Die Rede sind Sie!

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Konferenzbesucher müssen so viele Reden erdulden. Viele Werbebotschaften, Wahl Gewinnendes, Flaches, langweilige Firmenvorstellungen und auch ganz unverständlich Technisches. Zuhören aber ist Pflicht, weil der Konferenzbesuch so teuer war. In uns weht die Sehnsucht nach jemandem, der etwas zu sagen hat, und wie!

Ich habe hier an dieser Stelle überzeichnete Beispielreden vorgestellt. Ich habe mich hinterher gefragt, warum die Reden meistens so schlecht sind – wo auch immer.

Aber warum? Ich glaube, es ist wieder der Unterschied zwischen dem Wollen und Müssen. Wir haben immer reden MÜSSEN. Wir mussten Referate halten, vor denen wir Angst hatten. In der Oberstufe wie auch auf der Universität kam es nur darauf an, wie uns der Lehrer bewertete – das Publikum war Staffage. Reden halten war wie eine Prüfung. Wir wurden immer nur numerisch bewertet, nie freundschaftlich gecoacht. Nie war Dieter Bohlen da und hat einmal reinen Wein eingeschenkt. Die Zuhörer litten. Studentische Seminarteilnehmer halten mühsam die Augen auf, bis sie selbst mit Reden dran sind, danach kommen sie nicht mehr zum grausamen Spiel. Die Themen sind in der Schule und der Universität immer VORGESCHRIEBEN. Nie möchte jemand von uns, dass wir über etwas sprechen, was uns interessiert oder auf dem Herzen liegt.

Wäre es nicht viel einfacher, Menschen erst einmal Reden halten zu lassen über etwas, was sie lieben und was sie mit anderen teilen WOLLEN?

„Inspiriere die Zuhörer, stecke sie mit deiner Begeisterung an. Errege ihre Phantasie, erfülle ihre Herzen, erhelle ihren Geist, sprich aus ihrer Seele und reize ihre Sinne.“

Das hat etwas mit Widerhall im Zuhörer zu tun. Haben wir uns je damit befassen sollen? Sind unsere Lehrer und Professoren so? Wenn je ein(e) solche(r) daher kommt, hat er schon das Zeug, unser Vorbild zu sein, so sehr lechzen wir nach dem Erfülltsein.

Wenn Sie zu einer Rede auf die Bühne kommen, schauen die Menschen voller Erwartung. Nach Sekunden wissen sie, ob Sie nun gleich Herzen vibrieren lassen oder mit Provokationen Neuronenstürme erzeugen. Sie wissen, ob es Ihnen ernst ist, ob Sie die Zuhörer wahrnehmen, was Sie mit Ihrer Rede beabsichtigen. In den Lehrbüchern heißt es dann erstaunt, dass die Zuhörer nur auf Körpersprache (zu 90%) und fast nicht auf den sachlichen Inhalt (nur 10%) reagieren. Manche sagen dann, es sei ja fast egal, was gesagt würde, nur in welcher Körpersprache – und dann leisten sich alle noch einen sündhaft teuren Kurs in Körpersprache und anderer Manipulation.

Ich denke doch, gute Reden sind eine Einheit von Inhalt, Rednerpersönlichkeit und Publikum. Alles andere stört oder ärgert. Wenn der Redner reden muss – verloren. „Ich lese die Rede vor, die mir die Ministerin mitgegeben hat, weil sie leider verhindert ist – sie wäre echt toll, zu so einem unwichtigen Event zu kommen. Das soll ich Ihnen sagen. Ich selbst habe nichts zu sagen, inhaltlich nicht und auch nicht im Sinne der Macht.“ Wenn der Redner nichts vom Publikum will – verloren. „Ich vertrete die Firma XY und zeige Ihnen nacheinander die Behauptungen unserer Prospekte, die ich auswendig gelernt habe.“ Wenn der Redner gar nicht reden will – eine Katastrophe. „Ich will unsere Reorganisation vorstellen, wie sie unwiderruflich beschlossen ist. Bitte prügeln Sie mich nicht, ich kann nichts dafür. Ich verkünde nur, aber mit der Sache habe ich nichts zu tun. Bitte hören Sie sich objektiv die Sache an und lassen Sie Ihre Emotionen nicht hier heraus. Unser Chairman appelliert an Ihre Professionalität. Er bittet, berechtigte Kritik schriftlich zusammen mit Ihren Entlassungspapieren einzureichen.“ Wenn der Redner eine durchsichtige Absicht verfolgt – wir hassen ihn. „Wir lieben Kunden und Mitarbeiter, Qualität und Sinn. Wir stehen für Exzellenz und müssen daher alle Menschen entlassen, die nicht mithalten. Dadurch werden wir servicefreundlicher und menschlicher.“

Diese Katastrophen spüren die Zuhörer sofort, wenn Sie auf die Bühne kommen. Jetzt gleich und die ganze Zeit sehen sie es. Ja, man sieht es an Ihrer Haltung, an Ihrem Körper, an Ihrer Stimme. Sind Sie glaubwürdig, aufrichtig, authentisch? Sieht man Ihnen den Ernst Ihrer Versprechen an, die Sie auch halten? Schwanken Sie, sind Sie unsicher? Haben Sie Angst? Sind Sie nervös? Wollen Sie nur heil davon kommen, etwas trickreich verkaufen, vor uns angeben, uns etwas vorlügen oder unterjubeln? Wollen Sie beschönigen, Erfolg herbeireden oder verführen? Wurden Sie nur geschickt geschickt?

Das Publikum merkt, ob Sie etwas auf dem Herzen haben, über das Sie ZU UNS reden WOLLEN, oder ob etwas Fremdes Sie antreibt, so dass Sie vor uns reden MÜSSEN.

Dagegen sind die „Wie“-Probleme gar nicht so schlimm, finde ich. Wer etwas zu sagen hat, muss nicht unbedingt begnadet vortragen. Wir verzeihen den Mangel an Talent, wenn die Gesamtbotschaft stimmt. Uns rührt das Authentische auch einfach so an. Wir verstehen groben, lauten Willen sehr gut. Wir schätzen klare Ansagen. Wir respektieren Ernst und Überzeugung. Wir vertrauen auf in Ihnen gefühlte Kompetenz.

Es ist nur indirekt Ihr Körper oder dessen Sprache, worauf wir achten.

Die Rede sind Sie.
Ein Schauspieler mag den Hamlet perfekt spielen, das ist seine Rolle. Als Redner aber müssen Sie Hamlet sein. Hamlet hat keinen Rhetorikkurs belegt. To be or not to be  …

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

8 Kommentare

  1. Tiefe Wahrheit

    steht hier geschrieben!
    Ich bin kein Redner. Leider, denn es ist schön Dinge sagen zu dürfen, die mir auf dem Herzen liegen.
    Und ich höre unheimlich gerne Menschen reden, die dies tun. So war ich auch auf Vorträgen von Herrn Dueck und es war jedes Mal eine Wohltat, auch wenn ich die Inhalte schon lange kannte.
    Oder ich schaue die Google-Tech-Talks obwohl ich kein Englisch verstehe. Aber dennoch schaute ich mir mal eine 3/4 Stunde lang einen Vortrag an und fand ihn toll. Ich bin so überzeugt von der Exzellenz des Vortragenden, dass ich jetzt beginne Englisch zu lernen. Und dieser hampelte nervös herum bevor er redete und machte bestimmt auch sonst noch viele Fehler, wenn es nach den Redetrainern geht… 🙂

    Da finde ich, was ich fühlte hier in diesem Artikel sehr gut erklärt!

  2. Reden ist nicht manipulieren!

    Sehr geehrter Herr Experte, “Körpersprache und andere Manipulation”. Ein bißchen unscharf, finden Sie nicht? Manipulation ist verdeckte Beeinflussung. Ich empfehle Ihnen im übrigen Rolf Breitenstein “Die wirksame Rede” – dort steht alles, wie eine gute Rede ausmacht. Im übrigen hängt die Wirkung eines Redners tatsächlich mehr vom Wie als vom Was ab. Leider!
    Ihr Hinweis auf Bohlen ist leider unverzeihlich.
    Freundliche Grüße,
    Jörg Sader

  3. Interpretationssache? Zu Dr. Sader….

    Ich meinte mit “anderer Manipulation” vielleicht zu versteckt – das tut mir leid – dass solche Kurse oft von Leuten besucht werden, die das Manipulieren lernen wollen. Das gilt für ziemlich viele Kurse und Leute drin, NLP, Rhetorik, was weiß ich. Und ich meine echt “Die Rede sind Sie.” Das ist so. Wollen Sie “Leider!” auch dazu sagen? Ihr Kommentar sind Sie! Alles ist immer wieder das Eine, der Kern.

  4. Leider

    “Ihr Kommentar sind Sie!” Das ist leider, lieber Herr Experte, auch eine Binsenwahrheit. Eine statische dazu, nicht veränderbar – und insofern nicht hinzunehmen. Mancher hat ja viel zu sagen, dringt aber mit schlechter Performance nicht durch. Was da tun? – Es gibt übrigens auch Seminare (wie meine z. B.), in denen die Menschen lernen, Manipulationen zu durchschauen, sich im Alltag zu behaupten und also mündig Positionen zu vertreten. Gute Grüße, Jörg Sader

  5. @Dr. Sader

    ich traue mich ja nicht so recht etwas zu sagen… So scharf nennen Sie Herrn Dueck “Herr Experte”. Doch ich denke nicht, dass Herr Dueck da falsch liegt. Ich mag Sie nicht belehren, das kann ich gar nicht. Ich lese aus dem Beitrag, dass der Mensch etwas aus sich Selbst geben sollte, etwas Echtes, Wahres!

    Das ist ein ganz anderer Ansatz, als der Ihre, wenn ich Sie recht verstanden habe. Sie schulen Menschen, die reden müssen, dass sie dies besser können? Das ist ja auch wichtig! Wenn Sie sagen, dass es Menschen gibt, die viel zu sagen haben, es aber nicht können, dann haben Sie ebenfalls völlig recht! Meine Frage wäre dann nur: Muss dann der Mensch nicht erst zu sich Selbst heran reifen, bevor er es sagen KANN? Es mag ja sein, dass es auch Menschen gibt, denen einfach nur die Erfahrung fehlt. Denen können Sie, lieber Herr Dr. Sadler dann bestimmt weiter helfen!
    Herr Dueck ist aber ein gewachsener Redner. Sie können eine wunderschöne Rede von ihm auf seiner Homepage sehen.
    http://www.omnisophie.com/…terviews_artikel.html (über Firmenkulturen…)
    Und es wäre einfach schön, wenn wir in den Schulen alle so heran reifen könnten, oder nicht?
    Es ist aber bestimmt auch sehr hilfreich, wenn man Manipulationen nicht nur erkennen, sondern auch benennen kann. Auch hier ist Ihre Arbeit bestimmt sehr wertvoll!

    Mit lieben und späten Grüßen,
    Heike Ribke

  6. Wahre Experten

    Ich nenne ‘Experte’, liebe Frau Ribke, den, der sich dazu stilisiert. Sie sollten sich trauen, etwas zu sagen, da Sie etwas zu sagen haben. Meine Kritik gilt dem Unpräzisen: was ist das Echte, Wahre? Vielleicht doch nur eine Inszenierung, die ihre Interessen geschickt verbirgt. Woran erkenne ich, daß ein Mensch zu sich selbst gereift ist? Und was ist ein gewachsener Redner? Auch der “gewachsene” Redner ist von Interessen geleitet, im schlimmsten Falle von Selbstgefälligkeit und Eitelkeit.
    Wenn alle warten würden, bis diese Reife eingetreten ist, würde keiner etwas sagen, würde keiner sich wehren, keiner sich einbringegn dürfen – wir nähern uns da immer nur an, erreichen die Reife doch nie. Aber wir müssen täglich reden und unsere Argumente äußern – die Demokratie lebt davon. Also lernen wir reden und warten nicht auf das verquaste Wahre, das wieder nur ein Priestertrug ist. Oder eine sublime Form der Manipulation. Lassen Sie sich, liebe Frau Ribke, nicht täuschen! Jeder stirbt für seinen Heiligen. Herzliche Grüße, Dr. Jörg Sader

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