinkommens, neue leichte, gute Jobs in einem staatlichen „Fürsorgesystem“ (für Körper und Psyche) geschaffen werden.

    Ich denke z.B. an staatlich organisierte „Schmeichlerdienste“, die die Seele der „unteren und beladenen Schichten“ streicheln. Ähnlich wie es bei den „Reichen“ die „Streichelpsychiater“, die „Streichelärzte“ und die „Motivationsdienstleister“ jetzt schon machen.

    Erst wenn absolut keine Arbeit mehr zu vermitteln wäre, (weil alle Arbeit Maschinen oder die noch arbeitenden Menschen verrichten), könnten diejenigen die auf eine Zuteilung von Arbeit (die beim allerbesten Willen nicht mehr vorhanden wäre) verzichten, mit einem arbeitslosen Grundeinkommen dafür entschädigt werden, dass sie sich selber irgendwie beschäftigen um psychisch existieren zu können….. .

  6. So und diese Unzufriedenheit hat seit 2015 drammatisch zugenommen.
    Was für ein Zufall.
    In Wirkichkeit wollen einfach viele die drastische Überfremdung nicht.
    Und das diese illegalen Zuwanderer großzügig unterstützt werden während die eigenen Leute immer länger arbeiten sollen und die Rente immer knapper wird das wollen sie auch nicht.
    Und dass man dann zum “Dank” dafür jeden Weihnachtsmarkt mit Betonklötzen sichern muss um sich noch so einigermaßen sicher zu fühlen, daran ist schon gar nichts mehr zu verstehen.
    So einfach ist das.

  7. “Der Mensch dürfte für den Existenzkampf …”

    aber vor allem vom Ursprung her nicht auf “Individualbewusstsein” programmiert!

    “Individualbewusstsein” bedeutet Egoismus, wo / wie sollte dann da die Wertschätzung des “Anderen” …?

    Geistig-heilendes Selbst- und Massenbewusstsein nur, wenn wirklich-wahrhaftig …!?

  8. Markweger
    …..so einfach ist das….
    Sie lieben einfache und anschauliche Gedankenketten. Ich auch.
    Und es ist auch richtig, dass die Unzufriedenheit zunimmt.
    Was aber nicht richtig ist, das Versagen der Regierenden im Sozialbereich den Flüchtlingen anzulasten.
    Hinter jedem Flüchtling steht ein Mensch. Ein Mensch mit einer schrecklichen Vergangenheit. Die haben Angehörige verloren, die haben ihre Wohnung verloren und die haben den Glauben an eine heile Welt verloren.
    Und diesen Menschen schulden wir Wertschätzung. Da gibt es den Zahnarzt aus Damaskus, der es sich nie hätte träumen lassen in einem Flüchtlingslager in Deutschland leben zu müssen.
    Da gibt es aber auch die falschen Flüchlinge aus Algerien , die es abzuschieben gilt.
    Also mit Augenmaß und Verantwortungsgefühl werden wir der Probleme gerecht.
    In diesem Sinne ein Frohes Weihnachtsfest.

  9. @Markweger: Haha, eine vollkommene Karikatur eines Pedigisten (sogar inkl off-topicness des Kommentars), so perfekt, dass es eigentlich nicht ernstgemeint sein kann.

  10. Also wenn ich schon einen Wunsch zu Weihnachten hätte,dann der,dass Kommentatoren wie Markweger ernst genommen werden und nicht ins lächerliche gezogen werden. Wir alle haben eine Meinung und dürfen(sollten) sie auch äußern. Deswegen bis ich auch im Herbst 1989 in der DDR mit auf die Straße gegangen. Wer von den Kommentatoren hier Recht behält,wird die ohnehin die Geschichte entscheiden. Und ich bin mir längst nicht sicher,ob diese Märchenerzähler aus den Gazetten wie “Der Spiegel” (Relotius)etc, alle Menschen in diesem Land manipulieren und vom eigenständigen Denken abhalten können…
    In diesem Sinne ein Frohes Fest und keine Angst vor Gelbwesten.

  11. Wer schätzt hier wen Wert? Wer will von wem Wert geschätzt werden? Muss man denn seine Wertschätzung ausgerechnet bei Menschen suchen, die Macht über Dich haben? Natürlich ist die Beziehung zu dem Lehrer als Schüler, und die zum Chef als Arbeitnehmer eine besondere. Man braucht erst die Noten, und dann das Geld. Reicht das nicht, hier pragmatisch und selbstständig gute Mine zum manchmal bösem Spiel zu machen, und zu gucken, dass man unangenehme Menschen wieder los wird, sobald das möglich wird. Dass man die Schule hinter sich bringt, und sich eine bessere Firma sucht.

    Aber man hat seine Freunde, seine Partner, seine Kinder und auch einfach nur den netten Tabakhändler von nebenan. Man trifft Leute in der U-Bahn, auf Ausstellungen oder diskutiert hier mit in Scilogs. Man muss Geld als Belohnung bzw. das Fehlen dieser Belohnung ja nicht persönlich menschlich nehmen. Leistung, die Geld schafft darf doch mit Geld belohnt werden, solange die Dienstleistung selbst nicht kriminell gewesen ist. Und wenn eine Leistung gut ist und Freude bereitet, macht man das oft gerne ehrenamtlich oder im Freundeskreis auch kostenlos.

    Es gibt Firmen, die gute Arbeit machen, wo man auch gerne mitarbeitet. Wo man als Mitmensch wertgeschätzt wird, auch wenn man nur durchschnittliche Leistung oder weniger anzubieten hat. Das man damit weniger verdient, liegt schon einfach daran, dass bei weniger Tempo eben auch weniger produziert wird. Aber der Wert des einzelnen Produkt, und der Wert der Arbeit am einzelnen Produkt steigt nicht mit dem Arbeitstempo.

    Aber es scheint immer mehr Ausbeuter zu geben, die nicht nur ihre Mitarbeiter schröpfen, sondern auch ihre Lieferanten und Kunden betrügen und ihre Steuern hinterziehen. Sich da hochzuarbeiten und auf Boni zu schielen, ist nicht jedermanns Sache. Und ein Unding ist es, wenn die Arge einen dazu zwingen will, in solchen Scheißfirmen zu arbeiten.

    Dass eine Leistung generell Wertschätzung erfährt ist wohl unter Menschen sehr verbreitet. Ein General, der im Krieg gut kämpft, wird auch geachtet, wenn der Krieg ungerechtfertigt war oder verloren wurde. Respekt vor Leistung, und vor außerordentlicher Leistung noch mehr ist wohl dem Menschen eingebaut.

    Was hier zu kurz kommt ist die Wertschätzung fürs Sein selbst. Es fehlt die Wertschätzung für den Frieden unter uns, für die Freude, zu sehen, dass der andere lebt und es ihm gut geht. Oder dafür, dass er leiden muss, weil er eine schwere Zeit hat als Mensch.

    Der Mensch als lebendes, fühlendes und bewusstes Wesen, das zu einem Gegenüber und zu einem Mitgeschöpf wird, hat großen Wert. Wer mal in Einzelhaft war, wird wissen, wie wichtig einfach nur ein Gegenüber sein kann. Mir nehmen das so mit, als wäre ein Miteinander selbstverständlich, trivial und unbedeutend. Aber das ist es gar nicht. Haustiere und die Natur draußen sind ein Trost, Geisteswelten nicht nur im Sinne der Religionen sind mehr als Trost. Die Seelenwelten sind der eigentliche Ort, wo die Begegnung stattfindet und zu dieser Qualität wird, ohne die wir nicht leben können.

    Was ist denn dagegen, dass einer schneller als Andere irgendwas arbeiten kann, in Zeiten, wo viel zuviel hergestellt und konsumiert wird, dass es schon an die Zerstörung der Lebensgrundlagen dabei geht. Da ist ein Furz im Kopf der modernen Leistungsgesellschaft, die so tut, als könne sie nicht anders. Als sei das System so, wie es eben ist, und in seiner Realität nicht veränderbar. Als wenn man nicht jenseits von wirtschaftlichen Beziehungen einfach mehr Miteinander wagen könnte, und nicht die Wahl hätte, aus den Hamsterrädern auszusteigen und sich auf die Suche nach dem Leben zu machen.

  12. Was Relotius betrifft.
    Sichtbar gewordene Spitze eines Eisberges.
    In Wirklichkeit gehört das meiste der Mainstreammedien in diesen Bereich.
    Nur dass es halt nicht so offensichtlich ist.

  13. Darauf möchte ich wieder und wieder hinweisen. „Wertschätzung muss in Zahlen sichtbar werden…“ ist eine dicke Wurzel des Übels.

    An sich schon, also im Sozialen, im gewohnten Sozialen, ist das sozusagen die letzte Aussage, die sich erhofft werden kann, wenn sich Wertschätzung erhofft wird, nämlich : die Zahl.
    Derart dann im Rahmen von Bekannt- oder Freundschaft festzustellen, wäre idT sozusagen das Letzte.

    Allerdings funktioniert die Wirtschaft, die Kooperation von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, zwischen “Unterlingen und Bossen”, dort wo wirtschaftlich Verträge abgeschlossen worden sind, einen Tick anders :

    Amoralisch.
    Also ganz frei sozusagen von alltäglich gewohnter Moral, aber doch nicht böse, und auch nicht gut, sondern eben frei davon, quasi als Spiel.

    Dr. W erinnert sich bspw. gerne an ein Gespräch mit einem an sich dullen IT-Vorstand, der irgendwie bereits in vglw. jungen Jahren (unverdientermaßen, das Web ist ja vor ca. 20 Jahren geschäftlich sozusagen explodiert und spülte viele nach oben, die nicht so-o gut waren, nur besser als andere) in diese Stellung kam.
    Dr. W fragte ihn seinerzeit ganz zögerlich-freundlich, ob sich seine klar erkennbar hervorragenden Leistungen (es gab auch Negativleistungen, nicht zu wenige) nicht beim CEO oder allgemein in der Gegend des Aufsichtsrates herumgesprochen hätten, ob er sich nicht benachteiligt fühlte, wegen seiner Wichtigkeit.

    Und der überraschte Dr. W dann mit einer sehr-sehr klugen Einsicht, wie Dr. W findet, er sagte :
    ‘Lob dürfen Sie nie erwarten!’
    (Gemeint war, dass Lob oder besondere Wertschätzung nur seinen Wert im Unternehmen erhöhen würde, er insofern besser zu vergüten wäre, noch besser – und das Lob / besondere Wertschätzung für Angestellte einfach wirtschaftlich keinen Sinn machen.)

    Was sehr nachvollziehbar klang, denn besondere Wertschätzung kann auch fehlleiten und im “Kooperationsspiel der Wirtschaft” Ärger bringen. – Wenn dann der Gelobte unzufrieden wird, Forderungen stellt et cetera.
    (Der gute, kluge, fachlich aber nicht so-o kompetente Mann ist dann nicht viel später ins “EDEKA” (“Ende DEr KArriere”) entlassen worden, er züchtete dann als vglw. reiche Person und mit Anfang Vierzig Pferde und wurde, öffentlich notiert, auch als Spender besonders sozial. In der Wirtschaft ist er nicht mehr gesehen worden.)

    MFG
    Dr. Webbaer

  14. Was hier zu kurz kommt ist die Wertschätzung fürs Sein selbst. Es fehlt die Wertschätzung für den Frieden unter uns, für die Freude, zu sehen, dass der andere lebt und es ihm gut geht. Oder dafür, dass er leiden muss, weil er eine schwere Zeit hat als Mensch. [ein hiesiger Kommentatorenfreund]

    Sie haben ja so-o recht, die Wirtschaft, aber auch Bekannte und Freunde können ja so-o grausam sein, Dr. W plädiert ganz deutlich für einen pfleglichen Umgang miteinander, auch weil nur einmal gelebt wird.

    MFG
    Dr. Weihnachtswebbaer

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